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In Liverpool bedankten sich einige Fans bei mir, dafür dass Sie den Klopp von uns bekommen haben.

26.04.2021, 20:29 Uhr von:  kha
Lesezeit: ca. 7 Minuten
Das Bild zeigt drei Kreise, die die Grundprinzipien von Exklusion, Integration und Inklusion verdeutlichen sollen.

Inklusion im Fußball wird immer noch zu wenig zur Kenntnis genommen. Wie erleben Fans im Rollstuhl das Westfalenstadion? Wir haben mit ihnen gesprochen.

Laut statistischem Bundesamt lebten im Jahr 2019 circa 7,9 Millionen schwerbehinderte Menschen in Deutschland, das sind gut 7,9 % der gesamten Bevölkerung. Gut eine Million dieser schwerbehinderten Menschen sind auf einen Rollstuhl angewiesen. Viele von diesen sind natürlich auch Fußballfans und haben, hoffentlich, den BVB in ihr Herz geschlossen. Einer davon ist Moritz. Mit ihm haben wir über sein Leben als rollstuhlfahrender BVB-Fan gesprochen und wie es ihm damit ergeht.

schwatzgelb.de: Erzähle mal ein wenig über Dich und was Dich anders als andere Fans macht?

Moritz: Ich heiße Moritz und bin 31 Jahre alt. Seit meinem 10. Lebensjahr sitze ich auf Grund einer Muskelerkrankung im Elektro-Rollstuhl und bin auf einen Assistent angewiesen. Dadurch wird ein Besuch im Stadion bei Heimspielen in Dortmund oder bei Auswärtsspielen in anderen Stadien etwas aufwändiger. Da ich im Stadion auf persönliche Assistenz angewiesen bin, muss ich immer eine Begleitperson mitnehmen, die mich natürlich auch mit dem Auto dort hinfährt. Meistens übernimmt meine Mutter den Job, aber auch mein Vater, meine Schwester und Freunde begleiten mich gelegentlich.

schwatzgelb.de: Wie bist Du zum BVB gekommen?

Moritz: In meinem persönlichem Umfeld gibt es einige BVB-Fans und als kleiner Knirps habe ich dann entschieden, auch BVB-Fan zu sein, obwohl ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich für Fußball interessiert habe. Meine Leidenschaft für Fußball habe ich dann 2006 bei der WM entdeckt. Nach der WM habe ich mir dann immer die Spiele vom BVB im Fernseher angesehen.

schwatzgelb.de: Seit wann gehst Du ins Stadion und was war Dein erstes Spiel?

Moritz: Ab 2010 ist es mir dann gelungen ab und an eine Rollikarte für das Stadion zu ergattern. Mein erstes Spiel war gegen Stuttgart.

Moritz sitzt im Rollstuhl. Er hat dunkle, kurze Haare und trägt ein BVB Trikot. Im Hintergrund das Spielfeld und die Tribünen des Westfalenstadions.
Unser Gesprächspartner Moritz

72 Rollikarten bei 80 000 Zuschauern sind schon wenig.


Moritz, Rollifahrer und seit 2010 regelmäßiger Stadiongänger und Auswärtsfahrer.

schwatzgelb.de: Gehst Du zusammen mit den Freunden zum BVB? Sind das auch alles Rollifahrer?

Moritz: Wie oben schon geschrieben brauche ich immer eine Begleitperson. Aber wir treffen uns vor dem Spiel regelmäßig mit Freunden, mal sind es Rollifahrer oder Fußgänger. Wenn es keine Rollifahrer sind treffen wir uns vor dem Stadion und quatschen und trinken ein Bierchen und dann geht jeder zu seinem Platz und wir treffen uns auch nach dem Spiel noch (je nach Wetterverhältnis).

schwatzgelb.de: Wie schwer war es für Dich an eine Rollikarte zu kommen?

Moritz: Mittlerweile habe ich seit 7 Jahren eine Dauerkarte. Aber vorher war es sehr schwierig. Bei Anrufen bin ich immer abgewimmelt worden. Bis ich dann 2010 angefangen habe bei jedem Spiel eine Mail zu schreiben, um an Karten zu kommen. Da habe ich ab und an mal eine Heimkarte bekommen und einige Auswärtskarten.

schwatzgelb.de: Bietet der BVB genügend Karten für Rollifahrer an?

Moritz: Natürlich nicht, 72 Rollikarten bei 80 000 Zuschauern sind schon wenig.

Auswärtsfahrten sind schwierig zu organisieren

schwatzgelb.de: Fährst Du auch auswärts und was war Deine weiteste Fahrt?

Moritz: Ich fahre viel auswärts. Fast alles was mit dem Auto funktioniert und was an einem Tag hin und zurück zu schaffen ist. Wobei wir auch nach London ohne Übernachtung hin und zurück gefahren sind.

Übernachten ist sehr schwierig für mich , da ich auf ein Pflegebett angewiesen bin. Liverpool - Salzburg - München - Berlin, da habe ich dann übernachtet, aber es ist sehr aufwändig das zu organisieren. Malaga war bisher meine weiteste Fahrt bzw. Flug.

schwatzgelb.de: Wie hast Du diese Fahrt organisiert? Bist Du z.B. mit einem Fanclub gefahren?

Moritz: Ich bin mit der Fanabteilung geflogen. Es war ein Marathon an Organisation im Vorfeld und dann gab es vor Ort trotz aller Vorbereitung doch noch erhebliche Probleme den Elektro-Rollstuhl zu verladen. Für den Transport vom Flughafen habe ich dann eine Taxiunternehmen organisiert, welches mich samt Rollstuhl befördern konnte.

In Liverpool haben sich einige Fans bei mir bedankt, dass sie den Klopp von uns bekommen haben.

schwatzgelb.de: Was war das verrückteste Erlebnis mit dem BVB?

Moritz: Das Rückspiel gegen Malaga, es war einfach ein Auf und Ab der Gefühle. Ich konnte im ersten Moment gar nicht fassen, dass wir noch weiter gekommen sind.

schwatzgelb.de: Und abseits des Platzes?

Moritz: In Liverpool kamen einige Liverpool Fans zu mir und haben sich bedankt, dass sie den Klopp von uns bekommen haben.

schwatzgelb.de: Und gab es, im Zusammenhang mit Deiner Behinderung, ein besonders schlimmes Erlebnis und wer hat Dir in dieser Situation geholfen?

Moritz: Eigentlich hatte ich im Zusammenhang mit Fußball kein schlimmes Erlebnis. Ich fühle mich eigentlich immer gut betreut bei Heim-, wie bei Auswärtsspielen. Nur in Leipzig wollten die Ordner mich einmal nicht ins Stadion lassen, weil angeblich meine Karte nicht gültig war, die von meiner Begleitperson allerdings schon. Das konnte dann mit dem Behindertenbeauftragten von Leipzig geregelt werden.

schwatzgelb.de: Wie ist es für Dich mit Deiner Behinderung im Stadion? Fühlst Du Dich gut aufgehoben?

Moritz: In Dortmund fühle ich mich sehr gut aufgehoben und auch in den Auswärtsstadion fühle ich mich sehr wohl. Es wird einem auf dem Weg zum Platz fast immer und überall Hilfe angeboten. Meistens wird man angesprochen, ob man Hilfe benötigt.

schwatzgelb.de: Fühlst Du dich von den anderen Fans respektvoll behandelt?

Moritz: Andere Fans (auch vom Gegner) sind immer respektvoll und machen mir auch oft Platz, wenn ich im Rollstuhl irgendwo durch muss oder will.

Als Rollifahrer und Fan im Stadion

schwatzgelb.de: Und fühlst Du Dich auch als Teil der BVB-Fans oder ist das Gefühl eher „Da auf der Süd sind die Fans" und hier sind wir Rollifahrer. Wir sind zwar auch Fans, aber so richtig gehören wir nicht dazu?

Moritz: Da ich auf der Ostseite sitze ist es manchmal schon ein bisschen doof. Die Spieler gehen nach dem Spiel zur Süd und dann Richtung West durch das Stadion und bevor sie dann bei uns wären biegen sie in den Spielertunnel ab. Manchmal kommen dann doch noch einzelne Spieler zur Ost und klatschen dann mit den Rollifahrern ab.

schwatzgelb.de: Wenn Du hoffentlich bald wieder ins Stadion gehst: Bekommst Du alles mit oder fühlst Du Dich von einigen Dingen ausgeschlossen, weil an die besonderen Bedürfnisse von Rollifahrern nicht gedacht wurde??

Moritz: Ich bin rundum zufrieden mit meinem Platz in Dortmund. Ich bekomme alles mit und wir werden vor dem Spiel und nach der Halbzeit vom Catering mit Getränken versorgt. Wir haben jetzt Steckdosen an den Plätzen und können da auch mal eine Heizdecke anschließen.

In den meistens Auswärtsstadien sind die Plätze für Rollstuhlfahrer auch gut. Für die Auswärtsfans auf den Rollstuhlplätzen in Dortmund gilt das Gleiche wie für die Heimfans. Die Behindertenbeauftragten vom BVB sind immer im Austausch mit uns.

Auswärts wäre es schon schön, nahe bei den eigenen Fans zu sitzen, so dass man nicht durch Zäune und Absperrungen getrennt wird und noch nicht einmal vor dem Spiel oder in der Halbzeit zusammen stehen kann.

Moritz in seinem Rollstuhl im Stadion von Union Berlin.. Er trägt ein Trikot des BVB.

schwatzgelb.de: Würdest Du, anstatt nur mit Rollifahrern zusammen, gerne bei den Fans z.B. vor der Südtribüne sitzen wollen oder sogar auf der Süd? Od er bei Auswärtsspielen vor oder in dem Gästeblock?

Moritz: In Dortmund bin ich sehr zufrieden mit meinem Platz, da möchte ich nicht woanders sitzen.

So nah am Spielfeldrand ist es super. Auswärts wäre es schon schön nahe bei den eigenen Fans zu sitzen, so dass man nicht durch Zäune und Absperrungen getrennt wird und noch nicht einmal vor dem Spiel oder in der Halbzeit zusammen stehen kann.

schwatzgelb.de: Was wünscht Du Dir in Zukunft vom BVB für Euch Rollifahrer?

Moritz: Ich wünsche mir einen geheizten Raum wie bei Manchester United, wo sich Rollifahrer vor dem Spiel und in der Halbzeit treffen können. Am besten mit eigenem Catering, damit unsere Begleitpersonen sich nicht immer so lange an den Kiosken anstellen müssen. 2-3 Behindertentoiletten mehr im Stadion, wären auch nicht schlecht.

schwatzgelb.de: Vielen Dank für das Gespräch!

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