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Unsa Senf - 24.02.2009

Die Spirale der Gewalt

Das Banner in WürdeEs geschah am Abend des 10. November 2006. Unbekannte drangen ins Westfalenstadion ein und entwendeten das Banner mit der Aufschrift „Gelbe Wand Südtribüne Dortmund". Ein Eigentumsdelikt, das sich damals eines immensen medialen Interesses erfreute. Die Suche nach den Tätern sorgten für Schadenfreude allenthalben - vor allem bei einem Verein nicht unweit von Dortmund. Seit diesem Freitag ist Gewissheit, was eh schon jeder vermutet hatte: Die Fahne wurde von Personen aus dem Umfeld der Gelsenkirchener Ultra-Szene entwendet.

Blicken wir zurück: Unmittelbar nach dem damaligen Diebstahl haben sämtliche blau-weißen Verantwortlichen eine Beteiligung weit von sich gewiesen: Man könne sich absolut nicht vorstellen, dass das unrechtmäßige Eindringen ins Westfalenstadion und das Entwenden der Fahne auf dem Mist der eigenen Fans gewachsen sei. Insbesondere Faselfürst Rolf Rojek tat sich hier hervor, obwohl schon damals deutliche und unverhohlene Signale aus dem Umfeld der blauen Fanszene kamen. Man mag sich kaum entscheiden, was schlimmer wäre: Ein Fanbetreuer, der wissentlich und öffentlich die Unwahrheit verkündet. Oder einer, der einfach keinen Schimmer von den eigenen Leuten hat - und von ihnen wohl nicht einmal ernst genommen wird.

Sei es, wie es sei:
Der 12. Mai 2007 ist wohl jedem Borussen ein Begriff. An diesem Tag nahm die Mutter aller Derbys ihren Lauf und jeder Borusse wird noch in ein paar Jahren von diesem Tag und diesem Spiel träumen. Wir haben sie demontiert - auf dem Platz. Im Vorfeld dieses Derbys gab es Ankündigungen von Gerald Asamoah, er wolle in Unvergessen - Alex Frei erzielt das 1-0 im DerbyDortmund die Schale gewinnen, den BVB in die zweite Liga schicken und dann triumphal über die B1 nach Hause laufen. Gesänge wie „Ihr werdet nie hundert Jahre" aus den Jahren, als Borussia finanziell vor dem Aus stand, hallten noch immer in den Köpfen vieler Borussen nach. Dazu war das Banner entwendet worden und man ahnte bereits in wessen Keller es lag. Als Borussia nach 90 Minuten mit 2-0 alle Meisterschaftsträume der Blauen vernichtet hatte, brachen sich Frust und Häme Bahn, die sich über die Zeit angestaut hatten. Wir hatten ihnen alles heimgezahlt und der Fußballgott hatte sie zu Recht mit der Höchststrafe belegt: „Schuldig in allen Anklagepunkten".

Als sich die Gemüter (auch der Offiziellen) nach diesem Derby wieder beruhigt und die Blauen ihre Schimpftiraden über die ach so unfairen Dortmunder losgelassen hatten, versuchte man in weiser Voraussicht, den kommenden Derbys etwas die Brisanz zu nehmen und predigte Dinge wie „Gesunde Rivalität", „Wortgefechte ja, körperliche Gewalt nein".

Es blieb bei diesen frommen Wünschen, denn unbemerkt von der Öffentlichkeit ist es in den letzten Monaten immer wieder zu blauweißen Übergriffen auf BVB-Fans gekommen. Vor allem jungen Borussen wird seit geraumer Zeit regelrecht nachgestellt. Im Kreise der Gelsenkirchener Ultra-Szene kursieren förmliche Steckbriefe samt Fotos von Dortmunder Fans. An Bahnhöfen im Ruhrgebiet kommt es auch außerhalb der Derbyzeit immer häufiger zu gewaltsamen Übergriffen. Blaue Schlägertrupps postieren sich gezielt, um junge Borussen bei An- oder Abreise zum Spiel abzufangen, anzugreifen und ihnen Schals, Fahnen oder gar Kleidungsstücke zu entwenden. Nicht einmal vor massivsten Bedrohungen machen diese Leute halt: Bereits mehrfach wurde jungen Angehörigen Dortmunder Fangruppierungen vor der eigenen Haustür aufgelauert.

Ultras GE präsentieren vermummt unser BannerVon Dortmunder Fanseite wurde im Gegenzug auf die eigenen Leute eingewirkt, sich an derlei Aktionen nicht zu beteiligen und Gleiches nicht mit Gleichem zu vergelten. Zu groß war die Sorge vor einem gegenseitigen Aufschaukeln und einem Anzug der Gewaltspirale. Doch von Gelsenkirchener Seite verstand man dies offenbar als Einladung zu mehr. Wie schwatzgelb.de erfuhr, machten am vergangenen Freitag gleich mehrere PKW mit blauen Insassen in der Dortmunder Innenstadt Jagd auf BVB-Fans und überfielen sowohl vor wie auch nach dem Spiel Schwarzgelbe auf dem Weg zu ihrer Stammkneipe.

Kein Wunder, dass für die Überfallenen das Fass allmählich überläuft. Die Präsentation des „Gelbe Wand"-Banners jedoch könnte nun endgültig alle Bemühungen um Deeskalation zunichte machen - und das wäre zu einem großen Teil auch die Verantwortung der Gelsenkirchener Offiziellen, die ihren salbungsvollen Worten zu keiner Zeit Taten folgen ließen und im Gegenteil immer weiter provozierten.

So prangte am letzten Freitag hochoffiziell ein vom Verein finanziertes (!) Banner mit der Aufschrift „Ich war mal schwatzgelb und hing im Süden" unter dem Dach der Nordkurve. Währenddessen rappte auf dem Spielfeld ein Friedensrapper vor einer Gruppe von Kindern in den Trikots der Ruhrgebietsvereine. Scheinheiliger geht es wohl nicht.

Mit dem Präsentieren des „Gelbe Wand"-Banners in der Nordkurve erhielt das Derby dann eine weitere Dimension. Völlig unbehelligt von Polizei, Ordnungsdienst und Offiziellen des Vereins durften sich die blauen Täter zunächst vermummen und anschließend seelenruhig und offiziell toleriert das Diebesgut präsentieren. Für sich Und zwar komplett!genommen vielleicht eine Bagatelle, deren Provokation für Außenstehende nur aufgrund des Gesetzesverstoß etwas höher rangiert als das schwarzgelbe „Ein Leben lang..."-Flugzeugbanner vor knapp zwei Jahren. Letztendlich sind es auch Aktionen wie diese, die dem Derby seine besondere Geschichte geben. Doch singulär darf man solche Ereignisse schon lange nicht mehr sehen. In Verbindung mit all den anderen kriminellen Angriffen könnte es der berühmte Tropfen gewesen sein, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat - und der deswegen hätte vermieden werden müssen.

Denn eines ist klar: In dem Moment, wo Überfälle nicht geahndet werden und sich weder Polizei noch Verein für einen offensichtlichen Diebstahl interessieren, finden selbst die friedfertigsten Fans keine Argumente mehr für ein gemäßigtes Verhalten. In dem Moment, wo weder Staatsmacht noch beide Vereine einen Anlass zum Handeln sehen, wird es leider immer Leute geben, die das Recht selbst in die Hand nehmen wollen.

Um es klar zu sagen: Auf beiden Seiten gibt es ausreichend Gewaltpotential und genügend Tiefflieger, die nur auf einen Anlass warten, um auf Träger der jeweils anderen Farben Jagd zu machen. Das konnte man dem Polizeibericht zum Derby einmal mehr entnehmen.

Und weder das Banner noch sonst etwas darf als Entschuldigung dienen, wenn Borussen im Mob auf der Suche nach Gegnern durch die Gegend ziehen. Gewalt hat auch beim Derby rein gar nichts zu suchen! Doch genau den Leuten, die auf Schlägereien und Rache aus sind, hat man am Freitag eine Steilvorlage gegeben. Jene jungen BVB-Fans, die bei An- und Abreise zum Spiel um ihre Gesundheit fürchten müssen und nicht einmal zuhause sicher vor körperlichen Übergriffen sind, radikalisieren sich zunehmend.

Und nachher feierten sich die GEstalten selberAll den vernünftigen Köpfen, die Gewaltlosigkeit predigen und auf die eigenen Jungs einzuwirken versuchen, hat man dagegen an diesem Abend ins Gesicht gespuckt und all ihre Bemühungen zunichte gemacht.

Die Spirale ist nicht gestoppt, sie wird sich im Gegenteil noch schneller drehen! Der Dank dafür kann auch dem Verein aus Gelsenkirchen ausgesprochen werden, denn dort hat man anscheinend einen seltsam verschleierten Blick auf das Geschehen und ist sich der gefahrenvollen Konsequenzen - auch für den eigenen Anhang - wohl nicht bewusst.

Polizei, Staatsanwaltschaft und beide Vereine wären jetzt gefragt, zum einen diejenigen ausfindig zu machen und empfindlich zu bestrafen, die das Banner entwendet und präsentiert haben, zum anderen eine weitere Radikalisierung der Rivalität Dortmund - Gelsenkirchen einzudämmen.

Ferdinand, 24.02.2009

Der FC Schalke 04 hat uns für den kommenden Donnerstag eine Stellungnahme zum „Gelbe Wand"-Banner angekündigt (Anm. d. Redaktion)


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