Unsa Senf

Der Fußball und die Systemrelevanz

03.04.2020, 20:43 Uhr von:  Phil
Der Fußball und die Systemrelevanz
© Bild von Michal Jarmoluk auf Pixabay

Der Fußball bzw. der DFL hat sich einen "Plan" ausgedacht, den er jetzt überzogen und ziemlich durchschaubar öffentlich gemacht hat: "Wir, der Fußball, sind systemrelevant, weil wir den Menschen Ablenkung und Beschäftigung geben und damit muss und sollte man uns wieder machen lassen". Allerdings fehlt der Branche inzwischen, und diesen Zustand hat man sich über 15-20 Jahre hartnäckig erarbeitet, jede Integrität und jede Glaubwürdigkeit.

Insofern wird schnell jedem klar, dass es hier nicht um einen Dienst an den Zuschauern geht oder darum, dass man als systemrelevanter Unterhaltungsbereich dazu beitragen möchte, den Durchhaltewille der Gesellschaft zu erhalten. Es geht vor allem darum, weiter das Geld fließen zu lassen, welches in dieser Branche einigen Leuten unglaubliche Einkommen beschert hat und – das kommt auch dazu - noch immer beschert. Nicht wenige Geschäftsführer von Fußballkonzernen der ersten Liga verdienen mehr Geld, als so mancher Vorstandsvorsitzender von großen DAX Konzernen. Von den Profifußballern gar nicht zu reden, die inzwischen bei den Gehältern, Prämien und Handgeldern derart enorme Summen kassieren, dass dadurch sogar ihre Berater oftmals Millionäre werden.

Und natürlich haben diese Umstände die Branche über viele Jahre zunehmend zerstritten. Die einen wollen die Super League, andere drängen gen FIFA Klub Weltmeisterschaft, Gelder werden absurd ungerecht verteilt, sodass der Wettbewerb inzwischen ziemlich ausgehöhlt ist. Man verschiebt Weltmeisterschaften in den Winter, lässt diese von reichen Zwergstaaten ausrichten, wankt von einem Korruptionsskandal zum nächsten und handelt mit Spielern (inzwischen auch Kindern), als ob es keinen Morgen mehr gäbe.

Doch jetzt sind mit einem Schlag die meisten Einnahmequellen und damit die Fluttore (durch die das Geld in dieses System aus allen möglichen Quellen, und seien sie noch so unappetitlich) geschlossen.

Und da fällt solch einer Branche nicht mehr viel ein. Wirkliche Ideen, wie man nun mit dieser Situation zurechtkommen könnte, entwickeln sie nicht. Die einzige Idee ist, jedenfalls von der DFL ersonnen (was die Klubs, die unter dem Schirm des DFB / der Landesverbände machen, wird dabei völlig außen vor gelassen): Die Fluttore irgendwie wieder öffnen. Und sei es auch gegen jeden Verstand.

Die Branche ist offenbar der Meinung, wohl auch von einigen politischen Entscheidungsträgern ermutigt, dass man für sie eine Art Sonderweg zulässt. Während man allen anderen Vereinen untersagt, in irgendeiner Form Mannschaftssport zu treiben, will man den 36 DFL Klubs erlauben, dass sie in ihren Stadien unter Ausschluss der Öffentlichkeit spielen (bei jeweils in etwa 300 anwesenden Menschen im Stadion - was dann immer noch ca. 5.500 Menschen an einem Spieltag wären).

Zusätzlich will man riesige Testkapazitäten für die involvierten Protagonisten aufbauen, nur damit man irgendwie den Spielbetrieb aufrechterhalten kann, und um die Profis alle paar Tage umfangreich auf „Corona“ zu testen. Wohlgemerkt, in einer Zeit, wo das Gesundheitswesen um Testkapazitäten ringt und jeder, der Symptome entwickelt (oder Kontakt zu einem Menschen mit diesen hatte), idealerweise getestet werden sollte.

Aber dann haut man mal eben für rund 1.000 Profis der 1. und 2. Liga „alle paar Tage Tests“ raus, damit das System wieder anläuft – in erster Linie, damit vielleicht 1.500 Personen in Gänze (inkl. Funktionäre, Trainer) weiter ihre üppigen Gehälter beziehen können und damit wohl rund 70-80 % des Personalaufwandes der ganzen Branche verzehren. Die restlichen ca. 60.000 im Fußball Beschäftigten machen dann den verbleibenden Anteil aus. Wobei die Zahlen wohl eher noch „verrutschen“, wenn man auch Provisionen und Handgelder mit einbezieht - oder Sponsorengelder, die direkt an Spieler fließen etc.

Dass die Klubs der Ligen unterhalb der dritten Liga eher auf einen Abbruch der Saison aus sind, weil für sie Fußball ohne Zuschauer überhaupt nicht finanziell machbar ist, wird dabei von jenen, die zuvorderst von TV Geldern profitieren, einfach mal unter den Tisch gekehrt. Zur Not spielt man seine Ligen ohne Zuschauer durch und macht einfach einen Schnitt ab der Stelle, wo die DFL nicht mehr zuständig ist.

Bei allem Verständnis dafür, dass jede Branche versuchen darf und soll, irgendwie ihre Existenz zu sichern, ist der Fußball dabei schon ein besonderer Fall. Denn hier geht es am Ende um eine sehr kleine Gruppe von Menschen, die überproportional von diesem System profitieren.

Es wäre schon ein seltsames politisches Signal, wenn ab dem 2. Mai alle Städte und Kommunen (und deren Gesundheitsämter) dem Profifußball erlauben, wieder Fußball in Stadien zu spielen, aber gleichzeitig jeder andere Verein dies verbietet. Warum dem Profifußball eine Ausnahme gewähren, während der kleine Bezirksligist an den Rand der Existenz geführt wird? Nur weil man weiterhin nicht dulden wird, dass hunderttausende Menschen gemeinsam trainieren und am Wochenende Spiele bestreiten? Warum sollte das passieren?

Das Signal wäre in der Tat komisch. Wer sollte nachvollziehen können, dass die Gesellschaft vereint und „alle gemeinsam“ diese Situation aushalten sollen, während man jeden Tag via TV zeigt „Seht her, der Gastwirt darf zwar nicht mehr Gäste bewirten, aber diese Profis dürfen spielen“?

Die Stimmungslage im Land ist recht eindeutig. Laut einer Umfrage im Auftrag des ZDF sind 58 % der Menschen im Lande der Meinung, dass die Maßnahmen gegen Corona derzeit genau richtig sind und 28 % sind sogar der Meinung, sie müssten noch härter ausfallen. Womit 86 % wohl eher ein Problem darin sehen würden, wenn man dann Anfang Mai ausgerechnet einen kleinen Teilbereich wie den Profifußball wieder „aufeinander loslassen“ würde.

Klar, die Lage kann sich auch komplett drehen. Das weiß niemand abschließend. Vielleicht ist die Lage Anfang Mai auch so, dass die Pandemie überhaupt nicht mehr wirklich ein Thema ist und überall eher Normalität Einzug hält. Dann würde auch der Fußball davon profitieren – und er könnte spielen. Wenngleich wohl definitiv ohne Zuschauer. Nicht ohne Grund werden gerade reihenweise renommierte Veranstaltungen im Sommer abgesagt (so z.B. Wimbledon beim Tennis).

Ob es sinnvoll ist, Fußball ohne Zuschauer zu spielen, ist dabei ja noch eher eine Geschmacksfrage. Wirklich toll ist es nicht, aber wenn man vor der Wahl steht, dass das ganze System kollabieren würde, wenn man es nicht tut, ist ja klar, dass man es macht. Jene Vereine, die vor allem auf Zuschauereinnahmen angewiesen sind, sehen das verständlicherweise anders.

Gleichzeitig gaukeln die DFL-Teams den Menschen dann vor, seinen Fans vor allem, dass ihr Verhalten nun auch an der Existenzsicherung von vielen Arbeitsplätzen beteiligt sei. Das ist dann fast noch die Krönung. Es würde mich nicht wundern, wenn man im Sommer einfach Dauerkarten verkauft, als ob nichts sei, weil man ja die Liquidität benötigt ((im Falle des BVB würde es da gemäß Geschäftsunterlagen um rund 17 Mio. EUR gehen). Das zeigt natürlich erst einmal nur, dass, sollte man gar nicht mehr spielen dürfen, dies die einzige verbliebene Quelle wäre, die man anzapfen kann. Und mit Quelle meine ich Menschen, die nicht selten gerade selbst Betroffene sind und ihre eigene Liquidität auch im Blick behalten müssen.

Der Fußball hat sich da völlig verrannt. Dabei teile ich sogar die Ansicht, dass es recht schön wäre, wenn man in diesen Tagen ein wenig live Fußball im TV sehen könnte. Ich würde sogar damit leben können, wenn es ohne Zuschauer ist. Dafür gucke ich zu gerne Fußball.

Aber diese totale Überhöhung, dieses Weltfremde „wir machen weiter“, garniert der Botschaft, man möchte gesellschaftlich „mithelfen“, ist einfach bizarr. Von einer Branche, die seit vielen Jahren immer wieder massiv bewiesen hat: Sie schielt eigentlich überwiegend nur aufs Geld (da helfen auch die vielen tollen Projekte, die man durchaus auch unterstützt und zum Teil selbst betreibt nicht so sehr viel, um dieses Bild zu korrigieren).

Wenn Profis kaum auf Gehälter verzichten, wenn Vereine Kurzarbeit für ihre Beschäftigten einführen, vom Staat somit Geld wollen, aber gleichzeitig weiter Millionengehälter an Profis oder Funktionäre überweisen, ist das schon mehr als bigott. Und gleichzeitig will man dann noch Fans weiter anzapfen, redet ihnen ein, sie müssten beim Retten der Klubs mithelfen und es würde jede Menge Arbeitsplätze von ihrem Mitwirken abhängen.

Das ist schon sehr weg von allem, was ich noch nachvollziehen kann. Aber wie gesagt, diese Branche war ohne schon vor Corona kurz vorm Kollaps. Sie haben es nur vor lauter Geld, welches weiter in die Branche strömte (und sei es von irgendwelchen totalitären Staaten, von seltsamsten Geldquellen oder einfach auch nur zu Lasten der Zuschauer und Fans durch Splittung von TV-Rechten etc.), einfach gar nicht mehr wirklich bemerkt.

Zuletzt im Falle Hopp hat man schon bemerkt, wie völlig unglaubwürdig die Verbände noch rüberkommen. Wie wenig die Fans und Zuschauer überhaupt noch dahinterstehen. Und natürlich sind das nicht nur die Verbände. Sondern auch die Klubs selbst, die seit vielen Jahren immer weiter an den entsprechenden Schrauben gedreht haben.

Und jetzt auf einmal auf „wir sind aber wichtig, damit den Menschen es gut geht“ machen…

Am Ende sind es aber natürlich auch ein Stück weit Luftschlösser. Dass die betroffenen 36 Städte/Kommunen am 2. Mai ihr „Go“ geben werden (oder schon vorher, im Hinblick auf das Training im Vorfeld für diesen Start) ist jedenfalls nicht wirklich wahrscheinlich. Da können sich „Landesfürsten“ in den Staatskanzleien der Bundesländer das vielleicht noch so sehr wünschen, weil sie im engen Austausch mit den Funktionären des Fußballs stehen.

Anfang Mai wird es eher „Höhepunkte“ der Infektionszahlen geben, deutlich stärker belastete Krankenhäuser und alles in allem eine immer noch eher unklare Lage. Mag sein, dass man Schüler in irgendeiner Form wieder in Schulen lässt oder Frisöre wieder Haare schneiden dürfen.

Aber ob man wieder erlaubt, dass viele Menschen Fußball spielen? Oder gar eine Ausnahme für den Profi Fußball zulassen? Es wäre auch in meinen Augen schon eine seltsame Entscheidung und würde wohl nicht helfen, diese Situation weiter stabilisieren zu können. Auch wenn der professionellere Fußball das gerne so verkaufen will.

Und ja. Ich bin ja Fan durch und durch. Und ja, ich würde mir nichts mehr wünschen, als endlich wieder in ein Stadion gehen zu können. Meine Freunde dort zu treffen und einfach auch - selbst den ziemlich entlarvten - Fußball zu verfolgen. Als Sport.

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