Eua Senf

Die Blauen sind abgestiegen

25.04.2021, 16:23 Uhr von:  Gastautor
Lesezeit: ca. 5 Minuten
Blick auf die Schalke Fans auf der Nordtribüne im Westfalenstadion. Blaue Fahnen werden geschwungen.

Schalke 04 ist am Dienstag abgestiegen. Und ja, ich nehme mir die Freiheit, mich darüber zu freuen.

Ich bin von Kindesbeinen an Fan von Borussia Dortmund und durch meine Sozialisation ist es Teil der eigenen Identität, dem ungeliebten Nachbarn und Erzrivalen aus Gelsenkirchen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln zu gönnen. Ich trage stetig den Wunsch in mir, dass Schalke möglichst häufig verliert, seine sportlichen Ziele nicht erreicht und am allerbesten absteigt. Genau das ist nun passiert.

Meine Abneigung gegen Gelsenkirchen hat nichts mit den Schalkern zu tun, die ich kenne. Davon gibt es eine ganze Menge: Freundinnen und Freunde, flüchtige und gute Bekannte, Kolleginnen und Kollegen und auch Schalke-Fans. Ich hasse oder verachte diese Menschen nicht. Meine Antipathie ist nicht umfassend und alltäglich, ich bin kein Idiot.

Aber sie schlummert in mir und erwacht immer wieder, sie richtet sich an Spieltagen gegen die namen- und gesichtslosen Typen, die mir als Fünfzehnjährigen mit einem Mädel an der Hand meinen Schal gezockt haben, gegen die Blauen in Bussen oder vorbeifahrenden Autos, denen man den Stinkefinger oder die gereckte Faust gezeigt hat, wenn sie einen Fanmarsch durch Dortmund gemacht haben, der Mob, der Dosen und Flaschen auf mich geworfen hat – genau wie andersherum.

Ich singe die Spott- und Schmählieder, ich beschimpft sie und erhalte das gleiche Gefühl, die gleiche Abneigung von Ihnen zurück. Das muss man nicht mögen und es ist vielleicht auch nicht besonders clever, aber ich hatte und habe immer das Gefühl, dass beide Seiten mit diesem Verhältnis leben können und einverstanden sind.

Natürlich gibt es hier Grenzen, meine persönliche liegt bei körperlichen An- oder Übergriffen, da bin ich raus. Diese Rivalität war mal heißer und mal weniger heiß, dennoch erinnere ich mich noch sehr gut, wie es 2007 war als 25000 Blaue in unser Stadion pilgerten und den BVB auf dem eigenen Weg zur Meisterschaft nebenbei noch in die 2. Liga schießen wollten.

Ich habe auch ihre Sprüche im Ohr, dass man ein Heimspiel bei der AG habe und die Zecken in den Abgrund stoßen wolle. Ich sehe und höre Asamoah noch tönen, er laufe nach dem Spiel mit der Meisterschale über die B1 nach Gelsenkirchen, von seiner Kopf-ab-Geste nach einem Tor im Derby oder Phantasien Schalker Offizieller, ein Flugzeug wegen eines Banners vom Himmel schießen zu wollen, mal ganz zu schweigen.

So geht es beim Ruhr-Derby halt zu und Dortmunder Fans haben und hätten sich im umgekehrten Falle ähnlich verhalten. Man akzeptiert und lebt dieselben Ausdrucksformen und Rituale der Rivalität, oftmals sogar mit identischem Vokabular für die Anderen. Genau an dieser Stelle kann, muss man sich vielleicht sogar eingestehen, dass man sich ähnlicher ist, als man vielleicht wahrhaben will.

Ja, beide Städte liegen im Ruhrgebiet, man ist vom selben Menschanschlag, teilt sicherlich viele Ideale sowie Werte, und die Vereine haben Mitglieder- und Zuschauerzahlen, von denen andere in betuchteren Gegenden der Republik nur träumen können.
Aber deshalb habe ich doch jetzt kein Mitleid zu zeigen oder sogar den Abstieg des Erzrivalen zu bedauern, denn so ein Verhalten steht entgegen alle dem, was ich jemals für Schalke empfunden habe.

Ich habe aber auch nicht das Bedürfnis, Schalke Fans zu verspotten oder zu verhöhnen, das fände ich zu billig. Das ist das Maß an Respekt und Fairness, welches ich aufbringen kann und will.

Neutrale Kommentatoren nutzen in diesem Zusammenhang zurzeit gern die Vokabel „sportlich“ für den gewünschten Umgang mit dem Abstieg von Schalke 04 und verurteilen den Verkauf von harmlosen T-Shirts in der BVB-Fanszene anlässlich des ersehnten Abstiegs der Blauen.
Sportlich? Sportlich ist der Verein – besser die Fußball-Lizenzspielermannschaft - aufgrund einer katastrophalen Saison als eine der schlechtesten Mannschaften der Bundesligageschichte am fünfletzten Spieltag abgeschlagen abgestiegen.

Das Missmanagement haben sicherlich nicht die Fans zu verantworten, aber die Mitglieder des Vereins haben mit dem Vorstand durchaus die entscheidenden Personen selbst gewählt. Sportlich ist genau das passiert, was passieren muss, wenn man dauernd verliert und genau das ist dann auch verdient.

Aus diesem Grund verstehe ich es nicht, wie beispielsweise ein Sven Pistor bei WDR 2 quasi eine Staatstrauer verhängt. Natürlich kann man als neutraler Journalist an so einem Tag im Radio sagen, dass es schade für die Bundeliga ist, wenn so ein Traditionsverein absteigt. Aber darüber hinaus sinngemäß zu äußern, dass Menschen, die Schalkes Abstieg nicht betrauern und Mitleid empfinden, den Fußball nicht lieben, halte ich für übergriffig und unwahr.

Diese Unterscheidung in gute (=echte) und schlechte Fans, unter denen nur noch Ultras und „sogenannte“ Fans stehen, halte ich für anmaßend, wohlfeil und falsch.
In meinen Augen hat jemand, der sich so äußert, die Tragweite und Bedeutung des eigenen Vereins im Ruhrgebiet sowie die ganze Konstellation zwischen den Vereinen überhaupt nicht verstanden. Es fehlt die Innensicht bzw. die Bereitschaft oder Fähigkeit, sich in einen BVB-Fan zu versetzen. Die Rivalität zwischen blau und gelb ist eben nicht nur Folklore mit einem Augenzwinkern, ein Spiel, bei dem man möglichst ein Paar mit einem blauen und einem gelben Trikot beim Küsschen fotografieren oder in der Sportschau unterbringen muss.

Ich persönlich empfände deshalb Mitleid und Trost für Gelsenkirchen bzw.im umgekehrten Falle aus Schalke als absolute Höchststrafe in Sachen Respektlosigkeit. Nach 35 Jahren in den Fußballstadien mit Rentnern, Kutten, Normalos, Hools und Ultras, eben den Fans, muss mir kein Journalist, Blogger oder sonst wie medial tätiger Mensch erklären, wie sich echte BVB-Fans zu verhalten haben, wenn Schalke absteigt.

Wenn es Schalke gelingt, sich wirtschaftlich und sportlich zu konsolidieren im Sinne eines Wiederaufstiegs, werden irgendwann in der 1. Bundesliga neue Kapitel in der Geschichte der Erzrivalen im Revier geschrieben.

Aber solange bis dahin singe ich gern und laut: „2. Liga, Schalke ist dabei.“. Und das ist gut so.

Zumsel


Dieser Text ist in der ursprünglichen Version auf der Facebookseite von "Es war einmal ein Stadion - Der Podcast über Fußball-Stadien" erschienen. Den Podcast findet Ihr in der App "Football was my first love".

Weihnachten mit schwatzgelb.de

Unterstütze uns mit steady

Weitere Artikel