Unsa Senf

Boycott Qatar 2022

06.03.2021, 08:51 Uhr von:  Sascha
Lesezeit: ca. 5 Minuten
Ein platter Fußball und eine rostige Kette auf Wüstensand. Darüber steht "Qatar 2022" in roter Schrift, von der Tropfen wie Blut herab fließen

In knapp anderthalb Jahren sollen fröhliche Fußballspiele in Stadien stattfinden, für deren Bau Menschen versklavt wurden und mehrere tausend Arbeiter ihr Leben lassen mussten. Der endgültige moralische Bankrott des Fußballs. Ein Boykott des Turniers ist die letzte Möglichkeit für die Verbände, noch Haltung zu zeigen.

Wohl nur wenige Fußball-Weltmeisterschaften haben in der Vergangenheit so stark im Vorfeld polarisiert wie die kommende im Emirat Katar. Schon gleich nach der Vergabeentscheidung waren die klimatischen Begebenheiten ein großes Thema, im weiteren Verlauf rückten die Bedingungen der Arbeiter zum Bau der Fußballstadien in den Mittelpunkt. Das Kafala-System, bei dem der Arbeitgeber der Bürge des ausländischen Arbeitnehmers ist, stand von Anfang an unter Verdacht des systematischen Unterlaufens der Menschenrechte.

Im Folgenden mögen Franz Beckenbauer zwar bei vor Ort-Terminen keine „Arbeitssklaven“ aufgefallen sein und der FC Bayern in Person von Karl-Heinz Rummenigge höchstpersönlich im einem fruchtbaren kulturellen Austausch mit der katarischen Herrscherfamilie stehen – die Berichte, die nach und nach über die dortigen Arbeitsbedingungen an die Öffentlichkeit kommen, sind mehr als erschreckend.

Nach Recherchen des englischen Guardian sind im Laufe der Bauzeit 6.500 Menschen aus Indien, Pakistan, Nepal, Bangladesch und Sri Lanka verstorben. Bei dieser Zahl sind aufgrund fehlender Angaben noch nicht einmal die Arbeiter berücksichtigt, die in den afrikanischen Ländern angeworben wurden. Wie die Arbeitsbedingungen für die Menschen, die den Bau überlebt haben, aussehen, hat Kennedy aus Kenia gegenüber The Unity für Ihre Ausgabe des Magazin TACHELES geschildert. Unter falschen Versprechungen angeworben, wurden bei der Einreise die Pässe eingezogen, die Gehaltszahlungen verweigert, die Arbeiter unter unwürdigen Bedingungen eingepfercht, mangelhaft verpflegt und bei Protest gegen diese Umstände mit dem Tode bedroht. Das ist, anders kann man es einfach nicht sagen, die Versklavung von Menschen unter anderem für den Bau von Fußballstadien, die nach der WM in diesem Land nicht einmal mehr weitere Verwendung finden.

Fußballspiele sind ein Fest der Freude, der Euphorie. Menschen feuern ihre Sportler an, singen, schwenken Fahnen und bejubeln Tore. Die Spieler üben einen Sport aus, den ein Grundgedanke der Fairness tragen sollte und in dem sie unter gleichen Bedingungen ihre Kräfte messen. Nicht zuletzt ist eine Weltmeisterschaft auch ein Zusammentreffen von Kulturen und Nationalitäten, ein Beitrag zur Völkerverständigung. Diese Spiele in Stadien auszutragen, für deren Bau Menschen bis zu ihrem Tode ausgebeutet wurden, wäre eine absolute Perversion des Grundgedankens einer Weltmeisterschaft. Ein Boykott des Turniers würde die gestorbenen Arbeiter zwar nicht wieder lebendig machen und auch nicht das Unrecht der übrigen wiedergutmachen, aber es wäre zumindest ein Zeichen des Respekts, wenn man nicht auch noch an dem Ort und dem Grund ihres Leides fröhliche Liedchen schmettert und etwas Banales wie einen Fußballkick bejubelt.

Findet die WM wie geplant statt, verliert der Profifußball auch wirklich sein allerletztes Feigenblatt der moralischen Integrität, weil er demonstrieren würde, dass TV-Vermarktung und Werbeverträge für ihn einen höheren Wert darstellen als Menschenleben. Man hat bislang ja schon keine Scheu gehabt, mit Despoten und Diktaturen in die Kiste zu hüpfen, aber wohl nirgends war die Verbindung zwischen der Unterdrückung von Menschen und der Ausrichtung des Turniers so deutlich wie bei der WM 2022 in Katar.

Es ist zu hoffen, dass sich viele dem Beispiel der norwegischen Erstligaclubs anschließen, die einen Boykott der WM fordern. Verbände, Funktionäre, Spieler und Fans – jeder einzelne sollte sich hinterfragen, was er unterstützt und im Nachhinein legitimiert, wenn er an dieser WM vor Ort, oder auch nur vor dem TV-Bildschirm teilnimmt. Zudem wird es Zeit, dass den üblichen Floskeln, von wegen, dass man über den kulturellen Austausch Veränderungen herbeiführen möchte, oder man ja nur Spieler sei, der die Entscheidung des Verbandes ausführe, klar widersprochen wird. Vergangene Turniere haben gezeigt, dass fundamentale Änderungen ausbleiben und die Integration in die große Sportwelt eher als Legitimation des eigenen Handels dieser Länder aufgefasst werden. Wer dort mitmacht, unterstützt dieses System und diesen Spiegel sollte man jedem vorhalten.

Wer es nicht unterstützen möchte, boykottiert die WM.

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