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- 25.05.2005

"Nazis raus aus unserm Block!"

Dass auf der Tribüne bisweilen ein etwas rauerer Ton herrscht, ist im Fußball etwas ziemlich normales. Gegnerschmähungen von witzig bis niveaulos sind bei nahezu jedem Spiel zu vernehmen und insbesondere bei einem Derby machen sie auch einen Teil des Reizes dieser Begegnung aus. Gar nicht reizvoll und auch überhaupt nicht witzig hingegen sind rechtsradikale Gesänge, wie man sie am Derbyspieltag auf der Treppe vor dem Hauptbahnhof, in den Sonderzügen und ?bussen oder in der Arena vernehmen musste.


?Zyklon B für UGE? oder ?Alle Blauen haben einen gelben Stern zu tragen? ? diese Forderungen und weitere Gesänge ähnlichen Inhalts waren es, die immer wieder angestimmt und von erschreckend vielen BVB-Fans mitgesungen wurden. Dabei gehört nun wirklich nicht viel dazu, zu begreifen, welche Botschaft man mit einem derartigen Gesang vermittelt. Ebenso braucht es keine sonderlich ausgeprägten Geschichtskenntnisse, um zu erkennen, dass diese Texte ? ebenso wie das unsägliche U-Bahn-Lied - offen Sympathie mit den Methoden des Nazi-Regimes äußern.

Auch Lieder wie ?SS, SA, Borussia? oder die Bezeichnung der Gelsenkirchener als ?Türken, Zigeuner und Juden? sind an sich so deutlich als rechtsextrem erkennbar, dass man sich schon fragen muss, warum diese Gesänge auch von scheinbar ?normalen? Leuten mitgesungen wurden und werden. Denn es ist wohl mitnichten so, dass es sich bei allen Sängern dieser Zeilen um überzeugte Rechtsradikale handelt. Viel mehr dürften der Großteil dieser Leute Mitläufer sein, die einfach gedankenlos mitsingen, was irgendjemand angestimmt hat, oder die sich schlichtweg darin gefallen, andere zu provozieren. Dass diese Gesänge auch deshalb eine große Resonanz finden, weil sie eine einprägsame Melodie haben, ist noch lange keine Entschuldigung ? denn das gilt für fast jeden Fußballgesang. Und wie jeder weiß, singt selten der ganze Block jedes Lied mit.

Doch ganz gleich ob Überzeugungstäter oder einfacher Mitläufer: Das Bild, dass diese Fans abgeben und dass sich auf uns alle und auch auf unseren Verein überträgt, ist ein verheerendes und es liegt an der großen Mehrheit, der diese Gesänge gegen den Strich gehen, ihren Unmut zu äußern und solche Lieder zu unterbinden. Denn gerade den Mitläufern werden die Texte schnell im Halse stecken bleiben, wenn sie Gegenwind von der bis dahin schweigenden Mehrheit bekommen.

In den Zügen und Bussen, wie auch im Gästeblock, war es deutlich zu erkennen: Viele Leute schüttelten verärgert den Kopf oder erklärten ihrem Nebenmann, wie scheiße sie diese Gesänge finden. Den Mut dagegen zu halten, den Sängern die Meinung zu sagen oder eigene Gesänge gegen diese Lieder anzustimmen, hatten leider nur wenige.
Das sollte sich ändern. Jedem muss klar werden, dass ein Fußballspiel und selbst ein Derby kein Freibrief sein darf, der einem erlaubt, Gesänge mit rechtsextremen Inhalten zu verbreiten. Auch und gerade bei solchen Spielen darf das Denken keine Pause haben: Jeder sollte sich dessen bewusst sein, was er von sich gibt!

Vor allem aber darf die schweigende Mehrheit solche Ausfälle nicht tolerieren, sonst breiten sie sich weiter fort.

Denn es doch gerade unser Verein, der uns ein mahnendes Beispiel dafür gibt, wie mutig Borussen schon zur NS-Zeit mit dem braunen Gedankengut umgegangen sind.
Der von den Nazis ermordete Heinrich Czerkus sowie weitere Widerstandkämpfer in den Reihen des BVB wurden von ihren Vereinskameraden ? teils sogar Parteiangehörige ? gedeckt und im Fall Czerkus sogar dadurch unterstützt, dass dieser die vereinseigene Kopiermaschine zur Verbreitung regimekritischer Schriften benutzen durfte. Die ?Borussen-Familie? hielt zusammen, auch wenn die einzelnen Leute unterschiedliche politische Weltanschauungen vertraten. Man achtete sich und war sich treu. In seinem Buch ?Der BVB in der NS-Zeit? merkt Gerd Kolbe dazu an, dass die Verfolgung Czerkus sogar ?abstoßend? auf die Borussen gewirkt und ?zusätzlich zu einer kritischen Einstellung den Nazis gegenüber? geführt habe.

Das Risiko, das die Vereinsmitglieder jener Tage dadurch eingingen, war indes weitaus größer als es heute ist, sich im Stadion klar gegen Rechts zu bekennen. Der Mut der Borussen von damals sollte allen in Erinnerung sein, die sich bei rechten Gesängen überlegen, ob sie lieber weiter schweigen oder sich ein Herz fassen und lautstark widersprechen. Sicher kann eine einzelne Stimme unbeachtet verhallen, sie kann aber auch gleich einer Schneeflocke diejenige sein, die eine Lawine auslöst und den Block zu einem schallenden ?Nazis raus aus unserm Block!? verleitet, wenn sie auf Gleichgesinnte trifft.

Natürlich erfordert es eine gehörige Portion Mut und Courage, der oder die eine Erste zu sein. Dieser sollte sich aber der Unterstützung einer breiten Masse gewiss sein können und darf mit seinem Protest nicht allein gelassen werden. Das sollte für uns Borussen selbstverständlich sein ? schließlich wird diese Eigenschaft auch in unserem Vereinslied immer wieder besungen: ?Wir halten fest und treu zusammen?.

Wer heute aber meint, in Anti-S04 Gesängen die NS-Diktatur und ihre Taten glorifizieren oder verharmlosen zu müssen, der verunglimpft mitnichten nur die Blauen aus GE, viel mehr beleidigt er auch Alt-Borussen wie Heinrich Czerkus, der in dieser Zeit der Gräueltaten sein Leben lassen musste, und alle Borussen, die sich damals für ihn und andere eingesetzt haben.

Aber nicht nur wir als Fans sind es, die regulierend eingreifen sollten, auch die Polizei ist hier gefragt. Einige Gesänge sind klar gesetzeswidrig und es wäre wünschenswert, wenn die Beamten diese endlich auch mal mit der gleichen Intensität unterbinden würden, wie sie sonst Fußballfans das Betreten von Innenstädten untersagen. Am Samstag wurden lobenswerterweise einige Anzeigen diesbezüglich erstattet und aufgenommen, daran sollten sich viel mehr Polizisten ein Beispiel nehmen.

Denn eines sollte den Sängern dieser Lieder klar sein: Sie verstoßen bisweilen gegen das Gesetz und müssen mit empfindlichen Strafen rechnen. Im Jahr 2001 stellte beispielsweise ein Gericht fest, dass das U-Bahn-Lied den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt ? eine Straftat nach §130 StGB, die neben Geld- auch Haftstrafen bis zu fünf Jahren vorsieht.

Doch soweit muss es ja nicht kommen. Denkt nach bevor Ihr singt und mischt Euch ein, wenn jemand in Eurer Nähe anfängt, rechte Lieder zu singen!




?Schalker wehrt Euch? ? wie der S04 eine abgewandelte Nazi-Losung auf dem Videowürfel präsentiert

Dass man von den Rängen oftmals dummes Zeug hört, gehört wohl leider zum Fußball hinzu. Dass der FC Schalke 04 jedoch am Derbyspieltag via Videowürfel selbst die Dümmsten der Dummen noch locker hoch offiziell von Vereinsseite toppen konnte, hat wohl nicht nur die Dortmund-Fans im Stadion erschreckt: So lief in der Pause im Rahmen der Böklunder Fanbox die Botschaft "Schalker wehrt Euch - geht nicht zur Borussia" über den Videowürfel. Bei allem Respekt für die gute Arbeit, die das Fannetzwerk "Schalker gegen Rassismus" seit Jahren leistet, muss man sich da doch fragen, ob die Fans des FC Schalke nach einer wiederholt verspielten Meisterschaft, sich gerne in die Zeit zurück sehnen, in der ihr Club 6 von 7 Meisterschaften gewinnen konnte. Wie mögen sich beispielsweise die Enkel von Sally Meyer und Julie Lichtmann heute fühlen, wenn sie solche Parolen hören? Den beiden Gelsenkirchener Juden wurde im Jahr 1939 im Rahmen der Arisierung ihr Textilwarengschäft enteignet worden. Nutznießer war der damalige Kapitän der Schalker Meistermannschaft Fritz Szepan. Die Parole der Nazis damals "Deutsche wehrt Euch - kauft nicht bei Juden".

Dass der S04 die Abwandlung dieser Parole 60 Jahre nach Kriegsende über den Videowürfel laufen lässt, ist peinlich und dumm obendrein.

Geschrieben von Redaktion

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