Unsa Senf

Fußball-Deutschland trauert, oder nicht! Das WM-Debakel

30.06.2026, 16:09 Uhr von:  DocKay    
Auf dem Rasen liegen vor Spielbeginn die Flaggen von Deutschland und Curacao
Nach dem Spiel gegen Curacao in Houston waren wir schon gefühlter Weltmeister.
© Marvin Horn

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 ist in vollem Gange und kommt nun in die entscheidende Phase. In dieser Phase spielen Julian Nagelsmann und seine Mannschaft keine Rolle mehr. Das Desaster der letzten Turniere erlebt seine bittere Fortsetzung.

Vorbei! Vorbei! Es ist vorbei!“ Wir kennen diesen Kommentar aus vielen Zitaten. In abgewandelter Form geht er auf den Radioreporter Herbert Zimmermann zurück, der das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und Ungarn am 4. Juli 1954 mit folgenden Worten abschloss: „Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!”

„Es ist vorbei“ hat bei der laufenden WM eine ganz andere Bedeutung. Mit einer kläglichen Leistung ist die deutsche Nationalmannschaft gegen Paraguay, den 41. der aktuellen FIFA-Weltrangliste, im Elfmeterschießen ausgeschieden. Bei einer WM, bei der in Deutschland TV-Experten wie Pilze aus dem Boden schießen, verlassen unsere Spieler, der Trainer und der gesamte Stab wie geprügelte Hunde das Feld. Katrin Müller-Hohenstein sitzt im ZDF mit vier! Experten*innen auf dem Sofa und unzählige Außenreporter unterstützen sie dabei. Das Schlimme ist: Wir alle finanzieren das mit unseren Rundfunkgebühren.

Fans aus Unna vor dem Aztekenstadion in Mexico City
Marvin und Janek zu Besuch im Aztekenstadion.
© Marvin Horn

Bei allen TV-Sendern gibt es Experten ohne Ende, manche davon sind schon fast in Vergessenheit geraten. Nur auf dem Rasen und am Spielfeldrand fehlen sie uns. Da feiert Rudi Völler den Einzug in die K.-o.-Runde und das Überstehen der Gruppenphase nach 12 Jahren. Er vergisst, dass er sich in einem Kreis von 32 Teams befindet, die Mannschaft aber noch nicht einmal das Achtelfinale erreicht hat – wie wir inzwischen wissen. Der DFB und teilweise die Presse feiern den Sieg gegen Curaçao, einen Inselstaat mit rund 444 Quadratkilometern, fast wie einen WM-Titel – fernab von jeglicher Realität. Nach dem gerade noch umgebogenen Spiel gegen die Elfenbeinküste lebt man diesen unberechtigten Traum weiter und wird dann gegen Ecuador so richtig auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Julian Nagelsmann trifft eine Fehlentscheidung nach der anderen und klammert sich nach dem Desaster an seinen Posten. Mit ihm wird es keine Wende geben! Sicher werden nach dieser WM viele Spieler ihre Karriere in der Nationalmannschaft beenden. Sie konnten ihre Rolle als Führungsspieler erneut nicht erfüllen – und das, wenn man ehrlich ist, seit mehr als zehn Jahren. Es ist die dritte WM in Folge, bei der wir mit leeren Händen dastehen. Wir sind inzwischen keine Turniermannschaft mehr, sondern eine von 32 Mannschaften in der Fußballwelt.

Vor Spielbeginn liegen auf dem Rasen die Fahnen von Usbekistan und Kolumbien
Eine Farbenpracht beim Spiel Usbekistan gegen Kolumbien.
© Marvin Horn

Die WM läuft weiter, dennoch gibt es jetzt schon einige erstaunliche Dinge festzuhalten. An der diesjährigen Fußball-WM haben zehn afrikanische Nationalmannschaften teilgenommen, von denen neun in die K.-o.-Runde eingezogen sind. Das ist ein neuer Rekord. Nur Tunesien schied in der Gruppenphase aus. Sébastien Desabre, der Trainer der Demokratischen Republik Kongo, arbeitet seit 15 Jahren in Afrika und sagte kürzlich:

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine afrikanische Mannschaft die Weltmeisterschaft gewinnt.

 


Sébastien Desabre

Er setzt sich für eine stärkere Vertretung Afrikas bei Weltmeisterschaften ein. Von den afrikanischen Mannschaften bleibt unter anderem Kap Verde in Erinnerung. Das Archipel hat gerade einmal 666.000 Einwohner und zieht als Gruppenzweiter vor Uruguay in die Runde der letzten 32 ein. Gegen die Spieler um Messi wird dann wohl Schluss sein, der Weg dahin war dennoch bemerkenswert. Ebenfalls bemerkenswert ist der Sieg Marokkos gegen die Niederlande im Elfmeterschießen. Wir Europäer scheinen inzwischen auch da auf der Verliererseite zu stehen. Bondscoach Ronald Koeman steht vor einem ähnlichen Trümmerhaufen wie wir. Allerdings sind die Marokkaner mit ihrem Kapitän Achraf Hakimi eine ganz andere Hausnummer als Paraguay mit ihrem Professor Gustavo Alfaro.

Oft werden auch die Duelle Südamerika gegen Europa zu Vergleichen herangezogen. Hier gab es aktuell aber erst zwei Duelle, die Südamerika für sich entschied, weitere stehen noch aus. Ich war ein großer Gegner dieser aufgeblähten WM mit 48 Teams und ein gedanklicher Feind unseres Friedenspreis-Verleihers Gianni Infantino, der für mich mit ein Grund war diese WM nach der WM in Quatar ebenfalls zu ignorieren. Es war zunächst ein geschickter taktischer Schachzug von ihm sich durch die Erweiterung weitere Stimmen im Fußballkosmos zu sichern, die ihm unsterbliche Wahlergebnisse bei der FIFA liefern werden. Ergebnisse, von denen unsere Politiker nur träumen können. 

Im Stadion in Toronto liegen auf dem Rasen die Fahnen von Deutschland und der Elfenbeinküste.
Nach dem Spiel gegen die Elfenbeinküste in Toronto schien noch alles in Ordnung zu sein.
© Marvin Horn

Man muss allerdings sagen, dass diese Aufstockung die diesjährige WM zumindest in der Peripherie interessanter gestaltet hat. Wenn man die Begeisterung dieser „kleinen“ Nationen auf dem Rasen, aber auch in ihrer Heimat sieht, dann macht es einem Spaß, diesen umschriebenen Teil dieser Weltmeisterschaft wahrzunehmen.

In Deutschland wird man sich wieder einmal mit der Analyse dieser wiederholten Katastrophe befassen. Die Devise wird wieder lauten, jeden Stein umzudrehen. Allerdings besteht die Gefahr, dass man die Straße wieder auf die gleiche Art pflastert. Ich bin gespannt.

Es ist schon einmal gut, dass Nico Schlotterbeck wieder zurückreist. Wenn man an sein letztes Sprunggelenks-Trauma im Westfalenstadion gegen den FC Barcelona zurückdenkt, das das rechte Sprunggelenk betraf, und sich die Zeitlupenbilder anschaut, so war das Pronationstrauma des linken Sprunggelenks bei der WM gegen die Elfenbeinküste deutlich weniger gravierend. Hier bleiben viele Fragezeichen hinsichtlich der Ausfallzeit. Nach der Ankunft in Deutschland wird man hier noch einmal genauer hinschauen müssen. Meines Erachtens war das „Herumgehampele“ von Schlotterbeck bei der WM nach seiner Verletzung auch nicht gerade förderlich für die Genesung. Auch wenn es der Wunsch des Spielers war, sollte man als Arbeitgeber durchaus darauf hinweisen, eine solche Verletzung professionell anzunehmen und frühzeitig mit dem Rehabilitationsplan zu beginnen, statt mit dem Airwalker durch die Gegend zu humpeln und zu fliegen. Hoffen wir, dass Julian Ryerson und die anderen Borussen, die noch für ihre Nationalmannschaften spielen, gesund zurückkommen. Das erscheint mir wichtiger, als dieser „Kack-WM“ nachzutrauern, die hoffentlich am Ende den Rauswurf von Julian Nagelsmann mit sich bringt.

Die Spieler auf dem Rasen laufen sich ein. im Vordergrund Fans mit Sombrero.
Unvergessliche Stadionerlebnisse bei gescheiterter dutscher Mission.
© Marvin Horn

Während der noch laufenden WM waren dies meine ersten Gedankenspiele. Es gäbe sicher noch vieles, was in diesem Zwischenbericht erwähnenswert wäre. Fakt ist jedoch, dass wir keine dominierende Fußballnation mehr sind. Das sollte inzwischen auch der Letzte verstanden haben. Unsere Spieler, die in ausländischen Mannschaften Führungsrollen verkörpern, sind in der Nationalmannschaft davon weit entfernt. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass sie in ihren Teams mit Spielern agieren, die eine andere Qualität haben und daher im Gefüge der deutschen Nationalmannschaft nicht funktionieren. Ein gutes Beispiel ist der FC Bayern München. Was wären unsere deutschen „Stars” dort ohne Dayot Upamecano, Alphonso Davies, Konrad Laimer, Luis Díaz, Michael Olise und Harry Kane? Vielleicht nur WM-Durchschnitt. Es wird Zeit, dass sich was dreht! Mein Dank geht an Marvin, der vor Ort war und mir seine Bilder zu Verfügung gestellt hat.

 

Unterstütze uns mit steady

Weitere Artikel