Im Gespräch mit...

"Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass Borussia Dortmund wieder eine feste Größe ist"

23.03.2010, 18:47 Uhr von:  Redaktion

Meistens gut gelaunt: Nuri SahinIn Verbindung mit dem Aufschwung des BVB unter Jürgen Klopp fällt der Name Nuri Sahin so oft wie kein anderer. Symbolisch steht er für die rasante Entwicklung dieser jungen Mannschaft, die beweist, dass der Traum von Europa in greifbare Nähe gerückt ist. Seit seinem zwölften Lebensjahr steht der Türke in Diensten von Borussia Dortmund. Vor dem Heimspiel gegen Leverkusen nahm er sich viel Zeit und stand schwatzgelb.de Rede und Antwort. Dabei sprach er mit uns über die aktuelle sportliche Situation, seinen persönlichen Werdegang und zukünftige Ambitionen.

schwatzgelb.de: Nuri, gegen Leverkusen wirst du das erste Mal in dieser Saison nicht auf dem Platz stehen. Du bist inzwischen Stammspieler, Mitglied des Mannschaftsrates und warst auch schon Kapitän. Allerdings wollte Jürgen Klopp dich zu Beginn seiner Amtszeit beim BVB nicht um jeden Preis behalten. Wie siehst du deine persönliche Entwicklung seitdem?

Nuri Sahin: Durchaus positiv. Ich bin seit mehr als einem Jahr Stammspieler, habe eigentlich keine Minute verpasst und dass Jürgen Klopp mich am Anfang nicht wollte, ist nicht so ganz richtig. Er war nur offen und ehrlich und hat gesagt „Wenn ein Verein kommt, der Nuri haben will, der kann ruhig mit ihm reden, ich lege ihm keine Steine in den Weg“, weil die Perspektive jetzt auch nicht gerade die war, dass ich direkt, als ich aus Rotterdam zurückkam, der Spieler für Borussia war. Ich kam mit einer Verletzung zurück, bei der ich eine sehr schlechte Reha hatte – das muss ich mir aber selber zuschreiben, da war ich unprofessionell, weil es meine erste Reha war und ich das nicht so ernst genommen habe und dachte, das wird schon mit ein paar Trainingseinheiten. Dem war aber leider nicht so und der Trainer war natürlich nicht gerade froh darüber. Er hat mir aber auch nie gesagt „Du sollst gehen“, sondern hat mir gesagt, dass ich eine faire Chance bekomme wie jeder andere. Auf diese Chance habe ich gewartet, und als sie gekommen ist, habe ich sie, denke ich, sehr gut genutzt.

Nuri führte Borussia mehrfach auf den PlatzIch habe das erreicht, was ich erreichen wollte: ich bin Stammspieler. Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass Borussia Dortmund wieder eine feste Größe ist, bin Mitglied im Mannschaftsrat, habe mich persönlich sehr weiterentwickelt und bin dem gerecht geworden, was Borussia Dortmund von mir verlangt.

schwatzgelb.de: Mit Sebastian Kehl, Tamas Hajnal oder Dede waren Leitfiguren auf und neben dem Platz lange verletzt. Wie haben sich die Hierarchien in der Mannschaft in dieser Zeit entwickelt?

Nuri Sahin: Das sind alles angesehene Spieler, die auch außerhalb des Platzes viel zu sagen haben. Sie waren natürlich auch immer für uns da, ganz besonders Sebastian Kehl, unser Kapitän, hat uns da weitergeholfen, wo es sein musste. Auf dem Platz waren wir aber auf uns selbst gestellt, und da haben einige versucht, voran zu gehen. Ich war einer davon und ich versuche auch heute noch, voran zu gehen. Die Zeit war sehr lehrreich, denke ich, denn in der Zeit als wichtige Spieler gefehlt haben sind einige junge Spieler in Erscheinung getreten. Mats, Neven, Kevin, Schmelle, Manni und auch ich selbst, wir haben uns in der Zeit sehr weiterentwickelt. Auf einmal wurde die ganze Aufmerksamkeit auf uns gerichtet, wir waren einem gewissen Druck ausgesetzt und ich denke, das hat jeden von uns weitergebracht.

schwatzgelb.de: Nach Sebastian Kehls Rückkehr stehen für die Position 6 zukünftig mit ihm, Sven Bender und dir drei Spieler zur Verfügung. Wie siehst du den Konkurrenzkampf, und würdest du zum Beispiel auch ins linke Mittelfeld ausweichen oder nach vorne in die Kreativzentrale?

Nuri Sahin: Der Trainer entscheidet, wer spielt. Ich denke, dass ich auf dieser Position in dieser Saison, bis auf die Ausnahme gegen Mönchengladbach, ganz gut gespielt habe und dass ich auf der Position auch wichtig bin für die Mannschaft. In diesem System ist die Position schon ideal für mich, aber der Trainer entscheidet und man muss das respektieren. Der Trainer weiß, was am besten für die Mannschaft ist. Ich würde jetzt nie sagen, dass ich da spielen muss oder dort spielen muss. Ich weiß wo meine Stärken sind, wo ich der Mannschaft am besten weiterhelfen kann, aber das weiß der Trainer auch und so stellt er auf.

Nuri SahinIch bin jemand, der gerne aus der Tiefe kommt, sich den Ball früh abholt und das Spiel mit lenkt, da passt mir diese Position schon am besten. Aber es ist nicht so, dass ich die anderen drei Positionen in der vorderen Reihe nicht auch spielen kann. Die Position, die ich im Moment gerne und auch sehr erfolgreich ausfülle, ist aber die Sechser-Position.

schwatzgelb.de: Man hatte das Gefühl, dass du mit Sebastian Kehl als Partner defensiver spielst als mit Sven Bender. Gibt es da jetzt eine Neuverteilung der Aufgaben?

Nuri Sahin: Ich bin nicht defensiver, ich war gegen Bochum an drei Toren beteiligt, also kann ich nicht so defensiv sein. Vielleicht ist der Eindruck ein anderer, dass Kehli ein bisschen offensiver ist, aber wir haben da eher gleich viele Vorstöße. Wir wechseln uns da ab und ergänzen uns da auch ganz gut. Ich habe das auch mit Manni Bender recht gut hingekriegt, der sich ebenfalls ab und zu in die Tiefe mit eingeschaltet hat. Es gibt jetzt keine Verteilung wie Kehli ist der Offensive von uns beiden und ich der Defensive, oder andersrum. Das macht man nach Gefühl. Wenn Kehli geht, bleibe ich hinten, wenn ich gehe, bleibt Kehli. Einer muss ja die Sechser-Position ausfüllen.

Sven muss man einfach ansehen, dass der Junge sehr gut Fußball spielen kann und das in der letzten Zeit auch so gemacht hat. Jetzt wird er wieder fit und auch wieder sehr wichtig für die Mannschaft sein.

schwatzgelb.de: Konntest du selbst in der Zeit, in der Spieler wie Sebastian Kehl nicht im Training waren, auch als Vorbild für jüngere Spieler wie Mario Götze dienen?

Weltklassespieler vereint: Nuri und Tomas RosickyNuri Sahin: Ich denke, dass die jüngeren Spieler mittlerweile so weit sind, dass man mit denen nicht mehr viel reden muss. Ich habe den jungen Spielern natürlich angeboten, dass wir da sind, wenn sie was brauchen – egal ob ich es bin oder Mats oder Neven, wir haben ja alle mittlerweile eine gewisse Erfahrung. Das wissen die auch sehr zu schätzen und kommen auch zu uns, wenn sie irgendwelche Fragen haben. Aber es ist nicht so, dass wir den Jungs sagen „Du musst das machen“ oder „Du musst dies machen“, die sind in der Jugendarbeit schon so weit ausgebildet, dass sie wissen, worum es hier geht. Die sind alle sehr bodenständig und man muss nicht viel mit denen reden.

schwatzgelb.de: Wir sprachen gerade von deiner Vorbildfunktion für junge Spieler. Wie haben sich in deiner Karriere andere Mitspieler, insbesondere Tomas Rosicky, Giovanni van Bronckhorst oder aktuell Sebastian Kehl, auf dich ausgewirkt?

Nuri Sahin: Rosicky war bisher der beste Spieler mit dem ich zusammengespielt habe und ich kann mir auch schwer vorstellen, dass ich je mit einem besseren zusammenspielen werde. In meinen Augen war Tommy einfach weltklasse, und wenn er sich nicht verletzt hätte, wäre er heute ganz ganz oben. Ich habe sehr viel von ihm gelernt, genau wie von Christian Wörns, Sebastian Kehl, van Bronckhorst... Ich könnte da jetzt viele aufzählen. Das sind alles gute Spieler.

Michael Mols, mit dem ich bei Feyenoord zusammengespielt habe, war mein Zimmerpartner. Zu der Zeit war ich 18/19, er war 37, aber wir haben uns überragend verstanden. Von ihm habe ich sehr gelernt, wie man als Profi leben sollte. Ich kannte ihn vorher aus dem Fernsehen, als er mit den Glasgow Rangers gegen Galatasaray gespielt hat, und fand ihn immer richtig klasse. Und dann sehe ich ihn vor mir – ein geiler Typ einfach, mit dem ich auch heute noch sehr guten Kontakt habe. Von ihm habe ich einiges gelernt, von Christian Wörns beispielsweise wie man professioneller lebt, dass man arbeiten muss um anerkannt zu werden, und von Tommy halt diese Genialität, mit einem Pass alles auszuschalten, was es auszuschalten gibt. Das sind sehr gute Beispiele.

schwatzgelb.de: Als du Profi geworden bist, warst du keine 17 Jahre alt. Ich persönlich bin kaum älter, und dich spielen zu sehen war früher für mich immer sehr unwirklich, da du der erste Spieler warst, bei dem ich gemerkt habe „Verdammt, da spielt jemand, der jünger ist als ich!“. Für dich kamen dann viele lobende Worte von allen Seiten, unter anderem von Arsene Wenger. Wie geht man da als 16-jähriger mit um, wenn da von allen Seiten so ein Rummel auf einen zukommt?

Der jüngste Bundesligatorschütze aller ZeitenNuri Sahin: Im ersten Moment denkst du natürlich „Wow“, „cool“, „super“, Interviews mit Zeitungen, alles schön. Ich weiß noch, als eine Zeitung zum ersten Mal einen Bericht über mich gebracht hat, da hat Salvatore Gambino gesagt „Heute ist ein Bericht über dich in der Zeitung!“. Das habe ich natürlich erst mal nicht geglaubt, doch dann hat er gesagt „Geh mal auf die Toilette, ich hab da deinen Bericht hingelegt“. Da hab ich mir das angeguckt und fand das natürlich sehr schön, da eine ganze Seite über mich zu finden. Aber ich konnte damit eigentlich schon immer gut umgehen, hatte nie diesen Höhenflug, den man von einem 16-/17-jährigen erwartet. Es wäre ja auch legitim, wenn man dann abhebt, man wird in dem Alter ja dann plötzlich als „Wunderkind“ betitelt. Ich habe mich aber früher, als ich noch Fußball geguckt habe, sehr mit dem Thema befasst. Wie gibt man Interviews? Was sagt man? Wie geht man mit Kritik um? Ich denke, dass ich in der Hinsicht schon recht weit war, trotz meines Alters.

Positive Stimmen von großen Trainern zu hören tut mir auch heute noch gut und das sind sehr schöne Anerkennungen. Ich wusste aber auch, dass das nach hinten losgehen kann und hatte dann auch leider – was heißt leider, es hat mich im Nachhinein sehr weitergebracht – ein kurzes Tief. Aber dieser Hype hat mich nicht so sehr geändert.

Josef Schneck: Nuri, der ganz große Hype kam dann aber erst mit dem ersten Trainingslager in der Türkei, nachdem du dein erstes Bundesligator geschossen und das erste Tor gegen Olli Kahn gemacht hast. Von den türkischen Journalisten wollte dich jeder einmal anfassen, dagegen war das in Deutschland nichts. Du warst der neue Nationalheld, das war unglaublich!

Nuri Sahin: Dort war man natürlich stolz auf mich. In der Türkei ist es aber auch so, dass du anerkannt bist, wenn du oft in den Zeitungen stehst. Da gibt’s viel mehr Zeitungen und das kannst du nicht mit der deutschen Presse vergleichen. Wenn du da jeden Tag in der Zeitung stehst und die Leute dich anerkennen, bist du sowas wie ein Star und wirst auf Händen getragen. Du bezahlst im Restaurant keine Rechnungen oder der Taxifahrer, der eigentlich viel Geld von dir verlangen muss, weil du so gut verdienst, sagt zu dir „Nein, das brauchst du nicht zu bezahlen!“. In der Türkei leben die Menschen dafür und sind sehr fanatisch. Aber wenn das nach hinten losgeht, kann es auch sehr schlimm werden.

Nuri Sahinschwatzgelb.de: Du bist in einer Zeit als Profi rausgekommen, in der Borussia finanziell kurz vor dem Kollaps stand. Kommt ihr Spieler euch da nicht auch wie im Traum vor, wenn es jetzt endlich wieder möglich ist, international zu spielen, wenn man wie du drei Jahre lang Mittelmaß und einen Fast-Abstieg erlebt hat?

Nuri Sahin: Also in finanzieller Hinsicht habe ich mir da nicht so viele Gedanken gemacht, das war mir zu weit weg. Natürlich habe ich mitbekommen, dass es dem Verein nicht so gut geht, aber wir haben uns auf das Sportliche konzentriert. Leider hat das in den Jahren zuvor nicht ganz so gut geklappt, aber ich denke, die letzten zwei Jahre sind ein sehr gutes Beispiel dafür, dass es dem Verein sowohl finanziell als auch sportlich wieder besser geht. Dass wir auf einem internationalen Platz stehen, ist natürlich überragend und ich hoffe, dass das auch nach dem 34. Spieltag noch der Fall ist. Es wäre für mich, die jungen Spieler und den Verein einfach sehr, sehr wichtig, dass wir uns auch international entwickeln können. Es gibt für einen Fußballer nichts Schöneres, als jede Woche zweimal zu spielen und so schöne Spiele zu machen, die dich weiterbringen. Wenn ich mir dieses Jahr die Europa League ansehe, dann spielen da fast nur namhafte Mannschaften, die eigentlich alle in die Champions League gehören. Sie hatten leider nicht das Glück, dieses Jahr dabei zu sein. Liverpool spielt in der Europa-League, dazu Valencia – das sind alles große Mannschaften. Darauf freue ich mich sehr, ich hoffe dass wir es dieses Jahr schaffen.

Das Interview führten Jens Buschmann, Malte Schwietering und Sven Hausmann.

Im morgigen zweiten Teil sprechen wir mit Nuri über Vergleiche mit großen Spielern, seine Rolle als Integrationsfigur und Dortmunder Fangesänge.

Redaktion, 23.03.2010

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