Unsa Senf

Das Problem ist der Fan

11.08.2021, 15:16 Uhr von:  Sascha
Lesezeit: ca. 4 Minuten
Foto der vollbesetzten Südtribüne Block 13 mit zwei großen und mehreren Schwenkfahnen, sowie dem Vorsängerpodest

Die Pandemie hat zwei Dinge gezeigt: Der Fußball klammert sich an seinen Status Quo und wir hätten die Macht das zu ändern, nutzen sie aber nicht.

Die neue Saison startet und irgendwie ist doch wieder alles beim Alten – bis auf den Umstand, dass unsere blauen Nachbarn dankenswerterweise jetzt in Liga zwei ihr Unwesen treiben. Ansonsten ist von dem zu Pandemiebeginn propagierten Änderungswillen im Profifußball nicht viel geblieben. Die Vereine jagen weiterhin dem deutlich spärlicher fließenden Geld hin und her und wagen den Drahtseilakt zwischen Weitermachen-wie-bisher und der Insolvenz. Von einem Umdenken, einer Neuausrichtung des Profifußballs keine Spur. Warum auch? Das System hat bislang alle glücklich und vor allem reich gemacht. Das gibt man nicht so schnell auf.

So braucht man auch kein Prophet sein, um zu ahnen, was am Ende von allen „Task Forces“ und Gesprächsrunden mit Fans, wie ein neuer Fußball, in dem sich alle halbwegs wohl fühlen, aussehen könnte, übrig bleibt. Vielleicht ein paar kosmetische Korrekturen, ein paar plakative Pinselstriche hier und da – aber im Großen und Ganzen soll der Profifußball im Jahr 2025 nicht anders aussehen, als er es vor der Pandemie tat. Wobei, nicht anders stimmt nicht ganz. Natürlich darf er noch größer, pompöser, lukrativer, unmoralischer und abstoßender sein als zuvor. Nur besser sollte er tunlichst nicht werden. Das kostet nämlich Geld.

Jede Bratwurst zählt

In einem muss man den Vereinen nämlich zustimmen: sie haben verstanden. Verstanden, dass die Fans eine inhomogene, diffuse Masse aus allen Teilen der Gesellschaft sind, die einfach nicht in einem Maße zueinander finden, um dem System Profifußball wirklich gefährlich zu sein. Natürlich, es gab vor allem in England massive Proteste gegen den barmherzigen „Rettungsversuch“ (hihi) der Großklubs, die die finanzielle Stabilität mit einem noch glamouröseren Affentheater namens Super League gewährleisten wollten, der letztendlich auch erfolgreich war. Aber letztendlich hat man damit nur den Schergen der UEFA – ja, Herr Ceferin, wir haben nicht vergessen, dass wir gar nicht auf der gleichen Seite stehen – geholfen, dass das Geld bloß in der Familie bleibt. Langfristig wird die Champions League zur gleichen Super-Cashcow umgemodelt, wie es Real, Barcelona, Juventus und Co. wollten und noch immer wollen. Die Premiere League selber schmeißt gerade auch wieder massiv mit Geld um sich, das sie von Finanzhaien und Unrechtsstaaten erhalten haben. Am Ende bleibt der Umsturz aus und es werden weiter bloß Rückzugsgefechte geführt.

Im Vordergrund die Ost-, zentral die bestuhlte Südtribüne und weiter rechts die Westtribüne in Pandemiezeiten. Wenige Menschen auf der Tribüne und viele graue und leere Sitze
Leere Tribünen - leere Kassen

Fans haben Macht

Dabei hätte der Fan so große Möglichkeiten – das ist nämlich auch eine Lehre aus der Pandemie. Wir haben uns in der Vergangenheit selbst verzwergt und nachgeplappert, dass es auf uns im Stadion ja gar nicht mehr ankommt und das wirkliche Geld über TV-Verträge und Sponsorendeals generiert wird. In der zweiten, vollen Corona-Saison waren diese Einnahmen aber wie bisher vorhanden, die Vereine japsten trotzdem nach Geld wie ein Fisch auf dem Trockenen. Was fehlt, das sind die Spieltagserlöse, die Einnahmen aus dem Catering und die Spieltagsschlangen vor den Merchandise-Shops. Platt gesagt: Jede Bratwurst zählt. Unser Geld ist kein geringes Zubrot für die Vereine, sondern ein echter Faktor in auf Kante genähten Etats und damit wären wir ein echter Machtfaktor.

Was wäre denn, wenn wir sagen würden: Ist ja schön, wenn mit steigenden Impfquoten wieder Schritt für Schritt mehr Zuschauer in die Stadien dürfen – aber wir kommen erst wieder, wenn ihr euren Laden grundlegenden reformiert habt? Die Vereine wären zu Änderungen gezwungen, auf die eine oder andere Art. Wir sind ein Machtfaktor in diesem ganzen Business, kein kleines Rädchen. Aber wir sind eben auch viele und das haben die Vereine mittlerweile verstanden. Zu viele, um sich wirklich auf ein gemeinsames Ziel zu einigen und dafür zu kämpfen.

Die Vereine haben das längst bemerkt und einkalkuliert. Es mag Proteste geben, Widerstand, Boykotte und wütende Fanmassen. Aber alles nur temporär und es bedarf nur genug Sitzfleisch, um den Sturm zu überstehen. Am Ende stehen sie eben doch wieder alle vor den Stadiontoren und arrangieren sich auch mit der nächsten Maßnahme zur Generierung von Geldern.

Dabei könnte der Fußball viel mehr sein – wenn wir es nur wirklich wollten.

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