Unsa Senf

Fußball - eine Hassliebe

12.05.2020, 00:00 Uhr von:  Nadja
Lesezeit: ca. 6 Minuten
Fußball - eine Hassliebe
Einlaufen vor leeren Rängen gab es in Dortmund erst einmal - und damals war nur die Süd leer geblieben

Es ist nun also beschlossene Sache, die Bundesliga geht wieder los. Da selbstverständlich noch keine Zuschauer in die Stadien gelassen werden können, beginnen wir erstmal mit Geisterspielen und die sind nicht nur ziemlich gruslig, sondern bergen auch einen Beschleuniger, der für den Fußball nach Corona eine gravierende Veränderung bringen könnte.

Es sind an dieser und anderer Stelle in den letzten Tagen und Wochen bestimmt schon hunderte Artikel erschienen, auch aus der Ultraszene, warum der Start der Bundesliga zu früh kommen könnte und was am Fußball grundsätzlich und im Moment ganz besonders alles nicht so toll ist. Darum soll es hier aber nicht gehen. Vielmehr beschäftigt mich eine ganz andere Frage: was macht den Fußball für mich aus? Und gibt es diesen Fußball in der Zukunft noch?

Hintergrund meiner Überlegungen war eine Bemerkung, die ich, glaube ich, bei Twitter gelesen hatte. Es ging darum, dass der Verfasser des Tweets der Meinung war, dass die Ablehnung der Geisterspiele durch die aktive Fanszene ein Beweis dafür wäre, dass es ihnen nicht um Fußball geht. Dabei hat er nicht nur (wie die meisten) die aktive Fanszene mit der Ultraszene gleichgesetzt, sondern natürlich auf das gerne gehörte Klischee angespielt, dass Letztere nur zur Selbstdarstellung im Stadion seien. Da er es aber nicht so offen und direkt formuliert hat, schrieb er dabei einen Satz, der mich zum Nachdenken gebracht hat. In meinen Worten: die aktive Fanszene geht nicht ausschließlich für das Spiel ins Stadion. Was sich im ersten Moment wie eine große Beleidigung anhört, könnte bei näherer Betrachtung sehr nah an der Wahrheit sein. Das Spielgeschehen lässt sich im Fernseher besser ansehen und größtenteils auch besser beurteilen. Man hat Nahaufnahmen, Wiederholungen, Zeitlupen. Damit können Künste und Tricks, Fouls und Tacklings wahrgenommen werden, die im Stadion aufgrund der Distanz unmöglich zu sehen sind. Im Stadion selbst lässt sich das Geschehen auf dem Rasen am Besten von Höhe der Mittellinie, etwas über das Spielfeld erhöht, betrachten. Da, wo die Sportjournalisten und die Vereinsverantwortlichen sitzen. Aber definitiv nicht von einer Stehplatztribüne aus, wo Fahnen und Menschen die Sicht behindern. Oder gar aus einem - im schlimmsten Fall mit Plexiglas - umzäunten Gästeblock.

Den besten Blick auf das Spiel hat man nicht von einer Stehplatztribüne aus, wo Fahnen und Menschen die Sicht verhindern.
Den besten Blick auf das Spiel hat man nicht von einer Stehplatztribüne aus, wo Fahnen und Menschen die Sicht verhindern.

Es ist also durchaus anzunehmen, dass Menschen, die regelmäßig Auswärtsspiele besuchen oder bei Heimspielen hauptsächlich auf Stehtribünen unterwegs sind, nicht (nur) wegen des Fußballs ins Stadion gehen. Warum aber sonst? Selbstdarstellung ist es in der absoluten Mehrheit der Fälle auch nicht, das nehme ich jetzt einfach mal vorweg. Für mich ist es eindeutig die Atmosphäre. Und damit meine ich einerseits das Gefühl, eng nebeneinander mit Gleichgesinnten seine Emotionen zu teilen. Emotionen, die stark an das Spielgeschehen angelehnt und von ihm abhängig sind, aber eben doch vor allem neben ihm stattfinden. Andererseits aber auch die direkte Stimmung und das Gefühl, einen gewissen Einfluss auf das zu haben, was auf dem Feld stattfindet und daher aktiver Bestandteil des Spiels zu sein. Vor dem Fernseher ist dieses Element des Fußballs nur ein Rauschen, das mal lauter und mal leiser im Hintergrund mitläuft, im Stadion ist es hingegen für mich und wahrscheinlich noch sehr viele andere Menschen der Sinn und Zweck ihres Besuches.

Dass es gerade die Gruppe Menschen ist, die die meiste Zeit in den Fußball steckt und ihm daher wohl auch am tiefsten verbunden ist, die Geisterspiele am vehementesten abzulehnen scheint, wäre vor diesem Hintergrund keine große Überraschung mehr, sondern eher ein Paradox, das sich erklären lässt. Es gibt aber in der gleichen Gruppe ein weiteres Paradox und das könnte durchaus, von diesen Geisterspielen beschleunigt, zu einer Entwicklung führen, die das Stadionerlebnis in Deutschland nachhaltig verändert. Erstaunlicherweise scheint nämlich bei den Menschen, die am meisten Zeit und viel Geld in das Spiel investieren, auch der Verdruss und die Konsternation über die Entwicklung des Fußballs in den letzten Jahrzehnten am grössten. Er ist für viele von uns nicht mehr die große Liebe, sondern eine Hassliebe geworden. Ein Teil von uns sitzt auf einem bis zum Rande gefüllten Fass, das nur auf den letzten Tropfen wartet, der es zum überlaufen bringt. Und überlaufen bedeutete dann, dem Fußball endgültig den Rücken zu kehren.

Abstinenz ist besonders dann schwer, wenn einer den man kennt, an diesem Tag in Augsburg ist und von einer tollen Auswärtsfahrt berichtet.
Abstinenz ist besonders dann schwer, wenn einer den man kennt, an diesem Tag in Augsburg ist und von einer tollen Auswärtsfahrt berichtet.

Fußball ist eine Sucht. Stadionerlebnisse und Auswärtsfahrten ziehen einen in einen Sog, immer weiter hinein, zu immer mehr Spielen und Engagement. Beim (Auswärts-)Spiel lernt man Leute kennen, die haben dann wiederum ab und an ne Karte frei, wodurch man häufiger auswärts fährt, noch mehr Leute kennenlernt und dadurch mehr Gelegenheiten bekommt, zu weiteren Spielen überredet zu werden. Dazu kommen all die Emotionen, die so viel intensiver sind als zuhause auf der Couch und die man immer wieder haben möchte. Es kommen Leute dazu, die sich außerhalb des Geschehens auf dem Rasen engagieren, von deren Aktivitäten man ein Teil sein oder denen man einfach nur helfen möchte. Raus kommt man aus diesem Sog nur durch radikale Abstinenz. Meistens verursacht von der privaten Situation um Familie, Beziehung oder Job - oder eben genau jetzt durch Corona, für alle gleichzeitig. Natürlich ist die Sehnsucht nach Stadionbesuchen da, aber sie ist nicht so nah, wenn man Spiele nicht besuchen kann. Wenn keiner den man kennt, an diesem Tag in Augsburg ist und von einer tollen Auswärtsstimmung oder einer herrlichen Reise mit Freunden berichtet.

Für wie Viele die oben bewusst nicht erwähnten Verfehlungen des Fußballs in dieser schweren Zeit zusammen mit der kalten Abstinenz genau der letzte Tropfen in das Fass sein werden, kann ich nicht einschätzen. Aber es werden einige sein, vielleicht sogar viele. Die Verantwortlichen in den Gremien würde es freuen, wären sie doch damit endlich ein paar Problemfälle los. Und auch viele von den Fans, die weiter weg von der aktiven Szene sind, werden sich anfangs vielleicht denken, dass es so endlich wieder werden kann wie früher. Dabei würde genau das Element fehlen, das die Entwicklung Richtung morgen noch am ehesten aufhalten kann. Wie viel dem Fußball dadurch fehlen würde, könnte erst die Zeit zeigen. Falls es zu einem Dominoeffekt käme, wäre für mich jedoch allerspätestens der Wegbruch eines Großteils der aktiven Fanszene der letzte Tropfen ins Fass. Die Geisterspiele könnten im schlimmsten Fall somit ein sehr grusliger Blick in die Zukunft sein. Pappmarionetten statt Emotionen. Vorerst hoffe ich aber noch, dass es nicht so weit kommen wird - und dass der Spuk bald ein Ende hat.

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