Warmlaufen

Zwischen Albtraum und Märchen ist nicht viel Platz

16.10.2020, 19:58 Uhr von:  Caroline
Lesezeit: ca. 5 Minuten
Ein Hoffenheimer grätscht an der Außenlinie Richtung Ball, Sancho springt in vollem Lauf darüber. Im Hintergrund steht Favre in der Coaching Zone und breitet die Arme aus.

Ein Vorbericht voller Pessimismus, einem Fünkchen Haaland und einem märchenhaften Freistoß. Wenn der BVB am Samstag auf Hoffenheim trifft, tritt er nicht nur gegen einen starken (Angst-)Gegner, sondern ein bisschen auch gegen die eigene Schlafmützigkeit an.

Es wäre nicht das erste Mal, dass sich die Mannschaft von Lucien Favre auswärts besonders schwertut. Da hilft es erst recht nicht, wenn der Gegner am Samstag TSG Hoffenheim heißt. Es schaudert einem ja geradezu, wenn man auf das letzte Aufeinandertreffen zurückblickt: Vier Tore musste Schwarzgelb zuhause einstecken. Fast schon ein Segen, dass sich das coronabedingt niemand im Stadion antun musste… Die Meisterschaft war für den BVB längst unerreichbar, aber ein Mindestmaß an Einsatz darf man auch am letzten Spieltag noch erwarten, auch wenn der Tabellenplatz bereits feststeht. Ganze drei Jahre ist der letzte schwarzgelbe Sieg gegen die TSG bereits her – übrigens auch recht knapp mit einem 2:1-Siegtreffer von Christian Pulisic in der 89. Minute.

Der letzte Dortmunder Auswärtssieg in Sinsheim liegt sogar bereits knapp 8 Jahre zurück. Die Aufstellung beim 1:3-Erfolg damals: Weidenfeller - Großkreutz (Perišić), Hummels, Piszczek, Subotić - Błaszczykowski, Götze (Hofmann), Gündoğan, Leitner, Reus (Kirch) - Lewandowski.

Dass man Hoffenheim auch in dieser Saison nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, bewies das Spiel gegen den deutschen Rekordmeister, bei dem die Bayern die erste Niederlage nach beeindruckenden 32 ungeschlagenen Spielen in Folge einstecken mussten. Man muss dabei festhalten, dass es kein glücklicher oder gar knapper Sieg der Sinsheimer war. Diese drei Punkte gingen mit einem 4:1-Heimsieg vollkommen verdient zur TSG. Am gleichen Spieltag mussten neben den Münchnern auch die Dortmunder mit leeren Händen nach Hause fahren und sorgten mit ihrem Auftritt im schwarzgelben Fanlager mal wieder für maximale Frustration, denn was man gegen Augsburg zu sehen bekam, ähnelte einem allzu bekannten Muster. Vorzugsweise auswärts kombiniert der BVB gerne mangelnde Kreativität in der Offensive gegen gut verteidigende Gegner mit trantütigem Verhalten in der Defensive, was letztlich verdienterweise im Punktverlust mündet. Das größte Problem ist nicht die Niederlage an sich, sondern die Art und Weise wie. Schließlich vermittelte die Spielweise nach Rückstand zu keinem Zeitpunkt die Hoffnung, dieses Spiel noch drehen zu können.

Duell der Torjäger?

Kramarić dribbelt von rechts nach links mit Blick auf den Ball, Schmelzer (von rechts; Arme vom Körper gestreckt im Ausfallschritt) und Bartra (von links, Arme angelegt) versuchen ihn zu stören. Beide haben die Augen auf den Ball gerichtet.
TSG-Toptorjäger Kramarić fehlt wohl gegen den BVB

Man kann nur hoffen, dass die Offensive im Vergleich zum letzten Auswärtsspiel (und wie in so vielen Auswärtsspielen zuvor) mehr Ideen entwickelt und so auch einen Erling Haaland häufiger bedienen kann. Denn ein besonderes Augenmerk dürfte am Samstag auf dem Sturm liegen. Die Saison verzeichnet gerade einmal drei Spieltage, doch Andrej Kramarić traf gleich sechsfach für die TSG, gefolgt von Robert Lewandowski mit fünf und Erling Haaland mit vier Toren. Ihren Lauf bestätigten die beiden Offensivmänner auch in der Nations League bei ihren jeweiligen Nationalmannschaften. Kramarić erzielte nach Einwechslung den Siegtreffer für Kroatien gegen Schweden. Haaland lieferte beim 4:0-Erfolg der Norweger gegen Rumänien gleich dreifach ab. Wer im Duell am Samstag die Nase vorn hat? Höchstens Haaland, denn Medienberichten zufolge gehört Kramarić zu zwei Nationalspielern der TSG, die sich mit Corona infiziert haben und somit unter Quarantäne stehen.

Die Abwehr um Mats Hummels dürfte dennoch mit der Offensive der Sinsheimer gut bedient sein. Jedoch muss Lucien Favre in der Defensive weiterhin auf die Dauerverletzten Dan-Axel Zagadou (Außenbandverletzung im Knie) und Marcel Schmelzer (Knie-OP) verzichten. Dazu gesellen sich nun Manuel Akanji, dessen Corona-Test während der Länderspielpause positiv ausfiel, und Nico Schulz, der sich bei der DFB-Elf einen Muskelfaserriss zuzog. Gerade in der Abwehr sehnt man sich nach mehr Stabilität, die jetzt nun mal mehr durch mangelnde Kontinuität ins Wanken gebracht wird.

da Silva schreit seinen Torjubel Richtung Tribüne, Piszczek versucht ihn von hinten an den Schultern zu packen, Weidenfeller, Hummels, Sahin und Kagawa laufen hinterher, um eine Jubeltraube zu bilden. Die Fans auf der Tribüne recken die Fäuste.
Nach da Silvas Last-Minute-Treffer gab es kein Halten mehr

Freistoß ins Glück

Aber es muss nicht alles schlecht sein: Im Oktober vor 10 Jahren gelang dem BVB zwar kein Sieg über den ungeliebten Rivalen um Mäzen und Sohn Dietmar Hopp, doch es blieb ein Moment für die Ewigkeit. Es war nicht irgendeine Saison und es war nicht irgendein Freistoß. In der Nachspielzeit pfiff Schiedsrichter Wolfgang Stark einen Freistoß in gut 20 Metern Entfernung für die Hausherren aus Dortmund. Diese lagen mit 0:1 gegen Hoffenheim zurück. Toni da Silva legte sich den Ball zurecht und zwirbelte ihn anschließend mit dem linken Fuß über die Mauer hinweg ins rechte obere Eck vor der Südtribüne. Es folgte eine Eruption der Freude, die dafür sorgte, dass sich dieser eine Punkt dann doch wie ein Sieg anfühlte. Und damals wussten wir nicht, wohin uns dieser eine Punkte noch führen würde. Ein Punkt von insgesamt 75, die zusammengenommen die siebte deutsche Meisterschaft von Borussia Dortmund besiegeln sollten und somit eine märchenhafte Saison krönten.

Märchenhaft ist in Corona-Zeiten wenig und die Eskalation auf den Rängen wird unabhängig der kommenden Ergebnisse noch lange auf sich warten lassen, aber zwischen Hoffnung und Haaland darf man dennoch vom ersten Auswärtssieg der Saison und vom ersten Sieg gegen die TSG Hoffenheim seit drei Jahren träumen. Und vielleicht steht am Ende des Tages weder Albtraum noch Märchen, vielleicht bleibt am Ende einfach nur die Freude über einen souveränen (oder vielleicht auch nur glücklichen) Auftritt und drei gewonnene Punkte. Es ist dringend mal wieder an der Zeit, für einen schwarzgelben Auswärtssieg in Sinsheim. Heja BVB!

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