Spielbericht Profis

Polizeieinsatz, Offensiv-Gala und Neven-Wiedersehen

02.02.2020, 15:27 Uhr von:  Vanni
Polizeieinsatz, Offensiv-Gala und Neven-Wiedersehen

Meine Damen und Herren, treten Sie näher, steigen Sie ein. Der BVB präsentiert eine neue Runde, eine neue Wahnsinns-Fahrt. Auch gegen Union Berlin gibt es ein Offensiv-Spektakel vom Feinsten, dieses Mal sogar ohne Gegentor, am Ende steht ein 5:0 (2:0) gegen den kultigen Kultclub aus der kultigen Kulthauptstadt! Kommen Sie näher, nehmen Sie Platz, denn Borussia Dortmund startet mit dem besten Rückrundenauftakt seit dem Jahr 2013 und bleibt damit in der Spitzengruppe der Bundesliga vertreten. Treten Sie näher, steigen Sie ein, denn auch die nächste Runde geht vorwärts!

Viel Grund für personelle Veränderungen hatte Kirmesdirektor Lucien Favre auch vor dem dritten Bundesligaspiel des Jahres 2020 nicht, auch wenn sich die Verletzten langsam, aber sicher zurückmeldeten. Bei Dan-Axel Zagadou reichte es zumindest schon einmal für den Platz auf der Bank, die zuletzt häufig bevorzugte Dreierkette bildeten somit erneut Akanji, Hummels und Piszczek. Die einzige Änderung ergab sich ganz vorne, da der Heiland Erling Haaland nun auch von Beginn an stürmen durfte. Für ihn machte Thorgan Hazard Platz.

Das Gesangsduell mit den FCU-Fans fiel leider aus
Das Gesangsduell mit den FCU-Fans fiel leider aus

Polizeieinsatz hält Union-Fans zurück

Mit Union Berlin kam ein Aufsteiger in das Westfalenstadion, mit dem der BVB noch aus der Hinrunde ein Hühnchen zu rupfen hatte. Gleichzeitig hätte man sich auch durchaus auf ein wenig Support im Gästeblock freuen dürfen, da die eiserne Fanszene in ihrer ersten Saison in der Bundesliga für gute Stimmung und volle Blöcke sorgte. Als man sich vor dem Anpfiff den Bereich auf der Nordtribüne ansah, gab es dann jedoch schon Grund zum Wundern. Zwar war sowohl der Steh- als auch der Sitzplatzbereich gut gefüllt, von Blockfahnen, Schwenkfahnen oder Doppelhaltern fehlte aber jede Spur.

Grund dafür war die Festsetzung mehrerer Fanbusse – wohl auch inklusive oder besonders von Ultras – auf dem Weg nach Dortmund. Eine Gruppe Berliner habe an einer Raststätte Sachbeschädigung begangen, vermutlich seien ein oder mehrere Graffitis angebracht worden. Die NRW-Polizei hatte sich schon im Vorfeld der Partie zahlenmäßig stabil auf die Anreise der Berliner vorbereitet und sah sich gezwungen, zu reagieren. In der offiziellen Pressemitteilung ist schließlich zusätzlich die Rede von Vermummungen, die letztlich zur Überprüfung der Personalien von mehreren hundert Berlin-Anhängern führen sollte. Bewusst wird an dieser Stelle jedoch die indirekte Rede verwendet, da man ja besonders im Fußballkontext bereits diverse Erfahrungen mit der Glaubwürdigkeit solcher Pressemitteilungen gemacht hat. Nun mag man sicherlich geteilter Meinung darüber sein, ob es besonders klug ist, auf der Anreise Graffitis zu sprayen oder sich – wenn es denn so geschehen sei – dann noch zusätzlich zu vermummen, erst recht wenn schon unter der Woche absehbar war, dass die Polizei mal wieder groß auffahren würde. Gleichermaßen darf aber auch die Verhältnismäßigkeit der Polizeiarbeit hinterfragt werden, wenn zur Feststellung von Personalien wieder Hunderte Fans warten müssen. Und schließlich war der Tweet der Polizei Dortmund, die gegen 17 Uhr dann darauf verwies, dass die Unioner nach Abschluss der Kontrollen dann immer noch ins Westfalenstadion gehen dürften – zum Zeitpunkt als der BVB schon weit vorne und die Spielzeit ebenso weit vorangeschritten war – kaum anders zu lesen als als blanker Hohn und Häme gegen die mitgereisten Berliner. Jede Medaille hat zwei Seiten, aber ob dieser Polizeieinsatz in dieser Form wirklich notwendig war, darf hinterfragt werden. Am Ende sollte im Westfalenstadion zwar ein „ausverkauft“ vorgetragen werden, was aber mit Gesängen gegen diverses Nutzvieh aus dem Gästeblock kommentiert wurde. Somit machten sich die Unioner Luft über den Ärger, den ihre Weggefährten mit der Polizei hatten.

Als jedenfalls die bereits im Westfalenstadion angekommenen Berliner die Kunde vom besagten Polizeieinsatz bekamen, wurden die Materialien wieder eingepackt, was eben zum optisch reduzierten Auftritt im Dortmunder Gästeblock führte. Nichtsdestotrotz darf aber dann auch an dieser Stelle konstatiert werden, dass die Berliner stellenweise immer noch laut wurden, auch wenn ein koordinierter Support am Samstag nicht möglich war.

Auf BVB-Seite gab es vor dem Spiel eine wichtige und würdige Erinnerung an den Tag gegen das Vergessen. Borussia setzte erneut ein deutliches Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung. Auf den Leinwänden im Westfalenstadion wurden Bilder von der Veranstaltung am 27.01. gezeigt, die Mannschaften versammelten sich für ein gemeinsames Foto und auch auf den Digi-Banden im Westfalenstadion setzte Borussia auf klare Worte. Es bleibt sehr positiv, welche Entwicklung der Verein in diesem Bereich in den letzten Jahren genommen hat. Weiter so!

Starke Anfangsphase sorgt für klare Verhältnisse

Die Jubos gedachten ihren verstorbenen Mitgliedern Lars und Tobi
Die Jubos gedachten ihren verstorbenen Mitgliedern Lars und Tobi

Nach einem ersten Wachrüttler der Gäste – Bülter verpasste eine Hereingabe von der linken Seite auf Höhe des Fünfmeterraumes nur knapp – übernahm der BVB schnell die Kontrolle über das Spielgeschehen und stellte die Weichen früh auf Sieg. Schon nach 09 Zeigerumdrehungen wurde Erling Haaland das erste Mal geschickt und konnte die Zuschauer mal wieder ins Staunen versetzen, weil sein Antritt einfach unwiderstehlich ist. Der Berliner Schlussmann Gikiewicz konnte hier aber zunächst noch einmal blocken und auch der Reus-Abschluss unmittelbar darauf fand nicht den Weg aufs Tor. Es sollte aber nicht lange brauchen, bis das Westfalenstadion Grund zum Jubeln bekam. Der wieder einmal glänzend aufgelegte Julian Brandt wollte einen verloren geglaubten Ball nicht hergeben und konnte somit Sancho assistieren, der mit ein wenig Glück in Form eines abgefälschten Schusses nach 13 Minuten für die Führung sorgte.

Und wie schon zuletzt legte der BVB weiter nach, ein Guerreiro-Freistoß von halblinks konnte von Giekewicz so gerade noch zur Ecke geklärt werden und wenige Sekunden später war dann wieder Haaland-Zeit. Wie oft hatten wir in der Hinrunde Flanken oder Hereingaben gesehen – oder eben auch nicht gesehen – bei denen in der Mitte kein Spieler positioniert war und der Ball so gar nicht erst hereingeschlagen wurde oder eben keinen Abnehmer fand? Mit einem gelernten Stürmer vorne drin sieht die Welt dann aber schon wieder ganz anders aus. Und so fand Brandts Flanke den norwegischen Stürmer mit der Nummer 17, der nach schlauem Laufweg natürlich keine Probleme hatte, sein sechstes Tor im BVB-Dress folgen zu lassen. Selbst wenn man den Hype rund um Erling Haaland sicherlich skeptisch begutachten mag, so ist es genauso schwer, sich nicht von ihm anstecken zu lassen. Und vielleicht braucht Borussia ja auch mal ein bisschen Hype und Euphorie in dieser aktuellen Situation. Wir sollten ihn jedenfalls gerne mitnehmen.

Borussenduell: Neven Subotic gegen Marco Reus
Borussenduell: Neven Subotic gegen Marco Reus

Kritisch oder souverän?

Die nun folgende Phase kann man sicherlich auf zweierlei Weisen betrachten. Denn nach dem 2:0 schaltete der BVB einen Gang zurück und kontrollierte das Spiel, ließ aber wenig nach vorne hin folgen. So gab es noch die eine oder andere vielversprechende Situation, beispielsweise einen geblockten Schuss von Witsel (32.), einen nicht konsequent zu Ende gespielten Angriff von Sancho und Reus (36.), eine Riesen-Chance für Sancho, der nach einem Giekewicz-Fehlpass frei auf den Schlussmann zulief und kläglich das 3:0 liegen ließ (48.) und einen Piszczek-Kopfball nach einer Brandt-Ecke (58.), auf der anderen Seite gab es aber auch zwei Situationen in Form von Schlotterbeck, der nach einem Freistoß knapp verpasste (41.) und einen weiteren Bülter-Abschluss (56.). Wie man diese Phase nun bewerten mag, hängt vermutlich auch davon ab, wie sehr man die Erfahrungen mit der Mannschaft in dieser Saison einbinden möchte. Denn letztlich kann man das „Runterspielen und Warten auf den nächsten Treffer“ in der Retrospektive als „souverän“ kennzeichnen – das wird bei anderen Topteams wie den Bayern schließlich häufig auch genau so bemüht. Als Dortmunder ist man da aber ein bisschen geprägt von so manchen Zittermomenten in dieser Spielzeit, sodass man sich vielleicht gewünscht hätte, noch früher auf das 3:0 zu drücken und im Anschluss vielleicht einen Gang rauszunehmen. Am Ende bleibt es aber eine rein hypothetische Diskussion, da der BVB schließlich doch noch höher schaltete.

VAR-Ärger auch wieder um den Elfemter zum 3:0
VAR-Ärger auch wieder um den Elfemter zum 3:0

Nach einem Konter über Sancho über Haaland (was für eine Antrittsgeschwindigkeit!) konnte Giekewicz den Norweger nur noch per Foulspiel im Sechzehner stoppen, woraufhin Benjamin Cortus zurecht auf Strafstoß entschied. Es ist schon beeindruckend, Erling Haaland auch in dieser Szene spielen zu sehen, da man direkt nach dem Zuspiel von Sancho schon keine Zweifel mehr hatte, dass Haaland den Ball erreichen und an Giekewicz vorbeilegen würde. Vermutlich hätte er ohne das Foulspiel dann auch sicher eingeschoben, so übernahm das 3:0 dann eben Marco Reus. Und damit war dann endgültig der Deckel drauf, auch wenn Witsel (70.) und nochmals Haaland (76.) dann schließlich noch weiter erhöhten. Das dritte Spiel mit fünf geschossenen Treffern ist schon ein deutliches Zeichen dafür, was für eine offensive Wucht in dieser Mannschaft steckt. Wenn sich die Defensive nun noch weiter verbessert – gegen Union sah es nun wieder ein Stückchen besser aus – wird es schwer sein, den BVB einzufangen, wenn er einmal ins Rollen gekommen ist. Der schon gefeierte Haaland, der bei seiner Auswechslung dann auch noch mal einige Dezibel zugerufen bekam, ebenso wie der starke Sancho, der in nun elf Auftritten nun jeweils mindestens einen Assist und ein Tor beisteuerte, sind nur zwei Eckpfeiler dieser immensen Offensive. Aktuell macht es Spaß, dieser Mannschaft zuzugucken und mit Platz 3, drei Punkten hinter den Bayern und zwei Punkten hinter den Dosen – die sich am kommenden Wochenende praktischerweise selbst die Punkte wegnehmen – ist man voll im Rennen. Außerdem hat man sich nun endlich mal ein Polster gegen die Blauen erarbeitet, die nun immerhin mal auf fünf Punkte weggeschickt wurden. So darf es gerne weitergehen, schon am Dienstag beim Pokalspiel in Bremen und schließlich auch am Samstagabend beim Topspiel bei Bayer Leverkusen (aktuell ebenfalls fünf Punkte entfernt). Euphorie mitnehmen, genießen, weiter machen…

Erneut mit Doppelpack: Erling Haarland
Erneut mit Doppelpack: Erling Haarland

Wiedersehen mit Neven Subotic

Und dann gab es da natürlich noch das (zweite) Wiedersehen mit Neven Subotic im Westfalenstadion. Nach seinem Gastspiel mit dem 1. FC Köln wurde Neven nach dem Spiel natürlich noch einmal gebührend von der Südtribüne gefeiert. Es waren erneut Gänsehaut-Szenen aus verschiedenen Perspektiven. Neven beispielsweise stand schon kurz bevor er gerufen wurde auf Höhe des Sechzehners an der Nordtribüne und freute sich darauf, gleich noch einmal von der Süd gefeiert zu werden. Und auch Lukasz Piszczek stoppte seine Ehrenrunde noch einmal, um gemeinsam mit seiner Tochter zu schauen, wie auch er einmal verabschiedet werden wird. Es sind Momente wie dieser, die in der schnelllebigen Fußball-Zeit mit wechselwilligen Spielern Balsam auf der Fan-Seele sind... Dortmunder Jungs, Dortmunder Jungs, wir sind alles Dortmunder Jungs…

Statistik

Borussia Dortmund: Bürki - Akanji, Hummels, Piszczek - Brandt, Witsel - Sancho, Reus (71. Hazard), Hakimi (64. Zagadou) - Haaland (76. Reyna)

Union Berlin: Gikiewicz - Subotic, Schlotterbeck, Friedrich - Lenz, Gentner (71. Prömel), Andrich, Trimmel (74. Ryerson) - Bülter, Andersson, Malli (59. Becker)

Tore: 1:0 Sancho (13.), 2:0 Haaland (18.), 3:0 Reus (66., Foulelfmeter), 4:0 Witsel (70.), 5:0 Haaland (76.)

Gelbe Karten: Friedrich

Schiedsrichter: Benjamin Cortus

Zuschauerzahl: offiziell 81.365 (ausverkauft)


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