Der BVB trifft auf den Rekordmeister aus München. Von der Presse gerne als deutscher Klassiker bezeichnet, für uns Schwarzgelbe in den letzten Jahren selten ein Grund zum Jubeln. Um die 7 Jahre ist es her, seit der BVB den FC Bayern das letzte Mal vor heimischem Publikum schlagen konnte, damals noch mit Marco Reus. Und auch am heutigen Samstag sollte es zumindest ergebnistechnisch keinen Grund zum Jubeln geben. Trotzdem muss man an diesem Samstag als BVB-Fan kein Trübsal blasen. Nach dem eklatanten Aus in der Champions League machte man sich in Schwarzgelb nicht allzu große Hoffnungen, dass man das Westfalenstadion feiernd verlassen würde. Dass das Spiel trotzdem bis zur letzten Minute spannend blieb, lag daran, dass man eben bis zu jener nicht gewillt war, dieses Spiel abzuschreiben. Und das war am Ende des Tages mehr als ich vor dem Spiel erwartet hatte.
Überhaupt bot das Spiel viele Geschichten und Diskussionsstoff. Leider nicht immer von der schönen Seite. Aber der Reihe nach.
Die Aussage
Rund einen Monat ist es her, dass der BVB sich zu einem 3:2 Sieg gegen Heidenheim zitterte. So weit, so unspektakulär. Was den allgemeinen BVB-Fan nach dem Spiel jedoch aufhorchen ließ, war die Aussage von Kapitän Schlotterbeck, der danach offensiv konstatierte, dass man den Anspruch haben solle Meister werden zu wollen und dies eben auch genauso zu benennen. Was wie eine mutige und optimistische Aussage nach einem erneuten unattraktiven, aber erfolgreichen Spiel anmutete, wirkte nur 3,5 Wochen später wie kindlicher Übermut, flog man doch krachend gegen Bergamo aus der Champions League raus. Aus 6 Punkten Unterschied zu den Bayern wurden 8 Punkte. Und nach dem direkten Duell?
Der Realitätsabgleich
Da sind es 11 Punkte. Zwar ließ die Anfangsphase nichts Gutes vermuten: Die Schwarzgelben jagten dem Ball meist hinterher, während die Bayern ihn zwischen den Linien laufen ließen. Doch mit jeder Minute fanden die Dortmunder besser ins Spiel und gewannen zunehmend an Stabilität. Auch wenn die Ballbesitzanzeige anderes vermuten ließ- Dortmund wurde mutiger, Dortmund wurde aggressiver und Dortmund belohnte sich. Nach 26. Minuten vollendete Schlotterbeck Svenssons wunderbare Flanke mit dem Kopf zum 1:0 und das Stadion stand Kopf. Und plötzlich war er da der Rückenwind. Von den dominanten Minuten des FC Bayerns war nicht mehr viel übrig. Stattdessen wurde das Spiel vor allem nickliger. Ständig rollten hier und da erst ein gelber und dann ein roter über den Boden. Es war Feuer im Spiel und auf den Rängen.
Dass die Bayern diese Führung nicht kampflos akzeptieren würden, war klar. Bereits zur Halbzeit ließ sich erahnen, dass die starke Laufleistung der Schwarzgelben hinten raus noch für Probleme bereiten könnte. So überraschte es nicht, dass Kane nach einer knappen Stunde für den Ausgleich und wenig später für die Bayern-Führung sollte. Spätestens ab dem Ausgleich begann für den gemeinen BVB-Fan das Zittern. Eine 1:0 Führung war dünn. Dass man gegen die Bayern zwei starke Halbzeiten spielen würde, in denen die Roten wenig zu Stande bringen würden war unwahrscheinlich. Man ahnte, wie das Spiel enden würde und mit dem 2:1 Elfmetertor von Kane sah man sich bestätigt. Doch der Treffer war nicht der Schlussstrich. Statt sich aufzugeben, ackerte man weiter und suchte den direkten Gegenangriff. Und dann kam Svensson. Und eigentlich hätte dies die Überschrift für diesen Artikel werden sollen. In der 82. Minute traf der junge Schwede mit einem wunderbaren Schuss ins Bayerntor und vollendete diesen Treffer mit einem ebenso schönen Salto. Und eigentlich hätte hier Schluss sein sollen. Es wäre ein gerechtes Unentschieden gewesen. Es wäre eine wunderbare Schlusspointe gewesen. Es hat nicht sein sollen. Der BVB wollte mehr. Man wollte sich hier nicht mit einem Unentschieden zufriedengeben. Im Gegenteil - kaum flatterte der Ball im Netz pushten alle Spieler zurück zum Mittelkreis und ließen sich gegenseitig wissen: heute nicht. Heute reicht kein 2:2. Heute soll es der Sieg sein. Wurde er auch. Aber für die falsche Seite. In der 88. Minute traf Kimmichs Schuss das kochende Stadion mitten ins Herz. Vorbei war es mit dem möglichen Sieg. Und vorbei war es auch mit einem Punktgewinn. Am Ende blieb alles wie immer.
Streitbar
Streitbar war wohl die Figur Schlotterbeck an diesem Samstag. Die Brisanz des Spiels hat er mit seiner Aussage vor gut einem Monat selbst eingeleitet. Wer von Meisterschaft spricht, muss auch liefern. Geliefert hat er. In jegliche Richtungen. Es war Schlotterbeck, der in der 26. Minute für eine absolute Stimmungsexplosion sorgte und ebenso fulminant auf die Außenbande sprang, um sein Tor zu zelebrieren. Es war aber auch Schlotterbeck, der unsere Niederlage mit einem absolut dummen Foul im 16er einleitete. Und es war auch Schlotterbeck, der sich nach 18 Minuten bei einem milden Schiedsrichter bedanken konnte, dass er nach seinem (nicht gewollt) rüdem Einsteigen gegen Stanisic nur die (dunkel-)gelbe und nicht die rote Karte sah. Und jene Rote auch nach dem Fall von der Bande und dem Elfmeter im 16er in der Tasche blieb. Beide Folgeaktionen waren in ihrer Intensität sicherlich nicht gravierend und wären in Form einer gelben Karte auch überzogen gewesen- aber man hat schon verwunderlichere Entscheidungen im Stadion zu sehen bekommen.
Zur Stimmung
Den Auftakt zum Spiel machte der Fanmarsch. Wenn Busse und Bahnen nicht fahren, läuft es sich in der Gruppe doch am besten. Stimmungsvoll ging es also vom Alten Markt Richtung Westfalenstadion. Auch im Stadion war die besondere Bedeutung eines Bayernspiels spürbar. Während die Minuten vor dem Anpfiff bei viel Wind und Regen recht unspektakulär dahin dümpelten, brachten der Triumphmarsch (Schalala) und der Einlauf der Bayernspieler (gellendes Pfeifkonzert) etwas Abwechslung. Auch die Mannschaft schien sich aber der Verantwortung bewusst zu sein, nach dem desolaten Champions League-Aus Emotionen zu zeigen. Bereits beim Aufwärmen suchte man die Nähe zur Südtribüne und spendete Applaus. Der Wille war da. Unbändig auch wieder der Einsatz der aktiven Szene auf der Süd. Heja BVB prankte dort in großen schwarzen Buchstaben, flankiert von gelben Pyro-Fackeln. Ein schönes Bild. Auf der Gegenseite war hingegen kaum etwas zu hören, abgesehen von einem müden „BVB H*“. Die aktive Szene der Bayern erreichte den Auswärtsblock an diesem Spieltag nicht. Mehr dazu später.
Insgesamt war die Stimmung außergewöhnlich gut. Lediglich in der Anfangsphase der zweiten Halbzeit fiel sie dem Spielverlauf entsprechend etwas ab. Dennoch war alles dabei: Pfeifkonzerte, Wechselgesänge, Eskalation bei Toren, bei Fouls, bei Schiedsrichterentscheidungen, Szenenapplaus bei Zweikämpfen, Anpeitschen bis zur letzten Minute und aufmunternder Applaus nach dem Abpfiff.
Die Mannschaft kämpfte, die Süd honorierte es. Der BVB hatte Bock – das Westfalenstadion auch.
Und zwischen all den lauten Tönen liegt auch immer das Leise. Wenn Fußball zur Nebensache wird. Wenn diejenigen, die ihn mitgetragen haben, nicht mehr dabei sein können. Zwei große Spruchbänder und eine große Blockfahne zu den Klängen von „You’ll never walk alone“, gewidmet an „Daniel“ und „Steini“ machen immer wieder deutlich wie egal und zugleich verbindend Fußball gleichzeitig sein kann.
Viel Unverständnis neben dem Platz
Schon früh war klar, dass etwas nicht stimmte. Der Auswärtsblock war erstaunlich leer. Es wehten keine Fahnen, weder im Gästeblock, noch auf der Süd.
Also ich vor zwei Wochen unter der Süd das enorme Aufgebot der volluniformierten Polizei wahrgenommen habe, war ich irritiert. Ich bin eine Frau. Ich habe mit der aktiven BVB-Szene nichts am Hut. Ich fühlte mich nicht sicher. Wenn ich unter der Süd an einem Polizisten in Vollmontur vorbeilaufe, fühle ich mich nicht geschützt. Im Gegenteil. Es lässt mich ratlos zurück. Ich habe dafür kein Verständnis.
Es hinterlässt also mehr als nur einen faden Beigeschmack, dass es am heutigen Samstag zu einer erneuten Konfrontation zwischen Polizei und Fans gekommen ist, haben wir doch schon in den Artikeln „Ich bin ein schlechter Vater…“, „Zwischen Bochum und Mainz liegen 363 Tage. Und Welten.“ und „Chronologie einer nicht nachvollziehbaren Eskalation“ von der Unverhältnismäßigkeit im Umgang mit Fußballfans berichtet.
Was war also passiert? Laut Presseberichten kam es vor dem Gästeeingang zu Problemen, da Berichten zufolge Bayernfans ohne gültige Tickets versuchten den Weg ins Stadion zu finden. Wie genau dies ausgehen hat, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Die Polizei Dortmund spricht davon, dass Gästefans versucht haben sollen, die Einlasskontrolle zu durchbrechen und körperliche Angriffe gegen Mitarbeiter des Ordnungsdienstes vorgenommen haben. Die Südkurve München berichtet von einem „Handgemenge mit einem einzelnen Ordner.“ Der Südkurve München zufolge habe der folgende Einsatz der Polizei jedoch in Quantität und Intensität vergleichbare Übergriffe wie in Madrid oder Athen deutlich überschritten.
Nach dem ersten Konflikt verfolgte die aktive Szene der Münchener das Spiel daraufhin nicht im Block, sondern im Zwischenraum des Stadions. Kurz vor Abpfiff sei es dann, laut Südkurve München, zu erneuten Übergriffen seitens der Polizei mithilfe von Reizgas und Schlagstöcken gekommen. Dabei seien dutzende Fans mit Knochenbrüchen, Gesichtsverletzungen und schweren Reizungen der Augen und Atemwege zu Schaden gekommen.
„Provokation als Einsatzstrategie?“ und „Willkür ist kein Sicherheitskonzept“ Spruchbänder war dort unter anderem zu lesen. Zusätzlich zeigte man zu Beginn der zweiten Halbzeit ein „Freiheit für Gästefans in Dortmund“ Banner.
Man muss nicht drumherum reden. Sollte es Fans gegeben haben, die versucht haben, sich unrechtmäßigen Zutritt zu verschaffen, dann ist das eine riesige Sauerei. Trotzdem erwarte ich als Bürgerin von einer Staatsgewalt, dass sie in ihren Aktionen die Verhältnismäßigkeit wahrt. Wenn am Ende von diversen stark Verletzten die Rede ist, bleibt die Frage, in wie weit hier von Verhältnismäßigkeit gesprochen werden kann.
Der Ausblick
In Dortmund geht es um die Qualifikation für die Champions League. Nicht mehr, nicht weniger. Dass der Februar ein Monat der Wahrheit werden würde, wusste man. Erfolgreich war er nicht – doch auch Leverkusen, Leipzig und Hoffenheim patzten. Man ist also mit einem blauen Auge davongekommen.
Was am Ende aber bleibt ist die Hoffnung. Der BVB kann Leidenschaft. Der BVB kann Kampf. Der BVB kann zurückkommen. Es war keine erfolgreiche Woche. Keine echte Wiedergutmachung. Aber unterm Strich bleibt etwas fürs Gefühl.
Unsere Fotostrecken vom Heimspiel gegen den FC Bayern gibt es wie gehabt auf unserer BVB-Fotoseite unter diesem Link, oder bei Instagram.