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Watzke vs. Tuchel - Dem BVB unwürdig

31.05.2017, 09:23 Uhr von:  Clemens
Watzke vs. Tuchel - Dem BVB unwürdig
Watzke vs. Tuchel

Der BVB hat einen Trainer entlassen - soweit nichts völlig Unnormales im Fußballgeschäft. Der Prozess bis zur Trennung von Thomas Tuchel war unseres Vereins jedoch vollkommen unwürdig.

Ein nachdenklicher Thomas Tuchel.

Jetzt ist er weg – und Borussia Dortmund ist wahrscheinlich nicht allzu lange allein (allein). Denn auf Thomas Tuchel dürfte nur allzu bald ein neuer BVB-Trainer folgen. Soweit nichts Ungewöhnliches im Fußballgeschäft. Der Prozess bis zur Trennung war unseres Vereins jedoch vollkommen unwürdig.

Hans-Joachim Watzke ist der Begründer der „BVB-Familie“, der Verbreiter von „Echter Liebe“. Beides hat in den vergangenen Wochen schweren Schaden genommen – was nicht zuletzt an Hans-Joachim Watzke selbst liegt.

Mit dem BVB-Geschäftsführer und Ex-Trainer Thomas Tuchel prallten zwei wohl kalkulierende Machtmenschen aufeinander, die in ihrer Außendarstellung andersartiger kaum sein könnten: Hier der einstige BVB-Erneuerer mit dem Herzen auf der Zunge, dort der kühle Vollzeit-Fußballfachmann und Müsli-Nerd aus dem Schwabenland. Es passte nicht zwischen Watzke und Tuchel. Es passte nie.

Wie Watzke und Tuchel den BVB enteinten

Letztlich war es Watzke, der zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt einer denkbar komplizierten Spielzeit mit denkbar ungewissem Ausgang das Undenkbare tat: Einen öffentlichen Zwist zwischen Vereinsführung und Trainer bestätigen – mehr noch: diesen Zwist durch nicht mal unauffällig gestreute Informationen auch noch zu befeuern.

Plötzlich waren zuletzt kritisierte Fans für den KGaA-Chef wieder wichtig. Verdiente Spieler wurden vorangeschickt, um den Geschäftsführer durch die Blume zu unterstützen. Keine Pressekonferenz, kein öffentlicher Auftritt irgendeines Vereinsvertreters verging, ohne das die Frage nach dem Verhältnis „Tuchel und der BVB“ gestellt wurde. Diese Unruhe hätte es im Endspurt einer solchen Spielzeit einfach nicht gebraucht.

Tuchel seinerseits tat zunächst, was er in den zwei Jahren beim BVB meistens machte: Er schwieg außerhalb der offiziellen Termine. Doch spätestens gegen Ende der Saison bewies der 43-Jährige einmal mehr, wieso es überhaupt soweit kommen konnte, wieso dieser Trainer einfach nicht zu unserem Verein passte.

Besonders Kapitän Marcel Schmelzer äußerte sich kritisch.

Er agierte kühl berechnend, zeigte keinen Funken Einsicht und ließ die Situation letztlich eskalieren. Er war unfähig oder unwillig, die Hand zu Versöhnung auszustrecken. Er bezichtigte Watzke-nahe Medienvertreter der Lüge und spaltete so das Fanlager. Er strafte Watzke-nahe Spieler durch Nichtberücksichtigung und/oder öffentliche Kritik ab und spaltete damit die Mannschaft. Kurzum: Er bestätigte alles, was sein Chef zuvor über die fehlende Eignung des Trainers in den Umlauf gebracht hatte.

Watzke und Tuchel haben es gemeinsam geschafft, Borussia Dortmund wieder zu einem Titelträger zu machen. Sie haben das desaströse letzte Jahr unter Jürgen Klopp schnell vergessen gemacht, den Abschied dreier Leistungsträger kompensiert und schließlich alle gesteckten sportlichen Ziele erreicht.

Aber: Viel mehr noch haben sie gemeinsam den Verein enteint. Borussia Dortmund 2017 ist Pokalsieger und Champions League-Teilnehmer – und ein gespaltener Klub.

Neue sportliche Leitung beim BVB vor Herkulesaufgabe

Während für die einen das Pokalfinale durch die Aussortierung Nuri Sahins schon vor dem Anpfiff einen herben Dämpfer verpasst bekam, pfiffen die anderen Watzke bei der Siegerehrung aus. Während sich Marcel Schmelzer oder Marco Reus nach dem Triumph öffentlich hinter Sahin und somit gegen den Trainer stellten, feierten andere Leistungsträger mit Tuchel Arm in Arm.


Dieser öffentlich ausgetragene Spaltungsprozess hat unserem Verein mehr geschadet, als es jede sportliche Kurzzeit-Krise oder ein kleines Feuerwerk auf den Rängen je hätte tun können. Er war unseres Vereins schlichtweg unwürdig.

Die neue sportliche Leitung hat deshalb nicht nur die Bürde, den eingeschlagenen und erfolgreichen sportlichen Weg fortzusetzen. Sie muss gleichzeitig Mannschaft, Verein und Fans wieder einen – damit es am Ende nicht heißt: „Jetzt schau dich an - wo bist du hingekommen?“

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