Im Gespräch mit...

Mats Hummels - "Die Meisterchoreo war einfach geil"

23.04.2012, 20:05 Uhr von:  Redaktion

Im ersten Teil unseres Interviews mit dem nun zweifachen Deutschen Meister Mats Hummels sprachen wir mit dem Innenverteidiger hauptsächlich über sportliche Aspekte, seine Zeit bei Borussia Dortmund und die Nationalmannschaft. Im zweiten Teil dreht sich nun alles um Fanthemen. Mats verrät uns seine Meinung zu Initiativen wie "Kein Zwanni" oder "Pyrotechnik legalisieren", berichtet von seinen drei intensivsten Momenten im Trikot der Borussia und enthüllt, was ihn auf dem Platz am meisten pusht.

schwatzgelb.de: Mats, du hast selber gesagt, dass du in den Foren mitliest. Wie erfährt man als Spieler von Entwicklungen wie „Kein Zwanni" oder „Pyrotechnik legalisieren"? Wird das im Mannschaftskreis thematisiert oder ausschließlich von Kevin an euch heran getragen?

Mats Hummels: Kevin ist natürlich derjenige, der die meisten Einblicke in diese Sachen hat. Aber auch sonst haben wir alle unsere Meinung dazu, das ist klar. „Kein Zwanni" ist für mich beispielsweise eine Sache, die ehrenhaft ist. In meinen Augen wird es aber — wahrscheinlich — schwierig, das über Jahre durchzuhalten. Alles wird teurer, und das gilt leider auch für Fußballspiele, das muss man verstehen. Ebenso, dass es viele Leute gibt, die es sich nicht leisten können, jedes Wochenende ins Stadion zu gehen. Die Aktion ist aber ein Zeichen dafür, dass das Spiel im Vordergrund steht. Das sollte auch so bleiben und nicht die Tatsache, dass man eine tolle Mehrzweckarena für 100.000 Events hat, wodurch die Tickets dann 22 Euro statt 18 kosten.

schwatzgelb.de: Es geht dabei auch vor allem um junge Leute.

Hummels: Das ist klar. Ich wüsste jetzt auch nicht, wie ich es finanziert hätte, wenn ich in der zwölften Klasse jedes Mal zum Fußball gefahren wäre.

schwatzgelb.de: Mathias Abel vom 1. FC Kaiserslautern hat sich für einen verantwortungsvollen Gebrauch von Pyrotechnik ausgesprochen. Und auch Kevin hat schon durchblicken lassen, dass er sich das vorstellen könnte...

Hummels: Ja! Kevin ist ja auch ein Fan!

schwatzgelb.de: Gibt es bei dir beziehungsweise bei euch auch eine Meinung dazu?

Hummels: Das ist das gleiche Problem wie bei vielen anderen Dingen. Wenn man etwas erlaubt, gibt es eine Kontroverse, was genau man nun erlaubt? Böller werfen ist prinzipiell schwachsinnig. Ist es wie in Freiburg (letztes Spiel der Hinrunde, d. Red.), dann sieht das geil aus. Es ist aber auch die Frage, inwiefern das etwas damit zu tun hat, die Mannschaft zu unterstützen? Das ist ja der eigentliche Grund, um ins Stadion zu gehen. Pyroaktionen während des Spieles tragen relativ wenig dazu bei. Deswegen bin ich prinzipiell eher dagegen als dafür, ohne aber hundertprozentig dazu etwas sagen zu können. Diese Choreographien vor dem Spiel unterstütze ich zu 100 Prozent, vor allem wenn ich da an die Totenkopfchoreo gegen Wolfsburg oder die Meisterchoreographie denke.

schwatzgelb.de: Du hast die Choreos angesprochen. Unter uns Fans gibt es immer intensive Diskussionen, was die Mannschaft am meisten pusht? Gegen Stuttgart die letzten 20 Minuten tobte ja das Stadion...

Hummels: Das ist eh das Beste!

schwatzgelb.de: Was ist mit einem Pfeifkonzert, verunsichert das den Gegner wirklich oder ist man da als Spieler so fixiert, dass man das gar nicht mitbekommt? Ebenso, wenn gesungen wird und Fahnen geschwenkt werden?

Hummels: Man bekommt das schon mit. Am besten, wenn das wellenartig passiert. Gegen Stuttgart war es nach dem 1:2 und 2:3 erstmal leiser, doch dann sind die Ränge explodiert — das hat sich ganz klar auf die Mannschaft übertragen, das hat man gesehen! Auswärts fällt das weniger auf. Dort ist es ja oft so, dass ein Gesang durchgezogen wird, der aber relativ wenig zum Pushen der Mannschaft beiträgt oder das Spielgeschehen kommentiert. Was mir auffällt: Ich war neulich bei den Amateuren gegen den SC Wiedenbrück, da war 90 Minuten Unterstützung, nur im Moment des Tores war Stille im Block. (Gelächter) Das war für mich das Seltsamste, was ich je miterlebt habe. Die haben die ganze Zeit gesungen, sind gehüpft und sind ausgerastet. Aber in dem Moment, in dem Dortmund das 1:0 geschossen hat, war der Fanblock ruhig. Alle anderen außen rum haben gejubelt und als dann angepfiffen wurde, ist der Fanblock wieder ausgerastet. Alle anderen danach waren widerum still. Das hat mich ein bisschen aus der Fassung gebracht.

schwatzgelb.de: Das heißt, du hast kein Problem mit ruhigeren Phasen auf der Tribüne, wenn es dann in den wirklich wichtigen Phasen richtig laut wird?

Hummels: Klar, das trägt viel dazu bei.

schwatzgelb.de: Auf den relativ monoton gleichen Klangteppich während des Spieles könntest du verzichten?

Hummels: Naja, den nimmt man nicht so wahr. Da bist du dann doch zu sehr auf das Spiel fokussiert. Aber wenn es dann so Phasen gibt, in denen es lauter und auffälliger wird, dann trägt das vor allem in den Heimspielen dazu bei, dass man noch einmal einen Ticken mehr rausholt. Gegen Stuttgart hätte uns das zu 50 Prozent die drei Punkte gebracht, wenn da nicht die 92. Minute gewesen wäre.

schwatzgelb.de: Gibt es in Deutschland denn ein Stadion, in das du nicht so gerne fährst, weil es da so stimmgewaltig ist?

Hummels: Nein, gibt es nicht. Was geil war, war das Spiel in Augsburg. Das war super. Das war auch früher in Mainz im alten Stadion so, dort war einfach immer gute Stimmung. Die haben ihre Mannschaft — egal bei welchem Spielstand — immer nach vorne gebracht. Und die Mainzer haben dann eben auch stets an sich geglaubt. Wir haben dort mal 0:1 verloren und damit die Champions-League-Quali ein bisschen verspielt, was mit Sicherheit auch der Atmosphäre geschuldet war. Du hattest dort Karnevalsstimmung pur. Der größte Hexenkessel war aber bis jetzt tatsächlich bei Karpaty Lviv. Das hat man, glaube ich, von außen gar nicht so mitbekommen. Aber wenn du selber etwas gesagt hast, hast du es nicht mehr verstanden. Von dem Moment an, als sie das 1:2 gemacht haben, war das ein Hexenkessel — bis zum 4:3 von uns. Das habe ich so selten erlebt.

schwatzgelb.de: Wie häufig kommt es vor, dass ein Stadion so laut ist, dass man selber schon Probleme hat miteinander zu kommunizieren und sich abzusprechen oder zu hören, was der Trainer von außen reinwirft?

Hummels: Da wir zum Glück mittlerweile in der Fremde häufiger führen, passiert das auswärts nicht mehr ganz so häufig. Aber zu Hause ist das schon so. Es ist nicht so einfach, einen zu erreichen, wenn er im Stadion 20 Meter von dir weg ist.

schwatzgelb.de: Bekommt ihr als Mannschaft später auch die gesamten Randerscheinungen mit und redet ihr dann darüber? Bei Karpaty haben ja einige Fans ganz schön Probleme in der Innenstadt gehabt und in Sevilla war es ebenfalls heftig.

Hummels: Da wurden ja auch welche festgenommen.

schwatzgelb.de: Da gibt es diese ganzen Geschichten, die mit EU-Recht nicht mehr so viel zu tun haben. Kriegt ihr das als Mannschaft mit und redet ihr im Nachhinein auch darüber?

Hummels: Also, da kriegen wir viel durch Kevin mit, weil der den engsten Bezug dazu hat und nach solchen Spielen immer eine SMS von Fans bekommt. Ich lese natürlich auch in Foren und kriege dann auch vieles im Nachhinein mit. Und ich bin auch häufig mal verwundert, wie sich das mit dem einen oder anderen Gesetz, was es vielleicht geben sollte, vereinbaren lässt.

schwatzgelb.de: Wie kann man sich das vorstellen?

Hummels: Kevin zeigt sie einem dann und gibt das dann nochmal weiter — klassisch wie sich sowas halt verbreitet. Und dann ist das natürlich auch mal ein Thema. Oft erfahren wir lediglich Gerüchte, doch manchmal bekommt man auch ganz klare Beweise und sagt dann: "Krass, drei Leute, die ich kenne, wurden von der Polizei einfach festgenommen, ohne dass sie was gemacht haben." Ich weiß dann nicht, ob sie wirklich nichts gemacht haben, aber es ist uns natürlich nicht egal und wir finden es scheiße. Aber dagegen kann man selbst relativ wenig unternehmen.

schwatzgelb.de: Du hast eben schon die Choreographien angesprochen, die du gerne in Dortmund siehst. Ist das etwas, das dich noch am meisten pusht, wenn du ins Stadion kommst?

Hummels: Die Meisterchoreo war einfach geil, da die Laune gegen Frankfurt eh schon ganz gut war. Es ist definitiv so: Du läufst auf, schaust nach links und kriegst sofort Gänsehaut. Das ist unvermeidlich. Im Spiel hast du die nicht mehr, weil du dann natürlich konzentriert bist. Aber die Choreos vor dem Spiel und eben dieses nicht geplante, laute, emotionale Singen und Anfeuern, was frei heraus kommt, sind auf jeden Fall die Sachen, die mich persönlich am meisten nach vorne treiben.

schwatzgelb.de: Generell hat man den Eindruck, dass dieses Verhältnis zwischen der Mannschaft und den Fans in Dortmund mittlerweile so gut ist wie lange nicht mehr. Beispiel Stuttgart, als das komplette Stadion nach dem 2:3 aufsteht und euch nach vorne brüllt. Hast du eine Erklärung dafür, dass jetzt dieses Verhältnis so enorm gut ist?

Hummels: Keine Ahnung, das hat sich irgendwie einfach so ergeben. Natürlich kommt das auch ein wenig daher, dass wir auch Leute kennen, die jedes Mal auf der Süd stehen. Sogar ich kenne ein paar, Mario kennt ein paar, Schmelle kennt ein paar und Kevin sowieso. Kevin kennt vermutlich alle. Dann ist dieser Bezug auf beiden Seiten eben auch enger. Fans wollen sehen, dass man auf dem Platz alles gibt. In meinen Augen ist das das Mindeste, was man von gut bezahlten Fußballern erwarten kann. Selbst wenn mal nicht alles gelingt, erwartet man zumindest, dass sie sich immer rein schmeißen und versuchen, das Spiel zu gewinnen. Ich glaube, das sehen sie bei uns und deswegen werden wir auch bedingungslos unterstützt. Weil sie genau wissen: Wir geben nicht auf. Ich hätte früher als Fußballfan genau sowas sehen wollen.

schwatzgelb.de: Wie groß glaubt ihr, ist der Kredit bei den Fans. Gerade weil in Fanforen immer mal wieder...

Hummels: Ich habe vieles gelesen, auch das untereinander mal gesagt wurde, es wird leiser, wir müssen uns wieder mehr dahinter stellen. Diese Aufrufe gibt es doch auch bei euch.

schwatzgelb.de: Bei mancher Aussage denkt man sich allerdings schon: "Mensch, wenn das jetzt ein Spieler liest, der fasst sich ja an den Kopf." Da dreht der ein oder andere, geschützt durch die Anonymität des Internets, ziemlich frei, als hätten wir gerade fünf Spiele in Folge verloren...

Hummels: Dadurch, dass das jetzt schon über einen langen Zeitraum so gut läuft, würde das natürlich etwas schlechtere Laune bei den Fans hervorrufen. Und natürlich auch bei uns. Aber trotzdem würde das an dem Verhältnis nicht viel ändern. Wenn wir jetzt erst seit wenigen Monaten so gut spielen würden und dann eine schlechte Phase hätten, würde das ganze vielleicht viel schneller kippen. Aber da das nun schon seit drei, vier Jahren so gut läuft, bin ich schon der Meinung, dass wir ziemlich viel Kredit haben. In den Foren schreiben viele Leute Murks, aber man kann das tatsächlich einordnen, denn die meisten sind ja dennoch vernünftig.

schwatzgelb.de: Wie hast du auf die Aufrufe verschiedener Seiten zur Verbesserung der Stimmung im Stadion reagiert?

Hummels: Ich glaube, dass die schon immer begründet sind. Auch dadurch, dass viele Heimspiele so souverän liefen. Diese Stimmung kommt ja nicht geplant, sondern die kommt ja aus der Emotion heraus. Und wenn dann ein Spiel läuft, die Mannschaft feuert die ersten 20 Minuten komplett ab, führt 2:0, macht in der 40. Minute das 3:0 — dann ist man ab da an einfach ein bisschen ruhiger. Ich glaube, das ist eine natürliche Haltung. Und deswegen ist es einfach nur dieses Sich-in-den-Kopf-rufen der Fans, dass es nicht immer so laufen wird. Ich glaube, dass das in diesem Fall gar keine Kritik an den vergangenen Spielen gewesen sein soll, sondern eher um im Hinterkopf zu behalten: Wenn es mal nicht so gut läuft, dann brauchen sie uns wieder mehr als bei einem lockeren Sieg. Sodass man in den nächsten engen Spielen eben nicht enttäuscht ist, wenn man den selben Gegner nicht erneut mit 4:0 besiegt. Sondern damit man daran denkt: "Jetzt ist's wichtig. Jetzt müssen wir auch wieder voll da sein." So habe ich das interpretiert.

schwatzgelb.de: Nehmen wir jetzt den Mats, 60 Jahre alt oder sagen wir mal 70 und mit Enkelkindern. Was willst du denen dann erzählen können, was du erlebt hast im Fußball, was du erreicht hast? Was sind die großen Ziele? Was willst du bis dahin erlebt und geschafft haben?

Hummels: Natürlich wäre es schön, wenn da noch ein paar Titel dazukämen. Aber ich sage mal: Selbst wenn ich jetzt schon Enkel hätte, hätte ich denen auch schon einige Dinge zu erzählen. So weit ist es zum Glück noch nicht, aber ich glaube, diese spannenden Spiele sind es, deren Geschichten ich weitererzählen würde — und gar nicht mal unbedingt diese Titel-Geschichten. Oft sind es auch Spiele, die gar nicht gut gegangen sind, wie das gegen Stuttgart, die mich begeistern. Oder wie letztes Jahr das gegen Sevilla. Das ist für mich ohnehin eines der prägendsten Spiele überhaupt gewesen: Du spielst gegen eine klasse Mannschaft, spielst unglaublich gut und triffst das Tor nicht. Dann gibt der Schiedsrichter dir noch Gelb-Rot für was-weiß-ich, und dann liegst du 0:1 hinten. Und trotzdem war es nicht zehn gegen elf, sondern 80.000 plus zehn gegen elf. Das ist so ein Gefühl, das ich eben ewig für mich in Erinnerung behalte. Natürlich sind auch Erfolge schön. Aber diese Spiele mit ihren intensivsten Momenten — das ist das, wovon ich noch ganz viel erleben möchte. Wie beispielsweise den Ausgleich gegen Hoffenheim letzte Saison, oder eben jetzt Stuttgart. Diese Momente sind für mich noch schöner als Titel, auch wenn ich am Ende nicht ohne den letzten Meistertitel dastehen möchte.

schwatzgelb.de: Kannst du da ein Highlight raus nehmen?

Hummels: Es sind tatsächlich drei: Ausgleich Hoffenheim, ich glaube da ist nach dem Jubel jeder zehn Reihen weiter vorne wieder aufgestanden. Dann im Nürnberg-Spiel, als Nobby das 2:0 von Köln gegen Leverkusen durchgesagt hat. Einfach auch — ich kriege auch schon wieder Gänsehaut, unfassbar — wegen der Reaktion der Mannschaft. Wir sind ja völlig ausgerastet. Wir standen auf dem Platz und haben uns angegrinst. Du bist da in der 80. Minute, es steht 2:0 gegen Nürnberg, das Spiel ist noch lange nicht vorbei. Nobby tickt aus. Irgendein langer Ball kommt, du guckst nach links, und der gleiche Mensch guckt dich grinsend an. Du guckst nach vorne, der guckt dich an, und alle sind einfach völlig ausgetickt. Das Dritte waren tatsächlich diese zehn Minuten gegen Stuttgart. Dann waren da noch viele kurze Momente. "Deutscher Meister steh' auf" gegen Nürnberg war auch nicht so schlecht, doch die erstgenannten waren bisher eben die drei prägendsten Momente.

schwatzgelb.de bedankt sich bei Mats ganz herzlich für sein Interesse und das ausführliche Interview und gratuliert auf diesem Wege auch noch einmal zum Gewinn der zweiten Deutschen Meisterschaft!

MalteS./mrg/Vanni, 23.04.2012

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