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„Unser Ziel ist es, den Frauen im Fußball eine Stimme zu geben“

04.04.2019, 08:04 Uhr von:  Malte S.
„Unser Ziel ist es, den Frauen im Fußball eine Stimme zu geben“

Seit wenigen Wochen hat die Fußballwelt einen neuen Podcast: FRÜF. Das Besondere ist, dass er ausschließlich von Frauen gestaltet und produziert wird, die Abkürzung steht für „Frauen reden über Fußball“. Nachdem das FRÜF-Team die Auftaktfolge Anfang März genutzt hat, viele der rund 30 Mitglieder vorzustellen, ist gestern die erste thematische Episode erschienen, in der es um (weibliche) Fußballsozialisation geht.

Warum die Macherinnen einen rein weiblichen Fußballpodcast wichtig finden, welche Themen besprochen werden und welchen Vorurteilen und Anfeindungen Frauen im Stadion und im Netz ausgesetzt sind – darüber haben wir mit Kristell Gnahm gesprochen. Sie ist eine der Initiatorinnen, Fan des FC Augsburg und auf Twitter als @Kristaldo1907 unterwegs.

schwatzgelb.de: Herzlichen Glückwunsch zum Start eures neuen Podcasts! Als Fußballpodcast mit bewusst ausschließlich weiblichen Macherinnen seid ihr ein Novum. Gilt das auch für die Themen, die ihr setzen sollt?

Kristell Gnahm: Vielen Dank! Natürlich ist es unser Ziel, der großen, bunten und wunderbaren Fußballpodcastwelt etwas Interessantes und Hörenswertes hinzuzufügen. Daher werden wir uns nicht in die Reihe der zahlreichen Podcasts einreihen, die regelmäßig die letzten Spieltage der verschiedenen Wettbewerbe beleuchten, denn das wird bereits vielfach und in bester Qualität besprochen. Wir möchten den Fußball in seiner wunderbaren Gesamtheit aus einer weiblichen Perspektive diskutieren und haben uns dafür bereits eine Menge Themen überlegt, die einerseits die das weite Feld „Frauen und Fußball“ betreffen.

Welche könnten das sein?

Kristell: Zum Beispiel Frauen im Stadion, Frauen als Fußballexpertinnen oder Sportjournalistinnen, Frauenfußball, die Repräsentation von Frauen in der Fußballwelt etc. Aber andererseits auch bewusst „allgemeine“ Themen wie die Causa Ronaldo, 50+1 oder die Auswirkungen der Einführung des VAR. Auch Ausgaben zur Frauen-WM im Sommer und ein Rückblick auf die Bundesliga-Saison sind geplant.

Unser Wunsch ist es ja auch, Frauen Mut zu machen, in dieser vermeintlichen Männerdomäne ihre Stimme zu erheben.

Ganz zu Beginn habt ihr einen großen Rundruf gestartet, um Mitstreiterinnen für den Podcast zu suchen. Wie war die Resonanz?

Kristell: Die Resonanz war großartig. Wir haben natürlich vor allem Frauen angesprochen, die es gewohnt sind, öffentlich zum Beispiel in Podcasts über Fußball zu sprechen, aber auch solche, von denen wir wussten, dass sie zu sehr interessanten Themen ein großes Fachwissen haben. Die allermeisten haben sofort zugesagt, und gleich noch weitere Frauen vorgeschlagen, die auch dabei sein sollten. Nur wenige haben abgelehnt, die meisten widerwillig, weil sie einfach keine Zeit für noch ein Projekt haben, sei es auch noch so toll.

Aber es gab auch Reaktionen, die ich in meiner Podcasterinnen-Laufbahn bisher nur von Frauen gehört habe, nie von Männern: "Ich halte mich nicht für kompetent genug, um dabei zu sein", oder „Ich trau mich sowas nicht". Natürlich haben wir alle Gründe respektiert, aber auch allen gesagt, dass die Einladung ins Team weiterhin steht. Denn unser Wunsch ist es ja auch, Frauen Mut zu machen, in dieser vermeintlichen Männerdomäne ihre Stimme zu erheben.

Kristell Grahm vom FRÜF-Podcast (Foto: privat)
Kristell Grahm vom FRÜF-Podcast (Foto: privat)

Ihr seid ein ziemlich großes Team und eure Mitglieder haben unterschiedliche, breit gefächerte Interessenschwerpunkte. Das wird bestimmt immer wieder eine Herausforderung, die richtige Mischung zu finden?

Kristell: Wir sind momentan gut 30 Frauen mit völlig unterschiedlichen Interessen, abgesehen von der uns verbindenden Leidenschaft für Fußball. Da das Team sehr schnell wuchs, haben wir uns irgendwann gesagt, dass wir nun erstmal in der Besetzung starten und all die weiteren wunderbaren Frauen, die noch nicht Teil von FRÜF sind, auf einer Gästinnenliste sammeln, um keine zu vergessen und je nach Thema die Richtige zusätzlich einladen zu können. Aber natürlich ist es in so einer großen Gruppe, die voller Begeisterung und Elan in so ein Projekt startet, nicht einfach, alles unter einen Hut zu bekommen. Daher haben wir angefangen, für die schon notierten Themen kleine Teams zu bilden, die die Ausgaben jeweils zusammen vorbereiten können. So kann sich jede zu einem Thema einbringen, das sie interessiert und wir stehen einander nicht auf den Füßen.

Für eine Frau, die sich für Fußball interessiert, ist es ganz alltäglich, dass ihre Fußballleidenschaft nicht nur als ungewöhnlich gilt, sondern dass sie erstmal beweisen muss, dass sie ein ‚echter Fan‘ ist.

Wer die Vorstellungen eurer Crew in der ersten Folge gehört hat, erwartet wohl viele fan- und gesellschaftspolitische Themen außerhalb des Platzes. Zu Recht?

Kristell: Ja, man darf zu Recht erwarten, dass wir uns nicht nur klar zu bestimmten gesellschaftspolitischen Fragen positionieren, sondern auch bewusst solche Themen behandeln, die in der Auseinandersetzung mit dem letzten Spieltag manchmal zu kurz kommen. Wir werden uns die Zeit nehmen, die Themen detailliert zu besprechen, die wir für relevant halten, und bei denen wir denken, dass wir den bekannten Argumenten vielleicht neue Sichtweisen hinzufügen können.

Wenn ihr bisher von der Entstehung und den Hintergedanken des Podcasts erzählt habt, ging es immer auch um Self-Empowerment. Wo und wann merkt ihr, dass es genau das unter weiblichen Fußballfans gerade braucht?

Kristell: Viele männliche Fans mag es vielleicht erstaunen, aber für eine Frau, die sich für Fußball interessiert, ist es ganz alltäglich, dass ihre Fußballleidenschaft nicht nur als ungewöhnlich gilt, sondern dass sie erstmal beweisen muss, dass sie ein „echter Fan“ ist. Die klischeehafte Aufforderung, doch mal die Abseitsregel zu erklären, ist da nur eines von vielen Beispielen. Und spätestens wenn man als Frau nicht nur einfach Fußball gucken, sondern auch noch öffentlich drüber sprechen will, wird man schnell mit Gegenwind konfrontiert, der auch durchaus mal unter die Gürtellinie geht. Mit diesen Erfahrungen tut es gut, sich zusammenzutun und im Rudel aufzutreten, wo wir einander darin bestärken können, dass wir genauso ein Recht drauf haben, Fußball zu lieben und drüber zu diskutieren wie alle anderen.

In der Auftaktfolge sagt ihr zum Beispiel mit einem Augenzwinkern, dass ihr probieren möchtet, euch von den Klischees zu lösen: "Es geht nicht nur um Frisuren." Entspringt das auch diesem Rechtfertigungsdruck, dem weibliche Fans immer wieder ausgesetzt sind?

Kristell: Wie bereits erwähnt, sind wir es als Frauen gewohnt, als Fußballfan erstmal nicht ernst genommen zu werden in unserem Interesse am Sport. Man unterstellt uns, nur wegen der attraktiven Spieler oder als Begleitung eines männlichen „richtigen“ Fans da zu sein. Mehr dazu gibt es in unserer ersten Ausgabe zu hören.

Wir brauchen diese Absolution im Jahr 2019 wirklich nicht mehr, um unser Ding zu machen.

Einige Mitglieder haben den Stellenwert der Vernetzung weiblicher Fans angesprochen, und euer Podcast bringt tatsächlich Frauen aus den verschiedensten Ecken der Republik und des Internets zusammen. Wie wichtig ist dieser Aspekt über das Podcasten hinaus für euch?

Kristell: Ich denke, dass es diese Vernetzung nicht zwingend braucht, um Spaß am Fußball zu haben. In dem Moment aber, in dem wir über die vielen kleinen Hindernisse stolpern, die in einer männlich geprägten Domäne wie der Fußballwelt auf uns warten, ist es wunderbar, sich mit anderen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, auszutauschen. Es gibt ja das geflügelte Wort „In den Farben getrennt, in der Sache vereint“, und das trifft auf uns genauso zu wie auf viele andere Netzwerke im Fußball. Unser Ziel ist, den Frauen im Fußball eine Stimme zu geben.

Wenige Tage nach dem Erscheinen eures Podcasts würde in einem anderen Fußballpodcast über euch hergezogen: Die Mitglieder eurer Crew wurden auf ihr Äußeres reduziert, über eine Podcasterin würde sogar gesagt, man wolle sie "strammlegen". Wie habt ihr das erlebt?

Kristell: Das hat uns natürlich geärgert. Zwar ist uns allen von Anfang an klar gewesen, dass diese Mechanismen, die immer wirken, wenn Frauen sich in die Öffentlichkeit wagen, auch bei uns nicht stillstehen werden. Dass es so schnell passieren würde, hat uns etwas überrascht. Aber leider ist es „alltäglich“ für Frauen, nicht nur im Fußballumfeld, dass sie nicht nur für das bewertet werden, was sie tun, sondern dass auch ihre „Fuckability“ mit thematisiert wird.

Dass das sexistisch und entwürdigend ist, ändert nichts daran, dass es täglich tausendfach geschieht. Und da hilft es auch nichts, wenn die Bewertung positiv ausfällt und uns neben unserer Attraktivität auch ein gewisser Fußballsachverstand zugestanden wird. Wir brauchen diese Absolution im Jahr 2019 wirklich nicht mehr, um unser Ding zu machen.

Die Solidarität zeigt uns, dass inzwischen ein breiter Konsens darüber herrscht, dass Sexismus inakzeptabel ist.

Auf Twitter und Co. hat dieser Vorfall kurzzeitig viel Aufmerksamkeit erfahren, es gab einige Solidaritätsbekundungen. Wie habt ihr die Reaktionen gesehen?

Kristell: Das tat sehr gut, dass wir so viel Solidarität erfahren haben. Es zeigt uns, dass inzwischen ein breiter Konsens darüber herrscht, dass Sexismus inakzeptabel ist. Beeindruckend war auch, dass viele sich in privaten Nachrichten bei uns meldeten um sich zu vergewissern, dass wir das gut wegstecken. Es sind genau diese Gesten, die auch bei schwerwiegenderen Fällen von Angriffen wirklich hilfreich sind.

Was nicht so hilfreich ist, ist wenn versucht wird, die Angreifer wiederum zu attackieren. Wir können uns durchaus selbst wehren, es ist nicht erforderlich, dass Ritter in strahlenden Rüstungen uns zu Hilfe eilen, solange wir das nicht explizit wünschen, denn das kann am Ende genauso bevormundend und verletzend sein wie der ursprüngliche Angriff, auch wenn es gut gemeint ist.

Nach der Auftaktfolge, indem sich die FRÜF-Macherinnen vorgestellt haben, folgte Mittwoch eure erste Ausgabe mit Themenschwerpunkt. Worum geht’s und auf was dürfen wir uns freuen?

Kristell: Die erste Ausgabe beschäftigt sich mit weiblicher Fußballsozialisation. Wir wollten bewusst am Anfang anfangen: Da, wo nicht nur für uns, sondern auch für unsere Hörer der Fußball in unser Leben getreten ist, und was dieses Ereignis ausgelöst hat. Ich denke, ich verspreche nicht zu viel, wenn ich sage, dass sich wahrscheinlich jede*r in unseren Geschichten selbst wiederfinden wird, aber auch jede*r spannende und neue Perspektiven auf das Dasein als Fan gewinnen kann.

Was fändet ihr eigentlich spannender: Wenn am Ende ein völlig anderes Produkt dabei herauskäme als die zahlreichen bisherigen, hauptsächlich männlich dominierten Podcasts? Oder wenn sich eure weibliche Perspektive letztlich kaum davon unterscheiden würde?

Kristell: Ich hoffe doch, dass beides zutrifft: Dass wir durch unser „Anderssein“ ein spannender, hörenswerter Podcast werden, und dass wir am Ende doch feststellen, dass Geschlecht, Herkunft, Alter, Glaube und sexuelle Orientierung völlig nebensächlich werden, sobald das Spiel angepfiffen ist, weil wir beim Fußball eben vor allem eins sind: Fans.

Vielen Dank für das Gespräch!

Hier geht es zur neuen Folge des FRÜF-Podcasts und hier erfahrt ihr, wie ihr ihn abonnieren könnt.

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