Fehlfarben

Herbstimpressionen

09.10.2002, 00:00 Uhr von:  Desperado09
Lesezeit: ca. 7 Minuten
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München ist eine tolle Stadt. Für eine Wohnung mit 85 Quadratmetern wechseln monatlich 1.100 Euro den Besitzer, ein Liter Milch kostet knapp einen Euro, und Brot bei der einzigen ortsansässigen Öko-Bäckerei wird in Gold aufgewogen.

Der überzeugte Münchner hat den Klagen eines Ruhrgebietlers dann meist einen Satz entgegenzusetzen, der in der bayerischen Hauptstadt schon Grundschulkindern eingepaukt werden muss: "Mei, dafür wohnst in Minga." Die Antwort des ausgewanderten Ruhrpottlers lautet dann meist: "Eben. Umso schlimmer."

Im Sommer und im Frühherbst ist München herrlich: Biergärten, Gerstensaft aus Liter-Krügen, und schon Ende Juli werden die Zelte für das Oktoberfest aufgebaut. Wegen Letzterem ist München im Herbst beinahe unerträglich. Denn was für den Kölner der Karneval und für den Dortmunder der Fußball bedeutet, ist für die Münchner die Wiesn. Und immer wieder ist es erstaunlich, wie erdverbunden die Menschen hier sind, denn wer nichts Böses ahnend zur Wiesn-Zeit durch die Straßen wandelt, der muss sich schon über die Kleidung der Menschen wundern. Gut, der Kölner verkleidet sich zu Karneval gerne als Cowboy, Indianer, Priester oder Nonne. Die Dortmunder hüllen sich mindestens alle 14 Tage in schwatzgelbe Fummel und pilgern ins Stadion. Aber diese Bayern, die verkleiden sich als... Bayern. Egal, ob Manager, Putzfrau oder Sekretärin - die Menschen tragen Tracht, Dirndl und Lederhosen. Selbst sonst eher hochgeschlossene Frauen zeigen beim Besuch auf dem Oktoberfest stolz ihr "Holz vor der Hüttn" und verlieren die letzten hochdeutschen Sprachfragmente.

München ist auch Weltstadt. Sogar so viel Weltstadt, dass sich auf dem Oktoberfest, zwischen Bierzelten und Karussells, mehr italienische, amerikanische oder australische Saupreißn herumtreiben als echte, gstandene Bayern. Und wenn der FC Bayern spielt, wird's richtig bunt. Schon mal eine Kombination aus Dirndl und Bayern-Trikot gesehen? Schrecklich! Wer an Spieltagen, wie jetzt vor dem Spiel gegen Bochum, nichts Böses ahnend über die Wiesn schlendert oder versucht, in eines der wegen Überfüllung geschlossenen Bierzelte zu gelangen, muss eine wahre Flut an Bayern-Trikots über sich ergehen lassen. Zu allem Überfluss lockt die Wiesn ja auch noch Bayern-Sympathisanten von überall - dem Ohr bleibt nicht verborgen, dass viele der Trikot-Träger Sächsisch, Schwäbisch, Rheinisch oder Amerikanisch sprechen. Der FCB ist eben multikulturell und - leider - omnipräsent.

Der Bayern-Fan ist stolz und immer überzeugt von seinem Verein, dem er absolute Treue geschworen hat. Aber ins Stadion geht er an sich nicht so gerne. Und wenn gerade Oktoberfest ist, sieht man versprengte Bayern-"Fans" auch nach noch 15.30 Uhr fröhlich zechend mit der Maß in der Hand. Die bedingungslose Treue wird lieber vor dem Fernseher ausgeübt. Oder in Gedanken. Wer die Wahl hat, ob er auf der Kaufingerstraße shoppen geht oder mit dem Pöbel im Stadion steht, wäre kein Münchner, wenn er das Stadion wählte. Etwa der Kollege auf der Arbeit, der immer wieder betont, wie toll, genial und überhaupt von Gott geschaffen dieser FC Bayern sei. Im Stadion war der noch nie.

Auch nicht ein anderer bekennender FCB-Anhänger, der sich auch ungemein für Fußball interessiert aber keinen Fuß ins Olympiastadion setzt. Und dann gibt's da noch den bekennenden Linken Stoiber-Hasser, der trotzdem Bayern-Fan ist. In München geht halt alles.

Münchner und Bayern sind auch die Sechzger. Die führen gemütlich ihr Schattendasein und suhlen sich in Selbstmitleid und Weltschmerz. Dem Sechzger geht's immer schlecht. Vor allem, wenn's den Bayern gut geht - eben immer.

Doch das Innenleben des Löwen ist kompliziert. Ein Bekannter hat schon mal "Saupreißn", die zum Vereinsgelände der Bayern wollten und ihn nach dem Weg fragten, mit der U-Bahn ans entgegengesetzte Ende der Stadt geschickt. Aber wenn die Bayern Meister werden, ist auch er nicht richtig traurig. Nein, München und Bayern haben ja den Titel geholt, und die Begriffe "Bayern" und "München" lösen eben in jedem echten Bajuwaren dieses unbestimmte heimatliche Gefühl aus. Die Krönung ist aber ein Kollege: Beim wöchentlichen Betriebs-Kick gehört der bekennende 1860-Fan zur Stammbesetzung und spielt immer - in einer Bayern-Hose.

Da sind die Sympathisanten der Roten schon schlichter gestrickt. Wenn man in der Gewissheit, der Elite schlechthin anzugehören, durch die Gänge schreiten kann, bleiben einem nicht viele Möglichkeiten, außer der, einfach arrogant zu sein. Die Menschen an sich können dabei ja sogar nett sein, aber wehe, wenn das Gespräch auf das Thema Fußball kommt. Da macht der tägliche Austausch von Nettigkeiten mit dem aus dem Münsterland stammenden Gelsenkirchen-Fan weitaus mehr Spaß - der hat schließlich keinen Grund arrogant zu sein.

Aber zurzeit machen's die Bayern vom FCB einem aber auch wirklich schwer, sie so richtig zu hassen. Gut, sie kaufen die Liga leer, um gezielt die Konkurrenz zu schwächen. Aber das ist ja nichts Außergewöhnliches. Und Uli Hoeneß, auf den in Sachen Arroganz eigentlich immer Verlass war? Der Mann frisst plötzlich Kreide und gibt in der "Welt" ein Interview, das dem eher ungeneigten Leser die Haare zu Berge stehen lässt. Er gönnt dem Leverkusener Pudel-König den Titel als Trainer des Jahres, und er gibt zu, dass der BVB auch nicht alles falsch macht. Außerdem legt er schon seit längerer Zeit eine gewisse Gelassenheit an den Tag und schießt nicht mehr gegen andere Vereine. Das überlässt er lieber dem westfälischen Wadenbeißer Rummenigge. Und überhaupt ist fürs Unbeliebtmachen doch eigentlich ohnehin der Kaiser höchstpersönlich zuständig. Der macht aber Werbung für O2.

Augäpfelchen der gesamten deutschen Sportpresse war bis vor kurzem das "weiße Ballett". Ach, was haben sie gezaubert!

Da tanzte der Ballack neben dem Ze Roberto, und Elber strahlte mit Pizarro um die Wette. Bis La Coruna kam. Und Lens. Und Leverkusen. Und Mailand. Mit den Niederlagen in der Champions League sind für das weiße Ballett dunkle Wolken aufgezogen, da kann auch der Sieg über die Bochumer nicht drüber hinwegtäuschen. Und trotzdem bleibt es ruhig. Elber verliert den Führerschein, und Kalle R. aus Lippstadt sagt nur: "Mei bei uns hat jeder 0,5 Promille." Hä? Keine Geldstrafe? Kein Aufschrei in der Münchner Boulevardpresse, die sich sonst wie eine Meute Geier auf jede Bayern-Story stürzt?

Es gibt nur eine Erklärung: Die Wiesn. Besonders tückisch ist, dass das bunte Treiben auf der Theresienwiese unmittelbar im Anschluss an die Biergartenzeit folgt. Da ist der Münchner an sich ruhig, gelassen und gemütlich. Aber vielleicht liegt's auch daran, dass sich selbst der Schwabe Hoeneß trotz der hohen Preise in München wohl fühlt. Biergartenzeit und Wiesn. Da finden Ullis Aldi-Würste reißenden Absatz, und wenn sie aller Orten auf dem Grill brutzeln, dann kann auch er nicht böse sein. Oiso, bringan's no' a Mass! Minga is ja soooo schee. Oanz, zwoa, gsuffa. Und's Trikot net vergessen, gell.

Aber jetzt ist die Wiesn ja vorbei. Und die Biergärten haben auch geschlossen?

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