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Tatort Bundesliga - Nationalmannschaft: Ohne Holland fahr´n wir zur WM

15.11.2001, 00:00 Uhr von:  BoKa
Tatort Bundesliga - Nationalmannschaft: Ohne Holland fahr´n wir zur WM
Tatort Bundesliga, hier Nationalmannschaft

Das wichtigste zuerst: Es reichte auch ohne den Einsatz dieser unsäglichen Tröten! Die deutsche Nationalmannschaft hat auch ohne schrille Töne, aber mit überragender Unterstützung von den Rängen souverän das Ticket für die WM-Endrunde 2002 im Japan und Südkorea gelöst und damit die wohl größte sportliche Katastrophe in der 101-jährigen Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes abgewendet. Zu schwach präsentierte sich die Ukrainische Mannschaft von Trainerdenkmal Valerie Lobanowski und gestaltete sich als mühelos zu nehmende Hürde.

Überragend, auch als 2-facher Torschütze: Michael Ballack
© Foto: Onlinesport

„Oh, wie ist das schön, oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht gesehen...“, schmetterten 52.000 begeisterte Zuschauer im Westfalenstadion. Und Millionen Fans vor den Fernsehern stimmten glücklich mit ein. Endlich hat ein Länderspiel mal wieder richtig begeistert. Durch ein hochverdientes 4:1 im Playoff- Rückspiel gegen die sichtlich überforderte Ukraine sicherte sich der dreimalige Welt- und Europameister in Dortmund zum 15. Mal die Teilnahme an einem WM-Turnier, nachdem am vergangenen Samstag beim 1:1 im Hinspiel in Kiew der Grundstein dazu gelegt worden war. Durch diesen Erfolg steht auch fest, dass der von den 52.000 Fans im ausverkauften Westfalenstadion euphorisch gefeierte Rudi Völler als DFB-Teamchef und sein Assistent Michael Skibbe als Bundestrainer mindestens bis zum Sommer des kommenden Jahres auf der Kommandobrücke der DFB-Auswahl bleiben!

Maßgeblichen Anteil am deutschen Angriffswirbel hatte der „Leverkusener Block“, der aus Michael Ballack, Oliver Neuville und Bernd Schneider bestand. Im Angriff waren Carsten Jancker und Neuville weitaus effektiver und gefährlicher als Gerald Asamoah und Alexander Zickler, die in der Ukraine die Offensiv-Abteilung gebildet hatten. Ballack, der schon beim 1:1 im Hinspiel in Kiew den so wichtigen Ausgleichstreffer erzielt hatte, traf zweimal per Kopf (4. und 51.), Neuville einmal (11.), der erneut überragende Schneider bereitete drei Treffer vor. Das zwischenzeitliche 3:0 erzielte Marko Rehmer (15.). Weltstar Andrej Schewtschenko war es vorbehalten, in der 90. Minute eine unbedeutende Ergebniskorrektur zu erzielen. Die deutsche Mannschaft war in dieser Szene ein guter Gastgeber und gestatte sich diese Unkonzentriertheit zum Ehrentor.

Jeder Schuß ein Treffer...

Emotion pur: Rudi „Nationale“ hatte viele Gründe zum Jubeln und wurde von den Fans in Dortmund auch euphorisch gefeiert.
© Foto: Onlinesport

Die frenetischen Zuschauer feierten bereits zur Pause lautstark ihre Mannschaft und das Trainergespann, denn nach rund 15 Minuten(!) war das Dingen gelaufen! Zu dominant war das DFB-Ensemble aufgetreten. Die deutsche Mannschaft erwischte einen Traumstart, führte hochverdient mit 3:0. Die Gastgeber hatten von der ersten Sekunde an keinen Zweifel daran gelassen, dass sie mit aller Macht heute das Ticket zur WM-Endrunde 2002 lösen wollten.

Schon nach vier Minuten verwandelte sich das Stadion in einen Hexenkessel, als Ballack in seinem 21. Länderspiel eine Schneider-Flanke per Kopf zum 1:0 ins gegnerische Tor einnickte. Nur ganze sieben Minuten später war die vom Start weg überlegene deutsche Elf erneut erfolgreich, als der in Kiew gesperrte Neuville nach einem Rehmer-Kopfball im Nachschuss zum 2:0 verwandelte. Die Vorarbeit hatte wieder Schneider mit einem Eckstoß geleistet. Genau nach einer Viertelstunde war Rehmer dann selbst erfolgreich, als er nach einer Ecke von Neuville per Kopf seinen vierten Länderspieltreffer erzielte. Den Schlusspunkt setzte erneut Ballack in der 51. mit einem Kopfball. Mit sechs Toren war der Leverkusener der deutsche Top-Torjäger in der WM-Qualifikation.

Schon vor dem Spiel demonstrierten die Fans eindrucksvoll, dass Fußball in diesen Breitengraden viel Emotion bedeutet!
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DFB-Teamchef Rudi Völler, der bei einem Scheitern in der WM-Qualifikation seinen Rücktritt in Aussicht gestellt hatte, hatte seine Mannschaft hervorragend auf das Spiel des Jahres eingestellt. Die deutsche Abwehr stand bis auf eine Ausnahme, als Superstar Andrej Schewtschenko in der 26. Minute das deutsche Tor verfehlte, sehr sicher. Im Mittelfeld konnten die Akteure um den glänzend aufgelegten Dietmar Hamann nicht nur kämpferisch, sondern auch spielerisch überzeugen. Und im Angriff waren Carsten Jancker und Oliver Neuville weitaus effektiver und gefährlicher als Gerald Asamoah und Alexander Zickler, die in der Ukraine die deutsche "Abteilung Attacke" gebildet hatten.

"Wir haben gegen Ende der ersten Halbzeit etwas nachgelassen und dem hohen Tempo Tribut gezollt. Wir müssen in der zweiten Hälfte hochkonzentriert weiterspielen", erklärte ein zur Pause immer noch skeptischer Michael Skibbe. Seine Sorge war allerdings unbegründet, denn der dreimalige Welt- und Europameister, der sich in der regulären Qualifikation durch ein 1:5 gegen England und ein 0:0 gegen Finnland selbst in diese missliche Lage gebracht hatte, agierte weiter selbstbewusst und souverän. Nach Ballacks zweitem Tor nach einer Flanke von Neuville war der Widerstand der insgesamt schwachen Ukrainer endgültig gebrochen. Durch einen Traumpass hatte der überragende Schneider auch diese Aktion eingeleitet.

Balsam für gebeutelten Oliver Bierhoff

Balsam gab es zudem auf die Seele des noch etatmäßigen Kapitäns Oliver Bierhoff, der in der 58. Minute für den leicht angeschlagenen Jancker eingewechselt wurde. Der zuletzt stark in die Kritik geratene Frankreich-Legionär wurde allerdings vom Dortmunder Publikum mit lautstarken "Bierhoff"- Rufen aufgebaut und bei jedem Ballkontakt bedingungslos gefeiert. Zuvor hatte Bierhoff seinen Frust über seine derzeitige Situation in einem Interview mit der französischen Sportzeitung L'Equipe zum Ausdruck gebracht: "Ich verstehe nicht, warum ich bei meinen Landsleute immer am Pranger stehe. Die Deutschen hinterfragen gar nicht die Gründe, warum alles derzeit so trist ist." Umso schöner dann die Signale der Zuschauer, die ihm eines signalisierten: Du bist noch da, Junge!

Typisch „BILD“ – aber irgendwie mit absolutem Symbolwert !! (wegen der angewandten Ruhrpottsprache)

Bundeskanzler Gerhard Schröder war einer der ersten Gratulanten nach dem Erfolg der deutschen Nationalmannschaft. BVB-Mitglied „Schrödi“ übermittelte der Mannschaft, DFB-Teamchef Rudi Völler und Michael Skibbe telefonisch seine Glückwünsche für die erfolgreiche WM-Qualifikation, lobte die tolle Leistung der DFB-Elf und sprach dem begeisterten Publikum im Dortmunder Westfalenstadion ein großes Kompliment aus. Zudem wünschte auch Schröder dem deutschen Team alles Gute für die Endrunde 2002 in Japan und Südkorea. Es war der höchste Pflichtspiel-Sieg in der Ära Völler und der zehnte Erfolg beim elften Länderspiel in der „Westfalenmetropole“ ohne Niederlage. Oliver Kahn sagte anschließend im sympathischen Schwatzgelben Sweater: “Die Mannschaft ist heute regelrecht explodiert, das war wie eine Initialzündung. Ich glaube, wir stehen vor ganz guten Zeiten. Blockbildung ist immer gut, weil sich die Spieler von den Vereinen her kennen. Jetzt sind wir durch diese Drucksituation hindurch gekommen, wovor sollen wir jetzt noch Angst haben? Mein Leben wäre natürlich auch ohne die WM weitergegangen, aber eine Weltmeisterschaft ist nun mal das Größte für einen Fußballer. So eine Atmosphäre wie hier im Westfalenstadion habe ich noch nie erlebt, auch nicht mit Bayern, das war phänomenal.“

Indes die Planungen für das Turnier im kommenden Jahr schon weit fortgeschritten: DFB-Direktor Bernd Pfaff, unter anderem zuständig für Logistik und Organisation hat bereits einiges in Richtung WM 2002 auf die Beine gestellt. Jeweils zwei Hotels in Südkorea und Japan sind für den DFB gebucht. Schließlich bleibt zunächst immer noch unbekannt, wo die Mannschaft von Rudi Völler antreten muss. Pfaff hat vorgesorgt: "Wir arbeiten mit Optionen. Am 1. Dezember ist die Gruppen-Auslosung, kurz danach müssen wir sagen, wo wir hingehen." Kosten entstünden durch die frühzeitige Reservierung nicht, sagt Pfaff. Allein aus Japan hatte der Verband 80 Angebote von Hotels aus dem ganzen Land vorliegen, die dann vom DFB- igenen Reisebüro einzeln begutachtet wurden. Auch sonst steht die Planung des DFB für die WM-Saison. So soll es kein Trainingslager in den Gastgeber-Ländern der WM, sondern in Deutschland geben. Das erste Trainingslager soll am 7. Mai beginnen. Eventuell in Herzogenaurach. Das Problem: Am 11. Mai finden das DFB-Pokalfinale und am 15. Mai das Champions-League- Endspiel statt. Rund zehn Tage vor der Auftakt-Partie soll erst die Anreise erfolgen. "Das ist zeitlich nicht anders möglich", erklärt Pfaff und verweist auf den geringen Zeitraum zwischen dem Ende der Bundesliga-Saison und dem Beginn der Titelkämpfe. Am 20. Mai fliegt der DFB-Tross nach Japan oder Südkorea, abhängig davon, in welches der beiden Länder am 1. Dezember in Busan die ersten beiden deutschen WM-Partien ausgelost werden.

Als Testspiel-Gegner wurden für das kommenden Jahr bereits Israel (13. Februar in Tel Aviv), Österreich (17. April in Stuttgart), die USA (27. März in Rostock) gewonnen. Als weitere Termine stehen der 14. März (Anfrage aus Kamerun) sowie der 18. März (eventuell gegen Japan in Deutschland) fest. Dazu befindet sich ein Härtetest, zum Beispiel gegen Argentinien im März oder April, auf Völlers Wunschliste.

Trainerstimmen:

Rudi Völler: „Ich bin sehr erleichtert. Die Unterstützung war sensationell. Die Fans haben aber auch gesehen, dass wir von der ersten Minute an voll zur Sache gingen. In den letzten acht Tagen ist etwas zusammengewachsen, diese Tage waren für die Mannschaft, die Betreuer und den Trainerstab nicht einfach, aber sehr sehr wichtig. Die extreme Kritik in den letzten Wochen war eine gute Erfahrung für mich. Ich musste in den letzten acht Wochen sehr viel aushalten. Vor Weihnachten wird es eine Entscheidung geben, wie es weitergeht.“

Leonid Burjak (Co-Trainer Ukraine): “Es war klar, dass die Entscheidung erst in Dortmund fallen wird, egal, wie wir in Kiew spielen. Es waren zwei verschiedene Mannschaften auf dem Platz. Der Einsatzwille der deutschen Mannschaft war ausschlaggebend und das Spiel war nach 30 Minuten entschieden. Für uns war es ein großer Erfolg, dass wir uns überhaupt für die Playoffs qualifiziert haben.“


Die Stimmen zum Spiel:

Nette Geste vom gastgebenden Verein: Borussia Dortmund begrüßt die Gäste
© Foto: Onlinesport

Oliver Bierhoff: "Wir haben ein exzellentes Spiel gemacht. Bei dieser Stimmung im Stadion konnten wir gar nicht verlieren."

Carsten Jancker: "Wir haben uns jetzt bewiesen, dass wir es können. Ausschlaggebend war, dass wir die Ukraine in der ersten halben Stunde gar nicht zum Luftholen kommen ließen. Das Publikum war fantastisch."

Michael Ballack: "Es war seit langen wieder mal ein Fußballfest. Der Druck war enorm. Aber wir haben unheimlich stark begonnen. Unser Ziel, voll auf Sieg zu spielen, ist voll aufgegangen. Jetzt ist alles okay, jetzt freuen wir uns erst einmal alle, dass wir es geschafft haben."

Christian Ziege: "So viel Druck habe ich in meiner Karriere noch nicht gespürt."

Oliver Kahn: "Die Erleichterung ist natürlich riesig. Es war schon ein ziemlicher Druck. Die Mannschaft ist regelrecht explodiert. Ich glaube, wir stehen jetzt vor recht guten Zeiten. Wenn man so etwas durchgemacht hat, wovor soll man dann noch Angst haben."

Uli Hoeneß (Manager FC Bayern): "Ich habe erwartet, das die Mannschaft klar gewinnen wird, denn die Ukrainer sind auswärts erfahrungsgemäß einfach schwach. Hauptsache, wir sind jetzt bei der WM."

Thomas Bach (IOC-Vizepräsident): "Die Erleichterung ist sehr groß. Das klare Ergebnis ist für mich eine Überraschung. Die Mannschaft hat fantastisch gespielt und in der Höhe verdient gewonnen."

Werner Hackmann (Liga-Präsident): "In der Höhe habe ich dieses Ergebnis nicht erwartet. Für den deutschen Fußball und die Liga war es ein sehr wichtiger Sieg. Die Mannschaft hat von der ersten Minute Druck gemacht und verdient gewonnen."

Michael Meier (Manager Borussia Dortmund): "In der Deutlichkeit habe ich den Sieg nicht erwartet, doch die Mannschaft hat mit einer konzentrierten Einstellung diesen Erfolg verdient. Ein Gewinner ist aber auch der Veranstalter. Wenn der DFB noch mal ein Problem haben sollte, kann er sich ja bei uns in Dortmund melden."

Hotte“ Hrubesch (DFB-Trainer): "Die Mannschaft hat geradlinig gespielt und Druck gemacht. Sie hat sich diesen Sieg redlich verdient. Wer weiß, wozu es gut war, dass wir so lange zittern mussten."

Pierre Littbarski: "Wenn man sich in einer derart schwierigen Situation qualifiziert, fördert das den Teamgeist. Das gibt Hoffnung für die Weltmeisterschaft und könnte der Anfang einer neuen Mannschaft gewesen sein."

Franz Beckenbauer (DFB-Vizepräsident): "Nach einer Viertelstunde war das Spiel eigentlich vorbei. Man hat wirklich sehr guten Fußball gespielt."

Bundesinnenminister Otto Schily: "Das war ein Superspiel. Jetzt geht es aufwärts, davon bin ich überzeugt."

Teams

Deutschland: Kahn (Bayern München/32 Jahre/41 Länderspiele) - Rehmer (Hertha BSC/29/27), Nowotny (Bayer Leverkusen/27/35), Linke (Bayern München/31/28), Ziege (Tottenham Hotspur/29/63) - Schneider (Bayer Leverkusen/27/7), Ramelow (Bayer Leverkusen/27/22), Hamann (FC Liverpool/28/36), Ballack (Bayer Leverkusen/25/21) - Jancker (Bayern München/27/21), Neuville (Bayer Leverkusen/28/29)

Ukraine: Lewitzki (Spartak Moskau/28 Jahre/7 Länderspiele) - Luschny (Arsenal London/33/54), Waschtschuk (Dynamo Kiew/26/44), Golowko (Dynamo Kiew/29/52), Nesmatschny (Dynamo Kiew/22/15) - Subow (Schachtjor Donezk/24/17), Parfjonow (Spartak Moskau/27/14), Timoschtschuk (Schachtjor Donezk/22/16), Skripnik (Werder Bremen/31/23) - Schewtschenko (AC Mailand/25/41), Worobej (Schachtjor Donezk/22/17)

Schiedsrichter: Melo Pereira (Portugal)

Zuschauer: 52.800 (ausverkauft)

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