SG Spezial

#KeineSchwäche – Rezension: Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben

28.03.2020, 17:00 Uhr von:  Michael
Lesezeit: ca. 3 Minuten
#KeineSchwäche – Rezension: Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben

2010 veröffentlichte der Sportjournalist Ronald Reng in Zusammenarbeit mit Enkes Frau Teresa die Biographie „Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben“. Das Buch ist weit mehr als eine Biographie im klassischen Sinn. Reng und Enke waren befreundet, die Idee, ein Buch über Enkes Karriere zu schreiben, entstand aus einem Scherz bei einem Treffen in Barcelona 2002 und war Enkes Wunsch.

Reng beschreibt natürlich auch Enkes fußballerischen Werdegang, doch die Biographie lebt von den genauen Einblicken in das Innere von Robert und Teresa Enke. Reng zitiert aus Enkes Tagebüchern, er beschreibt die Gefühlswelt sowohl von Robert als auch von Teresa sehr detailliert und genau. Gleichzeitig macht diese „Distanzlosigkeit“ das Lesen an vielen Stellen schwer erträglich. Der Leser wird Zeuge des aussichtslosen Kampfes, den Enkes Freunde gegen die Krankheit führen.

„Wenn du nur einmal eine halbe Stunde meinen Kopf hättest, dann würdest du verstehen, warum ich wahnsinnig werde.“

Robert zu Teresa

Es sind Sätze wie dieser, die auch noch lange nach dem Lesen nachhallen. Die auch denjenigen, die mit diesem Thema bislang keine Berührungspunkte hatten, verständlich machen, was in Enke vorging und die Verzweiflung seiner Freunde im Kampf gegen die übermächtigen Depressionen greifbar machen.

Abseits von Enkes Krankheit bietet Reng interessante Einblicke in das Fußballgeschäft. Er zeigt auf, wie schwierig es für Enke war, sich im knallharten Kosmos Profifußball zurechtzufinden. Wie er sich trotz der vielen Vereinswechsel, der persönlichen Rückschläge, zu einem der besten Torhüter Deutschlands entwickelte.

Reng schafft die Gratwanderung, trotz seiner Freundschaft zu Robert und Teresa Enke, keine Partei zu ergreifen. Er beschönigt Roberts teils egoistisch und unlogisch wirkende Handlungen nicht, sondern stellt sie als das dar, was sie sind: Symptome der Krankheit.

„Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben“ ist kein Buch für zwischendurch. Immer wieder ist das Weiterlesen nur mit einem mulmigen Gefühl möglich. Und doch bietet kaum ein anderes Buch einen so authentischen Blick in die Höhen und Tiefen im Kampf gegen die Depressionen. Reng ist ein mitreißendes Buch gelungen, das niemals das Gefühl weckt, dass Enkes tragisches Schicksal Mittel zum Zweck ist.

In unserer Reihe #KeineSchwäche sind bereits erschienen:

Teil 1: SG Spezial: #KeineSchwäche – 10 Jahre nach Robert Enkes Tod

Teil 2: Ciriaco Sforza: "Ich würde es begrüßen, wenn jeder Verein dieses Thema professionell behandelt."

Teil 3: #KeineSchwäche – "Gemeinsam das Leben festhalten." Die Robert-Enke-Stiftung

Teil 4: #KeineSchwäche: "Das ist der Balanceakt" – Im Gespräch über Depressionen im Profisport mit Sportpsychologe Sebastian Brückner

Teil 5: #KeineSchwäche - Babak Rafati: "Im Fußball wird Druck generell unterschätzt"

Teil 6: #Keine Schwäche - Die große Leere. Über Depressionen.

Teil 7: #KeineSchwäche - "Als seien die Kinder eine Ware." Bartosz Maslon über Druck im Jugendfußball (Teil 1)

Teil 8: #KeineSchwäche - "Sollten Jugendliche wirklich einen Psychologen brauchen, um ihren Lieblingssport zu betreiben?" Bartosz Maslon über Druck im Jugendfußball (Teil 2)

WICHTIG: Depressionen können jeden treffen. Sie sind keine Einbildung, sondern eine Krankheit, die mittlerweile gut behandelt werden kann. Wenn ihr akut Hilfe braucht, wendet euch an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 (kostenlos).

Unterstütze uns mit steady

Weitere Artikel