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Wer kennt eigentlich noch Heiko Hesse?

10.04.2021, 09:41 Uhr von:  DocKay
Lesezeit: ca. 5 Minuten
Ein leeres Spielfeld bei Flutlicht mit einem kleinen nicht erkennbaren Spieler
Für viele bleibt am Ende nur die Erinnerung an eine gescheiterte Fußballerkarriere

Nur einer von zehn Jugendlichen aus einem Bundesliga-Nachwuchs-Leistungszentrum erfüllt sich seinen Traum und wird später Fußballprofi.

In jedem Jahrgang deutscher Fußballtalente gibt es in der Regel nur zwei bis drei Ausnahmespieler, für die der Weg in die Spitze überhaupt realistisch ist. Auch der Sprung in die Auswahlmannschaften U15- bis U21 ist noch längst keine Garantie für eine erfolgreiche Karriere. Nur zehn Prozent derer, die das geschafft haben, werden später Profi in der 1. oder 2. Bundesliga.

Heiko Hesse lebte diesen Traum und wurde 1998 Deutscher A-Jugendmeister mit Borussia Dortmund. Seine Geschichte wird im Buch von Olaf Jansen „Woran hat`s gelegen?“ ausführlich beschrieben. In insgesamt 13 Portraits beschäftigt sich der Autor mit dem verpassten Traum vom Fußballprofi. Früher waren es oft Zufallsentdeckungen semiprofessioneller Scouts, heute haben die Leistungszentren für den Nachwuchs in den Proficlubs einen industriellen Charakter angenommen. Gründe für den Erfolg oder das Scheitern sind vielfältig. Auch das Glück, zum richtigen Zeitpunkt beim richtigen Verein vom richtigen Trainer gefördert zu werden, spielt eine Rolle.

Das Cover des Buches
© arete Verlag

Bei Heiko Hesse, der in Kaiserau im Kreis Unna aufwuchs, lief zunächst alles nach Plan. Seine ersten Fußballstiefel schnürte er für den SuS Kaiserau, wurde mit 13 Jahren 1993 erstmals in die Westfalenauswahl seines Jahrgangs berufen und landete im zweiten Jahr C-Jugend, ein Jahr später, bei Borussia Dortmund. Dort waren Jugendtrainer Volker Pröpper und Nachwuchs-Chef Michael Skibbe relativ früh auf den schnellen Verteidiger aufmerksam geworden. Die Turbokarriere ging weiter, U15-Trainer Bernd Stöber nahm ihn in den erweiterten Kreis der Jugend-Nationalspieler auf. Doch Heiko Hesse hatte noch eine zweite Leidenschaft, der er ebenso ambitioniert nachging: Früh interessierte er sich für Börsengeschäfte und beschäftigte sich mit Erlaubnis der Eltern mit dem An- und Verkauf von Wertpapieren. Es kam dann logischerweise zu zeitlichen Kollisionen mit der Schule und führte in seiner Mannschaft des BVB schnell zum Spitznamen „Professor“. Er konnte dies für sich regeln, Logistik war seine Stärke und er stockte sein Fußballgehalt beim BVB von 600 Mark deutlich auf. Diszipliniert wurde er auch schnell der Chef auf dem Rasen. Mit Willen und Ehrgeiz glich er technische Schwächen aus und holte mit seinen Teams in der B-Jugend 1996 und der A-Jugend 1998 den Deutschen Meistertitel. Doch er blieb seinem Weg treu, verzichtete auf den Umzug in das „Jugendhaus“ des BVB und ging weiter zur Schule, um ein zweites Standbein aufzubauen. Beim BVB und seinem Trainer Edwin „Eddy“ Boekamp kam diese Einstellung weniger an.

Wenn du es beim BVB noch schaffen willst, musst du es auch wirklich wollen. Du musst mehr geben.

Trainer Edwin Boekamp

Nach 1998/1999, dem zweiten Jahr in der A-Jugend, bekam Heiko Hesse einen Amateurvertrag und landete in der U23 des BVB. Die Tatsache, dass dort jetzt der mit traditionellen Ansichten unflexible Eddy Boekamp Trainer war führte zum Karriereknick. Im Regionalligateam drückte er die Ersatzbank und schickte am 16. Dezember mitten in der Saison seine Abmeldung zum BVB. Er hatte nach dem Abitur ein Stipendium in New Hampshire angenommen und ging in die USA, um Kunstgeschichte und Wirtschaft zu studieren. Dabei finanzierte er seinen Aufenthalt durch „Kicken“ in der College-Fußballmannschaft. Nach einem Jahr wechselte er nach Essex, begann sein Wirtschaftsstudium. Erste Zweifel an der Entscheidung kamen auf und er fiel in ein tiefes Loch. Durch den Anschluss an einen semi-professionellen Fußballverein konnte er sein Studium finanzieren. Ein neues Stipendium brachte dann die Wende. Er wurde von der Universität in Oxford aufgenommen, um sein Masterstudium zu beginnen. Er schloss dieses dann mit einer Promotion in Ökonomie ab. Damit öffneten sich für ihn schließlich die Tore in die höchsten Etagen der Wirtschaft. Er entschied sich für ein Angebot der Weltbank für die Wachstumskommission und zog nach Washington DC. Hier lernte er seine Frau, eine promovierte Molekularbiologin, kennen. Mittlerweile lebt die Familie in Athen, der Heimat seiner Ehefrau. Dorthin waren sie inmitten der Pandemie im vergangenen Jahr mit beiden Kindern umgezogen. Das Jüngste wurde während der Pandemie geboren. Die Rückkehr in die USA in ihr Haus in Washington DC soll im Sommer 2021 erfolgen.

Jetzt könnte jeder sagen: „Ist doch super gelaufen“. Leider ist dies nicht der Regelfall. Dies zeigen sehr deutlich einige der anderen Portraits im Buch von Olaf Jansen. Auch einstige Mitstreiter aus den Jahrgängen von Heiko Hesse beschreiben einen eher tragischen Karriereverlauf, der in dem Film „Die Champions“, einem Projekt der beiden Filmemacher Christoph Hübner und Gabriele Voss, geschildert wird. Sie haben mit Francis Bugri, Mohammed Abdulai, Claudio Chavarria und Heiko Hesse vier Nachwuchsspieler der Meistermannschaften der A-Jugend von 1998 bis 2001 über Jahre begleitet. Alle vier sind als Fußballprofis gescheitert, ja bei einigen kann man sogar von einem tragischen Ende sprechen.

Blick auf die Tribüne in der Roten Erde mit wenig Zuschauern
Auch Derbys im Nachwuchsbereich finden oft vor wenigen Zuschauern statt

Aber auch die zwölf anderen Geschichten der mehr oder weniger gescheiterten Talente zeigen beispielhaft die Gründe für das Scheitern der "Jungkicker" mit hochgelobten Begabungen. Wir erfahren etwas über Lucas Scholl und den langen Schatten seines Vaters, aber auch über Patrick Falk und seinen nicht erfüllten Traum vom FC Barcelona. Interessant in diesem 232 Seiten umfassenden Buch sind auch die Kommentare des Sportpsychologen Dr. René Paasch und das Interview mit Prof. Dr. Oliver Höhner, der seit 2008 mit seinem Team das Talentförderprogramm des DFB begleitet. Als Jurist und Spielerberater kommt Dr. Gerrit Hartung zu Wort und Ferdi Esser erklärt, warum er unbedingt in seinem Veedel in Köln bleiben wollte.

Ich fand das Lesen dieses Buches von Olaf Jansen extrem spannend und kann es nur empfehlen. Überraschend kam für mich auch die Tatsache, dass je früher man in ein nationales Leistungszentrum gebracht wird, desto größer die Wahrscheinlichkeit ist, dass man es nicht zum Profi schafft. Bei kritischem Nachdenken leuchtet dies ein. Dies sollte auch ein Weckruf für überambitionierte Eltern sein, das Kind im heranwachsenden Fußballer nicht zu vergessen. Auch manche Familien und Ehen sind an gescheiterten Kinderkarrieren zerbrochen. Unter diesem Aspekt ist auch die Nachwuchsförderung permanent zu hinterfragen. Olaf Jansen ist ein Meisterwerk gelungen. Jansen ist freier Journalist und schreibt u.a. für sportschau.de. Das Buch „Woran hat`s gelegen“ ist im März 2021 als Taschenbuch im arete Verlag erschienen. Es ist über den Verlag, den Buchhandel und amazon.de* zu beziehen.

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