Im Gespräch mit...

Mats Hummels - "Es gibt nicht viele Vereine, in denen man eine Alternative zum BVB sieht"

20.04.2012, 18:00 Uhr von:  Redaktion

Mats Hummels ist einer der Borussen, die schon im Jahr 2008 Teil des Pokalfinales waren, auch wenn er dort nicht eingesetzt wurde. Er formte unter Jürgen Klopp den anfangs belächelten "Kinder-Riegel" und steht nun im Kreis der EM-Kandidaten für das Team der deutschen Nationalmannschaft. Wir sprachen im ersten Part unseres zweiteiligen Interviews mit dem 23-Jährigen über seine Erinnerungen an das Pokalfinale, seine Rolle als spielöffnender Innenverteidiger, Zukunftsperspektiven (mit oder ohne Titel) und die Nationalmannschaft. Hier findet ihr Teil zwei unseres Interviews.

schwatzgelb.de: Mats, wenn man über Borussia Dortmund und das Trainerteam redet, steht Jürgen Klopp stets im Vordergrund. Wir würden deshalb gerne wissen, wie die Arbeitsverteilung der Co-Trainer aussieht?

Mats Hummels: Das ist bei uns alles klar definiert. Peter Krawietz kümmert sich um die Gegnersichtung und Videoanalysen. Er schneidet sie zusammen, zeigt uns nach dem Spiel unsere eigenen Szenen und in der Vorbereitung auf die nächste Partie die des Gegners. Zeljko Buvac ist im täglichen Trainingsbetrieb voll drin und gibt mindestens die Hälfte unserer Übungen selbst vor. Natürlich ist Jürgen Klopp als Cheftrainer das Gesicht der Mannschaft und des gesamten Vereins, aber im Training übernimmt auch Zeljko sehr viel Arbeit.

schwatzgelb.de: Wie kann man sich die Nachbetrachtung von Spielen mittels Videoanalyse bei euch vorstellen?

Hummels: Ich denke, die drei machen sich vorher gemeinsam Gedanken und tauschen ihre Meinungen aus. Peter zeigt uns dann die Spielszenen, während der Trainer — manchmal auch mit ihm gemeinsam — erklärt, wer dort was falsch gemacht hat.

schwatzgelb.de: Große Stärken des BVB sind natürlich Fitness und Laufstärke. Welchen Anteil haben eure Athletik-Trainer?

Hummels: Ich glaube, in der Vorbereitung sind sie die tragenden Figuren, vor allem im Trainingslager. Ganz zum Leiden der Spieler erklären sie uns die Lauf-Einheiten und nehmen uns manchmal auch ein wenig härter ran. Aber das gehört dazu, und wir wissen, dass unsere Fitness-Experten gute Arbeit leisten. Die haben nämlich einen Riesenanteil daran, dass wir im Spiel körperlich fast nie müde sind.

schwatzgelb.de: Der Wechsel von Nuri Sahin hat einige Veränderungen in eurem Spiel mit sich gebracht. Wie habt ihr damals reagiert, als er euch mitgeteilt hat, dass er wechseln wird?

Hummels: Wir haben das natürlich schon vermutet, bevor er uns endgültig informiert hat. Damals hat er zur Mannschaft gesprochen und das Ganze war, sowohl für uns als auch für ihn, mit vielen Emotionen verbunden. Doch wir haben ihn immer alle verstanden, denn er hatte die Chance, zu einem der größten Vereine der Welt zu gehen. Wir drücken ihm immer die Daumen, dass er spielt, und freuen uns, wenn er wie im Champions-League-Hinspiel gegen Nikosia zum Einsatz kommt. Sehr viele von uns haben auch immer noch intensiven Kontakt mit ihm.

schwatzgelb.de: Du selbst auch noch?

Hummels: Ja, ich auch. Das letzte Mal nach dem Stuttgart-Spiel. (lacht) Dazu hat er natürlich noch ein paar Worte gesagt, sich sonst wie immer erkundigt und erzählt, wann er mal wieder hier ist. Ganz klassisch.

schwatzgelb.de: Zuletzt hat sich immer mehr abgezeichnet, dass auch du einen Teil seiner Rolle auf dem Platz übernommen hast, gerade in der Spieleröffnung und mit deinen langen Bällen. Wie siehst du das selber?

Hummels: Ja, eine Zeit lang war das in dieser Saison sicher so. Jetzt, da Ilkay richtig gut in Form ist, ist das ein bisschen weniger geworden. Wenn wir weiter so gut spielen, ist das für mich natürlich kein Problem. Die Pässe in die Tiefe sind dann kürzer, ich muss sie nicht 50, sondern eher 25 bis 30 Meter weit spielen. So ist natürlich die Wahrscheinlichkeit höher, dass der Ball auch wirklich beim eigenen Mann landet. Außerdem kommt es mir sehr entgegen, wenn auch andere Mitspieler diese Pässe versuchen, da wir als Mannschaft dann flexibler sind und der Gegner sich nicht darauf einstellen kann.

schwatzgelb.de: Wie ist es eigentlich, deshalb schon als Innenverteidiger von den gegnerischen Spielern gedeckt zu werden?

Hummels: Ich gebe offen zu, dass mich das schon ein bisschen stolz macht. Denn das ist auch eine ganz klare Anerkennung meiner Qualität, wenn gegnerische Trainer der Meinung sind, sie müssten ihre Leute, die eigentlich fürs Tore schießen zuständig sind, einsetzen um mich abzusichern. Zum ersten Mal war das in München so, da hat Louis van Gaal sogar nach dem Spiel zugegeben, dass er Gomez auf mich angesetzt hat.

schwatzgelb.de: Mittlerweile hast du dich also voll und ganz darauf eingestellt?

Hummels: Ja, klar. Das Problem ist, dass ich mich als Innenverteidiger nicht 15 Meter nach vorne absetzen kann, weil ich sonst eine Riesenlücke hinterlasse. Das muss ich einfach akzeptieren, doch es gibt trotzdem in jeder Partie Möglichkeiten, aus dem Spiel heraus aktiv zu werden. So muss ich es in diesen wenigen Situationen eben schaffen, dass die Qualität meiner Aktionen noch höher ist, als wenn ich davon 30 Stück pro Spiel hätte.

schwatzgelb.de: Kommt dir da zugute, dass du damals öfter auch als Sechser gespielt hast?

Hummels: Natürlich, das ist auch etwas, was mir jetzt in der Innenverteidigung weiter hilft. Denn die Zeit, in der ich mich entscheiden muss, ist im Mittelfeld deutlich kürzer, weil auch die Räume ein wenig enger sind. Als Innenverteidiger stecke ich oft in Situationen, in denen ich den Ball wirklich fünf bis zehn Sekunden lang führen kann. Im Mittelfeld sind zwei bis drei Sekunden schon eine Seltenheit. Diese Denke hilft einem natürlich, wenn man weiter hinten spielt.

schwatzgelb.de: Auch wenn Dortmund im Moment nicht wirklich in Personalnot ist: Kannst du dir vorstellen, nochmal im Mittelfeld aufzulaufen?

Hummels: Prinzipiell ja, allerdings nur in Notfallsituationen. Ich habe ja auch bei der Nationalmannschaft in Österreich 30 Minuten als Sechser gespielt, als alle anderen auf dieser Position ausgefallen sind, obwohl wir wirklich 25 gute Sechser in Deutschland haben. Als komplett neue Position kann ich mir das allerdings nicht vorstellen.

schwatzgelb.de: Als Jürgen Klopp damals herkam, wurde in der Innenverteidigung ein kompletter Bruch vorgenommen. Die „Opa-Abwehr" mit Wörns und Kovac wurde gegen den kritisch beäugten „Kinder-Riegel" ausgetauscht. Wie habt ihr das als gerade mal 19-jährige Jungprofis erlebt?

Hummels: Dass beide Positionen von 19-Jährigen besetzt wurden, war zu diesem Zeitpunkt schon überraschend. Doch der Trainer kannte Neven schon aus Mainz, und auch ich habe schon in der Vorbereitung relativ schnell gemerkt, dass er auf mich baut. Dann ist es eigentlich egal, ob du 22 oder 19 Jahre alt bist. Ich finde es spannend, dass wir immer noch als jüngstes Innenverteidiger-Pärchen der Bundesliga betitelt werden, obwohl wir das gar nicht mehr sind. Wir sind ja schon 23.

schwatzgelb.de: Neven hat mal in einem Interview gesagt, dass die Stürmer lieber auf ihn zugehen, damit sie nicht gegen Mats Hummels spielen müssen. Wie ist bei euch die Rollenverteilung?

Hummels: Ich glaube, diese Aussage war einfach nur ein Spaß von ihm. Anders kann ich mir das nicht vorstellen, da Neven auch im Zweikampf einer der dominantesten Spieler ist. Ich weiß das ja selbst aus dem Training.

schwatzgelb.de: Aber am Spielaufbau hast du schon deutlich mehr Anteile als er. Ist das so abgesprochen oder ergibt sich das einfach, weil du in diesem Bereich mehr Qualität besitzt?

Hummels: Von den Ballkontakten her würde ich das gar nicht sagen. Vielleicht wirkt es einfach aufgrund der Tatsache, dass ich ein paar tödliche Bälle mehr spiele, als sei ich aktiver. Spielt Neven vorher einen Fünf-Meter-Querpass zu mir, dann fällt mein langer Pass natürlich mehr auf. Doch wenn ich mir die Statistiken anschaue, dann ist das eigentlich relativ ausgeglichen.

schwatzgelb.de: Wie ist dein Verhältnis zu Neven?

Hummels: Total locker. Ich glaube, Neven ist der umgänglichste Typ bei uns in der Mannschaft. Er zieht sein Ding durch und lebt auch ein bisschen in seiner eigenen Welt. Wenn man jemanden „Chiller" nennt, dann passt das perfekt zu ihm.

schwatzgelb.de: Neven und du sind als Innenverteidiger gesetzt. Mit Tele Santana haben wir nun einen dritten Spieler in unseren Reihen, der ebenfalls sehr stark, mit seinen Einsatzzeiten aber verständlicherweise unzufrieden ist. Ist das ein Thema bei euch?

Hummels: Das war schon vor der Saison ein Thema. Der Trainer wollte in Anbetracht der vielen anstehenden Spiele auf unserer Position vielleicht mal ein wenig durchwechseln. Dann aber war Neven ohnehin zweimal verletzt, sodass Tele in der Hinrunde zehn Spiele gemacht hat. Er ist jetzt 26, und wenn man so stark ist wie Tele, hat man den Anspruch, Stammspieler zu sein. Deswegen kann man es ihm nicht verdenken, wenn er nach der langen Zeit im Sommer wechseln möchte. Auch wenn das sehr schade wäre, da er eine enorme Qualität mitbringt. So hoffe ich natürlich, dass wir dann theoretisch einen anderen Guten finden würden.

schwatzgelb.de: Anfangs haben Tele, Neven und du relativ viele Tore erzielt. Überwiegend mit dem Kopf, auch gerne nach Eckbällen. Das hat sich geändert. Gegen Augsburg gab es zum Beispiel einen Freistoß aus dem Halbfeld...

Hummels: ...aber jetzt haben wir doch wieder Tore nach Standards erzielt.

schwatzgelb.de: Gefühlt sind wir nach Standards deutlich ungefährlicher als vor zwei Jahren.

Hummels: Am Anfang der Saison haben wir einige Tore nach Standards geschossen. Aber es stimmt, wir hatten eine Phase von 13 bis 14 Partien, in denen die Bälle erstens relativ schlecht geschlagen wurden und wir sie zweitens auch nicht rein gemacht haben, wenn sie denn gut kamen. Gegen Lautern habe ich zum Beispiel zwei Mal an den Pfosten geköpft, und irgendwann denkt man dann selbst: „Ach, Ecke, wird wahrscheinlich eh nichts." Das geht dann nicht nur den Fans, sondern auch den Spielern so. Aber wir haben daran gearbeitet.

schwatzgelb.de: Das heißt, Standards habt ihr in der Vergangenheit härter trainiert?

Hummels: Genau, da haben wir uns jetzt auch wieder verbessert. Das ist eine Sache von Übung. Die anderen haben nie Ecken trainiert, weil sie nie Eckenschützen wie Nuri oder Mario waren. Und dann dauert es auch einfach, bis man in diese neue Rolle hineinfindet. Zum Glück sind wir jetzt auch wieder an einem Punkt angekommen, an dem die Fans „Hinein" schreien dürfen und nicht „Konter vermeiden".

schwatzgelb.de: Kommen wir mal zum Pokalfinale: Du warst ja 2008 dabei, hast aber selber nicht gespielt. Im Vorfeld der letzten Saison habt ihr gesagt „Dieses Jahr holen wir mal was", und dann ist es letztendlich die Meisterschaft geworden. Wenn man in dieser Saison das Spiel in Düsseldorf und den Jubel, vor allem deinen, gesehen hat, dann hatte man den Eindruck, dieses Jahr wollen sie das Ding unbedingt. Habt ihr euch das von Anfang an vorgenommen?

Hummels: Theoretisch nimmt man sich das jedes Jahr vor. Wir haben uns davor in Osnabrück und Offenbach auch zweimal doof angestellt, das muss man einfach so sagen. In Osnabrück war es ein bisschen unglücklich, dass Barletta seinen Fallrückzieher trifft. Und gegen Offenbach haben wir uns dann einfach von der einschläfernden Spielweise anstecken lassen, wirklich schlecht gespielt und sind verdient ausgeschieden. Deswegen war uns einfach klar, dass wir hier ein anderes Gesicht zeigen müssen. Vor allem jetzt, da wir eines der besten Teams Deutschlands sind und dementsprechend anders wahrgenommen werden. Deswegen wollten wir uns nicht wieder irgendwo blamieren, sondern in einem Wettbewerb, in dem man theoretisch nur sieben Spiele gewinnen muss, auch etwas reißen.

schwatzgelb.de: Was sind deine Erinnerungen an 2008, an die ganze Atmosphäre in Berlin im Olympiastadion?

Hummels: Weil die Atmosphäre so gut war, habe ich nur schlechte Erinnerungen. Beim Einlauf ins Stadion ist das natürlich ein geiler Moment. Die Mannschaften kommen rein, die Musik wird gespielt, das ganze Stadion bebt. Das ist eine unglaublich intensive Atmosphäre, weil es 30.000 oder 40.000 von uns und von den Bayern sind und dadurch alles noch viel lauter ist als bei einem normalen Bundesligaspiel. Dann auf der Bank zu sitzen und zuschauen zu müssen, das hat damals schon richtig weh getan. Und deswegen habe ich auch gehofft, dass ich dort noch einmal auflaufen und in der ersten Elf stehen darf.

schwatzgelb.de: Welche Zukunftsperspektiven siehst du für Borussia Dortmund, auch mit dir, in den nächsten Jahren?

Hummels: Erstmal glaube ich, dass man als Spieler gerne hierher kommt beziehungsweise hier bleibt. Das Gesamtpaket, wie Mario es genannt hat, passt einfach richtig gut. Die Mannschaft ist stark, wir sind immer lebendig, und es macht wirklich Spaß, da mitzuspielen. Und natürlich haben wir das größte Stadion Deutschlands mit der wahrscheinlich besten Atmosphäre. Dadurch gibt es dann eben auch nicht viele andere Vereine, in denen man eine Alternative sehen würde.

schwatzgelb.de: Was wollt ihr mit der Borussia noch reißen?

Hummels: Im Moment wäre es ganz gut, wenn wir den Tabellenplatz noch halten könnten. (lacht) Es ist schwierig, Prognosen abzugeben. Trotzdem: Mit diesem Potential muss das Ziel der Mannschaft sein, sich langfristig zu etablieren. Vielleicht nicht als direkter Konkurrent der Bayern — das ist für jedes Team schwierig —, aber auf jeden Fall unter den Top drei oder vier in Deutschland. Mal sehen, ob das klappt. Durch die Champions League nimmt man das nötige Geld ein, um dieses Konstrukt zu halten. Sollte die Qualifikation für die Königsklasse zwei Jahre hintereinander nicht klappen, wird es für den Verein aber finanziell schwierig, gute Spieler zu holen.

schwatzgelb.de: Seit langer Zeit ist im Verein eine kaum stagnierende Entwicklung zu erkennen. Sind Titel wirklich wichtig, um diesen erfolgreichen Weg fortzusetzen?

Hummels: Man muss keine Titel holen, doch für eine solch gute Mannschaft wie die unsere muss es zumindest das Ziel sein. Im Endeffekt werden Titel immer als relevanter Maßstab angesehen, sie sind wichtig für die Außendarstellung. Die Art und Weise, wie man Fußball spielt, finde ich zwar fast wichtiger, doch Leverkusen hat zum Beispiel fünf Jahre lang herausragenden Fußball gespielt ohne etwas zu gewinnen und wurde deswegen nie so richtig ernst genommen. Es ist für mich aber auch keine Katastrophe, wenn wir keine Trophäe holen, solange wir trotzdem guten Fußball spielen. Bevor wir mit Kick-and-Rush und zehn Zufallstoren pro Spiel die Meisterschaft gewinnen, werde ich lieber Zweiter mit einer Spielanlage, die über einen längeren Zeitraum erfolgreich sein kann.

schwatzgelb.de: Ich frage das, weil sich Jürgen Klopp letztlich auf einer Pressekonferenz darüber beschwert hat, dass man sich schon fast dafür entschuldigen musste, zuletzt nur 1:0 gespielt zu haben.

Hummels: Wir als Mannschaft sehen das sowieso entspannter. Keiner ist davon ausgegangen, dass wir 15 Punkte vor den Bayern sein werden. Wenn man die Mannschaften sieht, ist das eine Qualität, drei Spieltage vor Schluss acht Punkte vorne zu sein.

schwatzgelb.de: Obwohl man nach Nuris Abgang dachte, er hätte noch bleiben und sich beim BVB weiterentwickeln können, war sein Schritt doch nachzuvollziehen. Borussia Dortmund ist ein Verein, der auf einem soliden Fundament steht. Mit vielen Spielern wurden die Verträge langfristig verlängert. Gibt es für einen Spieler wie dich so etwas wie einen logischen, nächsten Schritt nach Borussia Dortmund?

Hummels: Für mich gab es noch nie diese klassische Karriereplanung. Ich war immer der Meinung, dass ich nicht mal wissen kann, was nächstes Jahr im Sommer ist. Wie kann ich dann sagen, was in vier Jahren ist? Eine Vorhersage für mehr als zwei oder drei Monate ist immer höchst spekulativ. Allein durch das Tagesgeschäft, durch Verletzungen, durch Glück und Pech im Spiel und das ganze Umfeld — es kann sich so viel verändern. Nach fünf Niederlagen in Folge könnte es bei uns zum Beispiel schon wieder ganz anders aussehen. Aber damit rechne ich nicht, und selbst wenn: Im Moment läuft alles darauf hinaus, dass dieses Konstrukt in den nächsten paar Jahren — mindestens — richtig erfolgreich sein wird.

schwatzgelb.de: Du hast eben gesagt, dass du deine Karriere gar nicht langfristig planst. Wie sah das aus, als du im Winter 2008 für anderthalb Jahre vom FC Bayern an den BVB ausgeliehen wurdest?

Hummels: Damals war mein Gedanke natürlich, dass ich nach der Ausleihe zurück zum FC Bayern gehen werde. Aber schon nach drei, vier Monaten dachte ich „Ach, vielleicht doch nicht" und nach einem halben Jahr „Hierbleiben ist die bessere Alternative". Genau das meine ich, wenn ich sage, es kann sich alles ändern und dass ich keine Vorhersagen für mich treffen kann und will.

schwatzgelb.de: Welche Gründe haben dich zu diesem schnellen Umdenken bewegt?

Hummels: Es war in Dortmund einfach eine ganz andere Situation für mich. In München war ich Jugendspieler und wurde als solcher verständlicherweise nicht ernst genommen. Ich durfte zwar zwei, drei Mal pro Woche mittrainieren. Aber freitags bin ich immer selbst zum Trainer gegangen, um ihn zu fragen: „Amateure oder Bank bei den Profis?". Persönlich wurde mir das nämlich gar nicht mitgeteilt. (lacht) Das war schon ein bisschen seltsam. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass ich dort als Anwärter auf einen Platz in der Verteidigung gar nicht in Frage komme. Einmal hatten sich zwei oder drei Innenverteidiger verletzt, und statt mich einzusetzen wurde jemand von rechts in die Mitte gezogen. In Dortmund war das für mich ganz anders: Hier werde ich ernst genommen, hier bekomme ich die Chance zu spielen und das auch noch in einer ziemlich guten Mannschaft. Es hat sich dann nämlich ziemlich schnell abgezeichnet, dass der 13. Platz unter Thomas Doll nicht der Standard ist.

schwatzgelb.de: Wann hast du das gemerkt?

Hummels: Erst unter Jürgen Klopp. Vorher haben wir schon schlecht gespielt, doch das war plötzlich einfach eine ganz andere Mannschaft mit mehr Leben und mehr Qualität. In dem Moment habe ich gemerkt, dass ich mit dieser Mannschaft etwas Neues aufbauen kann, und das finde ich generell schön.

schwatzgelb.de: Du bist aus Oberbayern hierhin gekommen. Dortmund hat den typischen Ruhrpott-Ruf, wie gefällt es dir hier?

Hummels: Also geboren bin ich ja in Bergisch Gladbach. (lacht) Natürlich ist Dortmund nicht die Perle Deutschlands. Gerade als Fußballer muss man sehr viel auf Erholung und den körperlichen Zustand achten, und hier in Dortmund kann ich wunderbar ruhigere Sachen machen. Zum Beispiel mit den anderen Jungs aus der Mannschaft irgendwo abhängen. Es gibt wahrscheinlich Städte, die haben mehr schöne Ecken. Doch wenn man weiß, wo die schönen Ecken einer Stadt sind, dann kann man es sich überall gemütlich machen.

schwatzgelb.de: Man hat das Gefühl, dass ihr Spieler auch außerhalb des Trainingsplatzes unglaublich viel zusammen macht.

Hummels: Natürlich sind wir nicht durch die Bank alle miteinander befreundet, darum geht es auch gar nicht. Vielmehr ist der Anteil derer, die sich mit vielen Mannschaftskameraden verstehen, außergewöhnlich hoch. Jeder kann mit jedem — und das zeichnet uns auch ein bisschen aus. Ich hänge zum Beispiel mit fünf bis sieben Mann öfter rum. So richtige Probleme gibt es hier alle drei Jahre mal.

schwatzgelb.de: Stichwort „Fußballer 2.0". Bei Facebook äußerst du dich ja viel und auch breitenwirksam. Nach dem Pokal-Viertelfinale zwischen Berlin und Gladbach gab es zum Beispiel ein wenig Ärger, als du dich über Gladbachs De Camargo beschwert hast. Ist das für dich überhaupt kein Problem?

Hummels: Ich denke natürlich darüber nach, was ich poste, doch vieles ist auch emotional. In der Situation war ich unglaublich sauer. Und dass meine Meinung manche Leute mehr interessiert als die anderer, ist dann einfach so. Ich lege es nicht darauf an, dass mich jeder Mensch in Deutschland mag und deshalb sage ich einfach, was ich denke.

schwatzgelb.de: Der Verein hat damit auch keine Probleme? Sonst denkt man bei Interviews mit Fußballern, die Spieler haben sich im Kopf einige Floskeln zurecht gelegt, die sie je nach Bedarf ausplaudern.

Hummels: Aber das liegt gar nicht an den Spielern selbst. Vielmehr weiß man als Fußballer genau, dass einige Leute auf eine klare Meinungsäußerung sehr negativ reagieren. Dabei ist das nur meine eigene Meinung. Allerdings muss man auch sagen: Manche Fragen sind auch doof, da gibt man dann einfach eine klassische Antwort.

schwatzgelb.de: Kommen wir zur Nationalmannschaft: Jeder geht davon aus, dass du bei der anstehenden EM dabei sein wirst. Wie schätzt du selbst deine Chancen ein, vielleicht in der ersten Elf gesetzt zu sein?

Hummels: Ich denke, dass diese Chancen in den letzten Monaten tatsächlich immer weiter gestiegen sind. 2011 hatte ich zwar die fünftmeisten Einsatzzeiten aller Nationalspieler, allerdings fehlte mir das Gefühl, immer dann gespielt zu haben, wenn es wirklich wichtig war. Doch mit der Zeit, und auch durch meine vielen Aufenthalte bei der Nationalmannschaft, ist das Verhältnis zum Bundestrainer immer besser geworden. Entscheidend sind aber die Wochen im Trainingslager vor Turnierbeginn.

schwatzgelb.de: Lange, gefährliche Bälle aus der Abwehr in die Spitze gehören zu den Markenzeichen deines Spiels. Jogi Löw hat allerdings öfter gesagt, dass er kein Fan dieser Pässe ist. Wie gehst du damit um?

Hummels: Danach werde ich immer wieder gefragt, das ist ganz amüsant. (lacht) Gegen Holland habe ich in der 90. Minute mal einen aus der Not heraus gespielt, das wurde dann ganz groß thematisiert. Es ist eine Stärke, die ich in der Nationalmannschaft nicht so zur Geltung bringen kann, aber das ist in Ordnung. Ich spiele sie fast gar nicht mehr. Was ich allerdings komisch finde: Wenn ich den Ball als Verteidiger so zum Torhüter zurück spiele, dass der ihn rausschlagen muss, ist das in Ordnung. Obwohl es eher eine Verschlechterung der Spielsituation ist. Wenn ich zehn Meter vor der Mittellinie stehe und das ist die Alternative, spiele ich den Pass lieber selber. Auch wenn ich nachher dafür kritisiert werde...

schwatzgelb.de: Fühlst du dich deshalb nicht unter Druck gesetzt?

Hummels: Beim BVB gibt es nämlich mehr Spieler, die sich tief hinter der letzten Linie anbieten. Obwohl alle anderen Nationalspieler hier in der gleichen Situation stecken, wird es bei mir zum Thema gemacht und immer wieder erwähnt. Mir persönlich ist das relativ wurscht.

schwatzgelb.de: Wie stehen die Chancen der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft im Sommer?

Hummels: Die Chancen sind richtig gut. Wir haben uns — auch nach der WM 2010 — richtig weiterentwickelt, und der Abstand zu Spanien ist auf jeden Fall kleiner geworden. Trotzdem hat man in Spielen wie gegen Frankreich gesehen, dass gegen diese guten Mannschaften stets eine Top-Leistung von Nöten ist. Das ist wie in Dortmund: Wenn wir gegen Bayern, Gladbach und Schalke spielen, reicht uns keine mittelmäßige Leistung, um zu gewinnen. In der Nationalmannschaft sind das eben Holland, Portugal und Dänemark. Die allgemeine Qualität der Nationalelf ist so hoch, dass das Ziel, den Titel zu holen, auf keinen Fall falsch ist.

Im zweiten Teil des Interviews berichtet Mats über seine intensivsten Momente als Spieler von Borussia Dortmund und kommentiert Fan-Themen wie "Kein Zwanni" oder Pyrotechnik. Außerdem erfahrt ihr, was Mats vor und während eines Spiels wirklich pusht.

Malte S./mrg/Vanni, 20.04.2012


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