Spieler im Fokus

Die Torwartsuche von Marco Rose

27.05.2021, 12:43 Uhr von:  Jan
Lesezeit: ca. 9 Minuten
Das Bild zeigt die Torhüter Hitz und Bürki wie sie nach dem Spiel auf dem Platz stehen und sich unterhalten.

Borussia Dortmund ist auf der Suche nach einen neuen Torwart. Der ehemalige Stammtorhüter Roman Bürki patzt zu häufig und scheint abgesägt. Marwin Hitz leistet sich zu viele individuelle Fehler. Aber welches Torwartspiel favorisiert Marco Rose? Wie stabilisierte Marwin Hitz eigentlich die Defensive? Und warum der Torwart aus der Bundesliga kommen sollte.

Rose hat keinen Favoriten

Stankovic, Walke, Sommer und jetzt? – Welchen Spielstil favorisiert Marco Rose auf der Torhüterposition? Die Antwort ist einfach: Er hat keine klaren Favoriten. Dies ist gerade auf seine Variabilität zurückzuführen.

Bei RB Salzburg waren weder Stankovic, noch Walke sonderlich modern in ihrem Torwartspiel. Die Tendenz zum Herauslaufen hielt sich somit stark in Grenzen. Auch die fußballerischen Qualitäten mit Ball am Fuss waren begrenzt. Und das wusste Marco Rose. Dementsprechend passte der kommende Dortmund-Trainer seine Spielanlage im Aufbauspiel an und übergab mehr Verantwortung von hinten heraus an die beiden Innenverteidiger. Mit dieser nur kleinen Anpassung war eine potenzielle Schwachstelle schnell kaschiert.

Bei Borussia Mönchengladbach wiederum arbeitet Rose momentan mit einem äußerst modernen Torwart in Form von Yann Sommer. Der Schweizer verfügt über eine saubere Ballkontrolle und Technik. In Verbindung hiermit bieten sich somit auch mehr Chancen für eine Einbindung in das Ballbesitzspiel, was Rose dazu veranlasst die Innenverteidiger etwas höher anzusetzen und somit Sommer mehr Verantwortung übertragen zu können.

Kurz gesagt: Rose kann mit beiden Spielertypen arbeiten.

Wie Hitz die Defensive stabilisierte

26 Spiele, 30 Gegentore und 11 Spiele zu Null. Das ist die wettbewerbsübergreifende Statistik von Marwin Hitz. Es ist keine sonderlich gute Statistik, allerdings auch keine schlechte. Doch auch wenn einige der Gegentore auf die Kosten des Schweizers gehen, hat man irgendwie das Gefühl, dass die Defensive stabiler und gefestigter wirkt. Das ist gerade auf Hitz‘ Kommunikation zurückzuführen. Und diese hat der BVB-Defensive mehr als nur gutgetan.

Im Kontrast hierzu steht Roman Bürki, welcher tendenziell weniger kommuniziert und dementsprechend in manchen Kategorien Schwächen offenbart. Gerade bei der Strafraumbeherrschung und somit Standards, stellt Bürki seine Abwehrreihe vor mehrere Probleme. Gerade die fehlende Überzeugung beim Abfangen einer Flanke und die fehlende Abstimmung fallen hier ins Gewicht. Hitz beweist sich in diesem Aspekt als zielsicher und kommunikativ. Die ausstrahlende Präsenz und Überzeugung scheint der Defensivreihe rundum Mats Hummels wieder ein Stückweit mehr Sicherheit gegeben zu haben. Aber nicht nur in dieser Kategorie überzeugt Hitz: Auch im Aufbauspiel erweist er sich als mutiger, hat mehr Ideen und bringt auch mehr Pässe an die Mitspieler. In Zahlen lässt sich das im Durchschnitt auf 90 Minuten wie folgt ausdrücken: Marwin Hitz spielt 2,5 mehr Pässe, bringt hiervon 2,6 mehr an und die Passlänge ist ebenso um knapp 80m in Summe länger. Gerade die letzte Statistik ist von Bedarf, um die Daten auch in das richtige Verhältnis setzen zu können. Hier ist nicht nur die Rede von kurzen Pässen zur Seite im Strafraum, welche ebenso in die Statistik mit eingehen, sondern auch Bälle bis in das Mittelfeld hinein. Die höhere Passlänge in Summe bildet dies ab. Gerade bei Pässen über 30 Meter ist ein Unterschied zu erkennen. Denn während Bürki einzig 14,1 Pässe pro 90min spielt und davon 8,25 (58,7%) an den Mann bringt, sind es bei Hitz 16,5 wovon ganze 10,7 (64,5%) ankommen. Ein mindestens guter Wert.

Beim Spielen hinten raus hat der BVB somit nun eine echte Alternative und ist im Aufbauspiel somit flexibler. Die Kommunikation stimmt und hat nach den jüngsten Eindrücken die Defensive stabilisiert. Aber dennoch möchte der BVB einen neuen, besseren, Torwart verpflichten. Gerade Hitz ist in seiner Kernaufgabe, der Torverhinderung, weder auf Champions League Niveau noch sonderlich konstant. Welche Kandidaten kommen somit in Frage? Und warum sollte man sich auf die Bundesliga konzentrieren?

Scouting Bundesliga: Ist das falsch, oder richtig?

„Oh Nein, das ist doch schon wieder Bundesliga-Mittelmaß.“ – Eine Angst, welche man bei Transfergerüchten des BVB immer wieder hört. Oft ist die Sorge auch berechtigt, doch bei vielen hat sich dieser Gedankengang schon als reines Vorurteil festgesetzt. Allerdings sind Spieler mit Bundesligaerfahrung wichtig für den Kader, da diese sich schneller an das Umfeld gewöhnen und den Spielstil adaptieren können. Somit ergeben sich weniger Leistungsschwankungen aufgrund von Eingewöhnung, Anpassungen oder Sprachbarrieren. In der Theorie Faktoren, welche das Risiko eines Transfers schmälern und einem Spieler erlauben schneller konstant Leistung zu bringen. Dass das beim BVB bisher eher mäßig läuft ist allerdings auf andere Gründe zurückzuführen. Doch gerade auf der Torwartposition wird man nun auf die Bundesliga setzen müssen. Dies auch aus gutem Grund. Allerdings eben genauso, da es keine klaren internationalen Alternativen auf dem Markt mehr gibt. Es waren einst allerdings welche vorhanden.

Einer der internationalen Kandidaten wäre Andre Onana von Ajax Amsterdam gewesen. Dieser hätte einen klaren Qualitätssprung mit sich gebracht und schien genauso für eine angemessene Summe verfügbar gewesen zu sein. Die UEFA sperrte ihn allerdings zu Beginn des Jahres für 365 Tage von jeglichen Fußball Aktivitäten. Und der BVB braucht sofort einen neuen Torwart.

In Frankreich bot sich die Möglichkeit mit Mike Maignan einen Spieler aus der ähnlichen Qualitätsklasse zu verpflichten. Dieser scheint sich bereits mit AC Milan einig zu sein. Andere internationale Alternativen wie Dragowski, Cakir oder Livakovic sind eine Qualitätsklasse niedriger anzuordnen und kein klarer Schritt nach vorne. Doch bei ihnen kommt im Gegensatz zu einem Torwart aus der Bundesliga ein erhöhtes Risiko aufgrund der bereits angesprochenen Umstellung mit einher. Ein Risiko, welches man bei einem deutlich besseren Torwart wie Maignan oder Onana sicher eingegangen wäre. Und das, obwohl beide eher weniger gutes Deutsch sprechen dürften. Denn gerade um das Kommunikationsproblem auf dieser Position zu lösen, sollte ein Neuzugang mindestens Deutsch, Englisch und bestenfalls auch Französisch sprechen können. Der Fokus richtet sich somit auf die Bundesliga. Aber wer kommt hier wirklich in Frage?

Entweder-oder

Stefan Ortega, Koen Casteels, Peter Gulasci, Alexander Nübel oder Gregor Kobel. Alles Kandidaten aus Deutschland, mit welchen der BVB bereits medial in Verbindung gebracht wurde. Doch während ein Leihdeal mit Bayern München von Alexander Nübel zumindest stark bezweifelt werden dürfte, steht Koen Casteels nicht zum Verkauf. Stefan Ortega flirtet mit der Rolle des Ersatztorhüters beim FC Bayern und stelle nach nur einen sehr starken Bundesligasaison ebenso ein gewisses Risiko da. Es verbleiben somit Peter Gulasci von RB Leipzig und Gregor Kobel vom VFB Stuttgart. Was spricht für und gegen sie?

Peter Gulasci: Kurzsichtige Sicherheit

Gulacsi im Spiel gegen den BVB 2019

Mit einer Ausstiegsklausel von rund €13 Mio. wäre Peter Gulasci ohne jegliche Verhandlungsrunde mit RB Leipzig verfügbar. Einzige Bedingung: Er muss zum BVB wechseln wollen. Medienberichten zufolge fühlt der Ungar sich bei RB Leipzig nicht wertgeschätzt und wünscht sich hierzu ein höheres Jahresgehalt. Wohl als Form von Wertschätzung. Diese Gehaltsteigerung könnte der BVB ihm bieten, doch die Frage ist eher, ob er das sollte. Die Antwort ist nicht ganz einfach, denn Gulasci würde den BVB ohne ein ersichtliches Risiko sofort verbessern.

Der Ungar kennt die Liga und hat sich in den vergangenen Jahren als konstanter Rückhalt bewiesen. Die Fehlerquote des mittlerweile 31-Jährigen hält sich genauso in Grenzen. Fußballerisch ist er im Aufbauspiel anderweitig eingebunden und pflegt dementsprechend ein eher weniger risikoreiches Spiel, doch beweist sich in dieser Disziplin dennoch als mindestens grundsolide. Auch das Antizipieren von langen Bällen gelingt dem Ungarn gut. Doch auch wenn Gulasci unbestreitbar ein Torwart von internationaler Klasse ist, profitiert er stark von der tollen Einbindung seitens Julian Nagelsmann und der hervorragenden RB-Defensive.

Auf der anderen Seite ist Gulasci bereits 31 Jahre alt und würde ein schweres Transferpaket kosten. Das Gehalt befände sich im oberen Bereich der Mannschaft. Ein Wiederverkaufswert wäre nicht vorhanden und der Trend in der Entwicklung zeigt eher in Richtung Abbau als in Richtung Weiterentwicklung. In drei bis vier Jahren würden somit gleich mehrere Leistungsträger mit Reus, Witsel, Hummels und dann eben Gulasci alle erlösfrei wegbrechen. Gerade in Pandemiezeiten gilt jeder Euro. Und ebenso drohe ein äußert radikaler Umbruch in der mittelfristigen Zukunft.

Doch auch wenn der BVB eine kommunikativere und im Aufbauspiel lukrativere Lösung benötigt, überzeugt Gulasci in mehreren anderen Aspekten. Der Transfer brächte auch ein paar Risiken mit sich, doch würde am Ende als solide Lösung dastehen. Verfolgt man die Nachrichten um Gulasci allerdings genauer, kann man schon Zweifel erheben, ob dieser wirklich zum BVB wechseln möchte, oder das Interesse einzig für einen besseren Vertrag ausgenutzt wurde.

ANMERKUNG: Am 7.Mai verlängerte Peter Gulasci offiziell mit RB Leipzig.

Gregor Kobel: Modern mit Potenzial. Aber auch mit Risiko.

Kobel im Finale um die Deutsche Meisterschaft gegen die BVB U19

Mit 23 Jahren ist Gregor Kobel für einen Torwart noch ziemlich jung. Dennoch sammelte der in Zürich geborene Torhüter bereits Stammtorhüter Erfahrungen beim VFB Stuttgart über nun zwei vollständige Spielzeiten und bereits einer halben beim FC Augsburg. Doch bereits mit 18 Jahren stand Kobel Spieltag für Spieltag bei der zweiten Mannschaft der TSG Hoffenheim in der Regionalliga Südwest im Kasten und durfte hier Spielzeit sammeln. Das Zusammenarbeiten mit modernen und interessanten Trainern wie Julian Nagelsmann und Pellegrino Matarazzo kommt hinzu.

Beobachtet man Kobel auf dem Feld genauer, kann man sofort mehrere Dinge wahrnehmen. Nicht nur strahlt der Schweizer mit seinen 1,94m und dennoch athletisch gebauten Körperbau eine gewisse Erscheinung da, sondern unterstützt dieses Bild noch mit lautstarker Kommunikation. Er wirkt in seinem ganzen Spiel durchaus überzeugt und selbstbewusst. Gerade bei Flanken und Standards bewies Kobel sich als zielsicher. Beim Herauslaufen strahlte er eine Überzeugung und ebenso Dominanz aus.

Mit Ball am Fuß ist Kobel statistisch leicht hinter Hitz und besonders Gulasci einzuordnen. Beobachtet man den Schweizer allerdings sieht man sofort, dass dieser über eine ansprechende Technik verfügt. Der 23-Jährige kann mutige Chipbälle unter Druck spielen, bleibt bei diesen ruhig und scheut diese auch außerhalb des 16ners nicht. Die niedrigen Statistiken sind hier eher die Folge einer anderweitigen Einbindung als fehlender Qualität.

Auf der Linie beweist sich Kobel mit starken Reflexen und einer guten Entscheidungsfindung. Gerade beim Herauslaufen und Bereinigen von 1vs1 Situationen trifft er oft die richtigen Entscheidungen um den Winkel entscheidend verkürzen zu können. Probleme gibt es allerdings bei der Beinarbeit und hier liegt auch mit dem größten Manko bei Kobel: Hier hat er noch viel zu lernen und deswegen vereinzelt haltbare Bälle in Tore resultieren lassen. Dies kann man allerdings auch anderweitig auslegen: Ein junger, sonst recht kompletter, Torwart hat eine Schwäche, an welcher man arbeiten kann. Oder man sagt auch: Potenzial. Verbesserungsmöglichkeiten.

Der Preis mit rund €15 Mio ist recht hoch, allerdings angemessen. Der Spieler hat noch Vertrag bis 2024 und ist bei Stuttgart Stammspieler. Dazu das angesprochene Potenzial. Der VfB ist gleichzeitig nicht auf kurzfristiges Kapital angewiesen und beobachten gleichzeitig, wie RB Leipzig Interesse im Falle eines Gulasci-Abgangs anmeldete. Mit seinem modernen Torwartspiel, einer gewissen Ausstrahlung und der Begabung Französisch, Deutsch und Englisch zu sprechen entspricht der 23-Jährige gleich mehreren Kriterien. Die Umstellung sollte ebenso gering sein. Die Frage bleibt aber: Kann Kobel weiterhin konstant bleiben? Entwickelt er sich wie angenommen? Denn seine jetzige Qualität ist definitiv unter Gulasci einzustufen.

Marco Rose wird sich zwischen Sicherheit und Risiko entscheiden müssen. Aber vielleicht nimmt Peter Gulasci ihm diese Entscheidung mit einer Verlängerung in Leipzig selbstständig ab und macht somit den Weg für einen durchaus interessanten Transfer von Kobel frei. Auch wenn es einer aus der Bundesliga ist.

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