Unsa Senf

Willkommen in Dortmund, Sebastian Kehl!

22.12.2001, 17:40 Uhr von:  Sebi BoKa
Willkommen in Dortmund, Sebastian Kehl!
Sebastian Kehl ist nun beim BVB
© Foto: Onlinesport

Selten zuvor hat ein Transfer im Vorfeld des Vollzugs die Gemüter dermaßen bewegt. Und selten zuvor wurde der Tonfall bei den betroffenen Managern auf derart grobkörniges Niveau projiziert. Die Presse titelte sogar: „Statthalterkämpfe“, „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ oder „Horneberger Schiessen.“ Die Rede ist natürlich von Sebastian Kehl. Das im hessischen Tann in der Rhön aufgewachsene Ausnahmetalent war zum Objekt der Begierde der beiden deutschen Spitzenklubs Borussia Dortmund und Bayern München geworden. Und dabei war sich Uli Hoeness seiner Sache wieder mal so sicher...

Sebastian Kehl - Er ist 21 Jahre alt, 1.88 Meter groß und 80 Kilogramm schwer. Beim BVB soll er die defensive Ergänzung zu Supertalent Tomas Rosicky (21) bilden und ist der absolute Wunschspieler von Matthias Sammer. Aber was ist dran an diesem Jungen, um den in letzten Tagen so eine schmutzige Wäsche gewaschen wurde? schwatzgelb.de hat das Werben und Wirken rund um eines der größten deutschen Talente aufmerksam beobachtet.

Fakt ist: Sebastian Kehl hat selbst Zeichen gesetzt! Nachdem er und sein Vater im Frühjahr diesen Jahres in München Uli Hoeness ihre Zuneigung zu einem eventuellen Transfer bekundeten, erhielt Vater Kehl im April einen, der in diesen Fällen leider schon üblichen, aber angeblich unverbindlichen „Vorschusslorbeerschecks“ der Bayern in Höhe von 1.5 Millionen DM. Damit gedachte der Weltpokalsieger ein Mal mehr deutlich zu machen, dass es ja schließlich ihm – namentlich Uli Hoeness – höchstselbst obliege, wen er durch a conto Zahlung korrumpiert, schmiert oder schlussendlich zu kaufen vorsieht. Sebastian Kehl jedenfalls wollte es nicht. Er entschied sich im November auf eine verzinste(!!!) Rücküberweisung und machte sich damit wieder frei. Die Beweggründe?
Ohne Hoeneß und seine Intrigen genauer zu kennen, könnte man letztlich solch ein Motiv vermuten: War der junge Freiburger schlicht darüber enttäuscht, dass er „lediglich 1,5 Mio. DM“ erhalten hatte? Ganz im Gegensatz zu manch anderem gleichaltrigen Nationalspieler, der am Bodensee üppigere Summen hat verbuchen dürfen. Nein, letztlich fühlte er sich durch Hoeneß und seinen angeblich unverbindlichen Scheck zu sehr unter Druck gesetzt. Weiterhin ist es sehr wahrscheinlich, dass ihm, der er um jeden Preis an der Weltmeisterschaft in Japan & Korea teilnehmen würde („Ich werde alles dafür tun, damit ich dabei bin!“), klar wurde, beim deutschen „Vorzeigeklub“ wohl nur einer unter „ferner Liefen“ zu sein. In seinem dritten Bundesligajahr nur gewöhnlich sein, ohne Privilegien und Stammplatzgarantie, dem harten Kampf um Stammplätze im Reigen der Topstars ausgeliefert? Das sieht bei Lichte betrachtet in Dortmund ganz anders aus. Beim BVB wird „Sebi“ Kehl als Hoffnungsträger und Wechsel auf die Zukunft gefeiert, mit offenen Armen von fast allen Fans, Management, Trainerstab und seinem Freund Christoph Metzelder (21) empfangen! – Die bessere Perspektive? Ganz offensichtlich ja; zumal er für eine Position vorgesehen ist, die sein künftiger Trainer bei der Europameisterschaft 1996 selbst so überragend ausgefüllt hat...

Ausgerechnet Hoeness beklagt fehlende Moral

Dabei ist es allemal interessant, was von der Säbener Straße unter der Woche zu vernehmen war. Wochenlang haben die Haus- und Hofberichterstatter der Bajuwaren stereotyp versichert, „das Dingen sei gelaufen“. Einzig ein belegbarer Fakt ward einfach nicht zu erhaschen. Dann plötzlich ein Umschwung im Blätterwald: Die eigentlich immer erstklassig informierte „Süddeutsche“ ging Anfang vergangener Woche erstmals auf Distanz und schrieb: „Vielleicht kommt er...“ Mitte der letzten Woche brach dann das dünne Eis der Spekulationen ein weiteres Stück ein. Das Fußballfachorgan „Kicker“, in Person von „Szeneinsider“ Carlo Wild, fragte schon in der Überschrift seines Artikels: „Kommt Kehl wirklich?“ Zwar ging der Intimus von Uli H. weiterhin davon aus, „dass Kehl zum FC Bayern käme“, aber seine Formulierungen nährten insgesamt weitere Zweifel an dieser Tatsache. Danach überschlugen sich die Ereignisse. Franz Gerber - Kehls Berater - griff ein und erklärte eilends, dass „noch nichts entschieden sei.“ Unterdessen gingen in Dortmund die beharrlichen Bemühungen um das Ausnahmetalent unvermindert weiter. Das rief den „Nestor der Fußballmanagerlehre“ auf den Plan, der daraufhin seinen Dortmunder Pendant Michael Meier anrief und selbstgefällig wie eh und je forderte, der BVB möge doch augenblicklich aus dem Poker aussteigen, da der Spieler vertraglich bereits an die Bayern gebunden sei. Daraufhin wurde seitens der Dortmunder unverzüglich beim Spieler selbst nachgehorcht und das prompte Dementi eingeholt.

Wer ist hier ein Lügner?

Dann der 17. Spieltag: Die Bayern verlieren schon wieder. Dieses Mal gegen Juri Schlünz und seine Hansakogge. Hoeneß rastet im Laufe des Nachmittags vollends aus. Zuerst bezichtigt er die Dortmunder der Preistreiberei („In der Zwischenzeit schmeißt Borussia den Spieler mit Geld zu“), dann watscht er einmal in Fahrt gekommen den Spieler persönlich vor laufenden Kameras in Sachen Charakterfestigkeit rundum ab („Wenn jemand so lügt, dann macht es wenig Spaß mit solchen Leuten“) und erhebt im Anschluss ausgerechnet sich selbst zum obersten Hüter der Moral („Wir wollen die Moral hochhalten in diesem Geschäft“). Ein Schelm, der dabei böses denkt! Michael Meier, darauf angesprochen, kann gar nicht an sich halten, als er erwidert: „Wir schütten sicherlich keine Spieler mit Geld zu. Es ist nicht fair, uns der Preistreiberei zu bezichtigen!“ Ja, was hat sich denn der gute Uli dabei gedacht? Er hockt am anderen Ende der Republik und betreibt Scheckheftpolitik nach Gutsherrenart und wehe, wenn es einer wagen sollte, so ein „großzügiges Geldgeschenk“ des großen FC Bayern nicht anzunehmen! Ein solch undankbarer Ignorant wird eben gleich als „labil“ oder gar als „Lügner“ abgestempelt. Dem aufmerksamen BVB-Fan beschleichen bei all diesen Ereignissen übelste Erinnerungen an den – aus heutiger Sicht - gottlob fehlgeschlagenen Transfer von Christian Wörns („Raffzahnaffäre“). Hoeneß Nerven jedenfalls liegen blank. „Wenn Sebastian Kehl sagt, er habe uns nie seine Zusage gegeben und es sei nie Geld auf einem seiner Konten gewesen, dann könnte ich vor Wut mit dem Kopf gegen die Wand rennen!“ Derartige Verbalinjurien sind uns schon zuhauf bekannt, versteht doch der Bayern-Manager wie kaum ein anderer skrupellos die gesamte Klaviatur der „Abteilung Attacke“ zu spielen. Allein eine kleine Rückbesinnung auf die „Strategie der hunderttausend Nadelstiche“ gegen den Dauer-Intimfeind Christoph Daum zeigt, wie trefflich der „Meister der plumpen Diffamierung“ - gedeckt durch seine zahlreichen Freunde in der Presselandschaft - sein Handwerk versteht...

Sebastian Kehl im Zweikampf gegen Koller beim letzten Aufeinandertreffen
© Foto: Onlinesport

Dieses Mal hat aber der BVB dem großen FCB ein Schnippchen geschlagen. Nach tagelangem Rätselraten ließ Sebastian Kehl am heutigen Freitag durch ein Schreiben seiner Anwälte seine Entscheidung für den BVB öffentlich und endgültig bekannt machen. Nach Hoeneß Hasstiraden gegen den Spieler konnte man nichts anderes mehr ernsthaft erwarten. Auch wenn die Bayern „nach wie vor von einem Wechsel Kehls nach München ausgingen“ und der Spieler selbst bis zuletzt verlauten ließ, „dass die Entscheidung noch völlig offen sei.“ Einzig der Zeitpunkt für den anstehenden Wechsel sei noch offen, eine definitive Entscheidung wird aber in den nächsten Tagen erwartet. Während Kehl im Sommer für festgeschriebene 3.8 Mio. DM wechseln könnte, wäre die Ablösesumme bei einem sofortigen Wechsel frei verhandelbar und würde sich vermutlich im zweistelligen Millionenbereich bewegen. Ein Entgegenkommen der Freiburger dürfte sich der BVB aber nach den reibungslosen Wechseln der ehemaligen BVB-Spieler But und Tanko zum SC erhoffen. Bei dem großen Theater der letzten Wochen wäre der Sportclub sicherlich auch nicht ganz abgeneigt, den hochtalentierten Kehl schon vorzeitig abzugeben, um wieder Ruhe im Breisgau einkehren zu lassen. Von den finanziellen Vorteilen ganz abgesehen. Ähnlich verhielt es sich bei dem eiligst abgewickelten Heinrich-Transfer im Winter 1995. Nachdem dessen Entscheidung für Borussia Dortmund gefallen war, fiel er bei Trainer Volker Finke in Ungnade und wurde eiligst abgeschoben.

Der Zeitpunkt des Wechsels ist nach dem gesamten Hickhack der letzten Tage ohnehin nur sekundär. Erfreulich ist vor allem, dass sich weder der Spieler Kehl noch der BVB von dem Drohgebärden aus München einschüchtern ließen und schließlich Nägel mit Köpfen machten. Endlich einmal kämpfte der BVB wieder mit harten Bandagen gegen die im Transfer-Poker scheinbar übermächtigen Bayern. Zuletzt war dies bei Tomas Rosicky der Fall, während man sich beispielsweise im Transfertheater um Claudio Pizarro unter anderem durch das unvorstellbare Geldvolumen abschrecken ließ. Hoffen wir nun, dass Sebastian Kehl seinen bisher erfolgreichen Weg fortsetzt und es im „schwatzgelben“ Trikot allen zeigen wird. Wir jedenfalls freuen uns auf Dich!

Herzlich Willkommen, Sebastian!

P.S.:

  1. In Kürze wird noch ein ausführliches Interview mit unserem neuen Hoffnungsträger Sebastian Kehl bei schwatzgelb.de veröffentlicht.
  2. Hier der Link zu Kehls gestriger Presseerklärung

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