Unsa Senf

Der Tag, der der schönste von allen werden sollte Das Spiel, dessen Name nicht genannt werden darf

27.05.2026, 08:00 Uhr von:  Anton
Das Spiel, dessen Name nicht genannt werden darf

Warnung: Dieser Beitrag enthält detaillierte Erinnerungen und könnte enorm negative Emotionen freilassen. Eine Reminiszenz an ein Spiel vor drei Jahren, das so viel anders in Erinnerung hätte bleiben können.

Sie geistern immer in einer Kammer, ganz hinten im episodischen Gedächtnis. Jederzeit bereit, beim ersten Funken von Erinnerungen gleich eine Fuge mehr nachzuschießen. An den Tag und das Spiel, dessen Namen wir nicht nennen.

Die gesamte Vorwoche war wie in einem Rausch. Dass ich kurzfristig noch eine Karte für das Auswärtsspiel in Augsburg angeboten bekommen habe, kam am Freitag. Am Samstag gab es dann ein Spiel, in dem sich alle Fans von Borussia Dortmund zu einer der größten Schandtaten ihrer individuellen Fankarriere hinreißen ließen – sie waren aktiv für einen Sieg von RB Leipzig.

Die Bayern führten früh und eigentlich glaubte in dem Moment kaum einer an eine Wende. Dann kam ausgerechnet Konrad Laimer und schoss ein Tor. Der zukünftige Münchner. Unser Haus war zu dem Zeitpunkt vollkommen leer. Meine Eltern waren über Pfingsten zelten, meine Schwestern waren außer Haus. Ich saß allein vor einem wackeligen Stream und merkte, dass es mir kalt den Rücken herunterlief. Der Torschrei erschreckte vermutlich die Nachbarn, insbesondere da nicht allzu lange Zeit später direkt der nächste folgte. Unfassbar. Die Bayern verloren tatsächlich und servierten die Meisterschaft auf dem Silbertablett.

„Ach, ich kenn doch meine Pappenheimer – das wird niemals was auswärts in Augsburg …“

So oder so ähnlich war der Ansatz, als ich mich alleine um halb vier morgens mit bereits klopfendem Herzen auf den Weg in die Fuggerstadt machte. Ganz Köln schlief noch. Und ich machte mich auf zu dem, was eine der euphorischsten Auswärtsfahrten meines bisherigen Lebens werden sollte. Dann in Augsburg mehrere Stunden allein mit meinen Gedanken totzuschlagen, war unglaublich stressig. Ich erinnere mich undeutlich an Parks, Straßen und eine grauenhafte Pizza. Bei pervers gutem Sonnenschein ging es dann gen Stadion. Bereits weit vor dem Spiel war klar, dass sich der gesamte Gästeblock sowie die umliegenden Blöcke, in denen sich Dortmunder*innen mit Karten eingedeckt hatten, der Größe des Moments bewusst waren. Das Motto war klar: Jetzt oder nie.

Wenn ich geglaubt hatte, dass die Stunden vor dem Spiel bereits stressig waren, dann war die erste Halbzeit nochmal ein Ausmaß, das ich nicht für möglich gehalten hatte. Der BVB drückte, war dominant und konnte sogar nach 40 Minuten einen Mann mehr auf dem Platz verbuchen. Aber der Ball wollte nicht in dieses vermaledeite Tor.

Den Temperaturen zum Dank musste ich mit dem Pausenpfiff etwas machen, was ich eigentlich nie mache, und reihte mich unten in die Schlange zum Getränkestand ein. Dies kostete mich nochmal zehn Minuten mehr als die Viertelstunde Halbzeit, und die langgezogenen „ooooooooooooo“s waren abermals schwer mit anzuhören. Kaum stand ich dann wieder auf meinem Platz, ging ein Schuss von Emre Can nur an den Pfosten. In diesem Moment war ich sicher nicht der Einzige, der Zweifel hegte und einen Gedanken der Marke „Es soll heute nicht sein“ fasste.

Doch dann traf Seb Haller. Halblinke Position. Ein Schuss, der immer länger wurde und dann vom Innenpfosten ins Tor flog. Ich brauche mir dafür nicht einmal mehr Highlights anzuschauen, das Tor hat sich in meinen Augapfel eingebrannt.

Becher flogen, Bier spritzte, Blessuren wurden sich zugezogen. Völlig egal. WIR WERDEN MEISTER!

Die nächsten Minuten waren nicht nur Euphorie. Augsburg spielte trotz Unterzahl mit und hatte einige Torchancen, die die Herzen nochmal an den Rand des Aussetzens brachten. Dann jedoch erlöste einmal mehr Haller die Gemüter im Gästeblock und bei allen, die es in der Fußballwelt mit Borussia Dortmund halten.

Was dann folgte, war in meiner Erinnerung das Euphorischste, Ausgelassenste und ganz allgemein formuliert Großartigste, was mir in meinem Fanleben passiert ist. Ich fahre seit 2018 aktiv ins Stadion. Ich habe die Meisterschaften primär über die WDR2-Konferenz und die Sportschau mitbekommen. Ich hatte ein Jahr später keine Karte für das Auswärtsspiel in Paris. Mir war in meiner „aktiven“ Zeit als Fan noch kein Trip nach Berlin vergönnt. Mein Highlight waren die 20 Minuten in Augsburg, in denen „Borussia Dortmund wird Meister und Schalke steigt ab“ angestimmt wurde und der gesamte Gästeblock freudentaumelnd hüpfte.

Pure Euphorie im Gästeblock.

Die Fahrt nach Hause war lang und ungemütlich. Es war alles vollkommen egal. Als ich um 6:30 Uhr morgens irgendwann am Kölner Hauptbahnhof ankam, gab es eigentlich nur noch einen Gedanken: Wie zur Hölle bekomme ich jetzt eine Karte für das Spiel gegen Mainz?

Die Woche zog sich dahin. Ich nutzte die Gunst der Stunde und traf Entscheidungen, die ich niemals getroffen hätte, wenn ich nicht felsenfest davon überzeugt gewesen wäre, dass ich den emotionalen Ballast, der zweifelsfrei entstehen würde, dadurch auffangen könnte, dass Samstag der beste Tag meines Fanlebens sein würde. 

Am Donnerstag saß ich dann bei einem Freund auf der Terrasse und sollte eigentlich für die mündliche Abi-Prüfung lernen, die am nächsten Tag anstand. Da bekam ich eine Nachricht, deren Inhalt lautete: „Wie sehr liebst du mich?“

Was sich anhört wie meine zukünftige Ehefrau, war im Endeffekt ein Freund, der es irgendwie geschafft hatte, mir eine Karte über den Zweitmarkt zu besorgen. Der Jubelschrei dürfte in etwa an den herangekommen sein, als die Bayern auf einmal mit 1:3 hinten lagen.

Also dann am Samstag so früh wie möglich in den Zug. Die Fahrt mit einem befreundeten Mainz-Fan, der mir noch versicherte, dass er sich auch nichts anderes wünsche, als heute eine Meisterfeier zu sehen, ging dann irgendwie vorüber, und ich stand vor dem Eingang. Hinein in den Block. Mit all den Nasen, mit denen man die gesamte Saison überstanden und Höhen und Tiefen erlebt hat. Die Aufregung war mit nichts vergleichbar, was ich vorher gespürt hatte. Das Wetter war schon fast bilderbuchschön, und die Frage war eigentlich nur, wann wir auf dem Platz stehen würden und gemeinsam den BVB-Walzer singen.

Als die ersten Spieler ihre Schöpfe auf dem Platz zeigten, erklomm das Westfalenstadion nochmal neue Stratosphären, was die Lautstärke angeht. Die ersten Gesänge wurden mit so viel Wucht und Elan geschmettert, dass selbst dem größten Pessimisten die Lust verging, Trübsal zu blasen. Es musste einfach gelingen. Der Block füllte sich schnell und platzte bereits weit vor Anpfiff so sehr aus allen Nähten, dass ich bis heute die These aufstelle, dass an diesem Tag mindestens 83.000 Menschen im Stadion gewesen sein müssen. Zwei Stunden und mehrere Pyro-Einlagen später ging es dann los.

Früh kam die Nachricht vom 1:0 in Köln, womit der Fokus aufs eigene Spielfeld gehen musste.

Mainz traf irgendwie nach einer Ecke, und die ersten Gesichter wurden starrer. Im Gegenzug entschied der VAR auf einen Elfmeter für Dortmund. Nur um mit einem Narrativ mal aufzuräumen: Es wird immer davon gesprochen, dass Emre Can den Ball als nominell erster Schütze abgegeben hat. Aber in der gesamten Saison traten Gio Reyna, Jude Bellingham, Karim Adeyemi und Marco Reus zu Elfmetern an. Bellingham sogar gleich mehrfach. Es gab schlicht keinen primären Schützen, und Haller hatte bis dato dieselbe Erfolgsquote wie Emre Can: 100 Prozent.

Nun. Zumindest bis zu diesem Elfmeter.

Wir wissen alle, was dann geschah. Euphorie und Ausgelassenheit wurden zu Schockstarre und Entsetzen. Das zweite Gegentor traf einen wie der Schlag einer gepanzerten Faust. Das darf doch nicht wahr sein.

Durch den Treffer von Guerreiro kam nochmal Hoffnung auf. Man kann der Mannschaft wirklich nicht vorwerfen, an diesem Tag keinen Willen gezeigt zu haben. Die Murmel wollte einfach nur nicht über die Linie. Dann kam jedoch auf einmal Jubel von den anderen Tribünen auf. Mein Netz hatte schon seit Stunden Siesta angekündigt und war zu nichts mehr zu gebrauchen. Der Jubel war allerdings nur in eine Richtung zu interpretieren. Köln musste getroffen haben. Bestätigt von Nobby Dickel begannen Minuten, die nur schwer zu beschreiben sind. In der Blitztabelle waren wir wieder Meister, aber es machte sich die Gewissheit breit, dass wir das nicht mehr aus eigener Hand schaffen würden. Folglich war es eine einzige Ungewissheit, was jetzt auf dem anderen Platz passieren würde. Ähnlich wie zuvor Jubel aufbrandete, wurde es dann wieder leiser auf den Sitzplätzen. Nicht so leise, wie man es bei einem 08/15-Spiel kennt, nein. Gespenstisch leise. Hinter mir sagte jemand: „2:1 Bayern, Musiala, Spiel wurde schon wieder angepfiffen.“

Parallel lief Borussia nimmermüde an, schaffte aber erst in der 95. Minute den Ausgleich. Der leise aufkommende Jubel erstarb gut eine Minute später mit dem Schlusspfiff. Genau wie mehr oder weniger jedes Geräusch im Stadion. Es war einfach still.

Stille. Völlige Stille im Westfalenstadion.

Was folgte, war ein weiterer Beweis dafür, warum dieser Verein so besonders ist. Alle waren am Boden zerstört. Fans, Spieler, Trainer, Verantwortliche. Nicht wenige mussten weinen. Marco Reus lag auf dem Boden und hätte nicht mehr wie ein Häufchen Elend aussehen können, wenn er es aktiv versucht hätte. Und die Tribüne? Besingt die Spieler, die gerade ihren Traum und den von so vielen Menschen haben platzen lassen. Sie schwört ihnen ewige Treue und feiert den Trainer, der mit verweintem Gesicht vor ihnen steht.

Dass die Tatsache, dass Edin Terzić sich dieses Moments bewusst war und genau wusste, was in diesem Lied steckte, als er einige Monate später im Sportstudio saß und es rezitieren konnte, dafür genutzt wurde, um ihn in sportlich schwierigeren Phasen zu diffamieren, lässt mein Blut noch heute brodeln.

Als die Mannschaft dann vom Platz ging, standen wir alle immer noch da. Alle waren innerlich gebrochen, und keiner wusste so richtig, was er sagen sollte. Mein Blick ging hinüber in Block 13, wo sich zwei Kerle, breit wie Kühlschränke, mit Hooligan-Tattoos weinend im Arm lagen. Mehr muss man eigentlich über den gesamten 27.05.2023 nicht wissen.

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