Unsa Senf

Wenn Stadien und Straßen leer sind

16.03.2020, 15:18 Uhr von:  DocKay
Lesezeit: ca. 4 Minuten
Wenn Stadien und Straßen leer sind

Geisterstimmung herrscht in unserer schwarzgelben Metropole und unser Geschäftsführer fordert die Fortsetzung von Geisterspielen.

An einem Tag, an dem der Sportteil der Ruhr Nachrichten gerade einmal aus vier Seiten besteht, und unsere Heimatstadt von 33 Coronafällen berichtet, ist ein Tag in sich zu gehen und auch an die Vergangenheit zu denken, die zum Teil noch gar nicht so lange zurückliegt. Ich habe eigentlich die letzten Tage mehr an meine verstorbenen Eltern gedacht als an das millionenschwere Fußballgeschäft, zu dem sich unser Geschäftsführer Aki Watzke in der Sondersendung „Infizierter Sport“ am vergangenen Sonntag bekannt hat. Deswegen spiegelt dieser Bericht persönliche Erinnerungen wieder und meine Eltern mögen es mir verzeihen wenn ich sie hier so offen wiedergebe, aber ich weiß, sie wären damit einverstanden. Die Art und Weise wie sich unser BVB Boss in der Sendung demonstriert hat soll hier kein Thema sein und wurde in den sozialen Medien genug diskutiert.

Was haben wir über die Schließung von Kitas und Schulen diskutiert und über das Erliegen des öffentlichen Lebens. Ich musste an meine Mutter denken, die mir erzählte, dass sie jahrelang in Wilhelmshaven während des zweiten Weltkrieges auf gepackten Koffern saß um meine beiden älteren Brüder beim Fliegeralarm rechtzeitig in den Bunker zu bringen. Es war ein Leben mit der Unsicherheit ob man beim Zurückkommen noch ein zu Hause hatte. Man Vater war im Krieg und für sie auf den Meeren dieser Welt nicht per Whatsapp zu erreichen. Die Form der Betreuungsmaßnahme stellte sich nicht. Es gab andere Probleme als es an einem Tag klingelte und mein Bruder aus dem Fenster schaute und sagte: „Da steht ein fremder Mann vor der Tür“. Es war sein Vater, den er nicht erkannte weil dieser notgedrungen zu lange fern gewesen war. Die Zeit hatte die Erinnerung an ihn zum Erliegen gebracht. Es fiel mir ein, dass meine Mutter in Güterzügen auf Kartoffelsäcken bis nach Danzig meinem Vater hinterherfuhr nur um ihren Ehepartner einmal wiederzusehen. Die Ehe dauerte übrigens mehr als 60 Jahre, heute eher eine Seltenheit. Vielleicht erinnert sich unser Geschäftsführer auch einmal an diese Zeit, in der meine Eltern zu zweit auf einem Fahrrad sitzend Kartoffelfelder nachernteten und in der ärmlichen Französischen Besatzungszone drei Kilometer täglich zu Fuß gingen um an einem Brunnen Wasser zu holen weil sie im Haushalt kein fließendes Wasser hatten.

Mein Vater war glühender Fußballfan bis zu seinem Tode und erzählte oft von der Nachkriegszeit und dem WM Titel im Jahre 1954. Ich habe mir oft gedacht ob bei diesen Feierlichkeiten vielleicht mein Geburtsjahr begründet war. Meine Mutter akzeptierte bis ins hohe Alter meine neue schwarzgelbe Heimat und verfolgte die Karriere von Jürgen Klopp und den Borussen auch noch mit 95 Jahren. Wäre sie noch unter uns würde sie wahrscheinlich mit mir diskutieren und die Aussage prägen:“ Da haben wir schon was ganz anderes erlebt“. Und wahrscheinlich würde sie mich beruhigen aber die ganze Kommerzialisierung, die im Sport allgemein stattgefunden hat nicht so richtig verstehen.

Warum schreibe ich das. Nicht weil uns vielleicht im Moment die aktuellen Themen ausgegangen sind, sondern weil ich vieles im Sport und unserer Gesellschaft inzwischen absurd finde. Sind doch die finanziellen Aspekte der Zwangspause beträchtlich. Pro nicht gespieltem Spieltag, so sagt man, gehen der Liga rund 70 Millionen Euro verloren. Wisst ihr was, das ganze interessiert mich im Moment einen Scheißdreck. Ich denke und hoffe, dass alle einigermaßen gesund aus der Sache herauskommen. Meine Mutter wäre sich sicher, dass das irgendwann Schnee von gestern ist. Ach ja, Schnee gibt es ja auch bald nicht mehr. Dafür aber die Erkenntnis, dass unser begrenztes Leben auf diesem Planeten nicht immer geplant werden kann und das ist gut so. In diesem Kontext spielt Fußball, leider Herr Watzke, eine untergeordnete Rolle.

Wir alle werden diese Katastrophe überstehen, aber im Moment steht nun einmal die Gesundheit an erster Stelle. Es gibt keinen Grund für Panik, Krisenmanagment ist gefragt. Ich sehe meine Mutter schmunzeln. Gerne hätte sie einen Teil ihrer früheren Probleme durch Händewaschen gelöst. Als ehemaliger Leistungssportler kann ich nur sagen: Sport ist nicht alles auf dieser Welt. Auch wenn der Ball mal wieder läuft sollten wir das verinnerlichen. Und wenn uns dieses bewusst wird hat auch die Corona Krise vielleicht etwas Gutes bewirkt. Und dem Virus ist sowieso egal ob und wann die EM stattfindet. Nur gut, dass im viralen Bereich Korruption kein Thema ist, obwohl ein amerikanischer Präsident auch hier alles Mögliche versucht und ein ganz anderes Virus den internationalen Fußball schon längst infiziert hat. Und dieses ist leider nicht zu therapieren aber tagtäglich nachweisbar. Virologen sprechen vom SARS-Money-2 Virus. Forschungen laufen noch bei DFL, UEFA und FIFA.

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