Im Gespräch mit...

"Wir haben einen Zustand gegenseitiger Dankbarkeit erreicht"

29.05.2008, 02:19 Uhr von:  Redaktion

Choreografie Gelbe Wand Südtribüne Dortmund Im ersten Teil unseres Interviews gaben uns Marco und Kevin einen Überblick über die Entwicklung und Bedeutung von Fanchoreografien in der Bundesliga. Im zweiten Teil begleiten wir die Entstehung einer Rekordchoreographie und erfahren mehr über deren Wertschätzung bei Spielern und Funktionären.

Zäumen wir das Pferd einmal von hinten auf und planen gemeinsam eine große Choreografie. Womit fangen wir an?

Kevin: Zunächst müssen wir wissen, ob es einen bestimmten Anlass gibt oder ob wir einfach nur Bock haben eine derartige Aktion zu starten. Haben wir diese Frage geklärt, wird eine zündende Idee gebraucht. Dazu treffen wir uns in einem kleinen Kreis, tragen unsere "Für immer Westfalenstadion"-Choreo aus der HinrundeGedanken zusammen und beginnen die Planungen. Das Ergebnis leiten wir z.B. an Tobi weiter, der uns die passenden Vorlagen erstellt.

Gehen wir davon aus, dass wir uns für das Motiv „Für Immer Westfalenstadion" aus der vergangenen Hinrunde entschieden haben. Wie geht es weiter?

Marco: Wir arbeiten fest mit diversen Lieferanten aus ganz Deutschland zusammen, um einen möglichst reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Zwei bis drei Leute plündern unser Konto und kümmern sich um die Bestellung von Klebeband, Folien, Farben und Stoffen - im Idealfall haben wir am Dienstag eine Idee samt passender Vorlage, bestellen am Mittwoch das Material und können am Freitagabend in unseren Räumlichkeiten los legen.

Wie sieht es aus mit Verein, DFL und Feuerwehr? Müssen wir die vorab informieren?

Kevin: Mit Jens als Fanbeauftragten haben wir einen direkten Ansprechpartner, der sich bestens auskennt und als Mitglied der Gruppe sehr früh über unsere Pläne Bescheid weiß. Über ihn treten wir an den Verein heran und teilen diesem das Datum unserer geplanten Choreografie mit. Das ist im Prinzip alles.

Marco: Man muss dazu sagen, dass wir uns über mehrere Jahre hinweg gut präsentiert haben und ein gesundes Vertrauensverhältnis zu Herrn Watzke sowie den Verantwortlichen Der Schriftzug musste wegdes Heimspielbetriebs, den Herren Hockenjos und Ruben, aufbauen konnten. Denen schicken wir eine Vorlage per E-Mail, sie nicken den Entwurf ab oder bitten uns um eine punktuelle Änderung - das ist aber ganz selten der Fall. Zuhause können wir uns eigentlich alles erlauben, so lange wir nicht zündeln oder uns anderweitig vereinsschädigend benehmen. Auswärts geht es ebenfalls voran, da sich Borussia immer wieder für uns stark macht. Wenn ich alleine an das Pokalfinale in Berlin denke, hat uns der Verein schon sehr geholfen - ich hoffe, dass dieses Vertrauensverhältnis langfristig Bestand haben und von keiner Seite gebrochen werden wird.

Über Zensur müssen wir uns also keine Gedanken machen?

Kevin: Den Fall der Zensur hatten bislang nur einmal, konkret im Herbst 2007 bei der „Für immer Westfalenstadion" Choreografie. Das Motiv wurde uns zwar nicht verboten, wir wurden aber darum gebeten, den Satzbestandteil „Seit 1974 und für immer" von der Banderole zu streichen - der war durch unsere Kampagne vor zwei Jahren so bekannt geworden, dass er direkt mit dem Namen Westfalenstadion in Verbindung gebracht wurde. Da uns die Erinnerung an das Westfalenstadion als Botschaft sehr wichtig war, haben wir diesen Teil letztlich weggelassen - ein Ausfallen der Aktion hätte schließlich gar nichts bewirkt.

Marco: Ich empfand es als schöne Geste, dass uns die Geschäftsleitung des BVB im Anschluss einen Brief geschrieben und sich für unseren Einsatz bedankt hat. Das alles trägt zum angesprochenen Vertrauensverhältnis bei - wir wollen dem Verein nichts Böses, der Verein stellt sich uns dafür nicht in den Weg. Kurz gesagt, wir arbeiten gut zusammen und haben einen Zustand gegenseitiger Dankbarkeit erreicht.

Choreo gegen JenaWir haben mittlerweile sämtliche Einzelteile fertig gestellt und zu einer großen Folie zusammengefügt. Sind wir nun fit für den Stadioneinsatz?

Kevin: Oftmals erkennen wir Löcher in der Folie oder andere Probleme erst beim Probelauf im Stadion. Im Pokalhalbfinale gab es einen extremen Fall dieser Art, weil wir zum ersten Mal mit einer Seilaufhängung gearbeitet und keinerlei Erfahrungswerte hatten. Alle drei Probeläufe mit dem Brandenburger Tor gingen komplett in die Hose, so dass immer wieder neue Befestigungen angebracht und die Bewegungsabläufe neu einstudiert werden mussten.

Marco: Es ist eine wacklige Sache, wenn man neue Dinge ausprobiert. Bei der „Für immer Westfalenstadion" Choreografie hatten wir mehrere Einzelteile zusammengefügt und große Angst, dass sie auseinanderreißen könnten - auch damals war der Probelauf mächtig schief gegangen, weil wir die Folie mit über 100 Mann nicht halten konnten. Wir können wirklich froh sein, dass bislang immer alles zum richtigen Zeitpunkt funktionierte.

Wie viel Geld und wie viele Arbeitsstunden sind bis zu diesem Zeitpunkt in das Projekt geflossen?

Marco: An dieser Choreografie haben wir von August bis Oktober gearbeitet, insgesamt bestimmt zwölf oder 13 Sonntage. Dazu kamen der Einkauf, das Spruchband und die ganze Arbeit unter der Woche, die man nicht unterschätzen darf. Allein im letzten Probelauf waren dann über 100 Leute mindestens fünf Stunden lang im Einsatz, da kam also schon eine Derbychoreo 2005/06ganze Menge zusammen. Vom Finanziellen her gesehen bewegen wir uns bei fast jeder Choreografie im hohen vierstelligen Bereich, die 10.000 Euro-Marke haben wir aber auch schon geknackt.

In wenigen Augenblicken beginnt das Spiel, die Mannschaften laufen ins Stadion ein...

Kevin: ... und es kribbelt! Alles, was sich in diesen Augenblicken abspielt, ist pure Gefühlssache. Man denkt an nichts, ist höllisch angespannt und hofft, dass alles gut geht. Sobald die Fahne dann wieder unten ist, empfindet man nur noch riesige Freude. Diese Emotionen kann man niemandem beschreiben, der sie nicht selbst einmal erlebt hat.

Marco: Der Puls schlägt extrem schnell - in wenigen Sekunden kann alles kaputt gehen, wofür man Monate lang gearbeitet hat! Wird das Kommando zum Start gegeben, muss alles wahnsinnig schnell gehen. Dazu kommt die Angst: Wird alles halten? Werden alle mitziehen? Zündet jemand einen Bengalo unter der Folie? Können wir die Ziele erreichen, die wir uns gesteckt haben? Ist die Blockfahne wieder eingerollt, fällt ein riesiger Druck von uns ab. Dann wird nur noch gefeiert und die ganze Euphorie ins Spiel getragen.

Wie sieht es mit dem Rückhalt der Tribüne aus? Sind Choreografien heute einfacher umzusetzen als vor fünf Jahren?

Kevin: Von meiner Seite gibt es da ein klares Ja. Wir müssen viel weniger erklären oder Überzeugungsarbeit leisten, außerdem kommen immer wieder Fans auf uns zu: ‚Wenn ich euch bei irgendetwas unterstützen kann, bin ich sofort dabei‘. Selbst wenn sie nur eine Fahne schwenken sollen, freuen sie sich und arbeiten gerne mit. Das ist klasse.

Pokalchoreo gegen Hoffenheim Marco: Wie ich vorhin schon sagte, haben wir in letzter Zeit wirklich sehr viel für die Allgemeinheit getan. Das kommt bei den meisten Fans gut an, was sich positiv auf unsere Aktionen auswirkt. Ob das in anderen Szenen ähnlich abläuft, kann ich nicht beurteilen.

Dafür finden heute die ersten Handyvideos schon während des Spiels ihren Weg ins Internet. Versteht ihr das als Zeichen der Anerkennung oder nervt euch dieses Verhalten?

Kevin: Wenn die Leute Gefallen an unserer Aktion finden und sie sogar filmen möchten, finde ich das schön. Das zeigt uns, dass sich jemand für unsere Choreografie interessiert und vielleicht sogar Gedanken darüber macht, was wir damit zum Ausdruck bringen wollen. Landen die Videos im Internet, können wir unsere Aktion dann aus allen möglichen Blickwinkeln betrachten und die Aussage noch weiter transportieren. Ganz anders sieht es aus, wenn während des Spiels fotografiert oder gefilmt wird - damit kann ich überhaupt nichts anfangen.

Kommen wir zur letzten Frage, die für die meisten Fans sicherlich die wichtigste sein dürfte: Was bekommen die Spieler mit und wie reagieren sie auf eure Choreografien?

Lars Ricken bedankte sich für die Gelbe Wand zum Spiel gegen HRO Kevin: Bei der Gelben Wand kam Lars Ricken bei uns vorbei, zuletzt besuchten uns einige Spieler im Vorfeld des Pokalhalbfinales - die wollten einfach mal sehen, wie die Arbeit bei uns aussieht und was wir da an Energie hineinstecken. Die Spieler interessieren sich schon dafür und betonen immer wieder, dass sie durch diese Aktionen noch heißer werden - sollte das stimmen, könnten wir in jedem Fall sehr stolz sein. Immerhin gibt es für einen Fan nichts Schöneres, als seiner Mannschaft einen extra Motivationsschub geben zu können.

Marco: Dank der letzten Aktionen sowie der neuen Fanbetreuung ist das Interesse der Spieler deutlich gewachsen. Sie trauen sich nun auf uns zuzukommen und haben ihre falsche Schüchternheit abgelegt - früher wussten sie oft nicht wie sie mit uns umgehen sollten, mittlerweile kommen die Spieler genauso wie Vorstand oder Stadionsprecher einfach vorbei. Borussia legt sich momentan richtig ins Zeug positive Stimmung zu entfachen - hoffen wir, dass dieser Weg zum Erfolg führt!

Vielen Dank für das Interview und euren Einsatz. Hoffen wir, dass eure Arbeit auch weiterhin so vielen Menschen Freude machen wird!

Knüppler17, 29.05.2008

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