Unsa Senf

Der Tanz um den goldenen Dietmar

29.02.2020, 21:11 Uhr von:  Sascha
Lesezeit: ca. 5 Minuten
Der Tanz um den goldenen Dietmar

Warum die Betroffenheit in der Causa Dietmar Hopp bigott und heuchlerisch ist.

Fangen wir den Text mal mit etwas Selbstverständlichen an: Die Gesänge und Transparente gegen Dietmar Hopp sind vulgär, stumpf und, ja auch sexistisch. Und es bedarf nicht übermäßig viel Empathie, um nachvollziehen zu können, dass es für Dietmar Hopp persönlich äußerst unangenehm sein muss, über Jahre hinweg als Person derartig angegangen zu werden. So ist es sein gutes Recht, gegen diese Beschimpfungen den juristischen Weg zu beschreiten und Anzeige zu erstatten.

Es ist völlig egal, ob man das jetzt als zu dünnhäutig, oder als folgerichtig betrachtet, diese Mittel stehen ihm zu und er hat sie bereits genutzt. Daran ist auch nicht viel auszusetzen, außer den, gelinde gesagt, merkwürdigen Verläufe der Gerichtsverhandlungen gegen Hopps mutmaßliche „Peiniger“. Um so unverständlicher, warum er dann jetzt zusätzlich noch durch DFB und DFL unter so strengen Artenschutz genommen wird, als wäre er das letzte noch lebende Exemplar des Dodo. In Dortmund wurde das Spiel unterbrochen, in Sinsheim gingen beide Teams geschlossen in die Kabine. Die Berichterstattung darüber war so moralinsauer, dass es die Studiofußböden durchgeätzt haben muss.

Um das mal alles ins Gdächtnis zu holen: Wir reden hier über den DFB, der es im Falle der rassistischen Beschimpfungen des Berliner Spielers Torunarigha noch als Erklärung für ein Ausbleiben einer Stadiondurchsage hat gelten lassen, dass zwischen den Beleidigungen und der Bekanntwerdung beim Schiedsrichter 20 Minuten vergangen wären und der Kontext deshalb nicht mehr gegeben sei. Haben in den 20 Minuten vermutlich alle vergessen, worum es ging. Wohl alle außer Torunarigha, dem man hier von offizieller Seite aus hätte beistehen können.

Wir reden über den DFB und die DFL, die Repräsentanzen in China unterhalten. Wir müssen dabei gar nicht groß die gesamtgesellschaftliche Situation in einer Parteiendiktatur anführen, aber selbst die Meldungen, dass dort der Volksstamm der Uiguren massenhaft zur ideologischen Umerziehung inhaftiert wird, hat zu keiner Protestnote geführt. Von einer Schließung der Vertretungen ganz zu schweigen. Vermutlich wird man wohl auch in Zukunft weiterhin Reisen von Bundesligavereinen in diesen „Wachstumsmarkt“ subventionieren.

Die tief betroffenen Bayernspieler, die in Hoffenheim in die Kabine gingen, tragen auf ihren Ärmeln einen Sponsorenaufdruck für den Hamad International Airport in Katar. Interessiert es sie da, ob ein Teil der Gelder, die auf ihre Konten fließen, auch mit dem unsäglichen Kafalasystem, das arme Menschen zu Quasisklaven macht, erwirtschaftet wurde? Und die politischen Aktivitäten eines Herrn Mateschitz lässt man auch
unbeachtet, so lange der Kampf um die Meisterschaft wieder mehr Spannung
verspricht. Interessiert es überhaupt irgendeinen, dass Spieltag für Spieltag Reklame gelaufen wird für Unternehmen, die Massentierhaltung praktizieren, oder die zur Hälfte einem Staat gehören, der die Halbinsel Krim gegen das Völkerrecht annektiert hat?

Nein, das tut es nicht. Häufig auch nicht die Fans, die im Falle von Hopp „Zeichen der Solidarität“ setzen, oder die Vertreter der Medien, die jetzt Klagelieder anstimmen und ums goldene Kalb Dietmar herum tanzen. Die einzigen Teilnehmer, die solche Themen auf den Tisch bringen, sind regelmäßig die Ultragruppen. Und dabei haben sie gelernt, dass kaum jemand von diesen Themen Notiz nehmen will, das mediale Echo bei diesem Protest äußerst überschaubar ist und es breitflächig als Teil des Fußballs akzeptiert ist, dass man Gelder auch aus den moralisch zweifelhaftesten Quellen annimmt. Auf diesem Wege haben sie ebenfalls gelernt, dass sie Pöbeln, Beschimpfen und Krakelen müssen, wenn sie beachtet werden wollen. Nun, in diesem Fall ist ihnen das in beeindruckender Art und Weise gelungen.

Bei all dieser Bigotterie möchte man brechen, wenn man sich die ganze Palette anschaut, die im Kampf für Dietmar Hopp aufgefahren wird, mit welcher Betroffenheitsrethorik der Untergang des Abendlandes herbeigeredet wird, wenn man nicht als Gesellschaft jetzt zusammen steht und sich nicht mit dem Hoffenheimer Mäzen solidarisch erklärt. Dabei kann der gute Herr sich sehr wohl selbst helfen. Aber dann hätte man kein willkommenes Feigenblatt dafür, dass der ganze Profifußball moralisch eh am Boden liegt. Und daran sind mit Sicherheit nicht ursächlich die Gesänge und Transparente gegen Hopp schuld.

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