Im Gespräch mit...

"Ich bin Borusse und so wird?s auch immer bleiben"

25.03.2010, 19:09 Uhr von:  Redaktion

Nuri SahinIm dritten und letzten Teil des großen schwatzgelb.de-Interviews erzählt uns Nuri Sahin heute vom Derby, seinem Herz, Borussias Tradition, seiner persönlichen Zukunft und wie er zur Diskussion um technische Hilfsmittel steht.

schwatzgelb.de: Wir sprachen gerade von Fans und vom Derby. Was bedeutet dir der Verein Borussia eigentlich? Du sprichst immer von „meinem Verein“, wie drückt sich das aus? Außerdem ist aufgefallen, dass du vor dem letzten Derby eine motivierende Geste in Richtung Gästeblock gemacht hast. Nach deinem Tor bist du dann auch noch direkt zum Gästeblock gerannt. Das wünscht man sich als Fan oft, das ist aber nicht normal. Was ging dir dabei durch den Kopf?

Nuri Sahin: Ich wünsche mir nichts mehr als den Derbysieg, das ist doch normal. Ich bin in der Jugend von Borussia groß geworden, habe in der Jugend Derbys gespielt und weiß einfach, worum es geht. Borussia ist mein Verein, das kann ich nur betonen. Mats lacht immer darüber, dass ich das so oft sage, aber es ist einfach mein Verein und auch wenn ich irgendwann nicht mehr hier sein sollte, wird es immer mein Verein bleiben. Ich habe dem Verein einfach sehr viel zu verdanken und werde immer Borussia-Fan bleiben.

Beim Derby, dass ich ein Tor gegen Schalke mache, das ist für mich nicht irgendein Tor. Auch wenn es nur ein Elfmeter ist, das ist ein spezielles Tor. Das Tor wollte ich unbedingt machen, war hochkonzentriert, war mir zu 100% sicher dass der Ball reingeht. Anders würde es auch gar nicht gehen, dieses Tor musste ich einfach machen! Das ist für mich was ganz besonderes. Ich bin Borusse und so wird’s auch immer bleiben.

Nuri beim Derby in GEschwatzgelb.de: Beim letzten Derby standen die Vorzeichen eigentlich ganz gut, man hat eine Halbzeit wirklich überzeugend gespielt. Die Pressekonferenzen sind vielversprechend, die Fans sind den Spielern, trotz nur zwei Derbysiegen in den letzten 24 Begegnungen, wohlgesonnen. Warum klappt’s in so einer Situation wieder nicht, wenn es sogar in der Halbzeit passt?

Nuri Sahin: Es hat auch an diesem Tag gepasst. Das Einzige, was nicht gepasst hat, war der Fernschuss, der vor dem Fuß von dem Spieler auftickt. Wenn der Ball vor dem Schuss nicht auftickt, dann geht der auch nicht rein. Ich denke, wir hatten Schalke an dem Tag richtig gut im Griff, und diese eine Situation hat das Spiel entschieden. Das war eigentlich das Einzige, was Schalke uns an dem Tag voraus hatte.

Josef Schneck: Eines solltet ihr wissen: das Gefühl, mit dem wir nach so einer Niederlage nach Hause fahren, ist bei euch nicht anders als bei uns oder jedem, der mit dem BVB leidet. Das Empfinden ist ganz genau das Gleiche. Ich glaube, ich habe diesmal noch mehr gelitten als bei jeder anderen Niederlage. Ich bin schon als Kind mit diesem Derbygedanken aufgewachsen, das ist jetzt viele, viele Jahre her und es geht nicht mehr weg. Ich habe eigentlich immer den Mai 2007 im Kopf, als ich über die Pressetribüne gegangen bin und allen mir als Schalker Journalisten bekannten gesagt habe „Tja, das wird wohl wieder nichts“, das war natürlich ein Triumph. Aber das kriegst du zurück, wenn du nicht mehr gewinnst.

schwatzgelb.de: Wenn ihr, leider mal wieder, das Derby verloren habt, kommen immer viele Stimmen auf, dass ihr Spieler gar nicht wisst, was ein Derby ist. Das ist bei dir und Kevin sicher nicht so. Sind diese Zweifel aber bei Mitspielern, die teilweise aus ganz Europa kommen, berechtigt?

Nuri Sahin: Nein, sobald du hierher kommst, wird dir schon bewusst gemacht, dass du das Derby nicht verlieren solltest und dass das Derby was Spezielles ist. Keiner in der Kabine denkt sich, dass das irgendein Spiel und auch unser Trainer geht in dieses Spiel ganz anders rein. Jeder weiß, dass das ein sehr, sehr spezielles Spiel ist. Ich sehe das nicht als irgendein Spiel und das sieht auch keiner hier im Verein so.

Das Derby passt ganz gut in zu einer der Auffälligkeiten unter Jürgen Kloppschwatzgelb.de: Das Derby passt ganz gut zu einer der Auffälligkeiten unter Jürgen Klopp. Die Spiele gegen tabellarisch deutlich schlechter platzierte Mannschaften werden souverän gewonnen – das war nicht immer so. Gegen Mannschaften aus den Top 5 entsteht der Eindruck, dass man nicht mit letzter Konsequenz spielt. Gegen München habt ihr in beiden Spielen geführt, in Leverkusen und bei den Blauen auch. Habt ihr da Angst, aufs zweite Tor zu spielen und das Spiel einfach mal nach Hause zu bringen?

Nuri Sahin: Bayern muss man da ausnehmen, das ist einfach eine andere Klasse. Wenn Robben oder Ribery einen guten Tag haben, dann kannst du die einfach nicht stoppen, und in Dortmund hatte Ribery einfach einen guten Tag. Die sind einfach stärker als wir, das muss man einsehen. Aber vor dem Rest in der Bundesliga müssen wir uns nicht verstecken, wir haben Hamburg geschlagen, mit einem sehr guten Spiel, wir haben in Leverkusen unentschieden gespielt und glaub mir, die haben dieses Mal sehr viel Respekt vor uns. Über das Derby brauchen wir gar nicht zu reden, das ist ein spezielles Spiel, da kannst du 18. sein und der andere Erster. Ich denke, dass wir auch gegen große Mannschaften und die Mannschaften, die oben stehen, eigentlich immer ganz gut gespielt haben. Angst? Nein.

schwatzgelb.de: Also spielt der Tabellenplatz in euren Köpfen vor dem Spiel keine Rolle?

Nuri Sahin: Das darf er nicht! Ob es nach unten oder nach oben geht, du musst in jedem Spiel das Maximale rausholen, das sind drei Punkte. Egal gegen wen.

schwatzgelb.de: Du sprachst eben davon, dass einem die Bedeutung des Derbys hier sofort klar gemacht wird. Wie sieht das mit der Geschichte des Vereins aus? Warst du schon mal im Borusseum?

Die Choreo zu 100 Jahre BVBNuri Sahin: Ich war da, ich hatte einen Pressetermin mit Lars Ricken und Siggi Held. Es war sehr schön, mitzubekommen, wie groß der Verein ist – das wusste ich natürlich schon vorher, aber jetzt weiß ich noch mehr über den Verein. Das Borusseum sollte man sich als Borusse angucken.

schwatzgelb.de: Stichwort Tradition. Wir hatten im Dezember das 100-jährige Vereinsjubiläum. Jeder BVB-Fan, der das erlebt hat, wird froh und dankbar sein, das miterlebt zu haben. Wie war das bei euch Spielern? Spürt man, was der Verein für eine Bedeutung hat?

Nuri Sahin: Ich wusste ja schon vorher, was der Verein hier bedeutet. Aber wenn du dann auf der Leinwand die wichtigen Tore siehst, dir Geschichten vom Verein anhörst, das ist einfach schön. Ich fand den Abend sehr, sehr schön, sehr gelungen. Alle, die daran mitgewirkt haben, haben sehr gute Arbeit geleistet und auch die letzten, die nicht wussten, wie groß Borussia Dortmund ist, wissen es jetzt.

schwatzgelb.de: Du sagtest eben „Auch wenn ich irgendwann nicht mehr hier bin“. Was siehst du hier in deiner Zukunft noch für Möglichkeiten, was willst du hier noch erreichen?

Nuri SahinNuri Sahin: Einiges. Ich habe einen Vertrag hier bis 2013 und den habe ich nicht einfach so unterschrieben. Der Verein wächst, die Mannschaft wächst und die Ambitionen werden größer und natürlich will ich mit Borussia Dortmund Titel holen, ist doch normal. Im Fußball kannst du aber nie sagen „Ich werde mein Leben lang hier bleiben“, dazu bin ich allein schon nicht in der Lage, weil ich mir selbst hier keinen Vertrag geben kann. Wenn ich jetzt jedoch 30 Spiele auf der Bank sitze, kann ich auch nicht sagen „Ich muss hier bleiben, weil ich Borusse bin“. Natürlich werde ich immer Borusse bleiben, aber es geht auch um meine Karriere und dann wäre es natürlich sinnvoll darüber zu reden, ob es nicht mehr Sinn macht, etwas anderes zu machen. Aber im Moment spricht nichts dafür, dass ich hier weggehen muss. Ich bin sehr froh hier, bin angesehen, habe ein super Umfeld, ein super Team, einen Trainer der mir vertraut und einen Verein der mir vertraut. Meine Familie lebt hier, ich spiele in einem der schönsten Stadien der Welt, es gibt keinen Grund irgendetwas anderes zu machen. Ich kann jetzt aber nicht sagen „Ich werde mein Leben lang hier bleiben“, das habe ich einfach nicht in der Hand.

schwatzgelb.de: Beim Heimspiel gegen Hertha hast du die Geste mit dem Herzen über deinem Kopf gemacht. Das Bild davon ist in Fan-Foren sehr beliebt und häufig gefragt. Mohamed Zidan hat das beim Heimspiel gegen Mönchengladbach auch gemacht und direkt gesagt, dass es seiner Familie gilt. Kannst du uns kurz erläutern, wie das bei dir ist?

Nuri Sahin: Die Geste ist für meine Frau gedacht. Wir haben spaßeshalber immer so geredet, und ich habe gesagt, dass ich diese Geste mache, wenn ich mal ein Tor schieße. Es war, glaube ich, letztes Jahr gegen Karlsruhe das erste Mal und seitdem mache ich diese Geste bei jedem Tor.

Verdeckt von Subotic, aber trotzdem mit Herz: Nuri Sahinschwatzgelb.de: Sie gilt also nicht dem Verein?

Nuri Sahin: Die Fans sollten einfach wissen, dass ich Dortmunder bin. Dafür brauche ich so eine Geste nicht.

schwatzgelb.de: Jetzt sind es nur noch acht Spiele bis zum Saisonende, welche werden in deinen Augen die Schlüsselspiele sein?

Nuri Sahin: Acht wichtige Spiele, 24 Punkte – dann bist du sicher dabei. (Gelächter)

schwatzgelb.de: Nach dem Spiel in Bochum ist die sportliche Führung um Herrn Zorc und Herrn Watzke vom bisherigen Weg abgeschritten, dass man keine Platzierung als Ziel ausgibt und hat gesagt, dass man jetzt ganz gerne schon da oben bleiben würde. Nehmt ihr das in der Mannschaft jetzt auch anders wahr?

Nuri Sahin: Nein, wir müssen immer noch von Spiel zu Spiel gucken. Natürlich gucken wir nach jedem Spiel auf die Tabelle, gucken uns an, was die anderen gemacht haben und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich nicht weiß, wer hinter uns oder vor uns steht. Von Spiel zu Spiel gucken! Am Wochenende kommt Leverkusen, und wenn du das Spiel gewinnst, hast du natürlich schon was Gutes geschafft, dann weißt du auch, dass du in der Tabelle gut stehst. Von Spiel zu Spiel gucken, sich nach jedem Spiel neu aufstellen und auf den nächsten Gegner konzentrieren. Wenn wir am 31. oder 32. Spieltag da oben stehen, dann sagt keiner mehr „Mal gucken, was die Saison bringt“, dann will jeder da oben bleiben. Für uns junge Spieler und den Verein ist es sehr, sehr wichtig, dass wir international spielen können. Ich hoffe, dass wir es dieses Jahr endlich schaffen werden.

Nuri und alle Fans wollen wieder international spielenschwatzgelb.de: In der Bundesliga gibt es regelmäßig neue Anstoßzeiten, die Europa-League wird andauernd reformiert. Mittlerweile gibt es fast jede Woche einen internationalen Spieltag. Findet man das als Spieler gut? Hat man da, mit Blick auf den Trainingsplan, favorisierte Spieltermine?

Nuri Sahin: Ich würde natürlich gern dauernd dienstags und mittwochs um 20:45 Uhr spielen, das ist klar, das will doch jeder Fußballer. (großes Gelächter) Sonst sind einem die Anstoßzeiten eigentlich egal, Hauptsache man ist international dabei.

schwatzgelb.de: Louis van Gaal hat letzte Woche die Diskussion um technische Hilfsmittel im Fußball neu angestoßen. Wie stehst du dazu und was würdest du am Sport Fußball ändern, um ihn zu verbessern?

Nuri Sahin: Ich liebe Fußball wie er jetzt im Moment ist und würde da eigentlich nicht so viel verändern. Den Chip im Ball wünsche ich mir jedoch schon gern, das sind einfach solche Sachen, die wirklich weiterhelfen. Hätten wir einen Chip im Ball, hätten wir das Derby hier zuhause gewonnen, andere Spiele vielleicht verloren. Aber das gleicht sich aus, glaub mir.

schwatzgelb.de: Als Abschlussfrage: Du hast auf deiner Homepage stehen, dein Anspruch sei es, immer weit zu kommen. Was bedeutet das für dich, sportlich wie privat?

Nuri Sahin: Privat wünsche ich mir eine glückliche Familie, hoffentlich mit Kindern und natürlich Gesundheit. Ein schönes Leben mit meiner Frau, hoffentlich nach der Karriere ein schönes Haus am Meer und ein schönes Restaurant, das ist unser Lebenstraum. Die Wurzeln bleiben natürlich in Meinerzhagen, da werden wir später auch leben - aber ein Haus am Meer und unser eigenes Restaurant haben, über sowas macht man sich schon Gedanken. Aber das ist noch weit weg. Sportlich will ich ganz nach oben kommen, will sehr viele Titel gewinnen. Ich will schon Spuren hinterlassen.

schwatzgelb.de: Vielen Dank für das ausführliche Interview!

Nuri Sahin sieht sich mit schwatzgelb.de konfrontiert

Das Interview führten Jens Buschmann, Malte Schwietering und Sven Hausmann.

Im ersten Teil des Interviews sprachen wir mit Nuri über die aktuelle sportliche Situation und seinen persönlichen Werdegang, im zweiten Teil über Vergleiche mit großen Spielern, seine Rolle als Integrationsfigur und Dortmunder Fangesänge.

Redaktion, 25.03.2010

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