SG Spezial

#KeineSchwäche: "Das ist der Balanceakt" - Im Gespräch über Depressionen im Profisport

28.11.2019, 09:42 Uhr von:  Lionard
#KeineSchwäche: "Das ist der Balanceakt" - Im Gespräch über Depressionen im Profisport

Für unsere Reihe über Depressionen und Druck im Profisport haben wir uns fachliche Unterstützung geholt: Sebastian Brückner, sportpsychologischer Experte vom Arbeitsbereich Sportpsychologie der WWU Münster. Im Interview spricht er über Behandlungsmöglichkeiten, Depressionen als Tabuthema und Achtsamkeitsansätze.

Herr Brückner, unter Depressionen an sich kann sich wahrscheinlich jeder zumindest ungefähr etwas vorstellen. Was ist das Besondere, wenn Profisportler an Depressionen erkranken?

Das, was man sich darunter vorstellt und was Auswirkungen sind, ist mittlerweile ganz gut bekannt. Ich denke da zum Beispiel an sozialen Rückzug, Antriebslosigkeit oder schwere Gedanken. Da unterscheiden sich erstmal Otto Normalverbraucher und Profisportler in den Symptomen nicht. Wenn ich aber als Profisportler so extrem in der Öffentlichkeit stehe, ist die Frage, wie offen die Öffentlichkeit und mein professionelles Umfeld, was mich bezahlt und in dem ich funktionieren muss, dafür ist. Gebe ich meine psychischen Probleme Preis oder nicht? Das ist der Balanceakt. Wo versuche ich, ein Doppelleben zu führen und gewisse Symptome zu überspielen? Das macht die Situation dann natürlich für Profisportler besonders und deutlich schwieriger.

Meinen Sie, dass unsere Gesellschaft schon etwas weiter darin ist, Depressionen nicht mehr als Tabuthema aufzufassen? Robert Enkes Tod ist jetzt zehn Jahre her, aber es haben sich nicht mehr wirklich viele Profisportler geoutet.

Richtig, da fällt die Bilanz sehr zwiespältig bzw. ernüchternd aus. Es gibt prominente Beispiele von Burnout als Vorstufe von Depression, etwa Ralf Rangnick. Psychische Probleme sind also ein Thema, gerade auch im Profifußball. Aber die Offenheit und Akzeptanz, diese zu kommunizieren, ist immer noch schwierig. Selbst bei der Arbeit mit einem Sportpsychologen – wo es erstmal darum geht Leistungsreserven zu erschließen – gibt es Vorbehalte. Auch da kommt häufig die Frage auf: Gestehe ich irgendeine Schwäche ein, wenn ich zum Sportpsychologen gehe?

Dass es die explizite Bezeichnung „Sportpsychologe“ oder „Sportpsychiater“ gibt, zeigt ja, dass sich die Arbeit von „klassischer“ Therapie etwas unterscheidet. Was für Unterschiede zwischen klassischer Psychotherapie und Sport-Psychotherapie gibt es?

Es gibt eine Ausbildung zum angewandten Sportpsychologen bzw. sportpsychologischen Experten. Da brauche ich Grundlagenwissen in Sportwissenschaften und Psychologie. Nicht jeder Psychologe ist automatisch Sport-Psychologe, weil es da gewisse Besonderheiten und Thematiken gibt, die ein klassischer Psychologe vielleicht nicht auf dem Schirm hat. Dem Thema Sportpsychatrie und -psychotherapie hat sich federführend die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde hier wichtige Akzente gesetzt: ein Netzwerk aufbauen, Bewusstsein schaffen, aber eben auch Psychiater und Psychotherapeuten im Bereich Sportpsychiatrie und -psychotherapie zu qualifizieren.

Da ist es wichtig, den Sportler nicht nur als Profi zu sehen, sondern als ganze Person.

Sebastian Brückner auf dem 15. Europäischen Sportpsychologie-Kongress in Münster, Juli 2019
Sebastian Brückner auf dem 15. Europäischen Sportpsychologie-Kongress in Münster, Juli 2019
© WWU

Was für Strategien bekommen Sportler mit an die Hand, um Depressionen im Alltag zu bewältigen?

Es geht erstmal darum: Wie versuche ich, das präventiv zu vermeiden? Man sollte nicht denken, dass Sportler nur zum Sportpsychologen gehen sollten, wenn sie ein Problem haben. Man nutzt sportpsychologische Techniken, Beratungen und Coaching, um Leistungsreserven sportspezifisch zu erschließen. Aber auch die Themen Persönlichkeitsentwicklung und Stressmanagement sind sehr wichtig. Da ist es wichtig, den Sportler nicht nur als Profi zu sehen, sondern als ganze Person. Treten Probleme auf, muss man erstmal schauen: Wie groß ist das Problem? Kriege ich vielleicht die Leistungen aus dem Training nicht im Wettkampf umgesetzt? Habe ich großen Stress? Führt der Stress zu körperlichen Beschwerden, die bis hin zu Essens-Unverträglichkeiten reichen können? Es wird oft kritisch, wenn nur das Training im Vordergrund steht, um mithalten zu können und keine Zeit für Studium, Ausbildung, einen – auch mentalen – Ausgleich bleibt. Es gibt Studien, die belegen, dass Sportler, die sich neben dem Profisport bilden, die erfolgreicheren Athleten sind. Es ist eine Frage des Zeitmanagements und der Ressourcen, aber auf der persönlichen Ebene bin ich dann nicht nur der Sportler, vor allem, wenn ich mich mal verletze. Gerade der Stress bei Verletzungen kann in Richtung Burnout gehen, kann zu depressiven Symptomen führen und ggf. in einer richtigen Depression enden. Es ist wichtig, mit Blick auf seine Persönlichkeit breit aufgestellt zu sein. Profisportler sind ein Teil der Gesellschaft. Damit ist klar: Wenn in der Gesellschaft ein gewisser Prozentsatz Depressionen hat, dann ist das auch bei Profisportlern so.

Sie haben viel zu Achtsamkeitsansätzen im Profisport geforscht. Warum haben Sie dazu geforscht und warum haben solche Techniken gerade im Sport gute Erfolgsaussichten?

In den letzten Jahren war Achtsamkeit in der Populärpsychologie und in Ratgebern fast schon ein Mode-Thema. Es ist aber auch im Leistungssport – unabhängig davon - zum Thema geworden, auch international. Mein Interesse hat sich durch meine angewandte Arbeit als sportpsychologischer Experte am Olympiastützpunkt im Saarland entwickelt. Da habe ich mit den Trainern zusammen überlegt, wie man die Athleten unterstützen kann. Das war erstmal das klassische sportpsychologische Handwerkszeug: Mit Zielen arbeiten, Umgang mit Stress, Visualisierung, Teambuilding, Selbstvertrauen, Motivation. Das macht nach wie vor Sinn, damit die Athleten mit Grundtechniken vertraut sind. Durch die Arbeit mit Trainern und Athleten und den internationalen Austausch mit Kollegen war ich dann irgendwann an einem Punkt, an dem mir bewusst wurde: Die Athleten sind in solchen Wettkämpfen in enorm stressigen Situationen. Ich kann natürlich versuchen, positiv motiviert da rein zu gehen und mich auf den Prozess zu fokussieren bzw. Ergebnisse und Konsequenzen auszublenden. Aber es ist vollkommen natürlich, dass in solchen extrem stressigen Wettkampf-Situationen auch negative Gedanken kommen und die Wahrscheinlichkeit, dass sie kommen, ist hoch. Man kann seine Gedanken nicht hundertprozentig kontrollieren. Vor dem Hintergrund macht ein achtsamkeits- und akzeptanzbasierter Ansatz Sinn. Dabei versucht man, Druck und Stress in solchen Situationen umzudeuten. Etwa: Dass ich Stress habe ist gut, denn mir bedeutet der Sport, der Wettkampf unglaublich viel. Wenn es mir egal wäre, wäre irgendwas nicht richtig. Ich muss dann trainieren, Gedanken kommen und diese ein Stück weit loszulassen. Diese Technik kann ich, wie einen Muskel, trainieren. Und das macht eben gerade bei Sportlern Sinn.

Oft arbeiten Achtsamkeitsansätze zum Beispiel damit, die einzelnen Körperregionen durchzugehen. Funktioniert das bei Sportlern besonders gut, weil sie ein gutes Körpergefühl haben müssen? Kann man bei Sportlern allgemein mehr über den Körper arbeiten als bei anderen?

Es ist bei Sportlern gerade wichtig, über den Körper zu gehen. Eigentlich müsste die Körperwahrnehmung ihnen leichter fallen, aber die Erfahrung aus der Praxis zeigt, dass viele Athleten trotzdem ihre Schwierigkeiten haben. Ich finde es zum Beispiel faszinierend, dass viele Athleten in Wettkampfsituationen so abhängig vom Trainer-Coaching von der Tribüne sind. Und: Das Selbstbild ist leider oft zu fehlerorientiert. Die positive Verstärkung sollte mehr im Vordergrund stehen. Und auch nicht nur die Einschätzung des Trainers, sondern auch das Gefühl des Athleten im gegenwärtigen Moment. Insgesamt leben wir in einer eher verkopften und rationalen Gesellschaft. Ich arbeite daher als Beispiel einer Achtsamkeitsübung gerne mit somatischen Markern. Da sollen Athleten in Situationen Gedanken, körperliche Empfindungen und passende Symbole zusammenführen. Einige Sportler sind da erst einmal sehr außerhalb ihrer Komfortzone, aber es ist wichtig, dass die Athleten Gelegenheit bekommen, in sich selbst unabhängig vom Trainer hineinzuspüren.

Ich muss dann trainieren, Gedanken kommen und diese ein Stück weit
loszulassen. Diese Technik kann ich, wie einen Muskel, trainieren.

Vor dem Start eines Spielers in einer Mannschaft gibt es die medizinischen Untersuchungen und Leistungstests. Gibt es auch am Anfang psychologische Tests?

Insgesamt tut sich da schon einiges. Ein Kollege aus Tübingen begleitet den DFB wissenschaftlich. Da gibt es eine Standard-Testbatterie mit Fragebögen. An den Olympiastützpunkten kommt es auf die Schwerpunkte an. Ich hatte mit vielen Badminton-Athleten zu tun. Wenn die an den Stützpunkt gekommen sind, waren sie um die 18 Jahre alt und mussten viele Veränderungen in ihrem Leben wegstecken, da habe ich ein Selbststeuerungstool zur Diagnostik eingesetzt. Das fragt dann auch Stärken und Potenziale mit ab. Denn Athleten sind sich oft nicht bewusst, was sie alles können und gut machen. Das war sozusagen auch ein Screening-Tool zum Start des neuen Abschnitts der Sportlerkarriere.

Noch einmal zurück zum Thema Depression. Wenn schon eine Depression ausgeprägt ist: Können Leute mit Depression ihre Leistung genauso gut abrufen wie Nicht-Betroffene, weil sie vielleicht ihren gedanklichen Ausweg im Sport finden?

Robert Enke hatte ja über eine lange Zeit eine Depression und hat trotzdem im sportlichen Kontext „funktioniert“. Hochleistungssportler sind hochtalentiert, hochbegabt und hochtrainiert. Sie können auch unter Druck funktionieren und in den Tunnelblick gehen. Weil sowas in einer Leistungssituation kippen kann, sind die Achtsamkeitsübungen sinnvoll. Grundsätzlich wusste Robert Enke, was in seiner Rolle von ihm erwartet wurde, dass er performen musste. Er hatte dann Fähigkeiten, sich zu konzentrieren und seine Krankheit auszublenden. Bzw.: Ein Athlet weiß dann vielleicht zumindest unbewusst, was er ausstrahlt. Und so fällt es dann wahrscheinlich auch etwas leichter, unterschiedliche Rollen einzunehmen, so wie es die Situation und die Erwartungen von außen fordern. Das macht es aber mit Blick auf die seelische Gesundheit natürlich nochmal gefährlicher, weil ich mentale Techniken „missbrauche“, noch tiefer in meine Probleme rutsche. Und das mit Hilfe von Techniken, die mir eigentlich helfen könnten auf dem Weg raus aus der Krankheit.

Entstehen denn Depressionen vor allem durch Druck, vielleicht auch medialer Natur?

Der Ansatz, dass unter den Profisportlern ungefähr genauso viel Prozent wie in der Gesamtbevölkerung depressiv sind, spricht ja eigentlich dagegen, dass das ein besonderer Auslöser ist. Wenn dem so wäre, müsste dann der Anteil aufgrund der großen Medienpräsenz – gerade bei Fußballern etwa - ja eigentlich noch höher sein. Aber Druck durch Medien, die Öffentlichkeit ist natürlich ein Faktor. Zu einem gewissen Grad ist Druck gut, aber nicht in jeder Form. Die Frage ist: Welchen Preis zahle ich für das Gewinnen? Stichwort sexualisierte und psychische Gewalt, zum Beispiel durch Trainer. Das zieht nicht immer eine Depression nach sich, aber auf jeden Fall psychische Probleme. Ein Thema, wo die Öffentlichkeit und öffentliche Akzeptanz ja auch eine kritische Rolle spielt, ist die sexuelle Orientierung: Es gibt Thomas Hitzlsperger, der sich nach seinem Karriereende als Spieler zu seiner Homosexualität bekannt hat. Es gibt aber sicher mehr homosexuelle Fußballer. Auch hier ist die Frage – wie für Enke beim Thema Depression: In welcher Doppelrolle lebe ich und wie gehe ich mit dem psychischen Druck um, mich zu verstellen, zu verstecken?

Welchen Preis zahle ich für das Gewinnen?

Haben Sie das Gefühl, dass in Vereinen und Verbänden genug auf die psychische Gesundheit von Sportlern geschaut wird? Wo besteht noch Verbesserungspotenzial?

Ich weiß, dass sich da an Strukturen und Angeboten einiges tut. Im Ausland gibt es mittlerweile spezielle Einrichtungen und Kliniken, wo sich Leistungssportler exklusiv mit einer entsprechenden Vertraulichkeit hinwenden können. Da wird dann eine Zugangsschwelle abgebaut. Aber ein Thema ist ja auch gerade die Verfügbarkeit von Angeboten, Ressourcen. Wenn man als Otto Normalverbraucher versucht, einen Termin beim Psychologen oder Psychiater zu bekommen, sind die Wartezeiten extrem lang. Im Sport ist man da dann vielleicht etwas weiter. Eine Herausforderung ist sicher, auch die Angebote für Spitzensportler mit dem Gesundheitssystem zu vernetzen. Die Angebote werden nachgefragt und akzeptiert. Ein großes Thema bleibt dann aber eben auch: Wie offen können Athleten sein und dann zu ihrer aktiven Zeit sagen, dass sie eine Therapie machen? Das ist noch ein längerer Weg. Lindsey Vonn redet da gerade - auch erst nach ihrem Rücktritt - darüber. Aber dass quasi alle Bundesligisten und die Nachwuchsleistungszentren Sportpsychologen haben, ist ein wichtiger Schritt. Es bewegt sich viel in die richtige Richtung, aber insgesamt ist noch ein weiter Weg zu gehen. Im Sport, aber auch als Gesellschaft insgesamt.

Sind Sie denn optimistisch, dass sich in nächster Zeit mehr Profisportler mit Depressionen outen oder nicht?

Ich bin optimistisch, dass die Sportler im Hintergrund bessere Angebote vorfinden, aber pessimistisch, dass sich mehr aktive Sportler mit Depressionen outen.

Vielen Dank für das Gespräch und den wissenschaftlichen Input!

© privat

Unser Interviewpartner

Sebastian Brückner ist sportpsychologischer Experte, Berater und zertifizierter Mental Performance Consultant der Association for Applied Sport Psychology. Er ist als Leiter Praxisservice der Arbeitsgemeinschaft Sportpsychologie, Mitarbeiter im Arbeitsbereich Sportpsychologie der WWU Münster und als freiberuflicher sportpsychologischer Experte tätig.

In unserer Reihe #KeineSchwäche sind bereits erschienen:

Teil 1: SG Spezial: #KeineSchwäche - 10 Jahre nach Robert Enkes Tod

Teil 2: Ciriaco Sforza: "Ich würde es begrüßen, wenn jeder Verein dieses Thema professionell behandelt."

Teil 3: #KeineSchwäche - "Gemeinsam das Leben festhalten." Die Robert-Enke-Stiftung

Depressionen sind keine Schwäche und können jeden treffen! Wenn du akut Hilfe brauchst, melde dich bei der Telefonseelsorge.

Unterstütze uns mit steady