Unsa Senf

Dietmar Hopp wird nicht diskriminiert

03.03.2020, 12:39 Uhr von:  Malte S.
Lesezeit: ca. 8 Minuten
Dietmar Hopp wird nicht diskriminiert
Dietmar Hopp, reicher Mäzen der TSG Hoffenheim, wirklich ein Opfer struktureller Diskriminierung?

Die Vorfälle um Dietmar Hopp haben eine mediale Lawine losgetreten. Seitdem werden die Schmähungen des Mäzens wiederholt in die Nähe von Rassismus und anderer struktureller Diskriminierung gerückt. Das ist verharmlosend und gefährlich.

Ob Spieler, Funktionäre, Journalistinnen oder Journalisten – viele Menschen prangern derzeit nicht nur das Verhalten von Fußballfans gegenüber Dietmar Hopp an, sondern nennen es auch in einem Atemzug mit Rassismus, Homophobie oder Diskriminierung jeglicher Art. Nichts davon dürfe geduldet werden, die Solidaritätsbekundungen von Sinsheim könnten nur der Anfang gewesen sein. Hoffenheims Mäzen selbst sagte, die Anfeindungen erinnerten ihn "an ganz dunklen Zeiten". Man darf davon ausgehen, dass ihm der Verweis auf die Opfer des Nationalsozialismus nicht versehentlich über die Lippen gerutscht ist.

Spätestens an diesem Punkt möchte man fragen, ob denn alle komplett am Rad drehen?! Wer tatsächlich keinen Unterschied macht zwischen den Beleidigungen Dietmar Hopps (inklusive ihrer langen Vorgeschichte) und der strukturellen Diskriminierung von Menschen allein wegen ihrer Herkunft, Religion, Sexualität oder ihres Geschlechts, der verharmlost auf eklige Weise, was Menschen in Deutschland täglich passiert.

Dietmar Hopp ist außerordentlich privilegiert

Ja, Dietmar Hopp wurde gezielt und sehr grob beleidigt. Und ja, über die Angemessenheit kann und soll man streiten. Dennoch ist zwischen Beleidigung und Diskriminierung ein riesiger Unterschied: Diskriminierung hat eine strukturelle Komponente. Sie ist auf mehreren Ebenen der Gesellschaft manifestiert und frisst sich in vielfachen Erscheinungsformen durch den Alltag ihrer Opfer. Die Betroffenen bekommen immer wieder zu spüren: Ihr gehört nicht dazu!

"Wer die Toten von Hanau missbraucht, um die Fankurven mundtot zu machen, der beweist mehr Anstandslosigkeit als dieses Fadenkreuz": Deutliches Spruchband von The Unity mit Bezug zu den Aussagen Max Eberls
"Wer die Toten von Hanau missbraucht, um die Fankurven mundtot zu machen, der beweist mehr Anstandslosigkeit als dieses Fadenkreuz": Deutliches Spruchband von The Unity mit Bezug zu den Aussagen Max Eberls

Als weißer, männlicher Milliardär gehört Dietmar Hopp zu einer der privilegiertesten Gruppen in diesem Land. Finanzielle Existenzängste dürfte er schon lange nicht mehr kennen, für seine Kinder und Kindeskinder ist vermutlich mehr als gesorgt. Die Polizei ist ihm so wohlgesonnen, dass sie einen unverhältnismäßig großen Ermittlungsaufwand betrieb, um dem Vorwurf der Beleidigung durch BVB-Fans nachzugehen. Und das zuständige Amtsgericht verzichtete im anschließenden Prozess trotz ausdrücklichen Wunschs der Verteidigung darauf, Hopp persönlich als Zeugen zu hören. Die Begründung des Gerichts? Halbseiden. Die Adresse Hopps sei nicht aktenkundig, eine Ladung nicht möglich. Offensichtlich wollte man den Mäzen nicht mit den Unannehmlichkeiten eines Gerichtsprozesses behelligen.

Nicht falsch verstehen: Dietmar Hopp soll sich weder dafür rechtfertigen, dass er ein Mann ist oder weiß oder viel Geld besitzt. Darum geht es nicht. Sondern darum, dass seine Lebensrealität nichts, rein gar nichts mit der von Menschen zu tun hat, die in unserer Gesellschaft tatsächlich von Behörden oder Mitmenschen diskriminiert werden.

Ein fatales Signal an die Betroffenen

In Deutschland geht diese Realität so weit, dass die Opfer, die von den Rechtsterroristen des NSU ermordet worden sind, von der Polizei jahrelang und zu Lasten der Hinterbliebenen mit organisierter Kriminalität in Verbindung gebracht wurden. Der Grund heißt Rassismus, und er hat noch weitere Gesichter. Zum Beispiel, dass Menschen allein wegen ihres Aussehens regelmäßig und ohne konkreten Anlass von der Polizei kontrolliert werden. Als wolle der Staat ihnen immer wieder vor Augen führen, dass sie anders seien. So sind Vorurteile gegen Geflüchtete ebenso an der Tagesordnung wie das Abweisen von Menschen eines bestimmten Phänotyps an der Discotür, weil diese ja mit Sicherheit Stress machen würden. Und man frage mal Leute mit vermeintlich nichtdeutschen (Nach-)Namen, wie frustrierend es sein muss, a) deutlich mehr Bewerbungen zu schreiben als andere und b) immer wieder Absagen mit fadenscheinigen Begründungen zu bekommen.

Insbesondere Karl-Heinz Rummenigge verstand es, sich zur Causa Hopp möglichst wortgewaltig zu äußern
Insbesondere Karl-Heinz Rummenigge verstand es, sich zur Causa Hopp möglichst wortgewaltig zu äußern

Selbstverständlich endet die Ausgrenzung hier nicht. Was ist mit homosexuellen Menschen, die sich nicht trauen, sich zu outen, und ihr Leben deshalb nicht so frei gestalten können, wie sie es möchten? Oder Frauen, die im beruflichen Umfeld Opfer sexualisierter Gewalt wurden und unfassbare Energie aufbringen müssen, um gehört zu werden? Nicht zuletzt gibt es viele Menschen mit Behinderung, für die jedes Stück Barrierefreiheit oft ein hartes Ringen mit der Stadtverwaltung bedeutet. Die Liste ausgegrenzter und marginalisierter Gruppen kann man noch sehr lange weiterführen.

Warum all dies wichtig ist? Um zu zeigen, was die Anfeindungen gegen Dietmar Hopp nicht sind: Diskriminierung. Denn Dietmar Hopp wird für das kritisiert und beleidigt, was er freiwillig tut (einen Fußballverein als Mäzen unterstützen), nicht für das, was er ist und wofür er nichts kann (türkischer oder syrischer Abstammung sein, schwarzhaarig, homosexuell, weiblich, von einer Behinderung betroffen ...). Noch mal: Man kann diese Beleidigungen verurteilen und bei Bedarf auch in einem vernünftigen, fairen Gerichtsprozess klären. Doch wenn man Dietmar Hopp nun auf eine Stufe stellt mit Opfern rassistischer, homophober oder sexualisierter Gewalt, verharmlost man diese und sendet ein fatales Signal an die Betroffenen.

Über die sexistischen Aspekte der Bezeichnung „Hurensohn“ redet kaum jemand

Jordan Torunarigha, hier im Zweikampf mit Christian Pulisic im März 2019
Jordan Torunarigha, hier im Zweikampf mit Christian Pulisic im März 2019

Oder was soll Jordan Torunarigha denken, der während des DFB-Pokalspiels von Hertha BSC beim FC Schalke rassistisch beleidigt worden ist – und zwar nicht zum ersten Mal in seinem Leben –, und es nicht mal eine Stadiondurchsage gab, obwohl der Schiedsrichter offensichtlich um die Vorfälle wusste? Dieses Beispiel wurde in den vergangenen Tagen immer wieder herangezogen, doch angesichts der großen Wucht, mit der DFB, DFL und Vereine derzeit vorgehen, kann man es nicht oft genug wiederholen. Zumal viele andere Menschen, die von der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden und an mehreren Fronten ihre Kämpfe ausfechten müssen, nun mit ansehen dürfen, was passiert, wenn sich ein Milliardär über den öffentlichen Umgang mit seiner Person nur vehement genug beschwert: Das Thema bekommt eine breite mediale Öffentlichkeit, die Polizei setzt eine eigene Ermittlungsgruppe ein, große Vereine geizen nicht mit scharfen Statements. Klubs und Verbände fordern drastischste Konsequenzen – und werden sie wohl auch durchsetzen.

Übrigens: Viele beschweren sich darüber, dass Dietmar Hopp beleidigt wird. Dass aber kaum jemand hinterfragt, auf welche Weise das geschieht und ob die Bezeichnung als „Hurensohn“ nicht vor allem auch sexistisch und als kollektive Abwertung von Sexarbeiterinnen zu verstehen ist, ist ein wichtiger Nebenaspekt, der in der Debatte leider kaum bis keine Beachtung findet. Wo sind denn all die aus dem Boden schießenden Vorkämpfer gegen „Diskriminierung jeglicher Art“?

Hopp dreht die Geschichte so, wie sie zu seinen Interessen passt

Nicht neu ist hingegen, dass Dietmar Hopp sich, zumindest indirekt, gleichsetzt mit Opfern des Nationalsozialismus beziehungsweise von Rassismus. Als Christian Heidel 2007, damals noch als Manager von Mainz 05, lediglich die Geschäftspraxis Hopps und der TSG Hoffenheim sachlich kritisierte, forderte der Mäzen DFB und DFL auf, Diskriminierung, “wie Herr Heidel sie betreibt”, mit der gleichen Konsequenz zu verfolgen wie Rassismus.

Mit viel gutem Willen könnte man Dietmar Hopp dies als Fahrlässigkeit, als schlechte Kenntnis der Geschichte durchgehen lassen. Wäre da nicht sein Vater, Emil Hopp, der während der Nazizeit SA-Truppenführer in Hoffenheim war, wie die Jüdische Allgemeine vor einem Jahr berichtete. Demnach zerstörten die örtlichen Nazis unter Emil Hopps Kommando die dortige Synagoge. Natürlich kann Dietmar Hopp nichts für die Vergangenheit seines Vaters – er sollte sie jedoch auch nicht verharmlosen. Gegenüber der FAS relativierte er, dass bei der Zerstörung der Synagoge ja niemand gestorben sei. Außerdem: “Mein Vater war Lehrer. Als er 1938 den Auftrag bekam, die Synagoge in Hoffenheim zu zerstören, hatte er schon drei Kinder, meine älteren Geschwister. Hätte er es nicht gemacht, wäre er entlassen worden, und seine Familie wäre einer hoffnungslosen Zeit entgegengegangen.” Da möchte man fast Mitleid mit dem SA-Truppenführer haben.

Wer also immer noch behaupten möchte, Dietmar Hopp würde diskriminiert, sollte sich über zwei Dinge im Klaren sein: Er oder sie hofiert damit nicht nur einen reichen Mann, der sich die Geschichte im Zweifel so dreht, wie es zu seinen Interessen passt, sondern verharmlost vor allem die Ausgrenzung all jener Menschen, die in unserer Gesellschaft keine starke Stimme haben.

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