Im Gespräch mit...

...Kolbeinn Finnsson: "Dortmund ist wirklich eine Fußballstadt”

07.12.2022, 14:00 Uhr von:  Inken Larissa
...Kolbeinn Finnsson: "Dortmund ist wirklich eine Fußballstadt”

Wir nutzten die verlängerte Winterpause, um uns mit U23-Linksverteidiger Kolbeinn Finnsson zu treffen. Mit dem Isländer sprachen wir über den verkorksten Saisonstart, seine Pläne für den Sommer und die größten Unterschiede zwischen Deutschland und Island.

Finnsson steht mit dem Ball in der Hand an der Außenlinie und macht sich bereit zum Einwurf

schwatzgelb.de: Du warst noch ziemlich jung, als du dich Groningens U19 angeschlossen hast. Was war das Schwierigste daran, so weit von Zuhause weg zu sein?

Finnsson: Ja, ich war ziemlich jung, um so weit von Zuhause weg zu gehen. Es war schwer in diesem Alter, in ein neues Land mit einer neuen Sprache zu ziehen. Zum Glück ist mein Vater das erste Jahr mitgekommen. Er hat mir sehr geholfen.

Kannst du denn etwas neiderländisch sprechen?

Een klein beetje. (Ein bisschen.)

Was hat dich dazu veranlasst, diesen schwierigen Schritt zu wagen?


Als ich jung war, wollte ich unbedingt im Ausland spielen, denn die Qualität der isländischen Liga ist nicht sehr hoch. Ich hatte diesen Traum von klein auf. Groningen war ein guter Schritt in diese Richtung. Sie haben mir ermöglicht, gegen bessere Spieler zu spielen und in besseren Trainingseinrichtungen zu trainieren.

Wie oft siehst du denn aktuell deine Freunde und Familie in Island?

Leider nicht so oft. Ich fliege aber immer in der Sommerpause, und meistens auch in der Winterpause, rüber. Meine Familie kommt mich außerdem noch ein paar Mal im Jahr in Dortmund besuchen. Es tut aber immer gut, nach Hause zu fliegen und die Familie und die Heimat zu sehen.

Gibt es große Unterschiede zwischen Deutschland und Island?

Ja, auf jeden Fall. Ich meine, auf Island leben nur rund 300.000 Menschen. Das sind weniger Einwohner als Dortmund hat. Ich mag es aber, in Deutschland zu leben, auch wenn es anders ist.

Bereit zur Attacke: Finnsson hat die Augen fest auf den Ball des Gegenspielers gerichtet und ist kurz vor dem Zweikampf

Island, die Niederlande, England und Deutschland. Du hast schon in vielen Ländern gespielt. Was sind fußballerisch die größten Unterschiede zwischen diesen Ländern?

Ich würde sagen, dass es in Deutschland viel auf die physische Verfassung ankommt. In der Deutschen Liga wird unfassbar viel gelaufen. In England ist es ähnlich, aber in Deutschland musst du noch mehr rennen als dort. Der Fußball ist einfach schneller und direkter. Der holländische Fußball ist ein bisschen technischer. Sie haben eine Menge guter Spieler und du musst wirklich schnell mit dem Ball sein.

Du hast im Januar 2019 dein Debüt für die isländische Nationalmannschaft gegeben. Wie hat sich das angefühlt?

Das war wirklich toll, auch wenn es nun schon eine ganze Ecke her ist. Es war ein unfassbares Gefühl. Ein Kindheitstraum, der in Erfüllung gegangen ist. Hoffentlich komme ich noch auf ein paar mehr Einsätze, auch wenn mein Debüt nun schon etwas her ist. Damals habe ich auf einer anderen Position gespielt, und zwar als Rechtsaußen. Nun spiele ich als Linksverteidiger. Das ist natürlich ein Unterschied, aber ich hoffe trotzdem, dass ich noch einmal die Chance bekomme, wieder in der Nationalmannschaft zu spielen.

Viele Skandinavier sind Fans von den großen Premier League Vereinen. Ist es in Island ähnlich?


Ja, absolut. Jeder Isländer liebt die Premier League und hat einen englischen Lieblingsverein.

Wie bekannt ist der BVB dort?

Ich würde schon sagen, dass der BVB in Island sehr populär ist. Zwar verfolgen nicht viele die Bundesliga an sich, aber sie verfolgen die großen Vereinen, wie zum Beispiel Bayern oder den BVB.

Wie gefällt es dir in Dortmund?

Ich mag es, hier zu leben, denn Dortmund ist wirklich eine Fußballstadt. Das kann man sofort sehen, wenn man herkommt. Jeder hier ist BVB-Fan und an jedem Auto klebt ein BVB-Sticker, das mag ich sehr gerne. Es macht einfach Spaß in einer Stadt zu leben, die den Fußball so liebt.

Finnsson im Zweikampf

Ist es komisch, in einer Stadt zu leben, deren Einwohnerzahl fast doppelt so hoch ist wie die Bevölkerungszahl in ganz Island?

Am Anfang war es etwas komisch, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt. Ich habe ja auch in London gelebt, also kenne ich es, viele Menschen um mich zu haben. Für mich ist es also okay, aber für viele andere Isländer ist es wirklich erst mal komisch.

Warum hast du dich für einen Wechsel zum BVB II entschieden?


Als der BVB angefragt hat, ging es verdammt schnell. Es war eine riesige Chance für mich, einen weiteren Schritt in meiner Karriere zu machen. Da musste ich nicht lange darüber nachdenken. Wenn Borussia Dortmund dich haben möchte, dann ist es im Endeffekt ein “no-brainer”. Ich habe es im ersten Monat noch gar nicht fassen können, dass ich wirklich für Borussia Dortmund spiele. Es war alles in allem also eine wirklich einfache Entscheidung.

Das ist dein viertes Jahr in Dortmund. Hast du, als du hierhergekommen bist, damit gerechnet so lange zu bleiben?


Nein, damit habe ich nicht gerechnet. Nicht mal ansatzweise. Du weißt nie, was im Fußball alles passieren kann. Aber ich fühle mich sehr wohl hier in Dortmund und ich habe keinen Grund gesehen, den Verein zu verlassen.

Hast du vor, noch ein wenig länger zu bleiben?


Ich denke, dass das mein letztes Jahr hier in Dortmund ist. Ich werde 24 Jahre alt, daher glaube ich, dass es meine letzte Saison hier ist.

Hast du denn schon Pläne für den Sommer?


Nein, ich habe noch keine Idee. Ich konzentriere mich jetzt erstmal auf die laufende Saison. Was danach kommt, wird man sehen.

In deinen dreieinhalb Jahren hier hattest du drei verschiedene Trainer. Ist es schwer, sich fast jedes Jahr einem neuen Spielstil anzupassen?


In meinem ersten Jahr hier war Mike Tullberg der Trainer. Da es mein erstes Jahr hier war, war es so schon ein wenig schwerer mich anzupassen, das hat eine Weile gedauert. Danach war Enrico Maaßen für zwei Jahre unser Trainer. Da war es schon einfacher, seinen Spielstil zu adaptieren. Für mich ist es insgesamt nicht schwer, mich an einen neuen Trainer zu gewöhnen.

Finnsson liegt bei einer Dehnübung auf dem Rücken und grinst in die Kamera

Gibt es einen großen Unterschied zwischen Christian Preußer und Enrico Maaßen?

Sie haben natürlich einen anderen Stil. Aber dieser unterscheidet sich im Endeffekt gar nicht so sehr. Beide wollen einen intensiven und direkten Fußball spielen lassen, mit vielen eins gegen eins Situationen. Es gibt also gar keinen so großen Unterschied, auch wenn die Ergebnisse der Spiele dieses Jahr bislang etwas anders sind als im letzten.

Die letzte Saison war bis jetzt definitiv deine Stärkste. Hast du etwas verändert oder war es einfach ein ganz normaler Entwicklungsschritt?


Ich habe mich ein wenig verändert und auch härter trainiert. Ich habe angefangen, nach dem Training noch einmal extra etwas zu machen. Zusätzlich hatte ich aber auch das Gefühl, ganz in Dortmund anzukommen. Ich habe mich wohler gefühlt, habe meine Mitspieler und den Trainer besser kennengelernt. Das hat mir viel geholfen.

In der letzten Saison hattest du allerdings auch großes Verletzungspech. Gleich zwei Mal musstest du lange pausieren. Wie schwierig war es da, optimistisch zu bleiben?

Es war schon wirklich schwer, gerade mit meiner zweiten Verletzung im Januar. Ich war drei Monate draußen und dann verletzte ich mich gleich wieder, das war schon wirklich sehr hart, vor allem mental. Ich musste dann auch noch operiert werden. Zum Glück sind meine Eltern hergeflogen und dann auch bei mir geblieben, was mir sehr geholfen hat. Und wie sagt man so schön: man kommt immer stärker zurück.

Kommen wir zurück zum Fußballerischen. Spielst du lieber mit einer Dreier oder einer Viererkette in der Defensive?

Ich habe mehr in der Dreierkette gespielt. Ich kann in beiden Systemen spielen, aber ich favorisiere doch die Dreierkette. Ich bin mehr an sie gewöhnt und als wir im letzten Jahr mit dieser Formation gespielt haben, ist es wirklich gut für mich gelaufen.

Was ist deine größte Stärke?

Ich habe eine Menge Energie und kann gute Pässe spielen. Außerdem gebe ich gute Hereingaben mit meinem linken Fuß.

Bei Brentford warst du für deine Treffer mit deinem linken Fuß bekannt. Wie viele Tore können wir dieses Jahr noch von dir erwarten?

Ich habe keine Ahnung. Bei Brentford habe ich ja auch auf einer anderen Position gespielt als hier in Dortmund. Ich hoffe trotzdem, dass es ein oder zwei Tore werden.

Was möchtest du noch verbessern?


Gute Frage. Ich kann auf jeden Fall mein defensives Spiel noch weiter verbessern. Ich bin nicht gerade der Größte und wenn ich als Innenverteidiger spiele, muss ich mich gegen große Stürmer durchsetzen. Da muss ich schlau sein, da ich nicht jedes Kopfballduell gewinnen kann. Das ist Ziel. Außerdem möchte ich mehr offensiv Aktionen einleiten und Vorlagen geben. Das möchte ich verbessern.

Finnsson ist frontal zu sehen, wie er über den Platz läuft.

Wie du bereits erwähnt hast, warst du früher mal Mittelfeld- bzw. Flügelspieler. Warum wurdest du zum Verteidiger umgeschult?

Das weiß ich nicht (lacht). Da müsstet ihr den Trainer fragen. Ich bin als Rechtsaußen nach Dortmund gekommen, aber Mike hatte andere Pläne. Er hat mich als Linksverteidiger gesehen und ich war offen, das zu probieren. Es war am Anfang etwas schwer, aber dann wurde es sehr viel besser. .

Auf welcher Position spielst du denn am Liebsten?


Natürlich macht es am meisten Spaß im Mittelfeld zu spielen, aber die beste Position für mich ist die des linken Verteidigers.

Wie bist du persönlich mit dem verkorksten Saisonstart umgegangen?


Es ist immer schwierig, wenn es für das Team nicht gut läuft. Es ist wichtig, den Kopf frei von Fußball zu bekommen. Wenn du ständig, nach jedem Spiel, nach jedem Training und auch Zuhause über die Situation nachgrübelst, dann hilft das nicht. Dafür muss du musst 100% bei jedem Training geben.

Wie war der Teamgeist zu dieser Zeit, gerade nach dem Spiel gegen Oldenburg?

Es war ziemlich schwierig. Wenn du immer nur verlierst, wird die Stimmung in der Mannschaft und im Umfeld immer schlechter. Wir waren schon ziemlich down, haben aber mit dem Trainer auch hart daran gearbeitet uns zu verbessern. Jetzt ist der Teamgeist ganz anders als zu Beginn der Saison.

Kannst du uns verraten, was genau der Trainer gemacht hat?

Er hat einfach viel mit uns Spielern gesprochen, hat uns gesagt, dass wir ruhig bleiben sollen. Es ist normal, dass Spieler wütend werden können, gerade wenn sie sich im Training zeigen wollen. Aber es ist wichtig, einen klaren Kopf zu bewahren.

Finnsson mit dem Ball am Fuß

Im neuen Jahr könnt ihr hoffentlich wieder in der Roten Erde spielen. Freut ihr euch schon?

Ja. Gerade mit dem neuen Rasen freue ich mich sehr darauf, bald wieder in der Roten Erde spielen zu können. Ich hoffe, dass im Januar alles fertig ist. Es war schon wirklich schwierig im Winter auf dem alten Rasen zu spielen.

Was ist das eindrucksvollste Stadion, in dem du je gespielt hast?

Mein Debütspiel bei der Nationalmannschaft wurde in Qatar ausgetragen. In dem neuen WM-Stadion, das ist das erste Stadion, was mir in den Sinn kommt. Die Anfield Road und das Westfalenstadion gehören aber auch dazu.

Was erwartest du vom Rest der Saison?


Ich erwarte, dass wir uns weiter verbessern und endlich ein paar Siege am Stück einfahren. Das sollte unser Ziel sein und darauf sollten wir hinarbeiten.

Wann fängt für euch das Training denn wieder an? Jetzt geht es ja erstmal in den Urlaub.


Am zweiten Januar starten wir für ungefähr eine Woche in das Wintertrainingslager in der Türkei.

Sechs der kommenden Spiele werden Parallelansetzungen sein. Wie findest du das?

Das wusste ich noch gar nicht. Das ist natürlich sehr schade. Es ist immer gut, nicht am gleichen Tag wie die erste Mannschaft zu spielen, aber es ist wie es ist.


Vielen Dank für das Interview!

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