Unsa Senf

Der situative Hurensohn

04.03.2020, 20:17 Uhr von:  Sascha
Lesezeit: ca. 5 Minuten
Der situative Hurensohn

Immer wieder was neues in der Causa Hopp. Jetzt aktuell: Manuel Neuer und der "situative Hurensohn".

Es dürfte keinen Fußballfan geben, der nicht mitbekommen hat, was am letzten Spieltag passiert ist. Landesweite Beschimpfungen von Dietmar Hopp, Spieler der Bayern und Hoffenheimer, die sich lustlos den Ball zugespielt haben, Rummenigges Gründung einer Anti-Hass-Kommission und die Ankündigung des Schalker Sportvorstandes Schneider, aus dem Drei-Stufen-Plan des DFB einen Ein-Stufen-Plan zu machen und bei einer Wiederholung sofort den Platz zu verlassen – um nur ein paar Aspekte des Bundesligaspieltags aus dem Irrenhaus zu nennen.

So durfte man gespannt sein, was denn beim gestrigen Pokalspiel der Münchener Bayern in Gelsenkirchen passieren würde. Und die Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Laut und deutlich waren aus dem Schalker Block Gesänge über einen „Hurensohn“ zu hören. Nur war diesmal Manuel Neuer gemeint und nicht der Hoffenheimer Mäzen. Die Welt hielt gespannt den Atem an. Würde man in wenigen Minuten auf dem Videowürfel sehen, wie die Spieler beider Mannschaften Arm in Arm im Kabinentrakt „give peace a chance“ schmettern würden? Würde Kalle Rummenigge auf der Tribüne hektisch sein Handy suchen, um Blauhelmtruppen anzufordern? Oder gar Schalke-Boss Clemes Tönnies das Spielfeld stürmen, um Rassismus wie wild die rote Karte zu zeigen?

Es passierte.... Trommelwirbel.... genau nichts. Keine Spielunterbrechung, keine Ansage, kein Spielabbruch. Das einzige was passierte war, dass Schalke flugs den selbstauferlegten Einstufenplan zu einem Keinstufenplan redigierte und erklärte, dass es sich dabei um eine „situative und situationsbedingte“ Beschimpfung gehandelt habe und man das deshalb habe laufen lassen. Ein Satz von außerordentlicher rhetorischer Brillianz. Kann man sich doch herrlich im Sinnieren darüber, was denn bitte zur Hölle der Unterschied zwischen „situativ“ und „situationsbedingt“ ist, verlieren und so vergisst man darüber vielleicht, was für ein grenzdebiler Unsinn dort verzapft wurde. Man will damit wohl sagen, dass es bekämpfenswerter Hass ist, wenn ich mir vor dem Stadionbesuch überlege, jemanden „Hurensohn“ zu nennen und das vielleicht sogar auf ein Banner male – aber irgendwie okay, wenn ich das spontan rufe. Nun, erst einmal dürfte eins der wenigen Dinge, die Schalker und Borussen einigt, eine innige Abneigung gegen den ehemaligen Buerschenschaftler im Tor der Bajuwaren sein, so dass sicherlich nicht die ersten Gesänge dieser Art gegen Manuel Neuer waren. Von Spontanität kann man da kaum sprechen.

Was aber noch verblüffender ist, ist der Umstand wie schnell sich alle Obermoralisten bei den Vereinen und den Verbänden selbst demaskiert haben. Man ist bereit, so zu tun, als würde man bis zum Äußersten gehen. Also, wenn das Spiel sportlich eh entschieden und der Besungene Dietmar Hopp ist. Bei einem 1:0 geht man aber besser kein Risiko ein und stellt den DFB, beziehungsweise seinen Schiedsrichter, nicht vor die peinliche Frage, ob sie wirklich bereit sind, ein Spiel abzubrechen und in die Wertung einzugreifen.

Leittragender ist natürlich der Spieler Manuel Neuer, der von Verband, Vereinsvorstand und Mitspielern schändlich im Stich gelassen wurde und den die Vorgänge so mitgenommen haben, dass er nach Spielende nur noch betroffen mit einem "So gehört sich das: Unterstützung für die Mannschaften und keine Anfeindungen." den Schalker Anhang loben konnte. So möchte man ihn als Borusse auch am liebsten in den Mittelkreis stellen, beklatschen und knuddeln – wenn er denn kein Blauer im Trikot der Bayern wäre.

In diesem Sinne: see you soon, Manu.

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