Unsa Senf

Wir Kinder vom Bolzplatz Zoo

10.06.2020, 07:18 Uhr von:  Sascha
Wir Kinder vom Bolzplatz Zoo
Vielfältige Probleme mit dem DFB

Nur noch ein paar Wochen, dann ist es geschafft. Die wohl denkwürdigste aller Spielzeiten ist vorbei, die Vertragspflichten sind erfüllt und der Fußball macht sich daran, wieder besser, wertvoller, idealistischer, Fan-näher und liebenswerter zu werden. Ansatzpunkte fallen einem dabei ohne großes Nachdenken zuhauf ein.

Die Gehaltsstrukturen werden so nach unten korrigiert, dass nicht bereits 17-jährige „Rohdiamanten“ in ihrer ersten Profisaison so viel Geld verdienen, wie ihre Eltern es nicht in ihrem ganzen Leben zusammenkriegen würden. Man hört auf, Werbung für Staaten und Konzerne zu schalten, die die permanente Verletzung von Menschenrechten betreiben oder mitfinanzieren, damit man nicht mehr das miese Gefühl hat, nur das vollbusige Dummchen zu sein, mit dem sich ziemlich schmierige Typen als Statussymbol umgeben. Man vertritt Werte nicht nur im Rahmen irgendwelcher „Rote Karte für….“-Kampagnen der Verbände, sondern lebt sie mit voller Konsequenz. Die Ticketpreise werden wieder auf ein Maß sinken, bei dem man nicht befürchtet, an der Stadionkasse gerade übel über den Tisch gezogen zu werden und es gibt wieder große Stehplatzbereiche hinter den Toren, statt dieser in die Ecken gequetschten Pizzastückchen, die man am liebsten auch noch zugunsten teurerer Sitzplätze wegrationalisieren würde. Man unterlässt es, auch die größten Dreckssäcke zu hofieren, nur weil sie einen hohen sportlichen Wert haben, statt sie bei einem Wechsel noch wohlwollend dabei zu begleiten, wie sie ihrem aktuellen Arbeitgeber und den Fans ins Gesicht spucken, um diesen Transfer zu forcieren. Die Vereine wiederum hören auf, Großindustrielle zu spielen und in den Spielern temporäres Anlagevermögen, in den Fans nur zahlungswillige Kundschaft zu sehen. Es wird wieder echten Wettbewerb geben, der in der Zukunft verhindert, dass in der Hälfte der europäischen Ligen nur noch die Frage ist, mit welchem Vorsprung der jeweilige Serienmeister in diesem Jahr über die Ziellinie joggt.

Nur ein zu lösendes Problem: Der kaum noch existente Wettbewerb in der Liga
Nur ein zu lösendes Problem: Der kaum noch existente Wettbewerb in der Liga

All das wird sich ändern zur neuen Saison. Nur eben noch schnell diese laufende Corona-Saison zu Ende bringen, weil man die TV-Gelder braucht.

Ok, so weit wie oben beschrieben werden die Offiziellen der Vereine, der DFL und des DFB doch nicht gehen wollen. Das wäre des Guten dann doch viel zu viel. Aber immerhin beteuern viele Stimmen, dass man so nicht weitermachen könne und sich gewaltig etwas ändern muss. Klar. Wir werden ein tolles, neues Leben beginnen und clean werden. Nur noch eben diesen einen Schuss setzen und noch einmal frisches Geld in die Venen pumpen, bevor wir damit aufhören. Das funktioniert immer. Und dieser Schuss, um in der Analogie zu bleiben, ist ein ziemlich goldener. Während man einerseits darüber redet, wie man später den Fußball wieder vom Zustand einer Geldbeschaffungsindustrie umgestalten will, reduziert man ihn gerade in extremster Form genau darauf. Die europäischen Ligen spielen die Saison nur aus einem Grunde zu Ende: Geld. Um die horrenden Millionenbeträge aus den TV-Verträgen zu kassieren, ist man bereit, alle anderen Facetten des Fußballs komplett auszuschalten. Fans dürfen sich nicht im Stadion versammeln? Dann spielen wir eben ohne sie. Man hat möglicherweise nur ein kleines Zeitfenster, um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten?? Dann ziehen wir das eben auch mit höchst zweifelhaftem, sportlichem Wert in aller Kürze durch. In der Konsequenz muss dann ein Regionalligist nach drei Monaten völlig ohne Wettkampf im Pokalhalbfinale gegen einen Erstligisten antreten, der schon fünf Ligaspiele absolvieren konnte. Geld als einziger Antrieb für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs war so offensichtlich, dass Öffentlichkeit, Fans und Medien in seltener Einigkeit nur Hohn und Spott für die zuerst geäußerte Darstellung vom Fußball als Halt und Hoffnungsgeber für eine pandemieerschütterte Gesellschaft übrig hatten.

Selbst K.-H. Rummenigge wurde für seine Erklärungen zum Re-Start nur belächelt
Selbst K.-H. Rummenigge wurde für seine Erklärungen zum Re-Start nur belächelt

Wie realistisch echte Wandlungen im Profifußball wirklich sind, kann man an anderen Äußerungen abschätzen. Bei Oliver Bierhoff etwa, der als Manager der Nationalmannschaft zuletzt ein Interview im Kicker gab, in dem er darstellen durfte, er habe bereits 2017 vor einem Überdrehen des Rades gewarnt und nach der verpatzten WM 2018 Maßnahmen für eine Neujustierung ergriffen. Klar. Man hat vielleicht mal wieder kostenlos ein öffentliches Training (powered by CocaCola) abgehalten und, natürlich medial begleitet, „spontan“ eine Schule besucht – aber man konnte sich nicht einmal dazu durchringen, diesen völlig behämmerten Marketingclaim „Die Mannschaft“ wieder voller Scham in die Kiste zu stopfen und diese Kiste im tiefsten Ozean zu versenken, damit sie bloß niemand wieder findet. Eine durchaus beeindruckende Neujustierung.

Oder dieses tolle Video, in dem ein als Salomon Kalou verkleideter Günter Wallraff in der Umkleidekabine von Hertha BSC Vedad Ibisevic dabei filmte, wie er über den angeblich freiwilligen Gehaltsverzicht schimpfte. Vermutlich ist er nicht der einzige im Kader, der sich bei den Kürzungen von 11 % vom Verein böse ausgeraubt fühlte. Das zeigt auf der einen Seite ganz deutlich, für wen diese ganzen Geisterspiele überhaupt veranstaltet werden, wenn bereits diese 11 % dafür sorgen, dass der Verein wenigstens halbwegs über die Runden kommt. Die freundlichen Mitarbeiter an der Telefonzentrale des Ticketings scheinen zumindest nicht die großen Kostentreiber in den Vereinen zu sein. Andererseits aber auch die fehlende Bereitwilligkeit der Spieler, auf Änderungen einzugehen, die ihren Kontostand negativ beeinflussen. Dabei muss man ihnen aber zumindest zugestehen, dass es ihr gutes Recht ist und niemand die Vereine gezwungen hat, Verträge einzugehen, die manchen Club schon nach zwei oder drei Wochen des Lockdowns an den Rand des Ruins gebracht haben.

Vedad Ibisevic hatte selbst für die aktuellen Kürzungen kein Verständnis
Vedad Ibisevic hatte selbst für die aktuellen Kürzungen kein Verständnis

Selbst zaghafteste Bestrebungen, sich von der Abhängigkeit vom Geld etwas zu lösen, werden verpuffen, wenn die Vereine wieder völlig unsolidarisch auf dem Transfermarkt um die begehrten Spieler rangeln. Es gibt immer einen, der versucht, die anderen auszustechen und noch etwas drauflegt. Wer glaubt, dass sich die europäischen Vereine auf ein Modell einigen können (oder auch nur wollen), dass die Geldzufuhr begrenzt wird und wieder andere Werte in den Vordergrund gestellt werden, glaubt auch Elfen, Feen und Einhörner. Den Takt geben die Vereine an der Spitze der Nahrungskette an. Und die haben zuletzt beispielsweise erst den Katarer Nasser Al-Khelaifi von Paris St. Germain als ihren Vertreter in das Exekutivkomitee der UEFA gewählt. Geld ist genau der Faktor, der sie von allen anderen abhebt und ihnen einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Von dieser Seite aus wird so viel Wandel kommen wie gesunder Menschenverstand im Oval Office vorhanden ist.

Der Entzug wird mit ziemlicher Sicherheit nicht vollzogen und die Träume einer schönen, besseren Fußballwelt genau das bleiben: Träume. Als Fan kann man sich trotzdem gerne und gut dem Rausch hingeben, sich von den knallbunten Bildern, die der Profifußball tagtäglich liefert, forttreiben lassen und einfach gute 90 Minuten mit einem tollen Sport haben – aber es wird immer schwerer, darin mehr als nur ein ziemlich verlottertes und schmieriges Geschäft zu sehen. Aber vielleicht hören wir auch ganz damit auf. Gleich morgen. Nur noch diesen einen Spieltag ...

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