Unsa Senf

Das Ende der dunklen Gasse

05.10.2020, 12:11 Uhr von:  Larissa
Lesezeit: ca. 5 Minuten
Das Ende der dunklen Gasse

Gio Reyna filetiert mit 17 Jahren einen gestandenen Bundesligisten, Marco Reus meldet sich eindrucksvoll zurück und Erling Haaland trifft und trifft. Doch die schönste Geschichte des Abends dreht sich um einen 22-Jährigen, der in der Nachspielzeit sein erstes Bundesligator erzielen konnte. Sie dreht sich um Felix Passlack.

Felix Passlack und ein Freiburgspieler sind von hinten zu sehen. Der von Passlack geschossene Ball geht soeben über die Torlinie.
Passlacks Treffer zum 4:0 markierte das Ende der Partie

Dritter Oktober 2020. BVB – Freiburg. Es ist Herbst, das Wetter ungemütlich. Das Stadion aufgrund von Corona nur spärlich gefüllt. Der BVB führt entspannt mit 3:0, das Spiel ist in den letzten Zügen. Die Geschichte ist an und für sich schon erzählt, große Momente sind eigentlich nicht mehr zu erwarten.

Dann kommt die 84. Minute, die Einwechslung von Felix Passlack. Sechs Minuten später erzielt der 22-Jährige sein erstes Bundesliga Tor, nach einem hübschen Konter und einem uneigennützigen Zuspiel vom Doppeltorschützen Erling Haaland.

Es ist endlich einmal wieder was fürs Herz in diesem so kalten Geschäft des modernen Fußballs. Es ist eine besondere Geschichte. Eine Geschichte von viel Auf und viel Ab, von Zweifeln und harter Arbeit. Eine Geschichte, die hoffentlich noch lange nicht zu Ende erzählt ist.

Felix Passlack im Zweikampf mit einem blauweiß gekleidetem Spieler des SV Darmstadt. Sandro Wagner (damals SV Darmstadt) sieht der Szene zu.
Der erste Profi-Einsatz...

Wir springen einige Jahre zurück, in die Saison 15/16. Im Rückspiel gegen den SV Darmstadt feiert Passlack – noch keine 18 Lenze auf dem Buckel – sein Bundesligadebüt. Erst seit dem Winter gehört der Gewinner der Fritz-Walter-Medaille 2015 in Gold offiziell zum Profikader, seine Hauptaufgabe besteht immer noch darin, die U19 des BVB als Kapitän auf den Platz zu führen. Später wird er mit ihr die Deutsche Meisterschaft feiern. An diesem Abend jedoch dribbelt und ackert er 69 Minuten lang als Teil der Ersten durch das linke Mittelfeld.

In der folgenden Saison sammelt er weitere Einsätze, noch lange kein Stammspieler, aber fester Teil des Profi-Kaders. Gegen Legia Warschau avanciert er zum damals jüngsten Champions League-Torschützen des BVB. Bei der U19 ist er nur noch selten (trotzdem wird er ein zweites Mal A-Junioren Meister werden).

Dann kommt es zum beispiellosen Bruch der Geschichte. Rund ein Jahr nach seinem ersten Bundesligaeinsatz ist Passlack auch Teil der Mannschaft, auf die vor dem Champions League-Spiel gegen den AS Monaco der erschütternde Anschlag verübt wird. Er ist noch keine 19, wird von dem Vorfall schwer mitgenommen, wie er später in Interviews wiedergibt.

Passlack springt nach seinem Treffer gegen Legia Warschau in die Arme von Christian Pulisic
...das erste Profi-Tor...

Die vielversprechende Karriere gerät ins Stocken. Bei der TSG Hoffenheim, wohin er 17/18 gegen eine Gebühr von 500.000 Euro ausgeliehen wird, um Spielpraxis zu sammeln, gerät er bald aufs Abstellgleis, kommt fast ausschließlich in der zweiten Mannschaft zum Einsatz. Im Jahr darauf geht es in die zweite englische Liga. Bei Norwich City soll Passlack unter Ex-U23-Trainer Daniel Farke wieder Fuß fassen. Doch auch dieser Versuch misslingt. Gerade einmal sechs Minuten Einsatz in der Championship stehen am Ende auf dem Papier, in den Cups darf er immerhin etwas häufiger ran. Die Bundesligatauglichkeit wird ihm bereits abgesprochen.

Für Passlack – immer noch offiziell Spieler von Borussia Dortmund – folgt die Rückkehr aufs Festland. Es geht nach Holland, in die Eredivisie. Dort, nur eineinhalb Stunden vom Heimatort Bottrop entfernt, ist die Maxime, endlich wieder Praxis zu sammeln, befreit aufspielen zu können, den Spaß am Fußball zurückzugewinnen. Mit Fortuna Sittard spiel er gegen den Abstieg, aber er spielt. Nur ein Spiel verpasst er aufgrund einer Gelbsperre. Die Spielfreude scheint zurückgekehrt zu sein.

Siegerehrung der U19 Meisterschaft. Passlack reißt als Kapitän die Trophäe inmitten der jubelnden Mannschaft in die Höhe. Es fliegt goldenes Konfetti durch die Luft.
...und die erste U19-Meisterschaft!

Als nach diesem Sommer die Leihe endet und er zum BVB zurückkehrt, ist er für die Meisten nur eine Randnotiz. Ein „gescheitertes Talent“. Bis 2021 läuft sein Vertrag noch, er ist einer der Kandidaten, die wohl gehen dürften, wie es heißt. Doch Passlack hat andere Pläne. Er spielt eine herausragende Vorbereitung, weiß die Ausfälle etlicher Kollegen für sich zu nutzen. Am Ende hat kein Mitspieler mehr Testspielminuten auf dem Buckel als er. Und es bleibt nicht bei Testspielen: Gegen Borussia Mönchengladbach darf er 71 Minuten lang ran, im Supercup sogar von Beginn an. Und gegen Freiburg dann endlich das erste Bundesligator. Kaum jemand, der dem inzwischen 22-Jährigen den Treffer nicht von ganzen Herzen gönnt.

Natürlich ist die Geschichte noch lange nicht auserzählt, ebenso wenig, wie Passlacks Zukunft in Dortmund gesichert ist. Vor allem wenn Thorgan Hazard seinen Muskelfaserriss auskuriert hat, dürfte die Aussicht auf Einsätze erheblich schmaler werden. Doch Felix Passlack hat bereits bewiesen, dass er keiner ist, der vor einer schwierigen Situation zurückschreckt. Auch diese Herausforderung wird er annehmen. Und es wäre doch wirklich schön, wenn zu seinem Treffer gegen Freiburg noch ein bis viele Tore vor einer vollgepackten Gelben Wand hinzukommen würden.

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