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All genders side by side?

01.06.2019, 16:32 Uhr von:  Malte S.
All genders side by side?

Beim BVB-Aktionstag "Fußball ist (auch) Frauensache" diskutierten rund 70 Fans über Sexismus, Männlichkeit, sexualisierte Gewalt und Awareness-Strategien. Unser Bericht über einen spannenden Tag.

Dass Frauen in vielen Bereichen der Gesellschaft benachteiligt werden oder unterrepräsentiert sind, ist bekannt. Im Bundestag stellen sie weniger als ein Drittel der Mitglieder, in den Vorständen börsennotierter Unternehmen sogar weniger als ein Zehntel. Außerdem verdienen Frauen weniger: Der reale Verdienstunterschied im Vergleich zu Männern beträgt in Deutschland 21 Prozent. Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit und übernehmen laut Studien den größten Teil der – unbezahlten – Hausarbeit. Immerhin, seit der #MeToo-Debatte hat man das Gefühl, dass zumindest ein gesellschaftliches Umdenken stattfindet, welches sich hoffentlich bald auch in der tatsächlichen Besserstellung von Frauen niederschlägt. Doch wie sieht das im Fußball aus?

Durchaus ernüchternd. Im DFB-Präsidium sitzen 16 Männer – neben der einzigen Frau, Hannelore Ratzeburg. Die 21 Landesverbände werden ausschließlich von männlichen Vertretern geführt, insgesamt besetzen Frauen laut einer Studie des Antidiskriminierungsnetzwerks „Football Against Racism“ in Europe nur 3,7 Prozent der Führungspositionen im europäischen Spitzenfußball. Auch in den Fankurven gibt es eine Schieflage: Regelmäßig werden Spruchbänder gezeigt, die Frauen herabwürdigen, „Fotze“ ist weiterhin ein gängiges Schimpfwort und immer wieder berichten weibliche Fans, in der U-Bahn zum Stadion oder im Gästeblock unangenehm bedrängt oder gar angegrabscht worden zu sein. Das Thema gehört also dringend in den Fokus von Fans und Vereinen.

Das Stadion gilt als einer der letzten Orte, an dem Männer sich frei fühlen können. – Johanna Waldeck

Der BVB begegnete dem am vergangenen Wochenende mit dem Aktionstag „Fußball ist (auch) Frauensache“, der, moderiert von Robert Claus (KoFAS), mit einem Vortrag, verschiedenen Workshops und einer Podiumsdiskussion weibliche Anhängerinnen und Sexismus zum Thema machte. Nach Homophobie (2017) und Rassismus (2018) war es bereits der dritte Aktionstag zu Diskriminierung und Zivilcourage.

Referentin Johanna Waldeck von der Gewerkschaft NGG beim BVB-Aktionstag
Referentin Johanna Waldeck von der Gewerkschaft NGG beim BVB-Aktionstag

Für Johanna Waldeck gilt das Stadion „als einer der letzten Orte, an dem Männer sich frei fühlen können“. Sie ist Fan von Werder Bremen und dem SV Babelsberg, Referentin der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und hielt einen Impulsvortrag über strukturelle Diskriminierung von Frauen in der Gesellschaft, ihre Rolle(n) im Fußball und Positivbeispiele weiblicher Fan-Zusammenschlüsse. Einerseits gebe es weibliche Akteurinnen im Fußballgeschäft – Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus, Anhängerinnen in der Kurve, TV-Moderatorinnen oder die St.-Pauli-Aufsichtsratsvorsitzende Sandra Schwedler –, andererseits träfen diese auf tief verankerte sexistischen Strukturen.

„Vor allem in Ultraszenen, die sehr stark von Macht und Ehre geprägt sind, wird Weiblichkeit abgewertet und als Schwäche gesehen. Eine Frau muss sich ihren Platz viel mehr erkämpfen als ein Mann.“ Statt als eigenständige Zuschauerinnen, werden Frauen und Mädchen häufig erstmal als Anhängsel gesehen. Ob sie denn mit ihrem Freund da seien, werden sie dann gefragt.

Extrembeispiele stehen nicht für sich

Doch es gibt auch krassere Beispiele: Vor einigen Monaten klagte ein eine 22-jährige Schalke-Anhängerin, während des Spiels gegen den 1. FC Nürnberg in der Nordkurve massiv sexuell belästigt worden zu sein. Ein Mann soll ihr erst an den Po und später sogar in die Hose gefasst haben. Außerdem soll er versucht haben, ihren BH zu öffnen. Die Betroffene erstattete später Anzeige. Während des Spiels suchte sie Hilfe bei einem Ordner. Dieser habe sie jedoch abgewimmelt und sinngemäß gesagt: "Wenn du damit ein Problem hast, solltest du nicht ins Stadion gehen." Vor wenigen Tagen wurde überdies ein Fan von Borussia Mönchengladbach zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Während einer Sonderzugrückfahrt aus München hatte er im April 2018 unter Anderem eine 19-Jährige vergewaltigt.

Der Mann steht auf Fußball und die Frau sieht gut aus – Beispiel aus einer Werbung für die "Sportschau" der ARD
Der Mann steht auf Fußball und die Frau sieht gut aus – Beispiel aus einer Werbung für die "Sportschau" der ARD

Das sind selbstverständlich Extremfälle. Doch man darf nicht vergessen, dass sie nicht für sich stehen, sondern nur passieren können, weil es ein bestimmtes Klima gibt, das sie fördert. Laut einer aktuellen Umfrage des Netzwerkes „F_in – Frauen im Fußball“ wurde die Hälfte der befragten Personen aus Vereinen, Fanprojekten und -gruppen in der Saison 2017/18 mindestens ein Mal aufgrund sexistischer Äußerungen, sexualisierte Belästigung oder Gewalt kontaktiert. Hinzu kommt, dass Werbung selbst öffentlich-rechtlicher Sender häufig mit sexistischen Stereotypen spielt, was die bestehenden Geschlechterstrukturen noch verfestigt, anstatt sie aufzubrechen. Für Referentin Johanna Waldeck jedenfalls steht fest: „Selbst wenn man das Gefühl hat, wir sind weit, was die Gleichberechtigung in der Gesellschaft angeht, steht der Fußball hier noch zurück.

Über viele dieser Beispiele wurde auch während des Aktionstages und insbesondere in den zahlreichen Workshops diskutiert. Vor allem weibliche Fans berichteten von persönlichen, negativen Erfahrungen. Doch es gab auch Fälle, in denen sich die Teilnehmenden nicht einig waren: Wo hört Flirten auf, wo fängt Sexismus an? Wann handelt es sich um einen Zufall und wann um strukturelle Diskriminierung? Und was gehört „einfach zum Fußball dazu“? Auch wenn ein Grundkonsens erkennbar war, wurde hier teilweise sehr kontrovers diskutiert.

Was Männer und Vereine gegen Sexismus tun können

Die Workshops wurden von geladenen Referentinnen und Referenten, aber auch von BVB-Fans geleitet. In einem tauschten sich Frauen über diskriminierende Situationen im Stadion aus: Um ganz alltäglichen Sexismus, der Frauen häufig das Fansein abspricht, Erfahrungen mit körperlicher Gewalt oder die Rolle von Alkohol. Die Teilnehmerinnen wünschten sich unter Anderem flächendeckende Fraueneingänge und mehr geschulte Ordnerinnen, Solidarität – auch von Männern –, Selbstverteidigungskurse und mehr Toiletten. In mehreren Workshops und Diskussionen wurde vor allem der Ruf nach Anlaufstellen für Betroffene und sogenannte Awareness-Teams laut. Beim BVB wird dies bereits diskutiert.

Was sind Awareness-Teams?

Awareness-Teams bestehen aus geschulten Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern. Sie stehen im Stadion und im Umfeld bei Fällen sexualisierter Belästigung oder Gewalt zur Verfügung und kümmern sich um die Opfer. Kooperationen mit dem Verein, dem Ordnungsdienst, Fangruppen, der Polizei, Beratungsstellen oder anderen Netzwerkpartnerinnen sind möglich. Seit Beginn der vergangenen Rückrunde hat beispielsweise Fortuna Düsseldorf die Angebote für Frauen in Notsituation erweitert, unter anderem durch die Einrichtung eines Hilfetelefons an Spieltagen. Nicht immer stoßen solche Vorhaben bei Profivereinen auf offene Ohren. Viele haben Bedenken, durch die Einrichtung solcher Angebote öffentlich zuzugeben, dass sie ein Problem mit Sexismus oder sexualisierter Gewalt haben, und fürchten einen Imageschaden

Ein anderer Workshop drehte sich um die Frage, was Männer gegen Sexismus tun können. Weibliche und vor allem männliche Fans reflektierten gemeinsam Situationen, die sie erlebt haben, und diskutierten über Lösungsmöglichkeiten. Wie soll man sich beispielsweise verhalten, wenn man beobachtet, dass ein Mitfan in der Bahn angegrapscht wird? Im Idealfall tut man sich mit anderen, die es ebenfalls bemerkt haben, zusammen und schafft Aufmerksamkeit für die Situation, indem man den Täter deutlich und auch für Umstehende hörbar anspricht. Die betroffene Person weiß dann, dass sie nicht alleine ist, und der Täter kann sich nicht mehr unbeobachtet fühlen. Auch über einen häufig beobachteten männlichen Schutzinstinkt sprachen die Teilnehmenden: Wenn eine Frau beleidigt oder mies angemacht wird und männliche Freunde oder Bekannte sich reflexartig vor sie stellen und zurückpöbeln. Diese Reaktion ist zwar in den allermeisten Fällen gut gemeint, bevormundet die Betroffene allerdings auch, weil es ihr ungefragt die Möglichkeit nimmt, selber Stärke zu zeigen und auf die Beleidigung zu reagieren. Sinnvoller kann es, je nach Situation, sein, zuerst mit der betroffenen Person zu sprechen und zu erfragen, ob und welche Unterstützung sie sich wünscht. Einschreiten kann man dann immer noch.

Sehr gefragt war der Selbstverteidigungs-Workshop "Bodycheck", wo überwiegend Frauen lernten, sich in Notlagen körperlich zur Wehr zu setzen. Sie stellten Situationen nach, in denen sie von hinten angegriffen wurden oder sich am Boden liegend verteidigen mussten. Im Mittelpunkt stand, wie man trotz körperlicher Unterlegenheit selbstbewusst auftreten kann.

Ich habe das Gefühl, dass der Fußball gerade wieder rückschrittlicher wird. [...] Wir waren mal viel weiter. – Patrick Arnold

Auch Vertreter aus dem BVB-Merchandising waren der Einladung zum Aktionstag gefolgt. Denn welch verqueres Bild von weiblichen Fans noch immer vorherrscht, zeigt auch ein aufmerksamer Spaziergang durch den Fanshop des Lieblingsvereins. Bieten die Klubs mittlerweile zwar auch spezielle Schnitte und durchaus ansprechende Motive an, gibt es immer noch Überreste einer Anfang der 2000er in die Mode gekommenen Unsitte: Fanartikel für Frauen und Mädchen sind pink und glitzernd – unabhängig davon, ob die Vereinsfarben nun rot-weiß, schwarz-grün-weiß oder eben schwarz-Gelb sind. Wer es mag, kann das natürlich gerne tragen. Aber warum sollten Mädchen und Frauen kollektiv auf diese (Klischee-)Farben abfahren, statt sich wie alle anderen Fans mit den Farben der Lieblingsmannschaft zu schmücken? An das BVB-Merchandising wurde in einem Workshop daher unter Anderem der ausdrückliche Wunsch formuliert, keine pinken Klamotten mehr zu produzieren und auf schlichte Designs zu setzen.

Ein Graphic Recording des Workshops "Sexismus begegnen! Austausch zu diskriminierenden Situationen im Stadion"
Ein Graphic Recording des Workshops "Sexismus begegnen! Austausch zu diskriminierenden Situationen im Stadion"

Unterm Strich boten die insgesamt sieben Workshops Anknüpfungspunkt für unterschiedlichste Interessen. Bleibt nun die Frage, wie der Fußball und insbesondere der BVB und seine Fans weiter mit dem Thema umgehen werden. "Sexismus ist in Fußballstadien deutlich wahrnehmbarer als im Rest der Gesellschaft. Aber wenn man sich vernetzt und Bündnisse bildet, kann man dem entgegenwirken", machte Patrick Arnold von der Landesarbeitsgemeinschaft Fanprojekte in NRW während des Aktionstags etwas Mut. Als Gast der Podiumsdiskussion musste er aber auch konstatieren: "Ich habe das Gefühl, dass der Fußball gerade wieder rückschrittlicher wird. Das Stadion ist eben kein Abbild der Gesellschaft. Wir waren mal viel weiter." Er schilderte die Schwierigkeit für Sozialpädagoginnen und -pädagogen, insbesondere Ultragruppen für Sexismus zu sensibilisieren. Schließlich haben die feste Hierarchien, sind sehr männlich geprägt und begreifen ihre eigenen Räumlichkeiten als Schutzraum. Am meisten Wirkung habe es laut Patrick Arnold, Personen während Auswärtsfahrten auf bestimmte Vorfälle anzusprechen – “es ist allerdings schwierig, konkrete Allheilmittel zu formulieren”.

Um nachhaltige Änderungen zu bewirken, müssen sich am Ende alle Akteurinnen und Akteure bewegen. Neben Fanprojekten, Vereinen, Fanszenen oder der Polizei sind auch die Medien ein wichtiger Faktor – und zwar nicht nur mit Blick auf den Inhalt ihrer Berichterstattung. Schließlich steht der Fußball in Deutschland und vielen anderen Ländern wie kein zweiter Sport im Rampenlicht. Geprägt wird die mediale Begleitung von männlichen Kommentatoren, Redakteuren, Moderatoren und Journalisten. Was passieren kann, wenn weibliche Akteurinnen die Bühne betreten, zeigt sich regelmäßig am Beispiel von Kommentatorin Claudia Neumann, die für das ZDF seit einigen Jahren unter Anderem über Länderspiele berichtet.

Und das sind nur ein paar Beispiele. Umso interessanter, dass beim BVB-Aktionstag mit Ann-Kathrin Rose eine Sportjournalistin des Hessischen Rundfunks auf dem Podium saß. Sie berichtete von Beispielen, die sie in ihrem Berufsalltag regelmäßig erlebe und die zeigen, dass Frauen in der Fußball-Medienwelt noch immer anders beäugt werden als Männer. Zum Beispiel der Techniker im Stadion, der, nachdem sie auf der Pressetribünen Platz genommen hatte, auf sie zukam: “Sie können hier nicht sitzen, hier sitzt der Reporter.” Oder Anrufer, die sich in der Redaktion melden und direkt nach dem zuständigen Kollegen fragen, sobald Ann-Kathrin Rose sich vorstellt. “Der sichtbare Anteil der Moderatorinnen vor der Kamera steigt. In der Breite, wo es nicht so sichtbar ist, ist das allerdings anders, dort sind weiterhin nicht viele Frauen”, sagt sie. Unterstützung biete man sich vor allem untereinander: “Wir Kolleginnen in der ARD vernetzen uns sehr gut und ich freue mich immer, wenn wir lauter werden.”

Jetzt sind der BVB und die Fans am Zug

Ein Muster, das sich auch bei Fußballfans vermehrt beobachten lässt: Mit den Senorithas (Jena), Chicas (Schickeria München) oder Societas (Heidenheim) gibt es schon länger weibliche Ultragruppen beziehungsweise weibliche Zusammenschlüsse innerhalb bereits bestehender Gruppen. In der viel beachteten “Fantastic Females”-Ausstellung werden Frauen im Fußball in den Fokus gestellt, mit “Frauen reden über Fußball” ist kürzlich ein ausschließlich von Frauen gestalteter Podcast an den Start gegangen und auch beim BVB vernetzen sich weibliche Fans seit einigen Monaten mit einem regelmäßigen Stammtisch. Mehrmals wurde während des Aktionstages außerdem lobend erwähnt, dass der BVB mit vier weiblichen von insgesamt neun hauptamtlichen Fanbeauftragten eine wichtige Benchmark setze. Eine von ihnen, Antje Bodeker, Organisatorin der Veranstaltung, freute sich am Ende des Aktionstages über “eine gute Sensibilisierung für das Thema und viele Ergebnisse, die wir mit in den Verein nehmen werden”.

Der Aktionstag war nicht nur ein interessanter Austausch, sondern hoffentlich auch Anstoß für weitere Aktionen des Vereins gegen Sexismus sowie eine Vernetzung unter den Fans. In dieser Hinsicht war es wichtig, dass neben Stammgästen der bisherigen Aktionstage auch viele neue Gesichter dabei waren. Mal sehen, was wir gemeinsam daraus machen werden.

Hinweis in eigener Sache: Neben dem BVB, ballspiel.vereint!, der BVB-Fanabteilung, dem Fanprojekt und dem BVB-Lernzentrum war auch schwatzgelb.de an der Organisation des Aktionstages beteiligt.

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