Unsa Senf

Rassismus und die UEFA

09.12.2020, 17:22 Uhr von:  Sascha
Lesezeit: ca. 4 Minuten
Frontalaufnahme der Südtribüne mit Rasen beim Champions-League Spiel gegen PSG. Am Mittelkreis liegt ausgebreitet das UEFA-Logo

Es war ein ungewöhnliches Zeichen gegen Rassismus, das von den Spielern von Istanbul Basaksehir FK und Paris St. Germain am Abend des 08.12.20 gesetzt haben. Ungewöhnlich vor allem deshalb, weil hier auf der großen Bühne eines letzten Spieltages der Champions-League, an dem es neben sportlichen Meriten so ganz nebenbei auch um 2,7 Millionen Euro Siegprämie gegangen wäre, ein konsequentes Handeln gezeigt wurde, das bei vielen banalen Ligaspielen leider ausbleibt. Auf den Co-Trainer Pierre Webó des Istanbuler Vereins wurde durch den vierten Offiziellen Coltescu mit dem rumänischen Wort „negru“, also „schwarz“ verwiesen.

Dabei ist es gar nicht so wichtig, dass der Mann an der Seitenlinie sehr wahrscheinlich nicht das von Webó eigentlich verstandene N-Wort verwendete. Die Problematik fasste anschließend der ehemalige Bundesligaspieler und jetzige Stürmer von Basaksehir Demba Ba sehr gut mit:

You never say: This white guy

zusammen. Dabei kann man Coltescu durchaus glauben, dass er keine direkten rassistischen Hintergedanken hatte und die Bezeichnung “Schwarzer” für PoC im rumänischen Sprachgebrauch noch gebräuchlich ist. Auch in Deutschland ist es noch gar nicht so lange her, dass „Schwarzer“ und in der Folge „Farbiger“ sogar einen antirassistischen Fortschritt zum Gebrauch des Wortes „Neger“ darstellten. Und trotzdem steckt dahinter eine rassistische Denkweise, weil es eine Person auf das Attribut seiner Hautfarbe reduziert, während man das bei einer weißen Person nicht machen würde. Letztendlich drückt man damit aus, das die gemeinte Person anders ist als die vermeintliche Norm. Mehr noch, diese mutmaßliche Andersartigkeit war in der Geschichte der Grund für Tod, Versklavung und Unterdrückung. Insofern war es sehr gut, dass hier quasi im Rampenlicht auf rassistische Denkmuster und –strukturen aufmerksam gemacht wurden.

Trotzdem darf man bei den beiden Vereinen nicht wegschauen

Wünschenswert wäre es, wenn die Öffentlichkeit und auch die UEFA diesen Pfad weiterverfolgt. Dann landet man allerdings sofort im nächsten Schritt bei dem Punkt, dass die beteiligten Hauptstadtvereine selber Teil dieser Strukturen sind. Der Verein Istanbul Basaksehir FK wird massiv vom türkischen Ministerpräsidenten Erdogan protegiert, der nach eigenen Angaben sogar zu den Gründern des Vereins gehört. Der Vereinspräsident FK ist nach einer Heirat ein Teil von Erdogans Familie, der Hauptsponsor wird von einem Vertrauten Erdogans geführt. Der Präsident selber verurteilte die rassistischen Äußerungen aufs schärfste. Letzteres ist natürlich löblich und richtig – allein die Worte klingen falsch, wenn derjenige, der sie äußert, selber mit dem Militär gegen andere Volksgruppen, Andersgläubige und politische Gegner vorgeht. Dass er mit seiner nationalistischen Partei AKP immer wieder die Nähe zur rechtsextremen Gruppierung „Graue Wölfe“ sucht, passt da nur ins Bild.

Noch offenkundiger sind die Verbindungen bei Paris St. Germain, die über die Qatar Sports Investments und Präsident Nasser Al-Kelaifi im Besitz das Emirats Katar sind. Über die Behandlung der ausländischen Arbeitskräfte aus Ostasien und Teilen Afrika wurde schon genug berichtet – auch wenn Franz Beckenbauer dort nichts gesehen haben will. Die Arbeiter werden teils nur unwesentlich besser als Arbeitssklaven behandelt. Das ist natürlich auch Rassismus in Reinkultur, weil man diese Arbeitskräfte offenkundig nicht als gleichwertig betrachtet. Auch um diese Umstände zu verdecken, startete Katar ein milliardenschweres Marketingprogramm im Profisport.

Die UEFA hofiert, statt zu bekämpfen

Die Spieler auf dem Platz sind Teil der Lösung im Kampf gegen den alltäglichen Rassismus, ihre Vereine und die dahinterstehenden Organisationen jedoch Teil des Problems. Hier wäre es eigentlich Aufgabe der UEFA als übergeordnete Organisationsform den Kampf auf dieser Ebene auszufechten. Stattdessen laviert man jämmerlich zwischen „No to racism“-Kampagnen und der Anbiederung an rassistische Strukturen herum. Es war ein böser, aber sehr treffender Witz, dass ausgerechnet an diesem Tag durch die UEFA die Teilnahme der katarischen Nationalmannschaft am europäischen Qualifikationswettbewerb für die WM 2022 bekannt gegeben wurde. Statt wirklich „Nein“ zu sagen, hilft man dem Emirat, eine plüschige Decke über das Problem zu legen. Wo die Spieler gestern Abend den Platz verlassen haben, wird den Vereinen heute Abend wieder die große Bühne geboten.

Schade, dass die gute Vorlage der Kicker erneut nicht verwandelt wird.

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