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Christian Lindner und der Wirtschaftsrat

07.02.2020, 19:22 Uhr von:  Sascha
Christian Lindner und der Wirtschaftsrat

Das Bild, das vorgestern durch ganz Deutschland ging, war ebenso symbolträchtig wie ekelhaft. Ein nur mühsam ein Grinsen unterdrückender Bernd Höcke, den man mittlerweile ebenso offiziell wie korrekt einen Faschisten nennen darf, gratulierte dem FDP-Mann Kemmerich zur Wahl als Ministerpräsident des Landes Thüringen. Im dritten Wahlgang ließ die AfD ihren Kandidaten fallen und stimmte geschlossen für Kemmerich, der daraufhin mit der einfachen Mehrheit von einer Stimme statt des bisherigen Amtsinhabers Ramelow zum neuen Landesvater ernannt wurde. Ein Manöver, das zum einen an Politikserien à la House of Cards und zum anderen an die Endzeiten der Weimarer Republik erinnert.

Das Entsetzen über diesen Vorgang war quer durch alle Parteien groß. Es war nicht nur das erste Mal, dass die Besetzung eines hohen Amtes maßgeblich durch die AfD mitbestimmt wurde, sondern auch ausgerechnet durch den Thüringer Landesverband. Die Sammlung ebenso eindeutiger wie hässlicher Zitate Höckes sind im Netz überall zu finden und verstärken die Aussage über die streng rechte Ausrichtung, wenn dieser Herr dort an die Spitze der Landespartei gewählt wurde. Einzig und allein Teile der FDP hielten sich bedeckt, oder reagierten sogar euphorisch. Wie Wolfgang Kubicki, der einen „großartigen Erfolg“ für Thomas Kemmerich abfeierte und sich nicht entblödete darzulegen, dass ein Kandidat der „demokratischen Mitte“ gesiegt habe. Nun, offenbar war es am Ende auch ein Kandidat für die AfD – und die hat sich spätestens mit dem Ende von Ex-Chef Bernd Lucke auch von den rechten Rändern der demokratischen Mitte verabschiedet. Auffällig war auch das lange Schweigen von Parteichef Christian Lindner, der sonst bei jedem Wechsel der Klopapierrolle ein selbstverliebtes Handyvideo ins Netz postet. Die spätere Reaktion war dann auch wachsweich und um Längen von einer klaren Verurteilung des Vorgangs und einer Forderung nach Neuwahlen entfernt.

Das wiederum könnte mit einer Meldung des „Business Insider“ zu tun haben, nach der Lindner im Vorfeld die Möglichkeit dieses Wahlverlaufs nicht nur in Betracht gezogen, sondern auch von höchster Stelle abgesegnet haben soll. Zwar gab es keine direkte Absprache mit Bernd Höcke, der sich seinerseits bereits im Vorfeld der Wahl direkt per Brief bei FDP und CDU gemeldet hat, aber zumindest die Akzeptanz eines Vorgangs, in dem die FDP in Thüringen mit der AfD informell gemeinsame Sache macht. Ein Interview Lindners im heute-journal räumt diesen Verdacht zumindest nicht aus. Nach mehrmaliger Nachfrage räumte er ein, dass eine Wahl Kemmerichs durch die AfD diskutiert worden sei, man aber davon ausgegangen sei, dass die schon weiterhin ihren eigenen Strohmann wählen würden. Trotz vorheriger Warnung durch CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer und trotz der bereits erwähnten Anbiederung Höckes an seine Partei. Das macht die Darstellung sehr unglaubwürdig, nach der die FDP vom Geschehen überrascht wurde und man es nicht bereits im Vorfeld einkalkuliert habe.

Was das alles in einem Fanzine des BVB zu suchen hat? Nun, zum einen ist das oft angeführte „Politik hat im Fußball nichts zu suchen“ unfassbar dämlich und falsch, weil jeder von uns überall die Pflicht hat, für die freiheitlich demokratische Grundordnung einzustehen, zum anderen aber auch, weil Christian Lindner seit 2018 Mitglied im Wirtschaftsrat des Borussia Dortmund e.V. ist. Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass Lindner um die Vorgänge in Thüringen im Vorfeld wusste und sie billigte, hat er umgehend aus diesem Vereinsgremium entfernt zu werden. Wer mit Faschisten, Rechtspopulisten und Rechtsradikalen paktiert und sich zu ihnen ins Bett legt, hat den Wertekanon, den sich der BVB selbst auferlegt hat, verlassen. Kleiner Exkurs: das gilt für Mitglieder, Fans und Anhänger gleichermaßen wie für den Parteichef der FDP.

Wer mithilft, die Politik von Menschen zu legitimieren, die Dinge sagen wie: „Aber es ist der einzige Weg, der zu einem vollständigen Sieg führt, und dieses Land braucht einen vollständigen Sieg der AfD“ und dabei mit Rhetorik des Dritten Reichs mehr als nur spielt, der kann und darf keinen Posten in einem Organ unseres Vereins belegen. Selbst wenn es nur der Wirtschaftsrat ist und Lindner unbestritten Expertise und Kontakte in diesem Bereich besitzt.

Borussia Dortmund muss Haltung zeigen. Wenn sich bewahrheitet, dass Christian Lindner diese Haltung nicht teilen kann, muss man sich von ihm trennen.

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