Warmlaufen

Tottenham Hotspur - Die perfekte Symbiose

11.09.2017, 12:06 Uhr von:  Redaktion

Hurra, hurra, die Champions League ist wieder da! Die Gruppenphase beginnt dieses Jahr spektakulär mit der Partie bei den Tottenham Hotspur im legendären Wembley Stadium. Doch wie sind die Engländer einzuschätzen und auf was muss sich der BVB besonders einstellen?

Tottenham Hotspur

  • Gründung: 5. September 1882 (als Hotspur F.C.)
  • Stadion: Wembley (90.000)
  • Eigentümer: Daniel Levy
  • Ligaplatzierung 2016 / 17: 2.


Weg in die CL

Die letzte Spielzeit an der ehrwürdigen White Hart Lane sollte für die Nord-Londoner eine äußerst erfolgreiche werden. Zwar im FA-Cup knapp im Halbfinale und in der Champions League schon in der Gruppenphase ausgeschieden, sicherte man sich in der Premier League mit teils überragenden und furiosen Auftritten den zweiten Platz hinter Meister Chelsea. Die beste Offensive gepaart mit der besten Defensive, blieben die Spurs zudem im heimischen und bald abgerissenen Stadionrund in allen Wettbewerben ungeschlagen - erstmals seit 1965.

Mannschaft und Spiel

Das Tor der Spurs hütet seit einer gefühlten halben Ewigkeit der französische Nationalkeeper Hugo Lloris. Nicht immer unumstritten, steht der Schlussmann jedoch seit längerem für konstant gute Leistungen und kann an guten Tagen auch mal über sich und seine eigentlichen Fähigkeiten hinauswachsen.

Drei nominelle und gestandene Innenverteidiger stehen aktuell im Kader der Mannen aus dem Londoner Norden. Das belgische Stammduo bestehend aus Jan Vertonghen und Toby Alderweireld bildet einen unter normalen Umständen sehr guten Defensivkern. Allerdings schleichen sich auch ab und zu unerklärliche individuelle Spiel - und Stellungsfehler ein. Auch aus diesem Grund wurde im Sommer der teuerste Transfer der neueren Klubgeschichte getätigt (31 Mio.), in Devinson Sanchez kam ein junger kolumbianischer Innenverteidiger von Ajax Amsterdam.

Die Positionen der beiden Außenverteidiger haben momentan Ben Davies links und Kieran Trippier rechts sicher. Mit dem Abgang von Kyle Walker zum direkten Liga-Konkurrenten ManCity musste zudem ein erheblicher personeller Aderlass ertragen werden, weshalb unter anderem in Serge Aurier von Paris Saint - Germain ein weiterer Außenverteidiger verpflichtet wurde. In Kyle Walker - Peters (nein, kein Scherz) steht zudem ein junges Eigengewächs zusätzlich als rechter Verteidiger bereit. Danny Rose, eigentlicher Linksverteidiger, sollte nach seiner Verletzung seinen angestammten Platz in der ersten Elf wieder besetzen.

In Moussa Dembele, Moussa Sissoko und Youngster Harry Winks stehen drei klassische zentrale Mittelfeldspieler im Kader der Londoner. Das Prunkstück defensives Mittelfeld, geschmückt mit dem angeblich auch von Bayern umworbenen englischen Nationalspieler Eric Dier und dem Staubsauger Victor Wanyama, spielt in Pochettino’s Spielsystem eine wesentliche Rolle. Dier fungiert unter Umständen als zusätzlicher Innenverteidiger und absinkender 6er, der Kenianer räumt im Mittelfeld gefühlt alles ab und verfügt über eine überragende Fähigkeit zur Antizipation. Aktuell hat sich der Kenianer schwerer verletzt und wird den Spurs aller Voraussicht nach zumindest im Hinspiel nicht zur Verfügung stehen.

Das beste Pferd im Stall der Spurs stellt allerdings die Offensive dar. An guten Tagen gleicht das Angriffsspiel der Londoner mit Dele Alli, Christian Eriksen und Harry Kane einer unaufhaltsamen Dampfwalze. Der erst 21-jährige Engländer gilt als DIE englische Fußballhoffnung und verfügt ohne Zweifel über alle Eigenschaften für einen potenziellen Weltklassespieler. Eriksen, der dänische Strippenzieher, wird explizit im nächsten Abschnitt thematisiert. In vorderster Front stellt unweigerlich Top-Stürmer und Englands Angreifer Nummer 1 Harry Kane für den BVB die größte Gefahr dar. Mit 29 Treffern letzte Saison Torschützenkönig in der Premier League, und mit erst 24 Lenzen für wahrscheinlich lange Zeit die feste Besetzung im Sturm der englischen Nationalmannschaft. Für zusätzliche Torgefahr sorgt unter anderem noch der bestens aus der Bundesliga bekannte Südkoreaner Heung-Min Son, der seine Qualitäten am besten auf den Außenbahnen abrufen kann. Schmerzhaft sind ohne Frage die Ausfälle von Erik Lamela und Georges-Kevin N’Koudou, die als weitere Optionen für die offensiven Außenbahnen und das offensive Mittelfeld dienen könnten. Durch die Verpflichtung des erfahrenen und torgefährlichen spanischen Weltmeisters Fernando Llorente, verleiht man zudem dem relativ jungen Kader die nötige ausgleichende Balance.

„Woher ich die Idee habe im Spiel zu pressen? Es ist ein Spiegel deiner Persönlichkeit, wer du wirklich bist. Du zeigst auf dem Rasen wer du bist. Wenn du im Leben mutig bist, kannst du dich auf dem Platz nicht anders verhalten. Ich weiß nicht wie man anders spielen könnte. Man muss immer mutig sein.“

Um die taktischen Eigenarten und Ansätze von Pochettino’s Spielphilosophie zu verstehen, ist dieses Zitat des Argentiniers ein ganz guter Anfang. Hohes Pressing, eine attackierende und aggressive Art Fußball zu spielen - zwei der bestimmenden Merkmale der heutigen Tottenham Hotspurs. Inspiriert aus früheren Zeiten, setzt auch Pochettino auf Spieler mit einer ausgeprägten körperlichen Präsenz und Ausdauer, um das kräftezehrende und physisch anspruchsvolle Pressing konstant aufziehen zu können.

Sowohl der BVB als auch die Spurs sind offensiv ausgerichtete Teams, haben ähnliche spielerische Ansätze und ausgeprägtes Angriffspotenzial. Dies sollte als Basis für zwei sehr unterhaltsame und offen ausgetragene Partien dienen, auf die sich auch der neutrale Zuschauer freuen darf.

(Oben die wohl momentan stärkste Aufstellung im Spiel bei der 1-2 Niederlage gegen Chelsea vom 20.08.2017. Für den aktuell verletzten Wanyama rückt Dier ins Mittelfeld, Sanchez ersetzt den Engländer in der Innenverteidigung. Alternativ kann auch Sissoko die Position von Wanyama einnehmen. Alli fehlt aufgrund einer Rotsperre, für ihn wird vorraussichtlich Son in die Mannschaft rücken.)

Spieler im Fokus

Christian Eriksen. Die Offensivabteilung ist mit Son, Lamela, Alli, Kane und Co. äußerst stark und prominent besetzt. Doch niemand ist für die Angriffsmaschinerie wichtiger als der 25-jährige dänische Nationalspieler. In seiner Heimat schon lange als das größte Talent seit Michael Laudrup gehandelt, ist der offensive Mittelfeldspieler das Herz und das Hirn für Pochettino’s Spiel. Der Argentinier schätzt an seinem offensiven Orchestrator vor allem seine Bescheidenheit: „Er ist ein Spieler, der nicht auf besondere Anerkennung seitens der Fans, der Medien oder Leuten von außerhalb angewiesen ist. Ich mag ihn sehr, weil er all das nicht brauch und einfach sein Spiel durchzieht.“ Vor allem in der Premier League stehen häufiger die Özils, Coutinhos, De Bruynes und Hazards mit Auszeichnungen und Nominierungen im Rampenlicht. Eriksen nicht, obwohl leistungstechnisch häufig auf demselben Niveau. Beispiel: Seit Beginn der Saison 2015 / 16, konnte der Däne in der Liga 30 Vorlagen verzeichnen - mehr als jeder andere Spieler.

Trainer

Mauricio Pochettino. Der 45-jährige Argentinier begann seine Trainerkarriere 2009 als komplett unerfahrener Neuling bei seinem gleichzeitig letzten Verein als Spieler, Espanyol Barcelona. Als drittletzter in der Tabelle wurde der damals finanziell stark gebeutelte katalanische Klub nicht nur vor dem Abstieg gerettet, der 2:1 - Auswärtssieg beim städtischen Nachbarn und der damals wohl besten Mannschaft der Welt, FC Barcelona, ließ auch die Öffentlichkeit das erste Mal aufhorchen. Die Verbindung zu Espanyol hielt bis 2012 und endete nach einer weniger erfolgreichen Spielzeit mit nur neun Punkten aus 13 Partien im gegenseitigen Einvernehmen.

2013 dann als erst zweiter argentinischer Übungsleiter in England bei Southampton vorgestellt, machte das Team unter anderem mit Siegen gegen Top-Teams wie Liverpool, Chelsea und den damals aktuellen Meister ManCity schnell auf sich aufmerksam. Am Ende der Saison stand ein überragender achter Platz, die beste Platzierung seit 2003 gepaart mit der höchsten Punktausbeute seit 1993.

Seit 2014 im Londoner Norden angestellt, impft der Argentinier den Spurs seit knapp drei Jahren seine erheblich von Altmeister und Mentor Marcelo Bielsa inspirierte Spielphilosophie und Idee von erfolgreichem Fußball ein. Als dreizehnjähriger wurde der heutige Spurs-Coach von Bielsa, damals erst kürzlich bei Newell’s Old Boys als Jugendkoordinator angestellt, auf kuriose Art und Weise verpflichtet. Auf der Suche nach den besten Talenten des Landes, stieg der immer schon eigensinnige und kontroverse Fußball-Lehrer mit ausgeprägter Flugangst in seinen Fiat und bereiste persönlich jede noch so abgelegene Ecke Argentiniens. Es war 2 Uhr nachts, als Bielsa am Haus von Pochettino ankam, im Schlaf die Füße des Jungen begutachtete, als fußballtauglich erklärte und ihn auf der Stelle verpflichtete. Fünf Jahre später, ersetzte Bielsa Jose Yudica als Chefcoach bei Newell’s und holte Pochettino in die erste Mannschaft hoch.

Heute sind die Einflüsse von damals in Pochettino’s Art und Weise Fußball spielen zu lassen offensichtlich. Die Parallelen zum damaligen Team von Newell’s sind unverkennbar. „Als wir Titel gewonnen haben und 1992 ins Finale der Copa Libertadores gekommen sind, hatten wir ein sehr ähnliches Team zu dem was wir heute haben. Das Durchschnittsalter, die Balance zwischen jungen und erfahrenen Spielern. Auch damals hatten wir gute junge Spieler - so wie mich - und sehr gute erfahrene Spieler. Eine ähnliche Balance, ein sehr ähnliches Projekt“, erläuterte der Argentinier vor knapp einem Jahr in Anlehnung an sein heute äußerst erfolgreiches und eigenes Projekt.

Prognose

Im Achtelfinale der Europa League konnte sich die Borussia letztes Jahr relativ souverän durchsetzen, doch dieses Jahr sind die Vorzeichen ein wenig anders. Die Spurs waren mitten im Kampf um die Meisterschaft in der heimischen Premier League, richteten den Fokus weniger auf den Europapokal. Dieses Jahr wollen Tottenham und Pochettino auch auf europäischer Bühne beweisen, dass die außergewöhnlichen Leistungen der letzten Saison kein Zufall waren. Auch wenn die Dortmunder als leichter Favorit in die Duelle mit den Engländern gehen sollten, werden beide Partien eine äußerst ausgeglichene Angelegenheit.

Boris Davidovski, 11.09.2017

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