Spielbericht Profis

Eine ungewöhnliche Begegnung

23.09.2019, 20:31 Uhr von:  giog
Eine ungewöhnliche Begegnung

Sonntag, 22. September 2019, gegen 23 Uhr. Ein Mann - etwa Anfang 60 - betritt, seine BVB-Kappe tief ins Gesicht gezogen, eine Kneipe irgendwo in Frankfurt-Sachsenhausen. Außer ihm sitzt nur ein weiterer Gast an der Theke. Der Mann setzt sich in eine unbeleuchtete Ecke.

Fahnenintro im Gästeblock
Fahnenintro im Gästeblock

„Was willstn trinke?“, fragt der Wirt den neuen Gast. „Einen Rotwein, bitte“, antwortet dieser mit einem leichten Akzent. „Rotwein? Hammer net. Willstn Bembel? Is‘ sowas Ähnliches, nur mit Ebbel.“. Der Mann schaut leicht irritiert, nickt aber schließlich und wendet sich dann dem Fernseher über der Theke zu. Es läuft die Zusammenfassung des Auswärtsspiels von Borussia Dortmund bei Eintracht Frankfurt. Nachdem der Wirt den Humpen Apfelwein an den Tisch gebracht hat und der Mann einen tiefen Schluck davon genommen hat (wenngleich er nicht sicher ist, was dieses Getränk mit einem guten Wein zu tun haben soll), entfährt ihm ein lautes Seufzen beim Blick auf den Fernseher, als das Eigentor von Thomas Delaney in der 88. Minute zum 2:2-Endstand gezeigt wird.

„Auch Borusse? Schöne Scheiße, ne?“ kommt es plötzlich von der anderen Seite. Der andere Gast in der Kneipe deutet auf das Fernsehgerät und nickt dem Mann zu. „Ich war vorhin drüben im Waldstadion und hab mir das Elend live angesehen. Unfassbar, was die da wieder auf dem Platz veranstaltet haben. Denen fehlt es schlicht und ergreifend an Mentalität um so Dinger über die Bühne zu bringen, ich sage wie es ist!“

Immer wieder grandios so viele Schwenkfahnen in einer Kurve zu sehen
Immer wieder grandios so viele Schwenkfahnen in einer Kurve zu sehen

„Ja, ich war auch dort. Aber was meinen Sie, wenn Sie sagen, es fehlt an Mentalität?“ fragt der Mann stirnrunzelnd. Der Gast antwortet mit zunehmender Entrüstung: „Das sieht man doch! Wir führen früh in Frankfurt – übrigens einwandfrei rausgespielt mit einer echt starken Vorlage von Hazard auf Witsel, wenn du mich fragst – wir führen also in der 11. Minute auswärts bei einer nicht einfach zu bespielenden Mannschaft und dann stellen wir einfach die Offensivbemühungen ein. Kapiert doch kein Mensch!“

„Aber Monsieur“, wendet der Mann vorsichtig ein, „wir haben keine allzu schlechte 1. Halbzeit gespielt. Wir haben das Spiel kontrolliert, hatten über 60 % Ballbesitz, haben die Zweikämpfe gewonnen – es fehlte eigentlich nur ein wenig die Präzision bei den Abschlüssen und bei den letzten und vorletzten Pässen. Und die Defensive war auch okay, bis wir dann einen individuellen Fehler kurz vor der Halbzeit machen…“ – „Individueller Fehler!“, unterbricht der Gast den Mann schnaubend, „nennen wir doch das Kind beim Namen: Akanji löst erst das Abseits auf und steht dann nach der Flanke von Sow so weit von diesem Silva entfernt, dass der völlig unbehelligt das Tor machen kann. Genau das meine ich: wo sind die mit ihren Köpfen? Mit welcher Einstellung gehen die denn in so ein Spiel?“

Doch der Mann mit der BVB-Kappe bleibt hartnäckig. „Ich stimme Ihnen nicht zu. Schauen Sie: in der zweiten Halbzeit haben wir das Spiel kontrolliert. Wir haben eigentlich ordentlich verteidigt. Ich finde, die Mannschaft war auch mental präsent, sehen Sie sich nur das 2:1 an! Bevor die Frankfurter Abwehr nach Guerreiros parierten Freistoß reagieren konnte, haben Witsel und Sancho schon das Tor gemacht. Das ist konzentrierter, zielstrebiger Fußball. Das Problem waren die Details – einzelne Ballannahmen, unpräzise Pässe, unnötige Ballverluste. So etwas darf uns nicht passieren, wenn wir das Spiel dominieren wollen. Wenn Witsel kurz nach der Halbzeit oder Hazard nach dem 2:1 ihre Chancen verwerten, dann hätten wir keine Diskussion. Das hat aber alles nichts mit fehlender Mentalität zu tun.“

Rapha gegen Ex-Borusse Erik Durm
Rapha gegen Ex-Borusse Erik Durm

Der Gast rollt genervt mit den Augen: „Ballbesitz, Passquoten, am besten noch dieser xGoals-Quatsch – das ist doch alles neumodisches Blabla, um die unbequemen Dinge nicht anzuprangern. Da siehst du es doch (er deutet auf den Bildschirm, auf dem gerade das Reus-Interview gezeigt wird): dass der Reus von dieser „Mentalitätskacke“ nichts hören will ist klar, so unmotiviert wie der diese Saison auf dem Platz rumschleicht! Dann soll Favre ihn halt mal ein Spiel rausnehmen und meinetwegen Götze bringen. Der hat das heute nämlich in seinen 15 Minuten Einsatzzeit gar nicht so schlecht gemacht. Zagadou übrigens auch nicht, wobei ich trotzdem hoffe, dass der Hummels nicht längerfristig verletzt ist, der scheint mir gerade der Einzige zu sein, der verlässlich gut verteidigt.“

Bevor der Mann zum Antworten ansetzen kann, winkt der Gast ab: „Ach, lass gut sein. Ich bin nur ziemlich gefrustet von dieser Mannschaft, gerade nach so einem Spiel wie am Dienstag gegen Barcelona. Ratlos trifft es eher.

Und an das ganze Drumherum heute möchte ich gar nicht denken! Völlig überzogene Blockkontrollen, überpräsente Polizei an jeder Ecke, eine sinnlose Sperre nach dem Spiel, katastrophale Parkplatzsituation. Was für ein gebrauchter Tag! Na was soll‘s, sorry für das Gemecker. Ich mache mich besser heim, schönen Abend noch.“ Mit diesen Worten lässt der Gast einen Geldschein auf dem Tresen liegen, klopft dem Mann auf die Schulter und verlässt die Kneipe. „Merci“, sagt der Mann leise, während er einen Schluck nimmt und wieder tief in Gedanken versunken ist.

Marco Reus gegen Almamy Toure
Marco Reus gegen Almamy Toure

„Vielleicht hat der Gast ein Stück weit recht?“, denkt sich der Mann. Vielleicht haben diese fußballerischen Details, die ihm so wichtig sind, doch auch etwas mit einer notwendigen Einstellung zu tun? Mit der Bereitschaft, über 90 Minuten hinweg konzentriert zu investieren und die notwendigen Laufwege zu gehen, sich nicht auf einer vermeintlichen qualitativen Überlegenheit auszuruhen, mit den letzten Prozentpunkten Selbstverständlichkeit bei eigenen Torabschlüssen.

Mit einem langen Schluck leert der Mann sein Glas. In den nächsten vier Wochen stehen wichtige Spiele an. Auswärts in Prag - dort muss eigentlich ein Sieg her, um in der Champions League im Soll zu sein. Und im Oktober ist dann ja noch das Derby und das Pokalspiel gegen Mönchengladbach. Als vor der Saison mutig die Meisterschaftsambitionen verkündet wurden, hatte er nicht erwartet, dass man schon so früh in der Saison so ins Zweifeln kommen würde.

Am Ende stand nur ein Punkt zu Buche
Am Ende stand nur ein Punkt zu Buche

Der Mann hält kurz inne. Nein, so weit im Voraus zu planen und sich allzu sehr an vergangenen Spielen aufzuhalten ist nicht seine Art. Barca war Barca, Frankfurt war Frankfurt. Man muss von Spiel zu Spiel denken und am Samstag wartet mit Werder Bremen die nächste Aufgabe und die Chance, es besser zu machen. Entschlossen steht der Mann auf, bezahlt seine Rechnung und verlässt die Kneipe. Beim Gehen ruft ihm der Wirt grinsend hinterher: „Machen Sie’s gut, Herr Favre. Hab Sie doch gleich erkannt. Dass ich Sie mal in meiner Kneipe in Alt-Sachs begrüßen durfte, hätt‘ ich auch net gedacht“. Doch das hat Lucien Favre schon gar nicht mehr mitbekommen, dessen Gedanken sich schon um Aufstellung und Taktik gegen die Hanseaten aus Bremen kreisen. Vielleicht auch um die notwendige Mentalität?

Borussia Dortmund

Bürki – Hakimi, Akanji, Hummels (63’ Zagadou), Gueirrero – Witsel, Delaney – Hazard, Reus, Sancho (73’ Brandt) – Alcacer (76‘ Götze)

Eintracht Frankfurt

Trapp – Toure (83‘ Chandler), Hasebe, Hinteregger – Fernandes – Durm, Sow, Kohr (67‘ Kamada), Kostic – Pacienca (79‘ Dost), Silva

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