Unsa Senf

Der Romantiker und der Realist in mir

20.02.2020, 09:51 Uhr von:  Sascha
Lesezeit: ca. 5 Minuten
Der Romantiker und der Realist in mir

Wohl kein anderer Bereich wird so von Allgemeinplätzen und Stammtischweisheiten dominiert wie der Fußball. Dass man hinten eben einen reinbekommt, wenn man vorne die Buden nicht macht, ist genauso ein unumstößlicher Fakt wie der, dass der Trainer nach drei Niederlagen in Folge die Mannschaft nicht mehr erreicht. Dabei herrscht auf die Frage, was dieses „die Mannschaft nicht mehr erreichen“ denn konkret bedeuten soll, oft ahnungslose Stille. Aber gut, an dieser Stelle geht es um eine andere Weisheit. Nämlich um die, dass der Kader grundsätzlich in der Sommertransferperiode gestaltet wird, während man im Winter nur notdürftig Lücken stopft.

Nun, in Dortmund zeigt die diesjährige Wintertransferperiode mal so mancher sommerlichen Shoppingzeit wie man es richtig macht und mit wenigen, gezielten Transfers einen Kader mal so richtig auf links zieht. Erling Haaland hat Dortmund, nicht nur aufgrund seiner Tore, im Sturm erobert und ist in Rekordzeit zum Publikumsliebling mutiert. Der 19-Jährige geht mit einem Willen und einer Wucht zu Werke, die einen auf der Tribüne mit offenem Mund zurücklassen. Die Bezeichnung „Naturgewalt“ ist mit Sicherheit nicht unangebracht, wenn man sich allein den Sprint vom eigenen Fünfer in den gegnerischen Strafraum gegen das hochgezüchtete Pariser Starensemble anschaut. Und wenn man sich anschaut, wie massiv der Junge bei Toren seiner Mitspieler abgeht, kriegt man das Grinsen kaum aus dem Gesicht. Dazu kommt noch ein Emre Can, der in Kürze auf dem Platz die Chefrolle eingenommen hat. Er ist nicht nur der oft beschworene „aggressive Leader“, er dirigiert, korrigiert und lobt seine Mitspieler für gelungene Aktionen, als ob er seit vielen Jahren die schwatzgelbe Kapitänsbinde tragen würde. Kurz gesagt: zwei Spieler, die das Gesicht der Mannschaft deutlich verändern können.

Emre Can übernimmt sofort eine Führungsrolle
Emre Can übernimmt sofort eine Führungsrolle

Und an dieser Stelle streiten sich in meinem Hinterkopf Realist und Romantiker darüber, was man hoffen oder erwarten darf. Der Realist, durch die Abgänge der letzten zehn Jahre abgehärtet und leider auch ziemlich desillusioniert, sieht das ganze relativ nüchtern. Can ist vor allem deswegen zum BVB gewechselt, weil er sich hier die größtmögliche Chance auf eine EM-Teilnahme verspricht, nachdem er in Turin ein wenig auf dem Abstellgleis gelandet ist. Seine bisherige Wechselvita zeigt schon das Bild eines Spielers, der immer bereit ist, für sich „den nächsten Schritt“ zu machen. Das ist nicht schlimm, professionell eben. Aber es senkt auch die Wahrscheinlichkeit, dass dieser jetzt 26-jährige Spieler später mal seine Karriere hier in Dortmund beendet. Bei Erling Haaland ist das sowieso völlig ausgeschlossen. Schon der Umstand, dass er direkt nach dem Aus in der Champions-League mit Salzburg auf die Suche nach einem neuen Arbeitgeber ging, weil ihm Salzburg nach einem Jahr schon viel zu klein geworden war, zeigt, dass der Spieler einen stringenten Plan für seine persönliche Karriere erstellt hat. Wenn er ihn mit so viel Leidenschaft wie bisher verfolgt, profitieren wir alle natürlich enorm davon – aber wohl auch maximal für die nächsten anderthalb Jahre.

Dazu kommt dann noch ein Jadon Sancho, dessen Statistiken selbst für einen „ausgewachsenen“ Spieler absolut beeindruckend sind. Bleibt er fit und hält er seine Leistung, wird er am Ende der Saison bei um die 20 Tore und 20 Torvorlagen landen. Plus natürlich einer stattlichen Anzahl vorletzter Pässe, die dann auch zum Tor geführt haben. Darüber hinaus ist Sancho ein Spieler, dem man einfach gerne zuschaut. Einer, der auch in engen Räumen einen Ausweg findet und immer für ein Dribbling zu haben ist. Bei Manchester City wird man sich wohl immer noch ein zweites Loch in den Allerwertesten beißen, dass man dieses Potential in der eigenen Jugend nicht richtig erkannt hat. Aber auch hier pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass die gemeinsame Geschichte im Sommer endet und Sancho zu einem Verein an der Spitze der Nahrungskette wechselt. Wir werden dafür zwar unfassbar viel Geld bekommen, verlieren aber eine echte Attraktion.

Offensivpower pur: Hakimi, Sancho und Haaland
Offensivpower pur: Hakimi, Sancho und Haaland

Etwas besser sieht es da bei Achraf Hakimi aus, dessen Aussagen in der letzten Zeit es zumindest im Bereich des Möglichen erscheinen lassen, dass er doch nicht wieder zurück zu Real Madrid wechselt. Er mag vielleicht nicht so sehr der Unterschiedsspieler sein wie die zuvor genannten, aber wenn er an guten Tagen mit absoluter Höchstgeschwindigkeit die offensive Außenbahn entlang fliegt und in den Strafraum stürmt, dann ist das auch eine Qualität, die man in der Bundesliga sehr selten sieht.

Vereinfacht ausgedrückt, der Realist sieht in der Mannschaft eher eine Dauerbaustelle, mit einem Gesicht, das sich auch in naher Zukunft rasant verändert und mal mehr, mal weniger gut funktioniert.

Dann kommt der Romantiker, der Fußballliebhaber in mir zum Vorschein, der den Spieler ganz laut zurufen möchte: „Bleibt doch noch etwas so zusammen. Von mir aus nur noch ein weiteres Jahr. Am liebsten aber zwei oder drei.“ Dieser Mannschaft lässt einen nämlich erahnen, was möglich wäre. Sie lässt einen davon träumen, was man vielleicht mit ein, zwei sinnvollen Verstärkungen erreichen könnte. In Sachen Offensive entwickelt sie schon jetzt eine Wucht, mit der sie in Europa absolut konkurrenzfähig ist. In der Liga ist das Durchbrechen der Schallmauer von 100 Toren in einer Saison noch im Bereich des Möglichen. Was könnte sie schaffen, wenn sie hinten nicht so oft den Ball aus dem eigenen Netz holen müsste? Eine Mannschaft, die ihre Gegner nicht mit kühler Sachlichkeit seziert und am Ende mit einem 1:0 oder 2:1 vom Platz geht, sondern wie ein Sturm wegfegt. Die Fußball lustvoll zelebriert und der Tribüne ein Spektakel bietet. Sie lässt einen von Erfolgen träumen, wenn diese Puzzleteile nur noch ein kleines bisschen zusammenbleiben würden.

Gemeinsam könnte man aber Großes schaffen
Gemeinsam könnte man aber Großes schaffen

Ach kommt, ihr Jadons, Achrafs und Erlings… gebt Euch einen Ruck und versucht es einfach mal. An das ganz, ganz große Geld werdet ihr eh kommen, aber vielleicht habt ihr hier zusammen so viel Spaß wie nie mehr später in Euren Karrieren bei den Vereinen, in denen man nicht mit Euch Titeln träumt, sondern sie von Euch erwartet. Bei denen Effizienz für wichtiger gehalten wird als Spielfreude. Und in denen man Euch wahrscheinlich den letzten Rest jugendlichen Spaß am Kicken nimmt und Euch zu funktionierenden Vollprofis formt. Diese Mannschaft ist ein Versprechen und es wäre schön, wenn es eingelöst werden könnte.

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