Unsa Senf

Das Rad zurückdrehen?

18.11.2020, 14:30 Uhr von:  Seb
Lesezeit: ca. 6 Minuten
Das Rad zurückdrehen?

"Wir müssen an die Fleischtöpfe", dürfte mittlerweile ein geflügeltes Wort unter Vereinsoffiziellen sein. Und tatsächlich: Wer Champions League spielt, macht richtig Kasse. Allein durch den Corona-CL-Gewinn der Bayern haben diese vermutlich mehr in der Champions League verdient als die Hälfte der Bundesligisten als Spieleretat ausweist. Es ist ein enormer Schiefstand zwischen Champions League, Europa League und dem Rest. Das ist soweit nichts Neues. Vor allem unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten aber ein Treiber in die falsche Richtung.

Rattenrennen

Die ersten vier Plätze garantieren massiv höhere Einnahmen als auf den Europa-League-Plätzen, geschweige denn weiter unten in der Tabelle. Diese Einnahmen manifestieren die Positionen. Wer sich zehn Jahre in Folge für die Champions League qualifiziert hat, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die nächsten zehn Spielzeiten ebenso schaffen. Seit einiger Zeit geht die Schere immer weiter auseinander. Die Reaktion darauf ist einfach: Teilweise durch gute Arbeit, vor allem aber durch finanzielles Risiko versuchen die Vereine, in die oberste Riege vorzustoßen und an die angesprochenen Fleischtöpfe zu kommen. Wenn das jedoch jeder Verein denkt und danach handelt, wird das finanzielle Risiko, das eingegangen werden muss, immer größer. Die Angst, abgehängt zu werden, verleitet zu einer wenig nachhaltigen Sichtweise. Wie schwerwiegend eine Nicht-Qualifikation sein kann, belegte der BVB, indem man sich gegen dieses Risiko versicherte. Der kleine Bruder Europa League hingegen ist wenig interessant und vor allem wenig lukrativ. In schier endlosen Spielen und Runden quälen sich die Vereine für ein "paar müde Mark" durch den Wettbewerb. Bei manchen Vereinen entstand das Gefühl, dass sie wegen der Mehrbelastung gegen den Abstieg spielen (Freiburg, Köln, Hannover), andere rockten die EL, konnten es aber trotzdem nicht so richtig verstetigen (Frankfurt). Die Europa League garantiert nichts, außer einem deutlich größeren Kader bei überschaubarem monetären Ausgleich. Auch das kann man nicht als nachhaltig ansehen.

Einen Schritt zurück

"Früher war alles besser", auch so ein geflügelter Satz, den keiner mehr hören kann. Trotzdem lohnt es sich manchmal, in der Vergangenheit zu wühlen und zu prüfen, ob damaliges nicht schöner, logischer oder interessanter war. Nehmen wir beispielsweise die Champions League. Der Vorgänger hieß Europapokal der Landesmeister und wurde nur von den jeweiligen Meistern gespielt. Um die Vermarktung zu verbessern und mehr Geld verdienen zu können, entschloss man sich, den Wettbewerb aber auch auf weitere Platzierungen auszudehnen. Nun spielten auch, je nach Stand in der Fünf-Jahres-Wertung, der Zweit-, Dritt- und inzwischen sogar der Viertplatzierte in der Champions League mit. Dafür wurden die Startplätze kleinerer Länder deutlich zusammengestrichen. Von einem richtigen Europapokal, der einen großen europäischen Bereich abdeckt oder gar einer Liga der Sieger, kann man nicht mehr sprechen. Bayer Leverkusen hätte 2002 dem ganzen fast die Krone aufgesetzt: nie deutscher Meister, aber fast die Champions(!) League gewonnen. Ein Schritt zurück zum alten Format, in dem nur die Meister in reinen K.O.-Runden spielen, hätte viele Vorteile. Natürlich unter der Prämisse, das Prämien und Fernsehgelder so im Rahmen gehalten werden, dass die Teilnehmer nicht vollständig enteilen und man noch mehr Serienmeister produziert.

Vorteile

1. Man hätte wieder einen "echten" Landesmeister-Wettbewerb, in dem sich die Sieger vieler europäischer Länder miteinander messen. Das sorgt dafür, dass kleine Ligen nicht komplett ausbluten, da sie nicht einfach nur in die Europa League abgeschoben werden.

2. Über einen reinen K.O.-Modus ohne Setzlisten können in jeder Runde "Kracher-Spiele" ausgelost werden. Darüber hinaus wird es einige Paarungen mit David gegen Goliath und entsprechenden Überraschungen geben und vielleicht hat eine kleinere Mannschaft auch mal Losglück und stößt richtig weit vor. Der gesamte Wettbewerb wird weniger berechenbar.

3. Es finden weniger Spiele statt. Weniger Spiele sorgen dafür, dass die Belastung der Spieler niedriger ist und die Verletzungsanfälligkeit sinkt. Dadurch steigt insgesamt das spielerische Niveau, aber auch die Attraktivität. Es findet eine gewisse Verknappung in der Spitze statt. Der Irrsinn jeden Tag ein Spiel in den ersten beiden Ligen oder dem europäischen Wettbewerb sehen zu können / müssen, hört auf und viele können auch den Dorfvereinen und Amateurklassen mal wieder mehr Aufmerksamkeit schenken, weil niemand Gefahr läuft, etwas zu verpassen.

4. Die Europa League würde ebenfalls aufgewertet werden. Auch dort würden sich Mannschaften tummeln, für die es in der Vorsaison zwar nicht zum ganz großen Wurf gereicht hat, aber die trotzdem vorne mitspielten. Die großen Ligen müssten natürlich ein paar Startplätze abgeben, um auch hier eine gesunde Mischung herzustellen. Der deutsche Siebtplatzierte würde dann wohl nicht mehr europäisch spielen, aber ganz ehrlich: Muss ein Verein, der den siebten Platz belegt, mit einem Startplatz im Europapokal belohnt werden?

5. Auf europäischer Ebene könnten die Prämien wieder gerechter und vor allem gedrosselter verteilt werden. Weniger Spiele, weniger hohe Einnahmen, weniger Kaderkosten würden dazu führen, dass Vereine nicht mehr durch den europäischen Wettbewerb über alle Maßen enteilen können.

6. Kleinere Kader: Weniger Spiele bedeuten auch kleinere Kader, was einige Spieler bei den Spitzenmannschaften freisetzt, die nicht mehr zwingend benötigt werden und somit eine Ebene darunter landen. Gepaart mit einer Obergrenze für verliehene Spieler könnte hier durchaus wieder mehr Wettbewerb geschaffen werden, da die "großen" Mannschaften eben nur eine Personaldecke von ca. 20 Spielern benötigen statt ca. 25-30.

Nachteile

1. Der BVB würde vermutlich deutlich weniger in der Champions League spielen, vielleicht sogar insgesamt weniger international. Das wäre natürlich ein Verlust, da europäische Auswärtsfahrten immer etwas Besonderes sind. Aber vielleicht käme bei einigen auch die Freude zurück, wenn man nicht das x-te Mal in wenigen Jahren Real Madrid ziehen würde.

2. Der Europapokal ist für die Hälfte der Mannschaften bereits nach der ersten Runde beendet.

3. Die Planung wird erschwert: Da es weniger Startplätze pro Liga gibt und mit Los- und Spielpech die Europapokalsaison schnell vorbei sein kann, ist keine Planungssicherheit mehr gegeben. Die Kadergröße und das Budget sind schwer abzuschätzen, führen hoffentlich aber zu einem konservativeren Ansatz in der Planung.

Utopie

Vor zwei Jahren sagte Marcel Reif bei uns im Podcast über die Zukunft des Fußballs: "Den Menschen etwas geben ist einfach, ihnen etwas wegzunehmen funktioniert nicht." Tatsächlich ist es aktuell eher so, dass die Vereine gerne nehmen, was die UEFA ihnen gibt. Statt darüber nachzudenken, wie man die Wettbewerbe wieder attraktiver macht oder mehr Chancengleichheit herstellt, möchte man immer noch mehr. Eine Europa League II könnte sicherstellen, dass auch wirklich jeder europäisch spielen darf. Man nimmt lieber das Rattenrennen in Kauf, weil jeder daran gut verdient und merkt erst in der Krise, wie kaputt das System ist. Und wenn dann doch mal jemand aus der Reihe tanzt, wird Druck ausgeübt. Besonders Karl-Heinz Rummenigge hat sich in der Hinsicht immer wieder hervorgetan. Wenn die Prämien nicht erhöht werden, kümmert man sich eben parallel schon mal um die Idee einer Europaliga. Dass einige Vereine ausscheren würden, wäre wohl zu erwarten. Folglich ist es vermutlich nur eine Utopie, europäische Wettbewerbe wieder in Bahnen zu lenken, in denen sie nicht komplett berechenbar und gleichförmig sind.

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