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Zeit um die Wunden zu pflegen

10.01.2020, 12:15 Uhr von:  DocKay
Lesezeit: ca. 6 Minuten
Zeit um die Wunden zu pflegen

Am 4. Januar brach der BVB wie gewohnt zum Trainingslager nach Marbella auf. Reichen die 13 Tage Erholungsphase und die verkürzte Vorbereitung dazu aus, die Verletztenliste zu reduzieren und welche Rolle spielt die Verletzungsprävention im Fußball?

Wie bei vielen anderen Bundesligisten, ist das Lazarett mit verletzten Spielern auch beim BVB nicht unerheblich. Die zuletzt fehlenden Spieler Delaney, Reus, Witsel, Schmelzer, Hazard und Hummels reisen zumindest mit in wärmere Gefilde. Inwieweit es ihnen möglich ist, auf der Anlage La Dama de Noche mit zu trainieren, bleibt fraglich. Es ist zu hoffen, dass sich La Dama für die Betroffenen nicht zu einem La Drama entwickelt.

In diesem Zusammenhang stellt sich seit Jahren die Frage, welche Entwicklung die Verletzungsprävention im Fußball genommen hat und warum die Zahl indirekter Verletzungen nicht sinkt? Viele, auch aktuelle Studien, beschäftigen sich mit dieser Problematik. Schon in einem früheren Artikel haben wir über die Lokalisation der typischen Verletzungen beim Fußball berichtet. An erster Stelle stehen sicher die Muskelverletzungen der Oberschenkelrückseite, gefolgt von Verletzungen des Knie- und Sprunggelenkes. In Studien beschreibt man ein multifaktorielles Verletzungsrisiko und leitet daraus multimodale Präventionsprogramme ab, wie das bevorzugte Aufwärmprogramm der FIFA 11+. Trotz dieser durchaus effizienten Programme ist in Deutschland kein Rückgang der Verletzungen zu erkennen. Zu erklären ist dies dadurch, dass das Verletzungsrisiko abhängig ist von den individuellen Faktoren eines Spielers und entsprechend individualisierte Präventionsstrategien erfordert. Wenn überhaupt werden diese allerdings nur in den Profiligen durchgeführt. Ansonsten fehlt das Screening zur Durchführung einer gezielten Belastungssteuerung. Die Frage stellt sich auch inwieweit Erkenntnisse vom einen auf den anderen Spieler übertragen werden können. Die Gesamtverantwortung liegt immer beim Trainer und dieser sollte im Rahmen der Ausbildung die entsprechenden Kenntnisse vermittelt bekommen. Natürlich kann er später Hilfe in Anspruch nehmen, aber es ist auch seine Aufgabe den Spieler über Verletzungsproblematiken zu informieren.

Durch das bereits erwähnte Aufwärmprogramm 11+ sollen Spieler schon ab 14 Jahren durch Übungsformen mit unterschiedlichen Zielsetzungen auf die fußballspezifischen Anforderungen des Spiels vorbereitet werden. Dabei geht es darum Verletzungen vorzubeugen, die nicht durch eine direkte Gegnereinwirkung hervorgerufen werden. Bei einer Konstanz der Verletzungsrate in den letzten Jahren stellt sich natürlich die Frage der Effektivität des Programms 11+ und anderer Verletzungspräventionen. Da es sich bei der Mehrzahl der Verletzungen um indirekte Verletzungen ohne direkte Gegnereinwirkung handelt, ist eine genaue Analyse der Risikofaktoren notwendig. Aber es gibt natürlich auch Probleme, die einer erfolgreichen Prävention entgegenwirken.

Von der beschriebenen kurzen Erholungsphase und dem 8-tägigen Trainingslager darf man sicher keine Wunder erwarten. Zunächst gilt es sicher die Punktverluste zum Abschluss der Hinrunde aus den Köpfen zu eliminieren, gemäß dem Umkehrprinzip, dass ein gesunder Geist einen gesunden Körper bewirkt. Leider ist dies nicht immer so einfach, nach so einem Stimmungsdämpfer. Unabhängig davon zeigen wissenschaftliche Arbeiten, dass nur präventive Maßnahmen mit ganzheitlicher Wirkung über die gesamte Saison das Verletzungsrisiko langfristig senken. Dabei sind aber auch individuelle Aspekte wie Alter und Vorverletzungen sowie Leistungsniveau jedes einzelnen Spielers und der gesamten Mannschaft zu berücksichtigen. Einzubeziehen sind neben der Verletzungsepidemiologie auch taktische und konditionelle Faktoren.

Bei der Prävention unterscheidet man zwischen Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention. Es ist das Ziel der Primärprävention gesundheitsschädigende Faktoren auszuschließen, bevor diese zu einer Verletzung oder Krankheit führen. Stellt man zum Beispiel bei einem Spieler muskuläre Probleme fest, ist es dann Aufgabe der Sekundärprävention, zum Beispiel entsprechende Therapiemaßnahmen bei muskulären Dysbalancen oder Defiziten auszugleichen. Die Tertiärprävention beschreibt dann die Begrenzung von Komplikationen bereits bestehender Krankheits-/Verletzungsfolgen. Grundlage dieser Maßnahmen muss immer die Kenntnis über die Risikofaktoren sein, aber auch die Kenntnis über die Mechanismen der einzelnen Verletzungen. In diesem Zusammenhang sind auch die Leistungstests zu Beginn des BVB-Trainingslagers zu sehen.

In dem multifaktoriellen Verletzungsrisiko spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Neben den genannten Spielerfaktoren müssen auch leistungsbestimmende Faktoren wie Kraft, Koordination, technische Fähigkeiten, aerobe Kapazität und die mentale Fitness Einfluss nehmen. Hinzukommen auch Belastungsfaktoren, die sich auf die Saisonplanung, Anzahl der Spiele, Pausen und Regeneration beziehen. Nicht zu vernachlässigen sind Clubfaktoren wie Spieltaktik, Konstanz bzw. Beständigkeit in der Trainingskonzeption und die Vereinsphilosophie, aber auch Personalauswahl und die medizinische Betreuung. Dies erfordert, und das ist inzwischen bei allen Top-Vereinen erkennbar, einen hohen personellen Aufwand.

Beim allgemeinen Verletzungstrend spielt auch das Anforderungsprofil eine Rolle. Gerade die konditionellen Anforderungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten in Abhängigkeit von taktischen Trends verändert bzw. gesteigert. So kann das variable Umstellen einer Grundformation im Spiel zu veränderten Laufaktionen eines Spielers führen, die ihn auch kognitiv fordern. Die Anwendung verschiedener Pressingarten bewirkt eine Zunahme belastender Kurzzeitaktivitäten wie Sprints, Abstopp-Bewegungen und Richtungswechsel. Trainingsinhalte zur Athletik und Prävention sollten sich deswegen parallel zu Veränderungen des Spiels weiterentwickeln. Verschiedene Veröffentlichungen zeigen auch, dass sich die meisten Trainingsverletzungen während der Vorbereitung auf die Rückrunde häufen. Ein Signal, das wir nach Marbella senden sollten. Die meisten Wettkampfverletzungen finden sich hingegen im April bis zum Ende der Saison. Dies wird mit einer höheren Relevanz der Spiele zum Saisonende erklärt, da es in diesen Spielen oft um Meisterschaft, internationale Qualifikation und Abstieg geht. Ein breit aufgestellter Kader ist dazu da, im Laufe einer Saison die Ermüdung zu reduzieren und damit für jeden Spieler einen allgemeinen Risikofaktor zu minimieren.

Studien zeigen deutlich welche negativen Folgen langfristige Verletzungen auf den sportlichen Erfolg einer Mannschaft haben. Dies unterstreicht die Anwendung präventiver Maßnahmen. Durch verschiedene Testverfahren (Screening) ist es möglich, potenzielle Risikoathleten früh zu ermitteln und durch passende Maßnahmen deren Verletzungsrisiko zu senken. In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die Frage, ob hier nicht ein erweiterter Medizincheck bzw. eine Reform notwendig erscheint. Wenn ein Spieler einen Tag zum Medizincheck bei seinem vielleicht neuen Verein verweilt, kann vieles nur andeutungsweise erfasst werden. Bei den riesigen Summen, die aktuell im Spiel sind, könnte ich mir auch einen Medizincheck vorstellen, der um den einen oder anderen Tag verlängert wird. Dies wäre nicht nur im Sinne des verpflichtenden Clubs, sondern auch im Sinne des Spielers. Auch beim BVB gibt es Beispiele von Spielern mit nicht unerheblichen Ausfallzeiten, aufgrund bekannter muskulärer Probleme und sonstiger Verletzungen, die sich im Vorfeld andeuteten.

Auch unter Berücksichtigung sämtlicher Faktoren sind Verletzungen nicht immer vermeidbar. Ein noch größeres Problem stellen immer wiederkehrende Verletzungen (Rezidivverletzungen) dar. Hier ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Spieler, Trainer und Arzt erforderlich, mit einer Verlängerung des Zeitfaktors bis zum Trainings- und Wettkampfbeginn. Langfristig kann das Verletzungsrisiko nur gesenkt werden, wenn die Bereitschaft aller Beteiligten über die ganze Saison vorhanden ist. Für die Mannschaft ist der Trainer die entscheidende Bezugsperson, der bei den Spielern ein Grundverständnis schaffen muss und Verletzungsprobleme sowie Risikofaktoren offen kommuniziert. Präventionstraining bietet sich im Rahmen des Aufwärmtrainings an. 11+ bietet hier eine Orientierungshilfe, deckt aber nicht alle Aspekte ab. Sinn macht es für das Training aus präventiver Sicht einen Verhaltenskodex für die Spieler einzuführen, Spieler auf Topniveau erfordern eine individuelle Betreuung. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen sind allerdings nicht zielführend, wenn bei Trainern und Spielern die nötige Compliance fehlt. Hier ist sicher auch eine Trainerausbildung zu fordern, die den Stellenwert der Verletzungsprophylaxe noch mehr in den Fokus rückt.

Das zurzeit in Marbella stattfindende Trainingslager sollte deswegen nicht nur alle Augen auf Erling Haaland richten. Allen Verantwortlichen muss bewusst sein, dass die Meisterschaft nicht nur im Kopf entschieden wird. Entscheidend wird auch sein, durch entsprechende Prävention das Verletzungsrisiko zu minimieren und dies im Bewusstsein von Trainern und Spielern zu verankern. Nur eine gesunde Mannschaft ist eine erfolgreiche Mannschaft. Die heiße Phase der Saison beginnt genau jetzt. Möge sie für unsere Schwarzgelben ein erfolgreiches Ende nehmen.

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