Im Gespräch mit...

"Auf dem Bolzplatz macht?s natürlich mehr Spaß"

24.03.2010, 18:00 Uhr von:  Redaktion

Nuri SahinIm zweiten Teil des großen schwatzgelb.de-Interviews spricht Nuri Sahin mit uns über Vergleiche mit großen Spielern, seine Rolle als Integrationsfigur und Dortmunder Fangesänge.

schwatzgelb.de: Reibt ihr euch, mit Blick auf die Aufstellung, manchmal die Augen, dass da so junge Spieler in der Bundesligamannschaft von Borussia Dortmund auf dem Platz stehen?

Nuri Sahin: Nein, die Augen reiben wir uns nicht. Wir wissen alle was wir können und sind nicht hier, um samstags auf der Bank zu sitzen und zu gucken, was Borussia Dortmund macht. Wir wollen natürlich spielen und unseren Teil dazu beitragen. Man freut sich sicher darüber, wenn auf dem Platz fünf bis sechs 20-/21-jährige stehen und erfolgreich spielen, und wir haben in der Hinrunde auch gezeigt, dass man sich auf uns verlassen kann, denke ich. Wir sind alle realistisch, wissen was wir können und wollen das dann auch auf dem Platz zeigen.

schwatzgelb.de: Wenn man sich in letzter Zeit die Interviews von Mats Hummels, Marcel Schmelzer oder auch dir anhört, stellt man fest, dass ihr alle nette „Schwiegersohn“-Typen seid. Wird man inzwischen dahingehend ausgebildet, dass man sich nichts mehr zu Schulden kommen lässt, den Trainer und Mitspieler nicht öffentlich anprangert und nichts Böses gegen Schalke 04 sagt?

Nuri Sahin: Ich kann jetzt auch irgendwas über Schalke sagen oder Mitspieler kritisieren und weiß, dass ich dann in den nächsten zwei Tagen in der Zeitung stehe. Aber so etwas brauche ich nicht. Es geht hier um Leistung, es geht um Borussia Dortmund und auch um mich selbst. Mir ist es lieber, wenn die Presse über meinen Fußball schreibt. Wir sind keine Schwiegermutter-Typen, wenn es sein muss knallen wir auf dem Platz oder außerhalb auch mal dazwischen, in der Kabine werden wir auch mal laut. Aber dass wir eher von der ruhigeren Sorte sind ist jedem bekannt, glaube ich.

Nuri bei der Grätscheschwatzgelb.de: Wenn man von deiner Spielweise hört, liest man oft Lob. Es fällt aber auf, dass du gar kein Schweinehund bist, wie zum Beispiel Maik Franz oder früher Stefan Effenberg. Wie siehst du das?

Nuri Sahin: Stefan Effenberg war überragend, wie der Fußball gespielt hat, finde ich einfach klasse. Das ist halt vom Typ abhängig. Ich kann mich nicht zu einem Stefan Effenberg zwingen, das geht nicht, ich bin Nuri Sahin und versuche einfach mein Spiel zu spielen. Natürlich braucht man solche Typen, Effenberg war zum Beispiel ein überragender Leader, aber ich bin nicht so einer und will auch nicht so einer werden. Dann wäre ich nicht ich selbst.

Dass ich auf dem Platz nicht hart bin würde ich so auch nicht sagen. Ich habe die fünfte Gelbe bekommen, das ist auch nicht gerade üblich für mich, so viele Karten zu kriegen. Auf dem Platz kann ich auch hart sein – aber nicht unfair.

schwatzgelb.de: Ihr bekommt vom Trainer taktische Schulungen und jeden Tag Anweisungen, wie ihr euch im Spiel zu verhalten hat. Das ist viel mehr Theorie als früher. Sicher seid ihr alle leidenschaftliche Fußballer, aber macht das noch genau so viel Spaß wie auf dem Bolzplatz, wo man einfach frei von Anweisungen aufspielen kann?

Nuri Sahin: Auf dem Bolzplatz macht’s natürlich mehr Spaß. Da gibt’s viel weniger Regeln, da spielst du mit deinen Freunden, mit denen du einfach Spaß haben willst. Ich vermisse das auch, aber wenn ich Urlaub habe mache ich das mit meinem Bruder und meinen Freunden oft genug und das macht mir auch sehr viel Spaß. Heutzutage ist das, was du hier machst, aber auch sehr wichtig, weil du anders keine Chance hast. Das gleicht sich aus.

Nuri SahinEs ist auch auf eine Art und Weise sehr schön, wenn du einen Gegner taktisch ausschaltest, das ist eine Genugtuung. Wenn du siehst, die kommen gar nicht raus hier, der Trainer hatte Recht, wir haben das gut gemacht – das ist schon etwas sehr, sehr geiles. Wenn du zum Beispiel siehst, dass der VfL Wolfsburg, der amtierende Deutsche Meister, in Wolfsburg gegen uns gar keine Chance hatte – die hatten von der ersten bis zur letzten Minute ja überhaupt keine Chance, das war schon eine taktische Meisterleistung von uns und das haben wir auch knallhart durchgezogen – das ist nach dem Spiel schon ein richtig geiles Gefühl.

schwatzgelb.de: Nach einigen Spielzügen fragt man sich als Zuschauer, ob das jetzt gerade spontan oder einstudiert war. Wie viel Prozent in so einem Spiel sind einstudiert?

Nuri Sahin: Das kannst du nicht sagen. Defensiv kann man das vielleicht einordnen, da weißt du oft, was die Stärken deines Gegners sind und versuchst die Räume oder Gegenspieler zu decken, die gefährlich werden können. Aber in der Offensive, da gibt’s so viele Künstler, so viele Situationen, da kannst du taktisch laufen wie du willst. Dann schlägt jemand, der sehr talentiert ist und so einen Pass schlagen kann, einen genialen Pass oder jemand schießt aus 30 Metern ins Tor – das kann man nicht in Prozenten ausdrücken.

schwatzgelb.de: In letzter Zeit schlägst du auch öfter solche Pässe, was dazu führt, dass du immer öfter mit Spielern wie Cesc Fabregas verglichen wirst. Wie gehst du damit um?

Nuri Sahin: Das soll nicht arrogant klingen, aber ich weiß, dass ich das Niveau erreichen kann, auf dem diese Spieler aktuell sind, da will ich ja auch hinkommen. Ich weiß, dass ich das erreichen kann, wenn ich nur hart genug an mir arbeite, denn das Talent dazu habe ich und ich muss nur weiter meine Leistung bringen, mich weiterentwickeln, auf dem Boden bleiben und alles realistisch einschätzen.

Nuri bedankt sich bei der Süd für die UnterstützungDass man Vergleiche zieht, ist doch normal. Wenn ich BVB-Fan wäre und mein Lieblingsspieler würde zwei oder drei gute Spiele machen, würde ich doch auch sagen „Der könnte da oder dort spielen“. Ich von meiner Seite weiß, was ich erreichen kann, und da arbeite ich jeden Tag drauf hin. Dass die Fans dann so von mir denken, ist natürlich etwas Schönes.

schwatzgelb.de: Man fragt sich als Fan bei Gesängen oft: Bekommen die Spieler das überhaupt mit?

Nuri Sahin: Wenn dein Name gerufen wird, kriegst du das auf jeden Fall mit, anders geht’s ja nicht. Im Spiel bekommst du zwar irgendwas mit, aber du realisierst das nicht, außer wenn der Ball im Aus ist vielleicht. Wenn Kevin ein Tor macht, dann weißt du genau jetzt kommt „Wir sind alle Dortmunder Jungs“ und ich find das auch richtig cool. Die Gesänge von der Südtribüne find ich auch richtig klasse, dass die Jungs sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen auch. Aber im Spiel, da würde ich jetzt lügen wenn ich sagen würde, dass ich immer denke „Hey, was singen die denn jetzt?“ oder so.

schwatzgelb.de: Wo du gerade von „Dortmunder Jungs“ sprachst: Wie ist das für dich, dass das Lied fast nur noch bei Kevin Großkreutz und kaum noch bei dir kommt oder dass du eventuell nicht mehr so als Dortmunder Junge angesehen wirst?

Nuri Sahin: Ich bin aus der Jugend von Borussia, ich sehe mich schon als Dortmunder Junge. Es ist jetzt auch nicht so, dass ich mir denke „Wieso singen die das nicht auch bei mir?“, das ist für mich überhaupt kein Problem. Der Kevin ist auch einfach extrem (Gelächter), der Junge ist nicht mehr normal (großes Gelächter). Ich finde das cool und der zieht sein Ding durch, es ist einfach nur schön dass die Fans das bei ihm singen und da ist auch überhaupt keine Eifersucht oder kein Neid, überhaupt nicht.

Kevin und Nuri beim TorjubelJosef Schneck: Dem Kevin gönnt das hier aber auch jeder!

schwatzgelb.de: Es gibt als Kehrseite der Medaille aber auch Situationen, da werdet ihr von den Fans auf der Tribüne dazu aufgefordert euch hinzusetzen und dann ausgepfiffen, wenn ihr das nicht macht. Wie nehmt ihr Spieler das wahr?

Nuri Sahin: Es gibt einfach so Spiele, da hast du vorher drei Wochen in Folge verloren und gewinnst dann mit Ach und Krach wieder – da willst du dich einfach nicht so feiern lassen. Man will sich dann feiern lassen, wenn man denkt „Wir haben etwas großes geschafft!“, wir haben einen Derbysieg geholt oder sowas. Nach einem 3:1 gegen den Deutschen Meister oder einem 4:0, da macht man das gerne. Aber man muss ein Gefühl dafür haben, wann das richtig ist und wann nicht und ich denke, wir haben das schon ganz gut im Griff.

schwatzgelb.de: Du bist türkischer Nationalspieler und auf deinen Autogrammstunden merkt man auch, dass viele türkischstämmige Jugendliche Interesse an dir haben. Siehst du dich als Person, die in Sachen Integration mitwirken kann?

Nuri Sahin: Auf jeden Fall. Ich mache das auch und unterstütze solche Projekte, der Josef kennt das auch, wir unterstützen auch gemeinsam einige Projekte. Integration ist für mich sehr, sehr wichtig, weil ich weiß wie das ist. Ich hatte Gott sei Dank immer positive Erlebnisse in der Hinsicht und will auch, dass das in Zukunft so bleibt. Integrationsfigur für die türkischen Kinder, Vorbild, ich denke schon, dass ich das bin. Die leben auch in Deutschland, sind Türken und sehen einfach ein paar Spieler in der Bundesliga spielen, die die gleiche Herkunft haben, aus der gleichen Situation kommen. Da versuche ich mich schon als Vorbild zu verhalten.

Nuri Sahinschwatzgelb.de: Vor einigen Jahren waren beim Spiel Griechenland gegen die Türkei keine Gästefans zugelassen, und die Türkei hat 1:4 gewonnen. Ist es überhaupt wichtig, dass man Gästefans im Rücken hat und macht es einen Unterschied, ob das 2.000 oder 6.000 Fans sind?

Nuri Sahin: Also, wenn du so verrückte Fans wie der BVB hast und in Berlin 10.000 Leute dabei sind, dann macht das schon was aus! Aki Watzke hat letztens gesagt, dass in Berlin 12.000 Fans dabei sein werden – das ist nicht normal und das kriegt man auch mit. Borussia-Fans sind überall und machen überall viel Stimmung und man merkt das schon auf jeden Fall.

schwatzgelb.de: Die Türkei hat das Spiel jetzt aber klar und deutlich gewonnen…

Nuri Sahin: Bei so einem besonderen Spiel brauchst du auch keine zusätzliche Motivation. Die Türkei gegen Griechenland ist sowas wie Dortmund gegen Schalke.

Josef Schneck: Außerdem war die Türkei sicherlich fußballerisch und sportlich einfach besser. (Gelächter)

Das Interview führten Jens Buschmann, Malte Schwietering und Sven Hausmann.

Gestern sprachen wir mit Nuri im ersten Teil des Interviews über die aktuelle sportliche Situation und seinen persönlichen Werdegang. Im dritten und letzten Teil erzählt uns Nuri morgen vom Derby, seinem Herz, Borussias Tradition und seiner persönlichen Zukunft.

Redaktion, 24.03.2010

Unterstütze uns mit steady