Unsa Senf

Geisterfahrer

27.03.2020, 20:11 Uhr von:  Phil SSC
Geisterfahrer

"In der Krise erweist sich der Charakter." Mit diesem Zitat von Altkanzler Helmut Schmidt kann man in diesen krisenhaften Tagen, die inzwischen weite Teile der Welt erleiden, sehr viel von dem erfassen, was man an Reaktionen und Verhaltensweisen erlebt. Leider hat sich auch der Ballspielverein Borussia Dortmund in dieser Situation nicht mit Ruhm bekleckert: eine seltsame Kommunikation, vor allem aber die Verhaltensweisen der Spitzenverdiener sind sauer aufgestoßen. Als Beobachter fragt man sich jedenfalls überdeutlich, ob so mancher Spieler seine sieben Sinne noch beisammen hat.

Vorneweg: Die eingetretene Situation ruft auch für einen Fußballkonzern eine wirklich schwierige Lage hervor. Zunächst auf Geisterspiele beschränkt, wurde binnen Stunden der komplette Spielbetrieb eingestellt. Liga und Vereine rangen sich nur schwerfällig dorthin, weil ca. 50 Prozent ihrer Einnahmen aus diesem Spielbetrieb stammen und auch die 20 Prozent aus dem Sponsoring mit dem Stadionbesuch in Verbindung stehen. Die verbleibenden 30 Prozent, die ein Club wie der BVB oftmals aus dem Transfergeschäft generiert, werden in den kommenden Monaten (Jahren) voraussichtlich ebenfalls abschmelzen. Insofern ist die existenziell bedrohte Lage der Clubs durchaus klar. Den Fußballkonzernen geht es da nicht anders als vielen Millionen Konzernen und Selbstständigen auf dieser Welt.

Was den BVB im Speziellen davon unterscheidet, ist, dass sich die ganz wesentliche Aufwandsposition in diesem Konstrukt auf eine sehr kleine Einheit konzentriert. Die angestellten Fußballprofis verschlingen den mit Abstand größten Anteil der erzielten Einnahmen, indem sie im Falle des BVB durchschnittlich mit 4 Mio. EUR im Jahr vergütet werden. Ihre Berater kassieren Unsummen an Provisionen und auch Handgelder werden mehr als üppig an die Spieler überwiesen, wenn sie einen neuen Vertrag unterschreiben oder den bestehenden verlängern. So gab Borussia Dortmund im Geschäftsjahr 2018/19 rund 193,6 Mio. EUR für seine damals 833 Beschäftigten aus, zuzüglich Handgelder und Provisionen, wobei wenigstens 150 Mio. EUR auf den kleinen Personenkreis bestehend aus Profis und Funktionäre entfallen sein dürften.

So kam es dazu, dass beim BVB zunächst die Geschäftsführer (und wohl auch Direktoren) auf einen nicht näher genannten Betrag ihrer (für die Konzerngröße) üppigen Gehälter verzichteten (im Geschäftsjahr 2018/19 waren das für die drei Geschäftsführer in Summe 3,8 Mio. EUR) und dann proaktiv an die professionellen Kicker herantraten, sie möchten für die Dauer des ausgesetzten Spielbetriebs doch bitte auf 20 Prozent und für den Fall einer Fortsetzung mit Geisterspielen auf 10 Prozent ihrer Fixgehälter verzichten. Die Profis nahmen diesen Vorschlag großmütig an, beugten sich damit letztlich aber nur einer Realität, der sie sich ohnehin kaum hätten entziehen können. Wie sollte ein Spieler des BVB ein solche Beteiligung auch ernsthaft ablehnen können, wissend, dass etwa der FC Barcelona Medienberichten zufolge mit einer vorgeschlagenen Gehaltskürzung von 70 Prozent in die Verhandlung eingestiegen war und sich selbst der sechsmalige Weltfußballer Lionel Messi - wenn auch nach einigem Tamtam - mit gewaltigen Abstrichen einverstanden gezeigt hatte?

Die kühle Rechnung zeigt: bei einem Gehalt von 4 Mio. EUR, das der BVB seinen Kaderspielern im Jahr durchschnittlich brutto überweist, verzichten die Spieler im Monat April im Schnitt auf ca. 67.000 EUR und müssen sich mit 267.000 EUR begnügen. Rollt der Ball wieder ohne Zuschauer, reduziert sich der Verzicht auf ca. 33.000 EUR bei verbleibenden 300.000 EUR Monatslohn. So betrachtet sieht der große Verzicht schon deutlich bescheidener aus.

Anschließend stellte sich für den BVB die Frage, wie eine Lösung für Dauer- und Tageskarteninhaber aussehen könnte, war doch klar, dass die ausstehenden Spiele nicht mehr bzw. nicht mehr mit Zuschauern stattfinden würden. Die schmerzhafte Zustimmung zu Geisterspielen zum Zweck der Existenzsicherung der Vereine war ebenso richtig wie das Vorgehen des BVB, diesen Sachverhalt mit Fanvertretern im Rahmen des Fanrates zu besprechen und zu diskutieren. Der BVB zeigte relativ klar, dass er hier kulant agieren wolle: obwohl Ticketkäufer aufgrund höherer Gewalt kein Recht auf Rückerstattung besitzen, würde der BVB jedem Fan sein Geld wiedergeben. Auch diese großmütige Geste ist bei Licht betrachtet allerdings eine Selbstverständlichkeit.

Ein Resultat dieser Gespräche waren Überlegungen, Karteninhabern mehrere Optionen anzubieten. Jeder Fan, der sein Geld vollständig zurückhaben wolle, solle dies auch bekommen. Alternativ solle Fans aber auch angeboten werden, das Geld "im Konzern" zu belassen und die Summe der offenen Spiele auf die neue Dauerkarte anzurechnen oder die Summe als Guthaben für einen Einkauf im Fanshop zu erhalten. Alles soweit in Ordnung und es wäre ein Leichtes gewesen, dies genauso zu kommunizieren:

"Liebe Fans, macht euch bitte keine Gedanken über eure nicht nutzbaren Eintrittskarten. Wenn ihr wollt, und das ist auch völlig in Ordnung, bekommt ihr euer Geld sofort zurück. Aber wir machen euch auch ein anderes Angebot, falls ihr daran Interesse habt. Wir gewähren euch für eure Forderung von 50 Euro einen 55 Euro Gutschein für den Fanshop. Wenn ihr das wollt, meldet euch in den nächsten 14 Tagen, ansonsten überweisen wir euch den Betrag zurück."

Stattdessen stellte sich ein Geschäftsführer des BVB für eine Videobotschaft vor die Kamera und vergaloppierte sich gehörig:

Ja, die Kulanz des BVB ist schön und nett. Warum aber sollte das Geld der Fans beim BVB verbleiben? Wie kann es angesichts der Millionenbeträge, mit denen rund um den Profikader wöchentlich jongliert wird, zu einer Botschaft kommen, "man würde sich darüber freuen", weil auch viele Arbeitsplätze im Konzern an diesem Geld hingen? All das in einer Situation, in der sich nicht nur der Gehaltsverzicht der Profis eher überschaubar darstellt, sondern auch deren Beteiligung an dringend benötigten Hilfsmaßnahmen nahezu erbärmlich erscheint? Diese Botschaft war nicht nur fragwürdig, sondern auch unverschämt.

Wir möchten schon sagen, dass unsere Enttäuschung über die 20-30 teuersten Arbeitnehmer beim BVB (die wohl 80-85 Prozent des personalbezogenen Aufwands ausmachen) nicht größer sein könnte. Dies vergiftet die obige Botschaft dann auch hin bis zur Ungenießbarkeit. Wer erlebt, welche dümmlichen, teils auch verächtlichen und einfach nur komplett in einem Paralleluniversum entstandenen Fotos und Videos diese "Vorbilder" und "relevantesten Arbeitnehmer beim BVB" in den sozialen Medien verbreiten, kann dafür nur Wut und Abscheu empfinden. Der Name Mario Götze sei hier bewusst explizit genannt: was bildet sich ein Spieler, dessen Rückholaktion aus München insgesamt rund 80 Mio. Euro gekostet haben dürfte und der bis auf eine kurze Phase nicht die erwartete Leistung zeigte, eigentlich ein, wenn er ein mit "happy at home" untertiteltes Video beim entspannten Kaffeetrinken ins Universum jagt? Ist das der Dank für die Solidarität und Unterstützung des BVB (Geschäftsführung, Trainerstab, Physiotherapeuten, Fans, …) während seiner langwierigen Erkrankung? Wäre nicht er der allererste Spieler, der sich bedeckt und seinen Mund geschlossen halten, sich dafür aber mit dem Verein hinter den Kulissen solidarisch zeigen sollte? Wo bleiben Fingerspitzengefühl und Empathie für Menschen, deren Existenz unverschuldet in Gefahr geraten ist?

Sicher, es gibt Ausnahmen unter den Spielern, die dezenter und wohltätiger auftreten und ihrem Status wie auch ihren Möglichkeiten entsprechend agieren. Mats Hummels etwa schloss sich der Initiative Joshua Kimmichs und Leon Goretzkas an, was an dieser Stelle lobend Erwähnung finden darf. Auch bei Marco Reus und Marcel Schmelzer besteht die begründete Hoffnung, dass sie sich nicht komplett von ihrer Umgebung abgenabelt haben. Insgesamt kam und kommt aber weder nennenswerte Hilfe für den Konzern Borussia Dortmund, noch irgendetwas darüber hinausgehend Hilfreiches oder Sinnvolles aus den Reihen der Spieler: nicht gegenüber den Fans, nicht gegenüber der Gesellschaft in Gänze.

Kein einziger der hochdotierten Profis, und wenn ohne eigene Familie auch in halbwegs großer Langeweile verharrend, bot seine Hilfe an, als das Bündnis Südtribüne kurzfristig eine Hilfsaktion für Dortmunder Bürger auf die Beine stellte. Als BVB-Fans 100.000 Euro für Gastronomen sammelten, die aufgrund der Spieltagsabsagen enorme Verluste hinnehmen mussten, hielt es die Mannschaft nicht für nötig, geschlossen wenigstens einen symbolischen Beitrag zu leisten und Zusammenhalt zu demonstrieren – einzig Marcel Schmelzer war es, der an dieser Stelle nicht völlig abtauchte.

Wie aber soll das Anbetteln der Fans, Arbeitsplätze könnten in Gefahr geraten, vor diesem Hintergrund wirken? Dies ist, mit Verlaub, der blanke Hohn.

Zumal in absehbarer Zeit die Quelle des Reichtums eben wieder sprudeln wird, an der sich von derzeit ca. 850 Mitarbeitern vor allem ein kleiner Bruchteil von Angestellten labt. Der BVB wird jedenfalls wieder spielen, ohne uns Fans, und die Rechteinhaber werden wie die Sponsoren wieder Berge von Geld überweisen. Sicherlich wird man damit nicht die vorhandenen Gehaltsbudgets decken können, weniger als 60 Prozent sollten es nicht werden. Auf jeden Fall werden die Einnahmen reichen, um jeden einzelnen Angestellten des BVB weiter zu beschäftigen und vertragsgemäß zu entlohnen, wenn der Durchschnittsverdienst der Profis von ca. 4 Mio. Euro um eben diese 40 Prozent auf dann 2,4 Mio. Euro sinken würde. Die Lücke wäre auch ohne das Geld der Fans erst einmal geschlossen, die – im Zweifel arbeitslos, kurzarbeitend und in ihrer Existenz vor große Ungewissheiten gestellt – derzeit ganz andere Sorgen haben.

Von uns werdet ihr jedenfalls keinen Cent dafür bekommen, dass ihr den Leuten vorgaukelt, es ginge hier um den Erhalt von Arbeitsplätzen der vielen hundert BVB-Beschäftigten, die nicht zu jener Kaste gehören, die 80-85 % des Personalbudgets ausmachen und nebenbei noch große Boni, Handgelder und Provisionen kassieren. Wir erwarten von Borussia Dortmund, in dieser Phase zu geben – und zwar in erster Linie von denjenigen, die am meisten haben: Spieler, Funktionäre und Berater. So funktioniert ein solidarisches System.

Um den Riss zwischen Fans und Spielern, in diesen Tagen noch viel deutlicher als jemals sonst in kritischen Phasen zu erahnen, nicht zu einem vollständigen Bruch werden zu lassen, muss der BVB zwei schwere Fehler beheben. Er muss einerseits die Botschaft, der minimale Gehaltsverzicht der Spieler sei eine besondere Leistung, das Geld der Fans aber nötig für den Erhalt von Arbeitsplätzen, korrigieren. Außerdem wird er die Spieler mehr in die Pflicht nehmen und zugleich die Fans von jeder Erwartung, und sei diese auch nur in einer Zwischenbotschaft versteckt, freimachen müssen.

So bleiben uns zum Abschluss nur zwei Aufforderungen an die Verantwortlichen am Rheinlanddamm: Beendet diese Geisterfahrt, die vor allem bei den Profis schon peinlich daherkommt, und werdet eurer Rolle gerecht. Und hört auf den Fans Geschichten zu erzählen, die Rettung des Clubs liege in ihrer Hand, wenn es doch eigentlich nur darum geht, so viele vertragliche Verpflichtungen wie möglich bei Fußballspielern mit Millionensalär zu erfüllen.

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