Unsa Senf

Klüngel auf bayerisch

11.11.2020, 15:55 Uhr von:  Nicolai
Lesezeit: ca. 6 Minuten
Der BVB Gästeblock in Mönchengladbach. Mehrere Funktionäre auf Doppelhaltern mit roten Pappnasen auf. Dazu das Spruchband die hässlichen Fratzen des Fußballs.
BVB Fans protestieren gegen die aus ihrer Sicht hässliche Fratze des Fußballs.

Der Pandemie ist selbst der Karneval zum Opfer gefallen. Während letztes Jahr noch das Rheinland in Helau und Alaaf versank, sind dieses Jahr alle Umzüge abgesagt. Die Absage ist folgerichtig in einer Phase, in der von Shutdown light gesprochen wird und alle Teile der Gesellschaft ihren – teilweise symbolischen – Beitrag leisten müssen. Das trotzdem nicht auf Narrentum verzichtet werden muss, dafür sorgen gerade 15 Bundesligavereine (und der HSVplus).

Eingefädelt vom selbsternannten Jeckenkönig Karl-Heinz Rummenigge wird unter freundlicher Mithilfe von Eintracht Frankfurt eine Festkomitee-Versammlung organisiert, um die Interessen der angeschlossenen Gesellschaften zu vertreten. Natürlich stilecht vor Ort, denn alte weiße Herrschaften können mit dieser ganzen neuen Technik nicht.

Dem Vernehmen nach wollen die versammelten Pappnase sich vier Themen widmen:

  1. Die Grabenkämpfe rund um die DFB Spitze
  2. Die zukünftige DFL Spitze nach dem Rückzug von Seifert
  3. Die Verteilung der TV Gelder
  4. Auswirkungen durch die Pandemie

In trauter und zünftiger Eintracht hinter geschlossenen Türen sollen also die Weichen für den gesamten Fußball gestellt werden. Wieder nicht dabei: Das gemeine Volk vom Bauernkarneval, aber auch nicht die sonstigen Institutionen.

Karl-Heinz steht in der Allianz Arena bei einem Interview. Er trägt ein blaues Sakko und hält die linke auf der rechten Hand.
Karl-Heinz Rummenigge heute ohne Rolex

Business as usual

Es ist schon verrückt, wie schnell die Kasperköpfe in den Vereinen wieder in ihren gewohnten Trott zurückfinden. Hatte man im März noch bemerkt, dass die völlige Verklärung als gesellschaftlicher Retter in der Pandemie eher nicht so angesagt war, ist man über diese Selbsterkenntnis längst wieder hinweg. Demut und Transparenz hatte man versprochen, vollmundig wurde eine Task Force angekündigt, um die Probleme im Profifußball gemeinsam mit allen Beteiligten aufzuarbeiten.

Schon damals herrschte auf Seiten vieler engagierter Fans erhebliche Zweifel an der – besonders auch von Hans-Joachim Watzke – vorgetragenen Selbstkasteiung des Profifußballs.

Quelle Surprise

Dennoch engagierten sich Fans unterschiedlichster Couleur unter dem Stichwort Zukunft Profifußball und entwarfen konkrete Konzepte für eine stückweise Reform – mehr als DFB und DFL die letzten Jahre in ihrem erstarrten Filz zu Stande gebracht hatten. Doch bereits im Juli - bevor irgendwelche Vorschläge veröffentlich waren - sprach Rummenigge als einziger Funktionär die wohl weitverbreitete Meinung der Karnevalspräsidien aus, in dem er die Initiative „Unser Fußball“ abkanzelte und Anmaßung vorhielt. Viel Gegenwehr war auf jeden Fall nicht aus den Reihen der restlichen Oberpappnasen zu hören. Das er hier mal wieder seine völlige Ahnungslosigkeit zu Schau trug, in dem er die Ultras in den Vordergrund rückte, die sich größtenteils kaum inhaltlich beteiligten, ist da nur ein Randaspekt.

Unter der Hand scheint die Task Force auch so „lala“ zu laufen. Bestückt mit allerlei Funktionären, Sponsorenvertretern, Politikern und anderen schrecklich wichtigen Personen läuft es eher wenig verbindlich. Nach einer Vielzahl solcher Runden mag man nicht mehr an das Gute im Profifußball glauben. Es wird einfach der nächste Papiertiger produziert - schade um die Bäume.

Die Karnelvalssitzung in Frankfurt

Nun also eine neue abgehobene Runde, die in bester Klüngel-Manier, allerlei Themen diskutieren will - nur ohne die Vereine, dessen Meinung nicht passend erscheint. Gelebte Meinungsvielfalt im Profifußball. Viel wichtiger ist hier wohl, dass eine Strategie außerhalb der DFL Strukturen festgelegt werden soll, weil Rummenigge & Co. erkannt haben, dass die aktuellen DFL Gremien aus Sicht der Großen nicht als zuverlässig gelten. Darum werden nun Hinterzimmergespräche geführt, um die Kamellen zu sichern und den Einfluss gelten zu machen.

Für den DFB will man wohl Keller stützen – der als Vertreter des Profilagers gilt. Unabhängig davon, dass die alte Bagage in den letzten Jahren aus Fansicht eine Zumutung war: Wenn wir von Anmaßung sprechen, kann man auch diskutieren, was 16 Profiklubs in einem Verband der Millionen Amateure zu sagen haben sollten.

Glaubt man der Sportschau, soll für die Nach-Seifert-DFL ein Dreigestirn gefunden werden – wer durch Karl-Heinz Gnaden Bauer, Jungfrau und Prinz werden ist dann fast schon egal. Es soll auf jeden Fall ein weiter so gelten. Damit soll auch das nächste Thema direkt für die Zukunft gesichert werden: die TV Gelder.

In diesem Punkt wird auch der BVB vermutlich eine Rolle spielen, die nicht für Solidarität steht. Persönlich ist mir das Thema fast egal. Formal haben die paar großen Klubs keine Mehrheiten, aber wenn die selbsternannten Big City und Mainhatten Klubs lieber Luftschlössern hinterher jagen anstatt sich mit dem Rest zu solidarisieren…

Bleibt noch das Thema Pandemie. Hier hat der Fußball seit Monaten eine Sonderrolle und wird diese auch weiter einfordern. Das es brodelte bei den Funktionären, zeigte sich schon beim neuerlichen Zuschauerausschluss. Sicherlich ist der Fußball mit seinem Hygienekonzept sehr weit vorne – aber manchmal geht es eben auch um Symbolik. Das trotz aller Vorsichtsmaßnahmen die Infektionen bei Spielern sich häufen (die natürlich nie Kontakt zu Mitspielern hatten) und sich um Lazio Rom gerade ein Skandal andeutet, zeigt aber auch, dass es für das Virus keine Sonderrolle des Fußballs gibt. Hier wäre Bescheidenheit vielleicht der bessere Ratgeber und bei Millionengehältern (Sancho) und Verpflichtungen (Bellingham) fällt die Not auch schwer zu erkennen.

Was bleibt?

Als BVB Fan wird man wieder einmal zusehen können, wie die eigenen Funktionäre sich ihre schönsten Pappnasen aufsetzen und in Frankfurt eifrig mit Kalauern. Aller Transparenzversprechen zum Trotz spielt man dieses unwürdige Spiel wieder mit. Vorbei an allen direkt oder indirekt Beteiligten. Ich stehe nun nicht in Verdacht ein Freund von ostwestfälischen Bauern (Bielefeld), Schwaben (VfB Stuttgart) oder knuffigen Mainzern zu sein - diese Vereine aber einfach auszuladen, hat mit den vielbeschworenen Werten und Offenheit nichts - aber auch wirklich nichts - zu tun.

Generell passt es in das Bild dieses Jahres, dass auch der BVB von sich abgibt. Während Schalke, Bremen und den Gerüchten nach Mainz und Augsburg in arge finanzielle Probleme gerieten, warf sich Hans-Joachim Watzke „für die Liga in die Bresche“. Fast keine Medienrunde im Fußball bei der er nicht für die Liga Stellung bezog und seine Büttenrede zum Besten gab. Für Manchen war das nur noch hochnotpeinlich. Anstatt die selbsternannten Profis ihren Mist selbst ausbaden zu lassen, fuhr der BVB Karnevalswagen vorne Weg. Wie die eigene Fanszene das findet, wurde da vollkommen ausgeblendet.

Dass man die eigene "Kundschaft" dabei am Rheinlanddamm vergaß, zeigte sich dann immer wieder. Ob nun eSport, biometrische Kameratechnik oder Stadionallianz - man hat es einfach durchexerziert (Stadionallianz) oder erst auf deutliche Kritik (biometrische Kameras) die Fans miteingebunden. Die nachträglichen Erklärungsangebote im Falle Stadionallianz und eSport sind dann auch eher Feigenblatt als ehrliches Interesse. Kann man so machen, ist dann aber aus Fansicht eben scheiße.

Was man wieder deutlich zu spüren bekommt: Als Fan hat man nahezu keine Bedeutung. Die institutionellen Gesprächsrunden sind wieder einmal verschwendete Lebenszeit und ohne Druck aus der Kurve dreht sich der Fußballkosmos vor allem um sich selbst. Das muss man scheinbar so akzeptieren und seine persönlichen Konsequenzen daraus ziehen. Der Fußball droht in diesen - doch irren - Monaten viele Leute endgültig zu verprellen, die viel Zeit und Engagement aufgewendet haben für einen Kompromiss der Welten. Aber vermutlich geht auch das im lauten Getöse des Fußballkarnevals unter.

Disclaimer

Eine Entschuldigung geht an alle Kölner Fründe, wenn einige Darstellungen nicht ganz akkurat den Begrifflichkeiten des dortigen Karnevals entsprechen.

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