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Du musst immer auf Ballhöhe sein und hart am Spiel bleiben

14.06.2021, 22:38 Uhr von:  kha
Lesezeit: ca. 5 Minuten
Das Bild zeigt drei Kreise, die die Grundprinzipien von Exklusion, Integration und Inklusion verdeutlichen sollen.

Um auch Menschen, die aufgrund einer fehlenden oder eingeschränkten visuellen Wahrnehmung den Fußball erlebbar zu machen wurde vor ca. 20 Jahren beim ersten Verein in Deutschland die Blindenreportage (auch audiodeskriptive Reportage genannt) etabliert. Mittlerweile ist sie aus allen Stadien zu hören. War Sie zunächst nur für Menschen empfangbar , die auch im Stadion sind ist sie seit Ausbruch der Corona Pandemie auch über das Internet zu hören. Darüber wie man Blindenreporter wird und was es heißt Blindenreporter zu sein haben wir mit dem BVB Reporter Markus Bliemetsrieder gesprochen.

schwatzgelb.de: Wer bist Du und was machst Du im Bereich Inklusion ?

Markus Bliemetsrieder: Ich bin Markus Bliemetsrieder und übertrage als Reporter für blinde und sehbehinderte Fußballfans die Heimspiele des BVB.

schwatzgelb.de: Wie bist Du dazu gekommen?

Markus Bliemetsrieder: Der Behindertenfanbeauftragte des BVB Uwe Pleß hat mich im Frühjahr 2005 angesprochen, ob ich die Aufgabe des Blindenreporters übernehmen will. Der BVB plante damals ein Konzept für eine Blindenreportage.

Pionierarbeit in der audiodeskriptiven Reportage

schwatzgelb.de: Wie wird man überhaupt "Blindenreporter"? Gibt es da eine spezielle Ausbildung?

Markus Bliemetsrieder: Heute werden Seminare, Workshops und Treffen durch die DFL organisiert. Taktik, Regelkunde, Sprechtraining und diverse andere Felder werden nähergebracht. Damals noch nicht. Das war alles Pionierarbeit. Sowohl für den BVB als auch für einen Blindenreporter. Der BVB war erst der zweite Verein in der Bundesliga, der diesen Service anbot. Ich habe in der zweithöchsten Jugendklasse Fußball gespielt, während meines Studiums habe ich für das Uni-Campusradio gearbeitet, Moderation und Beiträge erstellt und an der Uni eine Kommilitonin als Blindenassistenz unterstützt. Wichtig waren die Gespräche mit dem BVB-Fanclub BLIND DATE. Im Vorfeld der ersten Begegnung des BVB fanden mehrere Treffen statt, in denen über die Erwartungen und Anforderungen an eine Blindenreportage gesprochen wurde. Hier habe ich mich ganz klar an der Zielgruppe orientiert. Über 6 Monate wurde an der richtigen Reportageform getüftelt. Immer wieder mit Feedback, hier und da was geändert oder was Neues eingeführt. Als Reporter musst du auch permanent an dir selbst arbeiten. Die taktischen Spielformen und die Geschwindigkeit haben sich in den letzten 10 Jahren in der Bundesliga sehr stark verändert. Da musst du sowohl in der Sprechgeschwindigkeit als auch in der Beschreibung berücksichtigen.

Über 6 Monate wurde an der richtigen Reportageform getüftelt


BVB Blindenreporter Markus Bliemietsrieder

schwatzgelb.de: Welches war Dein erstes Spiel?

Markus Bliemetsrieder: Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es begann sofort mit einem Kracher. 2. Bundesligaspieltag der Saison 2005/06. Erstes Heimspiel des BVB. Die Mutter aller Derbys. BVB gegen S04. 1:0 Ebi Smolarek und dann 2 Treffer von Kevin Kuranyi. Endstand 1:2.

schwatzgelb.de: Wie ist das Feedback von Deinen "Zuschauern"?

Markus Bliemetsrieder: Durchweg positiv. Nach 16 Jahren ist man praktisch eingespielt.

Markus Bliemetsrieder mit Kopfhörern und Mikrofon im Stadion
Markus Bliemetsrieder kommentiert die Blindenreportage

Positive Resonanz - auch von Gästen

schwatzgelb.de: Meinst Du, der BVB kümmert sich ausreichend um die besonderen Bedarfe Deiner Zuhörer?

Markus Bliemetsrieder: Der BVB hat eigens für den inklusiven Bereich mehrere Fanbeauftragte und ich gehe davon aus, dass der BVB jedes Anliegen soweit möglich berücksichtigt und im regen Austausch ist.

schwatzgelb.de: Seit dem Beginn der "Geisterspiele" werden Deine Reportagen ja auch außerhalb des Stadions übertragen. Merkst Du da einen Unterschied? Gibt es z.B. mehr Feedback?

Markus Bliemetsrieder: Unter www.bvb.de/Blindenreportage hast du die Möglichkeit die Heimspiele des BVB zu verfolgen. Dies ist ein toller Service des BVB und nicht selbstverständlich. So wird die Teilhabe am direkten Geschehen der blinden und sehbehinderten Fußballfans unterstützt. Die Reportage wird auch von den sehbehinderten Gästefans gehört und hier gab es durchweg positive Resonanz. Du kommentierst das Spiel nicht durch eine schwarzgelbe Brille, sondern das Spielgeschehen steht im Vordergrund. Für den Zuhörer ist es wichtig zu wissen, wo befindet sich Ball und Spieler und dies permanent. Du musst immer auf Ballhöhe sein und hart am Spiel bleiben.

schwatzgelb.de: Ab der kommenden Saison werden die Blindenreportagen ja grundsätzlich auch über das Internet übertragen bzw. die Vereine haben die Möglichkeit dazu. Wie gefällt Dir diese Entwicklung?

Markus Bliemetsrieder: Grundsätzlich ist das eine gute Sache, solange in der Pandemie keine Spiele mit Fans stattfinden. Es ist eine gute Ergänzung. Die 1. Vorsitzende des BVB-Fanclubs BLIND DATE Daniela Schmidt hat mir gesagt: Es gibt nichts Schöneres für einen sehbehinderten Fußballfan im Block 5 neben der Südtribüne zu sitzen, mit Empfangsgerät und Kopfhörern die Blindenreportage zu hören, 25000 fußballverrückte Anhänger auf der Süd stimmungsvoll zu erleben und am besten mit den schwarzgelben Jungs Siege zu feiern

Sportliche Großereignisse sollten noch mehr im Fokus der nicht nur ausschließlichen öffentlich-rechtlichen Sender stehen, um eine Teilhabe zu ermöglichen.


Markus Bliemetsrieder

schwatzgelb.de: Glaubst Du, es hören sich auch nicht - blinde Menschen deine Reportage an? Gab es schon mal entsprechendes Feedback?

Markus Bliemetsriederr: Die DFL hat vor kurzem in einer Statistik die Zugriffszahlen bei den per Internet übertragenden Bundes- und Zweitligaspielen mit 400 bis 18000 beziffert. Dies zeugt von Interesse.

schwatzgelb.de: Was wünscht Du Dir in Zukunft für die Blindenreportage?

Markus Bliemetsrieder: Noch mehr Akzeptanz und Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. 2016 haben ARD und ZDF auf dem 2. Kanalton die Audiodeskription für die Spiele der Fußballeuropameisterschaft angeboten. Für das ZDF habe ich hierbei die EM-Spiele als Blinden-/Audioreporter übertragen. Sportliche Großereignisse sollten noch mehr im Fokus der nicht nur ausschließlichen öffentlich-rechtlichen Sender stehen, um eine Teilhabe zu ermöglichen.

schwatzgelb.de: Und vom BVB in dieser Hinsicht bzw. für Deine Zuhörer?

Markus Bliemetsrieder: Das der BVB weiterhin immer ein offenes Ohr hat für die inklusiven Belange, insbesondere die Blindenreportage hat. An dieser Stelle ist BVB-Organisationsdirektor Herr Dr. Hockenjos hervorzuheben. Von 2005 bis heute hat er das „Projekt Blindenreportage“ super unterstützt.

schwatzgelb.de: Zum Abschluss. Was war dein größtes Highlight als Blindenreporter?

Markus Bliemetsrieder: Die WM 2006 in Deutschland und die EURO 2008 in Österreich/Schweiz als Blindenreporter vor Ort im Stadion für die sehbehinderten Fußballfans zu übertragen. Das macht Fußball aus. Emotionen und pure Leidenschaft. Ach so und ein BVB-Spiel war ein absolutes Highlight als Blindenreporter. BVB gegen Malaga in der Champions League 2013. 2 Tore in der Nachspielzeit. 69 Sekunden für die Ewigkeit. Da bist du als Blindenreporter richtig aus dem Sattel gegangen…

schwatzgelb.de: Vielen Dank für das Gespräch!

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