Unsa Senf

Tönnies hat nichts verstanden - und wir?

28.01.2020, 17:22 Uhr von:  Michael
Tönnies hat nichts verstanden - und wir?

Es wird Clemens Tönnies nicht überrascht haben, dass die Frage nach seinen Aussagen kommen würde. Er hatte also lange die Möglichkeit, sich eine Antwort zurechtzulegen. Er hätte sich zerknirscht geben können, sagen, dass er nicht nachvollziehen kann, wie ihm dieser Spruch herausrutschen konnte. Er hätte sich geläutert geben können, erklären, dass es natürlich rassistische Scheiße ist, wenn er einen ganzen Kontinent pauschal beleidigt und dass er verstanden hat, dass so etwas auch nicht als Altherrenwitz durchgehen kann. Im besten Fall hätte er das mit einer fetten Spende an eine Organisation, die sich gegen Rassismus einsetzt, garniert. Damit wäre zwar nicht alles gut gewesen, aber Tönnies hätte zumindest gezeigt, dass er verstanden hat, dass seine Worte ein großer Fehler waren.

Stattdessen hat er sich für die schlimmste Alternative entschieden: „Ich hab's ja nicht so gemeint. Eigentlich find ich ganz Afrika total toll.“ Diese Antwort ist von einer so unfassbaren Ignoranz geprägt, dass es einen schaudert, dass dieser Mann eine herausragende Rolle bei einem Bundesligisten spielt. Clemens Tönnies hat in keiner Weise verstanden, was seine Worte anrichten. Welches Klima in Deutschland entsteht, wenn er solche Aussagen von sich gibt und dies im Nachhinein auch noch verteidigt. Wie schwer er es den Menschen in Deutschland macht, die tagtäglich unter Alltagsrassismus leiden.

Natürlich ist Tönnies nicht der dumpfe Rechtsradikale, der durch Rheda-Wiedenbrück rennt und „Ausländer raus“ brüllt. Dann wäre ja plötzlich der Großteil seiner Belegschaft weg. Hans Sarpei hat es damals sehr gut beschrieben. Tönnies agiert in der Art eines Kolonialherrn. Von oben herab, der gütige Herr, der in seiner Weisheit den zurückgebliebenen Afrikanern die Welt erklärt. Auch das ist Rassismus. Dass der Verein Schalke 04 offenbar so sehr am Tropf von Tönnies hängt, dass er die „Strafe“ für seinen Rassismus selbst vorschlagen durfte, ist erschreckend, aber soll hier kein Thema sein.

Aber was haben die rassistischen Ausfälle eines Clemens Tönnies mit uns zu tun?

Leider eine ganze Menge. Ähnliche Aussagen, wie jene, die Tönnies vor Publikum von sich gegeben hat, fallen leider immer häufiger in unserem Umfeld. Der Onkel, der sich auf der Familienfeier über die ganzen „Ölaugen“ und „Schwarzfüße“ beschwert, der Arbeitskollege, der in der Frühstückspause alle Ausländer abschieben will, die Nachbarin, die ja nichts gegen Muslime hat, aber in die Wohnung über ihr soll doch bitte keiner davon einziehen, der Tribünennachbar, der den gegnerischen Spieler mit Affenlauten beleidigt. All diese Menschen agieren wie Tönnies. Sie werten ab, sie pauschalisieren, sie grenzen aus. Sie rütteln an den Grundfesten unserer Gemeinschaft.

Am Montag jährte sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zum 75. Mal. Auschwitz ist das Symbol geworden, für den systematischen Massenmord an Abgewerteten, Ausgegrenzten, Entmenschlichten. Doch der Massenmord beginnt nicht erst mit dem Bau der Vernichtungslager. Er beginnt mit dem Erheben der „Einen“ über die „Anderen“. Nun bin ich mir sicher, dass Tönnies absolut nicht will, dass die Geschichte sich wiederholt. Genau wie der Onkel, der Kollege, die Nachbarin, der Tribünennachbar. Aber sie schaffen das Klima für diejenigen, die an einer Wiederholung arbeiten. Deren Ziel es ist, Andersdenkende, Andersaussehende aus unserer Gesellschaft auszuschließen.

Treten wir ihnen entgegen. Auf der Familienfeier, in der Früstückspause, im Hausflur, im Netz. Und zwar auch dann, wenn nicht die große Empörungswelle hinter uns steht. Auch dann, wenn es anstrengend ist. Wenn die Masse schweigt oder sogar applaudiert, wie bei Tönnies Worten. Zeigen wir ihnen, dass #NieWieder nicht nur ein Schlagwort, ein Hashtag ist, sondern dass #NieWieder ein ständiges Einstehen für unsere Werte bedeutet. Erklären wir ihnen, was sie mit ihren Worten anrichten. Verdeutlichen wir ihnen, dass Sie an einer Spaltung der Gesellschaft arbeiten und den Weg für Schlimmeres bereiten. Ich weiß nicht, ob Clemens Tönnies es noch verstehen wird. Der Rest versteht es hoffentlich.

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