Spieler im Fokus

Soumaila Coulibaly - eine perspektivische Verstärkung

20.03.2021, 17:30 Uhr von:  Jan
Lesezeit: ca. 8 Minuten
Der neu verpflichtete Coulibaly hält ein Trikot von Borussia Dortmund in die Kamera. Mit ihm grinsen Michael Zorc und Sebastian Kehl in die Kamera.

Borussia Dortmund hat mit Soumaila Coulibaly einen neuen und jungen Innenverteidiger verpflichtet. Wir schauen genauer hin und bewerten den Transfer.

Am 18. März um Punkt 14:30 gab Borussia Dortmund nach wochenlangen Spekulationen den ablösefreien Transfer des erst 17 jährigen und ebenso hochverlangten französischen Innenverteidigers Soumaila Coulibaly von Paris St. Germain bekannt. Der U18-Juniorennationalspieler erhält nach offizieller Angabe einen „langfristigen Vertrag“. In der Regel handelt es sich hierbei um eine Dauer von fünf Jahren.

Informationen der Ruhrnachrichten zu Folge ist er sogar bereits für die erste Mannschaft eingeplant und somit trotz theoretischer Spielberechtigung nicht für die U19 des BVB - und das aus gutem Grund: In den Juniorenligen Frankreichs war der Neuzugang bereits unterfordert.

Viele Parallelen zu Dan-Axel Zagadou, aber keine Kopie

Franzose, Jugendabteilung PSG, Innenverteidiger, Linksfuss und ablösefreier Wechsel zum BVB: Dan-Axel Zagadou und Soumaila Coulibaly haben eine Menge gemeinsam auf dem Papier, aber auch auf dem Platz ähneln sich die Beiden sehr.

Die erste Gemeinsamkeit lässt sich sofort im Bereich der Körperlichkeit finden. So stellen die beiden äußerst groß und breit gewachsenen Innenverteidiger mit jeweils knapp 1,95m eine echte Erscheinung dar. Gerade aufgrund ihrer Physis haben sie in jeglichen Situationen des Spiels einen enormen Vorteil gegenüber den oftmals noch etwas kleiner gewachsenen gegnerischen Offensivspielern. Doch gerade im Umgang mit der mehr als nur vorteilhaften Physis gibt es einen großen Unterschied zwischen den Zweien in der Herangehensweise.

Ein elegant körperliches Defensivspiel

Während Zagadou diese Karte öfters versucht etwas aggressiver auszuspielen und auch gerne den etwas direkteren, wie engen, Körperkontakt mit dem Gegner im Zweikampf sucht, setzt Coulibaly etwas eleganter in seinem Defensivspiel an. Bei Pässen aus dem Mittelfeld gelingt es dem 17-Jährigen bereits recht gut das Spiel zu lesen und somit den Ball vor dem Passempfänger ohne direkten Körperkontakt einen guten Schritt zuvor abzufangen. Bei hohen Bällen wiederum verlässt sich der Franzose noch zu sehr auf seine physische Überlegenheit. Zwar ist sein Kopfballspiel nicht generell schlecht, doch gerade in Sachen Timing beim Absprung und der Kopfballspieltechnik gibt es noch Verbesserungspotenzial. Doch auch wenn Coulibaly das Verteidigen nach vorne in seinem Spielstil präferiert, hat er in seinem Timing teilweise noch kleine Probleme. Dass bei einem solch risikoreichen Spiel als Innenverteidiger bereits jedes Herausrücken erfolgreich geling ist allerdings auch unwahrscheinlich. Mit mehr Spielerfahrung steigert sich hier die Erfolgsquote stetig.

Im direkten 1vs1-Verteidigen in der Rückwärtsbewegung bleibt Coulibaly seiner Linie treu und versucht es eher mit einem guten Timing beim Stören, als mit einer aggressiven Grätsche oder einem rustikalerem Körpereinsatz. Dennoch ist sich der Franzose um seinen Physis-Vorteil bewusst und bringt hier in den notwendigen Situationen seinen Körper zum Abschirmen des Balls gelegentlich passend zum Einsatz. Seine Zweikampftechnik weißt im Generellen zwar noch eine Menge Potenzial auf, dies hängt allerdings wie bereits erläutert mit seinem etwas offensiveren Verteidigungsstil zusammen.

Aber gerade in Situationen wo der Neuzugang sich gelegentlich leicht verschätzt oder ein Konter anläuft, kommt eine etwas überraschende Stärke zum Vorschein: Trotz guter 1,95m und einem breiten Körperbau, verfügt der Innenverteidiger über einen mehr als nur überzeugenden Antritt, wie Endgeschwindigkeit.

In vielen Situationen muss der Franzose gar nicht erst bis zur Maximalgeschwindigkeit anlaufen, sondern schafft sich mit gutem Spielverständnis und dem angesprochenen vielversprechenden Antritt einen Vorteil im Kampf um den Ball. Im Anschluss hieran kann er sofort den Druck aus der Situation nehmen.

Trotz einer gewissen Dynamik auf den ersten Metern fällt die Physis wortwörtlich dennoch negativ ins Gewicht. Denn schnelle, kleine, Richtungswechsel stellen an manchen Stellen dann doch ein Problem da. Nicht nur die schwere Übersetzung des Körpers, sondern phasenweise auch die Balance machen dem Sommer-Neuzugang gelegentlich etwas zu schaffen.

Doch auch wenn Coulibaly mit einer guten Antizipation, Physis und gerade Tempo vieler seiner Fehler kaschiert, muss er noch an seinem Stellungsspiel arbeiten. Gerade in der Defensivstruktur etwas fernab des Balles wirkt der Franzose nicht immer komplett konzentriert und auf seine Position bedacht. Nach einem guten Seitenwechsel des Gegners wird die fehlerhafte Positionierung des Franzosen teilweise etwas auffällig. Dies kann gerade bei abgeklärten Bundesliga-Spielern mit teilweise 10 Jahre Erfahrung auf höchstem Niveau ein Problem darstellen. Probleme wie diese sollten allerdings nicht allzu kritisch im Jugendbereich gesehen werden und sind durch gute Trainingsarbeit leicht aufzuarbeiten.

Technisch hochveranlagt

Aufgrund seiner Physis wirkt der 1,95m große Innenverteidiger mit seinen langen Beinen teilweise etwas schlaksig und unsauber, aber dieser Eindruck täuscht. Denn der Franzose verfügt definitiv über einen guten Bewegungsablauf- und auch Technik. Allerdings wirklich ins Auge fallen seine Fähigkeiten mit dem Ball am Fuss. Nicht nur strahlt er in all seinen Aktionen, auch ohne Ball, eine enorme Ruhe und somit auch Überzeugung aus. Sobald der Linksfuss das Leder am Fuss hat trägt er diesen aus vom eigenen 16ner mit enger Ballführung nach vorne und provoziert somit das Pressen der gegnerischen Stürmer. Bereits jetzt ist Coulibaly in diesem Aspekt seines Spiels im Gegensatz zum Durchschnitt recht reif und wägt Risiko mit Nutzen gut ab. Genauso gelingt es ihm bereits recht gut schon bevor Erhalt des Balles im richtigen Augenblick zu beschleunigen und somit den anlaufenden Stürmer aussteigen zu lassen, bevor dieser zuvor überhaupt erst eine reelle Chance auf den Ball hatte - auch hier strahlt der Franzose die bereits angesprochene Ruhe und Überzeugung aus.

Wenn es darum geht sich vom Ball zu trennen, wählt Coulibaly des öfteren bereits einen richtig gewichteten Pass. Dieser ist ebenso genauso gut abgestimmt in den Lauf des linken Außenverteidigers oder wenn sich die Möglichkeit ergibt, auch des offensiven Flügelspielers gespielt. Gerade die Balance aus Passschärfe und Genauigkeit unter Druck zu finden, zählt teilweise bei vielen Verteidiger dieser Altersklasse als Problem. Dementsprechend agieren viele tendenziell eher durchschnittlichere Spieler in doch mehr als nur raumgewinnenden möglichen Situationen tendenziell etwas zurückhaltender und bevorzugen einen langen Ball nach vorne, welcher oft nur eine niedrige Wahrscheinlichkeit verarbeitet und gesichert zu werden hat.

Eine weitere Anschlussaktion nach dem Tragen des Balles vom eigenen Strafraum vor in das Mittelfeld ist das flache Direktspiel zentral durch das Mittelfeld. Dieses wird gerade von Spielern wie Manuel Akanji und selbstverständlich Dan-Axel Zagadou in ihrem Spiel bevorzugt. Diese Form des Spiels hat selbstverständlich auch der technisch mehr als nur saubere Coulibaly in seinem Repertoire, doch wählt diese Variante im Verhältnis zu den doch schon raumgewinnenden Pässen zur Seite tendenziell selten. Es wirkt hier oft so, als sei diese Form des Passspiels aus hoher Position heraus dem Franzosen dann doch etwas zu risikoreich an manchen Stellen. Dementsprechend bevorzugt dieser somit phasenweise die risikoärmere Variante mit einem langen Ball in Situationen, wo eine einfachere Möglichkeit sich nicht ergibt. Doch auch wenn die langen Bälle mit einer guten Flugkurve und Kraft ausgestattet sind, finden sie tendenziell selten den Mitspieler. Vergangene Saison brachte der Jugendspieler durchschnittlich einzig 31,3% seiner langen Bälle laut Datenanbieter „Wyscout“ an den Mann. Ein verhältnismäßig schwacher Wert in Relation gesetzt dazu, dass Coulibaly nicht immer diese Pässe unter höchstem Gegnerdruck im definitiv individuell stärksten Team der Liga spielte.

Unauffällig gut

Um Coulibaly’s mit Abstand größte Stärke nochmal mehr zu verdeutlichen muss erstmal ein kurzer Exkurs in das generelle Talent-Scouting betrieben werden. Während Offensivspieler trotz schlechtem Stellungsspiel teilweise oder anderen eher schlechter ausgebildeten Grundfähigkeiten, oft mit nur einem guten Dribbling oder Tor sich schnell in die Notizbücher von Manchen spielen können, gestaltet sich dies für Defensivspieler deutlich schwieriger. Gerade für die, welche das Ganze elegant, unaufgeregt und simpel angehen.

Oftmals notieren sich Beobachter dann aber trotzdem Spieler mit guten Anlagen, legen allerdings den Fokus auf andere Spieler in der Erstbeobachtung und schauen sich Spiele bei Gelegenheit nochmal ein zweites Mal an. Bei der erneuten Beobachtung, wo der Spannungsfaktor und ein gewisser Druck vom Beobachter erstmal wegfällt, fallen dann auch vermeintlich unauffällige Spieler auf. Sogenannte Spieler für den zweiten Blick: Coulibaly gehört hier dazu.

Aber womit fällt Coulibaly dann in der erneuten Beobachtung auf? Mit seiner Ruhe und Technik löst er gerade Drucksituationen überdurchschnittlich gut. Selbst unter hohem Druck am eigenen 16ner bleibt der Franzose komplett gelassen, ist technisch sauber und gibt dem Spiel eine gewisse Stabilität. Als Beispielszene eignet sich hier eine Aktion aus dem Pokal-Spiel der U19 seines ehemaligen Vereins gegen Stade Reims, wo er einen hohen Ball aus der Luft, mit zwei Gegenspielern direkt an sich, lässig mit der Brust sauber abfängt, kontrolliert und weiterspielt. Richtet man seinen Fokus als eher weniger geschulter Beobachter generell auf das Spiel, deutet man Aktionen wie diese oft gar nicht, oder nimmt sie nicht wahr. Sobald der Fokus aber einzig und allein auf einen Spieler legt, spiegeln Aktionen wie diese das tatsächliche Potenzial eines Spielers wider.

Gelegentlich läuft Coulibaly aufgrund seines guten Timings im Antritt auch einfach an den Gegenspielern vorbei und stellt seinen Körper unauffällig schlau zwischen Ball wie Gegner, was ihm am Ende ermöglicht das Pressing unaufgeregt zu überspielen. Hierauf erfolgt ein weniger spektakulärer, aber intelligenter Pass. Und genau das sind die bereits schwer zu identifizierbaren Situationen. Das Unscheinbare, aber doch so elementar wichtige. Und all das bringt der Neuzugang mit. Eine potenzielle Bereicherung für die Zukunft also - Aber eben in der Zukunft. Denn der Innenverteidiger fällt erstmal verletzt aus. Kreuzbandriss.

Kreuzbandriss - Ausfall bis mindestens Herbst

Öfters durfte der bei Paris für die U19 eingeplante Innenverteidiger bei der ersten Mannschaft bereits mit trainieren. Nach eigener Aussage zwar nur zum Auffüllen und ohne wirkliche Perspektive oder der Chance sich zu beweisen, doch leider zog er sich bei einer dieser Einheiten einen Riss des Kreuzbandes zu. Jeder Fußball-Fan kennt diese Verletzung und ist sich auch ohne jegliches medizinisches Fachwissen bewusst, dass dieser Spieler in der Saison höchstwahrscheinlich nicht mehr für den eigenen Club auflaufen wird.

Zwar reiste der Franzose zur Vertragsunterschrift und ein paar Fotos in Dortmund bereits ohne Gehhilfe an, doch das Aufbautraining nach so einer Verletzung gestaltet sich dennoch als mindestens schwierig. Hinzu kommt, dass Coulibaly sein letztes Pflichtspiel noch vor Ausbruch der Corona-Pandemie bestritt und dementsprechend nicht mehr Spiel-Rhythmus ist. Es gilt als deutlich unwahrscheinlich, dass die Fähigkeiten des Franzosen abgenommen haben und er einzig wieder über längere Zeit Spielerfahrung sammeln muss um wieder sein altes Level erreichen zu können. Somit gilt es als durchaus möglich, dass der Neuzugang im Sommer mit der ersten Mannschaft mit ins Trainingslager fährt, langsam in die Mannschaft integriert wird und sich die Spielpraxis vorerst bei der U23 holt - möglicherweise sogar in der dritten Liga.

Ablösefrei stellt der Transfer keinerlei echtes Risiko da und bietet dafür eine Menge potenzieller Möglichkeiten in der Zukunft. Zwar ist man in Dortmund gewöhnt, dass Talente für gewöhnlich etwas eher einschlagen als erwartet, doch gerade mit der Verletzung wird der Franzose eher eine langfristige, als mittel- oder gar kurzfristige Lösung darstellen.

Unterstütze uns mit steady

Weitere Artikel