Unsa Senf

Medikamentenmissbrauch im Fußball auch in Zeiten von Corona

01.08.2020, 17:09 Uhr von:  DocKay
Lesezeit: ca. 6 Minuten
Medikamentenmissbrauch im Fußball auch in Zeiten von Corona
Verletzungen im Fußball sind an der Tagesordnung

Steigende Infektionszahlen, Hygienevorschriften und die Diskussionen um begrenzte Zuschauerzahlen in Hallen und Stadien, lassen viele andere Probleme im Sport schnell in Vergessenheit geraten.

Mitte Dezember 2019, als die Welt noch in Ordnung schien, veröffentlichte die Welt-Doping-Agentur (WADA) die Liste 2020 der im Sport verbotenen Substanzen und Methoden, die dann ab dem 1. Januar 2020 für sämtliche UEFA-Wettbewerbe in Kraft trat. Am 09.06.2020 sendete das Erste Programm dann die Doku „Geheimsache Doping-Hau rein die Pille.“, eine Kooperation des Recherchezentrums CORRECTIV mit der ARD-Dopingredaktion. Es war das kurze Aufflackern einer seit Jahren dauernden Erkenntnis und Diskussion, die dann nach wenigen Wochen wieder in der Schublade verschwand, so wie es oft bei heiklen Themen der Fall ist. Dann heißt es:“ Wenn keiner mehr mit den Hufen scharrt, schweigen wir es erst einmal wieder tot und widmen uns heuchlerisch angenehmeren Themen, mit denen wir unser Geldsäckel etwas aufblähen können.“

Irgendwie erinnert einen diese ganze Geschichte an die Affäre unseres „innig geliebten“ Clemens Tönnies und seiner ausbeutenden Fleischindustrie, aber auch an die verantwortlichen Politiker, die dann der müden Mark wegen auch mal schnell zum Berater wurden. Trotz mahnender Worte von Insidern hielten es diese jahrelang wie die drei Affen, die ihren Ursprung in einem japanischen Sprichwort haben und dort für den Umgang mit dem Schlechten stehen. Ich war damals schon überrascht, als ich sie unvorbereitet als Fassadenschnitzerei im Jinosha Tempel in Nikko (Japan) entdeckte. Später sind sie mir in Natura immer wieder begegnet. Ähnlich verhält es sich mit dem Medikamentenmissbrauch im Sport und so vermittelt auch die ARD-Doku und der Umgang der Presse mit ihren Inhalten den Eindruck:“ Wow, jetzt haben wir endlich mal etwas entdeckt.“ Bild, Spiegel und Fokus werden dann schnell zum Trittbrettfahrer. Zum Glück kam dann bald Corona und weiter geht`s mit Neuem.

Dabei gibt es viele Parallelen in sportlicher und gesellschaftlicher Hinsicht. Neben einem gewissen Werteverfall ist es wie immer eine zunehmende Ignoranz, wenn es gilt, das Schöne im Sport in den Vordergrund zu stellen, denn mit Schlechtem kann man selten Geld verdienen. Wie sonst ist es zu erklären, dass es Jahre dauerte, bis in den Bestenlisten wissentlich gedopte Sportler*innen die ersten Plätze belegten, bis man auf die Idee kam, deren Namen zu löschen. Und es ist noch gar nicht so lange her, da entbrannte eine Diskussion über Doping im Fußball und kein geringerer als der langjährige Mannschaftsarzt des FC Bayern München begab sich mit seinen Aussagen, außerhalb der Orthopädie, so auf Glatteis, dass es erneut an unsere Affen in Nikko erinnerte. Zum Glück war der Gegenwind damals so vehement, dass seine Stimme schnell verstummte.

Natürlich haben wir ein Medikamentenproblem im Sport und natürlich auch im Fußball. Es ist in jeder Sportart vorhanden, in der es um Erfolg, Geld und sozialen Aufstieg geht. Diese Merkmale treffen auch für den Fußball zu, insbesondere in einer Fußballwelt, in der Kommerz inzwischen mit an erster Stelle steht. Leider wird diese Vorgehensweise auch durch Verantwortliche, Ärzte und Physiotherapeuten etc. unterstützt; kann man sich mit Sportlererfolg doch sehr gut profilieren und auch sein Portemonnaie auffüllen. Da bleibt die Ethik schon einmal schnell auf der Strecke. Nach jahrzehntelanger Betreuung von Leistungsportlern habe ich mich schon über diese „neuen Erkenntnisse“ in der ARD-Dokumentation stark gewundert. Für mich waren sie Alltag in der Sportmedizin. Der Umgang mit diesem Problem war oft ein schmaler Grat und er erforderte oft einmal ein „Nein“. Durch das gleichzeitig bestehende „Ärztehopping“ gab es immer wieder eine Grauzone. Manchmal erbrachte das Einnehmen einer Pille doch eine Prämie und da ließ man lieber den betreuenden Arzt im Dunkeln.

Natürlich wird diese ganze Ungewissheit auch durch die internationalen Verbände und ihre schwammigen Aussagen unterstützt. Schaut man sich die Liste 2020 der im Sport verbotenen Substanzen und Methoden an, so liest man zunächst, dass eine Substanz bzw. eine Methode dann in diese Liste aufgenommen werden, wenn zwei der folgenden Kriterien erfüllt sind:

-sie steigert die sportliche Leistung bzw. hat das Potential dazu;

-sie stellt ein tatsächliches bzw. potentielles Gesundheitsrisiko für Sportler*innen dar;

-sie widerspricht dem Geist des Sports

Man muss nur einer der drei Affen sein um festzustellen, dass hier zum Teil den Interpretationen Tür und Tor geöffnet sind. Ich wage einmal zu behaupten, und es tut mir leid, Herr Thomas Bach, dies sagen zu müssen, dass bei Einhaltung dieser Prinzipien, unter Berücksichtigung der Ethik im Sport, dies das Ende der Olympischen Spiele bedeuten würde.

Kehren wir zum Fußball zurück und beleuchten wir Punkt zwei, so verstehen wir die ganze Problematik der immer aufflackernden Diskussion: Eine Substanz oder Methode stellt ein tatsächliches bzw. potentielles Gesundheitsrisiko für Sportler*innen dar. Jedem wird klar sein, dass die Grenzen von Prophylaxe, Therapie und Missbrauch fließend sind und vom Verantwortungsbewusstsein vieler Beteiligter abhängt. Dazu gehört natürlich auch der Fußballer selbst, egal in welcher Spielklasse er kickt. Wir wissen, dass gerade auch in unterklassigen Vereinen die Grauzone nicht unerheblich ist. SPIEGEL Sport beschreibt es in seiner Online Ausgabe vom 29.04.2008 schon treffend mit den Worten. „Wie die Flasche Bier auf dem Bau“ und meint hier den Einsatz von Schmerzmitteln wie Voltaren und Ibuprofen im Zusammenhang mit der Causa Ivan Klasnic von Werder Bremen, der inzwischen drei Nierentransplantationen hinter sich hat. Nur eine der vielen möglichen dramatischen gesundheitlichen Folgen.

Neven Subotic vor der Südtribüne
Neven Subotic vor der Südtribüne

Die ARD-Dopingredaktion und CORRECTIV sprachen mit „150 Bundesligaspielern, Ex-Profis, Trainern. Teamärzten, Wissenschaftlern und Funktionären. Das Ergebnis hätte ich ihnen voraussagen können: Medikamenten-Missbrauch von der Kreisklasse bis zur Bundesliga ist an der Tagesordnung. Und hier schließt sich der Kreis mit dem Skandal in der Fleischindustrie und Herrn Tönnies. Ich kann nur sagen: „Im Westen nichts Neues.“ Alle, die jahrelang weggeschaut haben, sind leider auch Teil dieser Problematik. Und im Fußball sind es unter anderem unsere lieben Funktionäre, die immer noch zu oft die drei Affen von Nikko kopieren. Viel zu selten sehen sie etwas, oder wollen es auch nicht aus den uns bekannten Gründen sehen. Viel zu selten hören sie etwas oder sie hören nicht zu. Und noch seltener sagen sie etwas des Sagens wegen, und wenn, dann vermitteln sie oft nur faule Kompromisse.

Zum Glück gibt es dann auch noch die Leuchttürme in der Brandung, Spieler, die ein Wertegefühl haben und Stellung beziehen. Wieder einmal war es Neven Subotic, der klare Kante zeigte. „Was ich in den letzten 14 Jahren mitbekommen habe, ist, dass Ibuprofen wie Smarties verteilt wird. Für jedes kleine Aua gibt es quasi pauschal Ibuprofen. Die Spieler werden oft nicht informiert, welche Folgen dies haben kann“. Leider gibt es von diesen Spielern viel zu wenige. Wie immer bei solchen Anlässen hat sich der DFB über diese Zahlen und Informationen besorgt gezeigt, aber wo bleibt die Reaktion?

Im Moment gibt es sicher andere Probleme und Corona droht uns mit der zweiten Welle. Aber auch die sonstigen Probleme unseres Sports und unserer Gesellschaft dürfen jetzt nicht auf der Strecke bleiben, sie bleiben allgegenwärtig. Oft ist die Ursache der aktuellen Krise und der Probleme im Fußball auf einen einfachen Nenner zu bringen: Es sind wir, die mit diesen Problemen verantwortungsvoll und mit Respekt umgehen müssen. Es ist doch ganz einfach in Zeiten von Corona, die AHA-Regeln zu befolgen. Gehen wir auch im Fußball respektvoll miteinander um, indem wir mit offenen Augen durch die Fußballwelt gehen, respektvoll miteinander reden und dem Gegenüber ehrlich in die Augen schauen. Dann würde es viele Probleme nicht geben. In diesem Sinne wünschen wir euch allen in dieser fußballfreien Zeit vor allen Dingen Gesundheit. Und irgendwann wird unser Traum in Erfüllung gehen: Richtiger Fußball mit allen Schwatzgelben zusammen, in einer vollen Hütte an der Strobelallee 50 mit Bier, Würsten und dem ganzen Programm. Alles andere, das gerade diskutiert wird ist „Kein Fußball“, sondern ein einziger Krampf. Scheiß Corona.

Volles Programm auf der Südtribüne
Volles Programm auf der Südtribüne

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