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Eine Reise in die Vergangenheit mit Weggefährten gegen das Vergessen

27.01.2020, 11:29 Uhr von:  DocKay
Eine Reise in die Vergangenheit mit Weggefährten gegen das Vergessen
© Lina Nikelowski

Dieser Reisebericht über die Gedenkstättenfahrt nach Oświęcim 2019 soll Inhalte des BVB Projektes vermitteln aber auch für Interessierte Informationen bieten bevor sie ihre Reise in das Konzentrationslager Auschwitz antreten.

Seit 2011 ist es Tradition, dass Borussia Dortmund Gedenkstättenfahrten nach Oświęcim und Lublin anbietet um Fans und Angehörigen des BVB und Evonik die Möglichkeit zu geben den Komplex des Konzentrationslagers Auschwitz zu erleben. Das Erleben vor Ort ist ein wichtiger Bestandteil der Teilnehmer in der Auseinandersetzung mit der Geschichte und gleichzeitig ein Auftrag gegen das Vergessen von Opfern und Tätern des Naziregimes.

So ist diese Reportage eine sehr persönliche Berichterstattung über die Studienreise des BVB zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau vom 27.07-02.08.2019. Eine Studienreise, die wie immer in Zusammenarbeit von Borussia Dortmund, mit der Fanabteilung, dem Fanprojekt Dortmund e.V. und dem Bildungswerk Stanislaw Hantz durchgeführt wurde. Für den Autor waren es die Veranstaltungen in der Steinwache, die nach 75 Jahren an den Beginn der Judenverfolgung erinnerten aber auch die Einladung zum Zeitzeuginnen Gespräch mit Eva Szepesi, die den Holocaust und Auschwitz überlebte. Eva Szepesi, eine Frau, die zu den child survivors gehörte, das heißt zu den nur 400 Personen, die als Kinder die Haft in den Konzentrationslagern überlebten. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass im Holocaust zwischen 5,5 und 6,3 Millionen Juden ermordet wurden. Die genaue Zahl lässt sich aufgrund der Quellenlage nicht ermitteln.

Eigentlich begann diese Reise nach Oświęcim mit dem Vorbereitungstreffen am 20.07.2019 im Veranstaltungsraum Weiße Wiese im Stadion. Hier entstanden erste Kontakte der 20 Teilnehmer untereinander und man erkannte relativ schnell unterschiedliche Beweggründe, die zur Teilnahme an dieser Reise geführt haben. So berichtete Irina M., dass ihr Großvater als Mitglied der KPD kurz vor Kriegsende 1945 einer der 300 Männer und Frauen war, die als Widerstandskämpfer*innen und Zwangsarbeiter*innen in der Bittermark von den Nazis ermordet wurden. Die meisten von ihnen sind namenlos. Noch heute erinnert der Heinrich Czerkus Gedächtnislauf neben anderen Feierlichkeiten am Karfreitag an die Ereignisse Am Rombergpark und in der Bittermark.

Vorbereitungstreffen im Stadion
Vorbereitungstreffen im Stadion
© Lina Nikelowski

Amelie Gorden, Daniel Lörcher und ihr Team konnten über einige Neuigkeiten berichten. Zum ersten Mal wurde eine solche Fahrt auch barrierefrei und für Gehörlose angeboten. 6 Hörgeschädigte von denen 3 komplett taub waren kamen dieser Einladung nach. Zur Unterstützung waren mit Nina und Monika auch zwei Gebärdensprachendolmetscherinnen anwesend von denen Nina ihre fußballerische Heimat im Gehörlosenblock 34 im südwestlichen Teil des Stadions gefunden hat. Hier fungiert sie seit 2 Jahren als Gebärdensprachendolmetscherin.

Einige Spielrunden zu Beginn sollten dem Kennenlernen dienen. Ein Aufstellen nach Entfernung des Wohnortes vom schwarzgelben Tempel zeigte, dass durchaus einige zu Fuß hätten gehen können, andere allerdings weitere Anfahrtswege hatten. Wolfsburg, Hannover und Osnabrück sind hier nur als einige Beispiele zu nennen. Alle waren regelmäßige Stadionbesucher und mehr als 75% der Anwesenden hatten ihren Stammplatz auf der Südtribüne, waren also Bestandteil der Gelben Wand. Auch altersmäßig gab es einen bunten Mix. Dies wurde als sehr positiv empfunden. Sehr schnell war man sich einig, dass gerade auch bei den älteren Teilnehmern geschichtliche Aufarbeitungen nicht im Lehrplan des damaligen Schulbesuches stattfanden und auch in den Familien die Zeit des Naziregimes und der damit verbunden Verbrechen tabuisiert wurden. Die Entscheidung von Borussia Dortmund eine entsprechende Altersbegrenzung bei der Teilnahme aufzuheben war somit eine nachvollziehbare Entscheidung.

Ein wesentlicher Bestandteil des Vorbereitungstreffens stellte dann noch der geschichtliche Verlauf beginnend mit dem 1. Weltkrieg bis zu Befreiung von Auschwitz und das Ende des zweiten Weltkrieges dar. Dieser Verlauf auf den später dann noch im Einzelnen eingegangen wurde stand in engem Zusammenhang mit dem Leben von Ernst und Hans Frankenthal, die im Alter von 16 bzw. 18 Jahren von den Nazis nach Auschwitz deportiert wurden. Für sie und andere jüdische Menschen begann die mörderische Tortur am 2. März 1943 am Dortmunder Südbahnhof. In Auschwitz verloren sie Teile ihrer Familie und überlebten nur mit Glück die Konzentrationslager. Sehr schnell waren strategische Züge des Naziregimes und der Täter zu erkennen, die notwendig waren um den Massenmord von 1,1 bis 1,5 Millionen Opfern in den Konzentrationslagern und Vernichtungslagern Auschwitz zu organisieren. Strategische Vorgehensweisen an denen man auch noch festhalten sollte als durch die Niederlage von Stalingrad das Kriegsende bereits abzusehen war. Den Satz: „Ich hätte nie geglaubt wozu die Deutschen fähig sind“ sagte der Vater Max Frankenthal später über diese Zeit.

Schließlich fand nach ungefähr 6 Stunden der vorläufige emotionale Abschied der Teilnehmer statt. Jedem war klar, dass in einer Woche etwas passieren würde, das er selbst noch nicht einordnen konnte. Jeder würde es für sich selbst ganz individuell erleben und verarbeiten. „Wir sehen uns am Samstag“ war ein häufiges Abschiednehmen, wir treffen uns gemeinsam als Team auf dem Weg gegen das Vergessen.

Die folgende Woche wirkte länger als sonst. Irgendwie war sie schon da die gedankliche Beschäftigung mit der Shoah und sie führte dazu, dass man die Tage bis zum Abflug zählte. Ein Teilnehmer der Studienreise hatte es beim Vortreffen in ähnlicher Weise formuliert indem er sagte er wolle nicht nur von Bildern und Filmen Informationen erhalten, nein es sei ihm wichtig vor Ort die Geschichte zu erleben.

Erster Tag - Anreise nach Oświęcim

Am Samstag, den 27.07.2019 war es dann endlich soweit. Um 6:30 Uhr traf sich die Gruppe mit den Betreuern am Flughafen in Dortmund um mit dem Flug W6 1092 um 08:20 nach Kattowitz zu starten. Trotz verspätetem Start schob uns der Wind zu einer pünktlichen Landung am Zielflughafen. Dort wurden wir vom Betreuerteam vor Ort herzlich in Empfang genommen. Auf dem Weg zum Bus mit unseren Rollkoffern gingen mir verschiedene Gedanken durch den Kopf. Was hatten wir für doch für eine komfortable Anreise gehabt. Kein Vergleich mit den unmenschlichen Transporten in die Vernichtungslager mit dem suggerierten und schließlich verhängnisvollen Ziel Arbeit mache frei.

Nach diesem Moment der Stille ging es zurück zur Internationalen Jugendbegegnungsstätte. Mancher wird sich bis hierhin die Frage gestellt haben warum ausgerechnet Oświęcim? Der Film von Konstanze Burkhard mit dem Namen „Auschwitz war auch meine Stadt“ vom WDR produziert sollte darüber Aufschluss geben. Er erzählte die Lebensgeschichte von Josef Jakubowicz einem Polen jüdischen Glaubens der vor dem Kriegseintritt und dem Einmarsch der Wehrmacht am 01.09. 1939 im späteren Auschwitz lebte. Parallel zum Film wurden immer wieder Fakten geliefert, die die besondere Bedeutung von Oswiecim vermittelten, eine Stadt deren Gedenkstätte Auschwitz jährlich von einer Million Menschen besucht werden und die heute keine jüdische Gemeinde aber eine Synagoge besitzt. In dieser Stadt wuchs Josef auf und hier lebte auch sein Freund Karol. Es gab hier viele jüdische Fabrikanten und Kaufleute. Die Stadt schien kompromissbereit zu sein. War doch der Bürgermeister ein Christ und sein Stellvertreter ein Jude.

Josef besuchte die Schule in Brezinka. Die Freundschaft mit Karol wurde mit dem Einmarsch der Wehrmacht auf eine Zerreißprobe gestellt. Als Josef nur 14 Jahre alt war wurde Oświęcim bereits am ersten Kriegstag unter Beschuss genommen. Oświęcim wurde zu Auschwitz und der Marktplatz erhielt den Namen Adolf Hitler Platz. Johanna Scherzberg berichtete parallel dazu von ihrer Tätigkeit im Chemiewerk IG Farben. Auf Anweisung von Heinrich Himmler entstand zeitnah das erste Konzentrationslager in Auschwitz und am 14.06.1940 fand dann die erste Deportation von Polen jüdischen Glaubens und politischen Häftlingen statt. Am 01.08 1941 erfolgte der Befehl zum Ausbau des Lagerkomplexes Auschwitz. Brezinka wurde zu Birkenau. Zunehmend so berichtete Josef in seinen Ausführungen fühlten sich die Einwohner unsicher. Vom Lagerkommandanten Rudolf Hess fühlte man sich unter Druck gesetzt. Es kam zur Verwechslung von Josef mit dem gleichnamigen Vater und der 14-jährige kam als Zwangsarbeiter ins KZ, er ging diesen Weg um den Vater zu schonen. Schließlich jagte man Josef durch insgesamt acht Konzentrationslager.

Johanna Scherzberg berichtete inzwischen von einem neuen Werk der IG Farben welches vom Reichsführer der SS Heinrich Himmler in Auschwitz geplant wurde. Im Sommer 1941 stand die Stadt Auschwitz zu Hälfte leer. Man plante Oświęcim zum Bollwerk des Deutschtums zu machen mit erstrebten 80.000 Einwohnern. Die Geschichte zeigte, dass es dazu nicht kommen sollte. Schon im September 1941 plante man um dieses Ziel zu erreichen eine Probevergasung mit Zyklon B, der Block 11 wird zum Todesblock. Der Aufbau der neuen IG Farben Fabrik wurde mit 1000 neuen Stellen beschleunigt und bereits im Oktober 1942 entstand ein eigenes KZ für die Arbeiter der IG Farben. Das Vernichtungslager Auschwitz und die Beschlüsse der Wannseekonferenz am 20.01.1942 führten schließlich zur Fortführung der Strategie mit dem Ziel der Vernichtung aller Juden Europas.

Im Rahmen der Reise beschäftigten sich die BVB-Fans mit der Geschichte der Stadt Oświęcim
Im Rahmen der Reise beschäftigten sich die BVB-Fans mit der Geschichte der Stadt Oświęcim
© Lina Nikelowski

Mit dem Bus fuhren wir durch eine ländliche von Landwirtschaft geprägte Gegend bis wir nach ca. einer Stunde erstmalig den Wegweiser Oświęcim und Museum Auschwitz sahen.

Kurz danach erreichten wir die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz kurz IJBS genannt. Diese entstand 1986 aus einer Initiative der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Berlin mit der Unterstützung der Stadt Oświęcim, dank der Einsatzbereitschaft vieler Menschen und Institutionen aus Deutschland und Polen, die an dem Prozess der deutsch-polnischen Versöhnung und des christlich-jüdischen Dialogs beteiligt waren. Das behindertengerecht gebaute Haus beschreibt sich als ein Ort der der Überwindung von Barrieren und Vorurteilen, der Reflexion und des Dialogs aber auch des Spiels und der Wiederholung.

Bei der Begrüßung durch Amelie Gordon, Daniel Lörcher und den Historiker Andreas Kahrs, kurz Andi genannt, spürte man sehr schnell diesen Spirit. Antje Boedeker und Florian Hansing ergänzten das Team. Ich schaute mir meine Reisegruppe an dachte „Hobbits“ sind gute Werggefährten und erinnerte mich an Tolkiens Herr der Ringe. So entstand der Titel dieses Reiseberichtes. Gemeinsam wurden wir auf das Programm der nächsten Tage vorbereitet. Andreas Kahrs führte uns mit Ergänzungen und dem Sachverstand eines Historikers im Zeitraffer durch die Entstehung der verschiedenen Auschwitzkomplexe bis zur Befreiung der Lager in der Umgebung der Stadt Oświęcim durch die sowjetische „Rote Armee“ am 27. Januar 1945.

Was zu Beginn des Jahres 1945 endete hatte seinen Anfang am 04.09. 1939 als die deutsche Wehrmacht 3 Tage nach dem Überfall auf Polen Oświęcim erreichte. Zum damaligen Zeitpunkt hatte die Stadt insgesamt 14000 Einwohner davon gehörten ca. 7000-8000 der jüdischen Bevölkerung an. Bereits ab Mai/Juni des Jahres 1940 wurde eine ehemalige polnische Kaserne am Stadtrand zu einem Arbeitslager umgebaut. Am 1. Programmtag besuchten wir diese Stadt mit dieser aus deutscher Sicht verhängnisvollen Geschichte. Dabei hatte dieser Tag eine ganz besondere Bedeutung. Wir durften der Verlegung des 1. Stolpersteines der Stadt Oświęcim beiwohnen. Wie immer wurde diese Zeremonie durch Gunter Demnic durchgeführt. Er erzählte mir, dass bis heute mehr als 73000 Stolpersteine in 26 Ländern verlegt wurden. Bei 95% der Steine hätte er selbst Hand angelegt. Es kam zu einem ersten großen emotionalen Moment. Unser Gedenken galten Franziska Henryka Haberfeld, die im Jahre 1937 geboren wurde. Die Eltern Felicia und Alfons lebten in Oświęcim und Alfons war Erbe und Direktor der „Dampffabrik feiner Liqueure“. Im Juli 1939 begab sich das Ehepaar auf die bisher längste Reise ihres Lebens zur Weltausstellung nach New York wo Alfons die Produkte seiner Firma präsentieren wollte. Unter anderem das Premiumprodukt Wodka und den „Old polish Whiskey“. Die damals 2-jährige Felicia Henryka sollte bis zur Rückkehr ihrer Eltern bei den Großeltern in Krakau bleiben.

Während der Rückreise brach der Krieg aus. Eine Fortsetzung der Fahrt nach Polen war ausgeschlossen. Über Inverness in Schottland und Newcastle-upon-Tyne ging es mit dem Schiff zurück in die Vereinigten Staaten. 1942 traf ein letztes Lebenszeichen in Gestalt einer Postkarte aus Krakau in den USA ein. Mit 5 Jahren wurde Felicia Henryka Opfer des Holocaust. Ihrem kurzen Leben wurde ein jähes Ende gesetzt. Nach Verlegung des Stolpersteines durch Gunter herrschte eine betroffene Stille. Für manche von uns galt es gegen Tränen anzukämpfen. Der Zufall hatte es gewollt Teil dieser Zeremonie zu sein und den Anwesenden unsere Betroffenheit zu zeigen. Ein BVB Schal „United in Remembrance“ half uns dabei. Mein besonderer emotionaler Moment hatte einen weiteren Grund. Ich dachte an meine jüngste Tochter mit dem Vornamen Franziska.

Gunther Demning verlegt den ersten Stolperstein in Owswiecim
Gunther Demning verlegt den ersten Stolperstein in Owswiecim
© Lina Nikelowski

7000 Reichsdeutsche verlegten ihren Wohnsitz nach Auschwitz. Die SS und die IG Farben versuchten mit Vergnügungsveranstaltungen die Arbeitsmoral der Angestellten zu erhalten. Bis zum Jahre 1943 fuhren bereits 174 Todeszüge in Richtung der Konzentrationslager mit insgesamt 200 000 Opfern. Josef überlebt in einem Leichenberg im KZ Bogen Belsen bis er von den Befreiern entdeckt wird. Auf Teile des Filmes und die darin erhaltenen Informationen wird dann später noch im Detail eingegangen.

Am Nachmittag besuchten wir dann das heutige Oświęcim mit seinen 40 000 Einwohnern. In der jüdischen Gasse fand das Leben der Juden statt und wir erfahren von Spannungen zwischen Christen und Juden in der Zeit bevor Oberschlesien im westlichen Teil Polens ins Reichsgebiet eingeschlossen wurde. Vor dem zweiten Weltkrieg gab es in Polen 3,5 Millionen Polen jüdischen Glaubens bei einer gesamten Einwohnerzahl von 35 Millionen. Im Gebiet des deutschen Reiches waren es Anfang 1933 bei 65 Millionen Einwohnern 550 000 Juden. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht erfolgte dann die direkte Umsetzung der antisemitischen Handlungsweisen. Unser Weg führte uns weiter zum Platz der ehemaligen Synagoge. Gegenüber der inzwischen begrünten Fläche war das Gebäude des Zentralverbandes der Roma in Polen einer weiteren gelegentlich vergessenen Opfergruppe des Nationalsozialismus, die am 02.08. 2019 den 75. Jahrestag der Liquidierung des „Zigeunerlagers“ im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau gedachte. Nächstes Ziel unseres Stadtrundganges war dann der Marktplatz im Zentrum wo wir anhand historischer Bilder die architektonischen Veränderungen durch die Täter erkannten. Die Architekten die sich hier für bauliche Planungen verantwortlich zeigten waren später in der Nachkriegszeit beim Wiederaufbau zerstörter Städte wie zum Beispiel Hannover im Westen Deutschlands maßgeblich beteiligt.

In der Synagoge von Oświęcim
In der Synagoge von Oświęcim
© Lina Nikelowski

Inzwischen lebten in der Stadt keine Juden mehr. Der letzte Jude Szymon Kluger wurde im Jahre 2003 auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt. Er überlebte den Holocaust, emigrierte nach Norwegen und kam schließlich nach Oświęcim zurück. Auf dem Friedhof erinnerten drei Grabsteine auch an die Familie Haberfeld. Der Friedhof als Zeugnis für die ehemals jüdische Bevölkerung wird durch verschiedene Workcamps betreut. Die letzte erhaltene Synagoge von Oswiecim, die wir gegen Ende unseres Rundganges besuchten diente während des Krieges als Munitionslager um in der Nachkriegszeit als Teppichlager missbraucht zu werden. Erst in den 90-er Jahren entschloss man sich mit Fördermitteln aus den USA das Gebäude dem eigentlichen Ursprung wieder zu übergeben. In der Synagoge lernten wir etwas über die Symbole des Judentums. Der Besuch des Museumstraktes im Jewish Center bildete schließlich den Abschluss.

In der Gruppe fand bis zum Abend die gedankliche Auseinandersetzung mit den Ereignissen des Tages statt. Und es stellte sich die Frage: Warum eigentlich die Juden? Eine Frage, deren Beantwortung gut ein ganzes Semester an der Universität in Anspruch nehmen kann war sicher schwer in ca. 20 Minuten zu beantworten. Dennoch brachte der Husarenritt durch die Geschichte einigermaßen Klarheit warum vor allem das jüdische Volk Opfer des Nationalsozialismus wurde. Schon im Mittelalter entstand ein Antijudaismus der allerdings noch ein Ablegen des Judentums zuließ. Insbesondere christliche Vorurteile führten ca. 1870 zu einem rassistisch begründeten Antisemitismus der dann ein Ablegen des Judentums unmöglich machte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgte dann die Welterklärung und man sah in den Juden ein Sinnbild für die Probleme der „Moderne“. Die Juden zu denen man immer mehr aufblickte entwickelten sich zu Volksfeinden und der Antisemitismus entwickelte sich zum europäischen Phänomen. In den 1930-er Jahren wurde dann nur in Deutschland der Antisemitismus zur Staatsdoktrin und es erfolgte die Umsetzung der Gewalt gegen Juden mit den uns bekannten Zielen und deren Folgen. Umso erschreckender, dass auch heute noch von bestimmten Gruppen unserer Bevölkerung dieser Antisemitismus gelebt wird, nämlich die Feindschaft gegenüber Juden in Wort und Tat.

Der jüdische Friedhof in Oświęcim
Der jüdische Friedhof in Oświęcim
© Lina Nikelowski

Besichtigung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Am 28.07.2019 machten wir uns auf zur Besichtigung des Konzentrationslagers Auschwitz. Die Abschlussbesprechung am Vorabend mit der Aufarbeitung des bisher Erfahrenen machte uns klar, dass auch hier besondere emotionale Momente auf uns zukommen würden. Ab Mai/Juni des Jahres 1940 wurde am Stadtrand eine ehemalige polnische Kaserne zu einem Arbeitslager umgebaut, das als erster Teil des Komplexes „KL Auschwitz“ als „Stammlager“ bezeichnet wurde. Die anderen Bereiche waren „Auschwitz II-Birkenau und „Auschwitz III-Monowitz“. Mit „Arbeit macht frei“ begrüßte uns das Eingangstor des Stammlagers. Unser Guide Janusz Wlosiak war gegenüber uns freundlich und respektvoll. Janusz war ehemals Deutschlehrer in der Umgebung und leitete seit vielen Jahren Führungen im Museum Auschwitz. Ich fragte ihn wie lange er das schon macht und er lächelte zurückhaltend mit der Antwort schon sehr lange. Janusz erweist sich als Glücksgriff und er zeigte ein Gespür für den Kompromiss zwischen Vermittlung des notwendigen historischen Hintergrundes und der Notwendigkeit des zwischenzeitlichen Gedenkens. 260 Gruppen und zusätzlich individuelle Besucher kamen am heutigen Tage in das Stammlager. Die Masse der Menschen ließ wenig Zeit zum Verweilen und zum persönlichen reflektieren. Neben den genannten 3 Hauptkomplexen existierten 41 Außenlager. Wir erfuhren, dass „Arbeit macht frei“ noch an anderen KZ Eingangstoren prangte neben der nicht weniger absurden Formulierung „Jedem das Seine“ wie sie zum Beispiel in Buchenwald zu lesen war.

Im Lagerkomplex Auschwitz wurden über 1 Millionen Menschen ermordet
Im Lagerkomplex Auschwitz wurden über 1 Millionen Menschen ermordet
© Lina Nikelowski

Das Stammlager fungierte als Konzentrations- und Arbeitslager. Dennoch wurden hier von Mai 1940 bis Januar 1945 etwa 60.000 bis 70.000 Menschen ermordet. Der Komplex bestand aus 28 Baracken. Baracken waren Gebäude, die zur Unterbringung der Häftlinge oder der Arbeit dienten. Einige benutzte man vor allen Dingen zur Ermordung von Häftlingen oder deren Missbrauch für (pseudo-) wissenschaftliche Experimente. Die Baracken im Stammlager waren gemauert, baugleiche Gebäude wurden als „Blocks“ bezeichnet. So wurde der Block 11 zum sogenannten Todesblock oder auch zum Gefängnis im Gefängnis. Er wurde offiziell als „Kommandanturarrest“ bezeichnet mit schlechten Haftbedingungen aufgrund derer viele Häftlinge starben. Tausende weitere wurden an der schwarzen Wand erschossen. Im Krematorium des Lagers konnten in 24 Stunden 340 Leichen verbrannt werden.

Der Block 10 wurde zu medizinischen Tests genutzt. Es galt Methoden zu entwickeln, die zur Auslöschung bestimmter Völkergruppen dienen sollten.So wurden hier auch 800 Frauen zu Versuchszwecken sterilisiert. Nur 200 Frauen überlebten diesen Eingriff. Block 4 und Block 5 wurde durch Häftlinge gebaut. Am Anfang befanden sich nur Männer im Stammlager. Nach 2 Jahren wurde es auch ein Arbeitslager für Frauen. Die Zahl der Häftlinge stieg kontinuierlich. Im Jahre 1944 befand sich mit etwa 18.500 Menschen eine Höchstzahl an Häftlingen Im „Stammlager“. Am 03.09.1941 wurde in einer improvisierten Gaskammer zum ersten Mal eine Probevergasung mit Zyklon-B durchgeführt. Opfer waren 600 russische Kriegsgefangene und andere Häftlinge des Stammlagers. Der Lagerkommandant Rudolf Höß beschloss daraufhin nur noch Zyklon-B zu verwenden, da es sich gegenüber der Vergasung mit Kohlenmonoxid als „effektiver“ erwies. Verantwortlich für die Produktion war die Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (DEGESCH) mit den beiden Hauptgesellschaftern der Degussa AG und der IG Farben AG. Die IG Farben AG war Bauherr des größten Industriekomplexes der seit 1940/1941 in Auschwitz errichtet wurde und für den das dortige KZ Arbeitskräfte stellte. Die Degussa AG wiederum wurde im Jahre 2007 in die Evonik Industries AG eigegliedert, unserem heutigen Hauptsponsor. Das dort hergestellte Zyklon-B war in Metalldosen verpackt. In diesen befand sich auf Kieselgur aufgezogene Blausäure. Dieser Inhalt wurde durch verschließbare Öffnungen in die als Duschen getarnte Gaskammern geworfen, wo sich die Blausäure ab 25,7 Grad in Gas verwandelte und die Menschen durch Zellerstickung tötete. Eine Methode die vorwiegend bei der Massenvernichtung im Vernichtungslager Auschwitz II-Birkenau zur Anwendung kam.

Im Block 4 war das Archiv untergebracht. Beim Vorbeigehen musste ich an Eva Szepesi denken. Die ungarische Überlebende von Auschwitz war hier am 27.01.1995 und erfuhr von der Ermordung ihrer Eltern auch wenn zunächst keine Namen gefunden wurden. In der später erstellten Statistik in Block 27 fand die Enkelin schließlich die Namen der Großeltern.

Der weitere Weg führte uns zu dem „Kanada“ genannten Lagerbereich. Hier wurden die Wertgegenstände und der Besitz der eingelieferten registrierten Häftlinge aufbewahrt beziehungsweise jene der Ermordeten weiterverwertet. In 6 Baracken lagerten hier verschiedene Gegenstände persönliche Sachen, Schuhe, Koffer, Brillen, Prothesen u.a. Alles wurde auf Schmuckgegenstände untersucht, von sog. Zahnärzten ließ man Goldzähne ausbrechen. Die abgeschnittenen Haare wurden als Rohmaterial verpackt und an eine Textilfabrik in Deutschland weiterverkauft. In einer Teppichfabrik fand man später Teppiche, die zu 80% aus Haaren und zu 20% aus Baumwolle bestanden. Auch in Filzfabriken wurden Haare zur Weiterverarbeitung benutzt. Zwei Tonnen Haare stammten von ungefähr 40.000-60.000 ermordeten Frauen.

BVB-Fans besuchen die Daueraustellung auf dem Gelände des ehemaligen Stammlagers
BVB-Fans besuchen die Daueraustellung auf dem Gelände des ehemaligen Stammlagers
© Lina Nikelowski

Wir lernten auch, dass es die Tätowierungen der Nummern nur in Auschwitz gab. Dieses Zeichen der verlorenen Identität verbunden mit dem Verlust des Namens erhielten polnische Häftlinge auf die linke Brust. Alle anderen auf den rechten oder linken Unterarm. Aufgrund der kleineren Fläche wurde bei Kindern der Oberschenkel benutzt.

Erwähnenswert ist auch die Geschichte des geistlichen Maximilian Kolbe. Lagerführer Karl Fritsch verurteilte im Juli 1941 aufgrund des gescheiterten Fluchtversuches eines Häftlings 10 Mithäftlinge zum Hungertod, eine gängige Praxis im Stammlager. Um einem Familienvater das Leben zu retten meldete sich M. Kolbe freiwillig in den Hungertod. Der so verschonte sollte dann später auch das Konzentrationslager Auschwitz überleben. Sehr beindruckend waren auch die Bilder von Wladyslaw Siwek und Miecczyslaw Koscielniak, welche die Lagersituation der Häftlinge als Opfer aber auch die Täter darstellten. Das Bild „Hurra wir sind wieder da“ nach erfolgloser Flucht bleibt hier in besonderer Erinnerung.

Am Nachmittag besuchten wir noch den Ort der ehemaligen Lederfabrik, die nach seiner Freilassung im Jahre 1941 vom Werkstattleiter Erich Grüne verwaltet wurde. Hier arbeiteten später bis zu 1000 Häftlinge, die sich mit den geraubten Gegenständen der Opfer beschäftigten und für die Weiterverarbeitung sorgten. Man sagt Erich Grüne ein gutes Verhältnis zum Lager Kommandanten Rudolf Höß nach, dessen Wohnhaus auf dem weiteren Weg lag. Andreas Kahrs erzählt uns über das Leben und den Alltag der Familie Höß aber auch über das Leben der Täter in Auschwitz. Neben 7000 Reichsbürgern lebten immerhin ca. 3500 Angehörige der SS hier, insgesamt zu verschiedenen Zeiten ungefähr bis zu 8.500 Täter. Kurt Knittel sorgte sich um Vergnügungsveranstaltungen wie Abende im Kameradschaftsheim aber auch Konzerte und sonstige Abwechslungen. Wir erinnerten uns hier an die Aussagen von Johanna Scherzberg, die als Angestellte der IG Farben von der schönsten Zeit ihres Lebens in Auschwitz sprach, ein kaum nachvollziehbare Aussage.

Auf Spurensuche außerhalb der Gedenkstätte
Auf Spurensuche außerhalb der Gedenkstätte
© Lina Nikelowski

Auf einer Karte sahen wir die geplante Lagererweiterung des Komplexes Auschwitz, zu deren Vollendung es aber nie kommen sollte. Allerdings kam es zur Vollendung eines Cafe Hauses in Haus Nr.7. Immer wieder prangerte Rudolf Höß die Situation an, dass Besucher und Angehörige von SS-Angehörigen mit in das Lager genommen wurden. Um dies zu unterbinden und den damit verbundenen Informationsaustausch zu stoppen wurde das errichtete Cafe zum Treffpunkt mit Besuchern, Zivilisten und Durchreisenden. Eine vollständige Unterbindung der Gepflogenheiten gelang dem Lagerkommandanten allerdings nicht. Es kann deswegen heute nicht immer verstanden werden, wenn später behauptet wurde man habe von den Geschehnissen im Lager nichts gewusst. Schon die Nähe der Besucher zum Lager und der gedankliche Austausch im Lager ließ hier erhebliche Zweifel aufkommen. Der Besuch der Wohnstätte des Leiters des Krematoriums Otto Moll beendete unseren Rundgang.

Den Abschluss des Tages in der Begegnungsstätte bildete wie immer die gemeinsame Aufarbeitung der Ereignisse. Wir beschrieben jeder für sich den emotionalsten Moment, den wir heute erlebten. Viel Neues hatten wir heute erfahren. Jeder hatte die Gedenkstätte und das Museum Auschwitz unterschiedlich wahrgenommen. Heute lernten wir keine polnischen Worte, heute lernten wir aus der Geschichte und beschlossenen am Ende des Tages die Vergangenheit zusammen mit anderen weiterleben zu lassen um am Ende jede Form von Rassismus und Antisemitismus im Keim zu ersticken.

Am Morgen des folgenden Tages, es war der 30.07.2019, habe ich mit Steven Burger gesprochen. Steve ist einer der drei hauptamtlichen Fanbeauftragten von Feyenoord Rotterdam, drei weitere arbeiten in Teilzeit nur an Spieltagen. In den Niederlanden nennt man ihn Fancoach und da er auch an Fanprojekten mitarbeitete ähnelte das System der Fanbetreuung in unserem System. Steven meinte sogar man hätte sich unsere Struktur zum Vorbild genommen. Steven begleitete unsere Gedenkstättenfahrt zusammen mit Joram Verhoeven, der in Amsterdam für die Ausbildung der Mitarbeiter am Anne Frank Haus verantwortlich war. Beide arbeiteten zusammen im Fanprojekt von Feyenoord und erhofften sich durch die Teilnahme entscheidende Impulse für die Durchführung einer ähnlichen Fahrt für die Fans ihres Heimatvereins. Aufgrund der Tatsache, dass Yoram Daniel Lörcher kannte kam es zu Kontaktaufnahme mit dem BVB. Bisher berichtete der Fancoach gibt es in Rotterdam alle 6-7 Wochen eintägige Veranstaltungen vor Ort, die für Interessierte angeboten werden. Man besuchte Sammelpunkte wo die Züge zur Deportationen abfuhren aber auch Kindermonumente. Immer wieder legte man auch Wert auf Gespräche mit Nachkommen von Opfern des Holocaust. Steven und Yoram erhofften sich irgendwann einmal mit der Hilfe von Sponsoren das Projekt auch von Feyenoord Rotterdam anzubieten. Unsere Reise sollte die Grundlage dafür bilden.

Mit ihnen zusammen begann dann der Workshop mit Bildern aus Birkenau um uns auf den Besuch des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers „Auschwitz II-Birkenau“ vorzubereiten. In 4 Gruppen beschäftigten wir uns mit Bildern aus Birkenau und mit Zitaten von Überlebenden. Es ging um die Themen Ankunft, Selektion, Raub und Vernichtung. Jeder für sich versuchte die Fotos zu interpretieren, mit Zitaten zu verbinden und dann mit den Teilnehmern der Gruppe zu diskutieren. Es gelang viele offene Fragen zu beantworten, dennoch bleiben auch Dinge unbeantwortet. Mit dem Lagerplan versuchten wir auch herauszufinden, an welcher Stelle in Birkenau die Fotografien aufgenommen wurden. So vorbereitet erfolgte am Nachmittag der Transfer nach Birkenau. Sehr schnell begriffen wir, dass hier der Bau einer Tötungsmaschinerie erfolgte. Im ehemaligen Brezezinka wurden etwa 1,1 Millionen Menschen, darunter ca. eine Million Jüdinnen und Juden sowie zehntausende Sinti und Roma ermordet. Etwa 900.000 Deportierte wurden direkt nach Ankunft in den Gaskammern gebracht, ca. 200.000 starben in Folge von Krankheit, Unterernährung, Misshandlung, medizinischen Versuchen oder Erschöpfung. Die Struktur ähnelte dem Stammlager I, die Dimension war eine unfassbare. Die Flächengröße konnte man mit 350 Fußballfeldern umschreiben. Der Name bedeutete im polnischen viele Birken, die vorher dort standen weil es sehr sumpfig war. Die Häftlinge lebten in 350 Baracken erklärte uns Janusz. Pro Baracke wurden 700 bis zu 1000 Opfer unter unmenschlichen Bedingungen eingepfercht. Am Anfang waren es nur Frauen später wurden hier dann auch Männer und Kinder untergebracht. 2 Baracken wurden mit jeweils 200 Kindern „bestückt“. Sie dienten dem SS Arzt Dr. Josef Mengele zur Durchführung wissenschaftlicher Versuche. Unter den 2 bis 16-jährigen befanden sich viele Zwillinge, Kleinwüchsige und für den experimentierfreudigen medizinischen Mörder sonstige „Fälle“ von Interesse.

Nach Auschwitz wurden die Gefangenen in zahlreichen Einzel- oder Sammeltransporten eingeliefert.
Nach Auschwitz wurden die Gefangenen in zahlreichen Einzel- oder Sammeltransporten eingeliefert.
© Lina Nikelowski

Oft beschrieben wird die „Rampe“ an der die Züge mit den Deportierten anhielten um sie nach dem Aussteigen ihrem Schicksal zu übergeben und der Selektion zuzuführen. Mit nur wenigen Ausnahmen bedeutete dies der Weg in die Vernichtung. Diese Rampe befand sich zunächst außerhalb des Lagers. Wir besuchten diese Rampe an der auch Ernst Leon aus Dortmund den Weg in den Tod ging. Andreas las uns ein Zitat von Ernst Leon vor und wir würdigten diesen Moment mit dem Niederlegen von Rosen am Güterwagon. Für uns alle ein sehr emotionaler Moment bei dem auch unsere schwarzgelben Farben vertreten waren. Im Gegensatz zu einem Überlebenden des Massenmordes, der an der späteren Rampe im Lager Birkenau sagte „das ist kein Platz zum Weinen“ konnten wir unseren Emotionen freien Lauf lassen.

In Birkenau stellten sich die Nazis auf die wachsende Vernichtung ein. Weitere Krematorien wurden gebaut. Allein im Krematorium 2 konnten nach der Vergasung 1440 Häftlinge und mit Kindern 2000 Opfer in 24 Stunden verbrannt werden. In sämtlichen Krematorien des „Komplexes Auschwitz“ war es möglich in der gleichen Zeit 4800 Menschen zu verbrennen. Der Häftling Hendrik Mandelbaum arbeitete im Krematorium und schrieb als Auschwitz Überlebender erst viele Jahre später das Buch „Wir weinten tränenlos“. Natürlich gab es auch hier ein Warenlager Kanada für gestohlene Sachen der Häftlinge. Hierfür wurden allerdings 30 Baracken benötigt. Im Dezember 1943 wurde um den Menschenmassen Herr zu werden ein Aufnahmegebäude gebaut, welches von den Häftlingen „Sauna“ genannt wurde. Durch die Heißluftdesinfektion von Kleidern und Wäsche der Neuangekommenen war die Hitze hier unerträglich. Am Ende des Gebäudes war ein Raum mit Bildern von Ermordeten, die wahrscheinlich Erinnerungsfotos von sich und ihren Familien bei sich trugen. Diese wurden erst später nach Kriegsende gefunden. Ganze Familien wurden hier ausgelöscht. Lange stand ich vor diesen Bildern und ich hatte das Gefühl, dass die Opfer für mich nach Verlust ihrer Identität in diesem Moment ihr Gesicht zurückbekamen.

Der Rückweg durch das Lager war regnerisch und er passte zur allgemeinen Stimmung. Er ließ einen Blick zu auf die Reste des Lagerteiles Mexiko und war verbunden mit den Gedanken an den Beginn der „Ungarn Aktion“ am 05.07.1944. In nur wenigen Monaten wurden hier 435.000 ungarische Jüdinnen und Juden nach Birkenau verschleppt. Bis zu 10.000 Menschen wurden in dieser Massenmordaktion täglich ermordet. Um diese „Aufgabe“ zu erfüllen reaktivierte die SS den ehemaligen Bunker II als zusätzliche Gaskammer. Das systematische Morden in Birkenau endete im November 1944. Die letzten Bauabschnitte konnten nicht vollendet werden, der weitere geschichtliche Verlauf ließ glücklicherweise die Realisierung dieser Planungen nicht zu.

Archiv und Häftlingskunst

Der folgende Mittwoch erschien mir als ein Tag der Besinnung und der Reflexion. Wir gingen noch einmal zum Stammlager Auschwitz I und besuchten das Archiv und die Ausstellung zur Häftlingskunst. Aus persönlichen Gründen entschied ich mich für den Blick auf die Dokumente im Block 24a. Andreas Kahrs (Andy) übergab das Wort an Krzystyna Lesniak, die Leiterin Häftlingsauskunftstelle, die aufgrund ihrer guten Deutschkenntnisse zu solchen Anlässen eingesetzt wurde. Sie erzählte uns von Originaldokumenten, die zusammengetragen und archiviert eine Länge von 180 Metern einnehmen würden. Seit 1957 gab es dieses Archiv allerdings wurden schon kurz nach der Befreiung Dokumente zusammengetragen obwohl vieles durch die Nazis vernichtet worden war. Inzwischen kooperierte man in einem Netzwerk mit anderen. Eine besondere Rolle spielen hier die Arolsen Archive. Hier werden Jährlich Anfragen zu rund 20.000 NS-Verfolgten beantwortet. Die Arolsen Archive in Hessen gelten als Zentrum über die NS-Verfolgung. Teil ist heute auch ein umfangreiches Online-Archiv.

Ich musste mich entscheiden und entschied mich naheliegend für die medizinische Dokumentation. Es war schon immer für mich mit dem hippokratischen Eid unvereinbar die Experimente des KZ Arztes Dr. Josef Mengele in Auschwitz nachzuvollziehen. Krzystyna half mir und zeigte mir Band 20 der Hefte von Auschwitz erschienen im „Verlag Staatliches Auschwitz-Museum 1997“. Auf den Seiten 369-455 wurde hier über den Hauptsturmführer „Dr. Mengele und seine Verbrechen im KL Auschwitz- Birkenau“ berichtet. Ich wähle bewusst die Formulierung Hauptsturmführer, das Wort Arzt kommt mir bei der Nennung dieses „Todesarztes“ nicht über die Lippen. Verschiedene Dokumente tauchten auf u.a. mit Schreiben vom 24.03.1943 die dienstliche Versetzung von Dr. Josef Mengele in das Konzentrationslager Auschwitz. Viele Dokumente wurden später von Dr. Mengele selbst vernichtet. Oft musste man auf Formulare des Hygieneinstitutes zurückgreifen. Es gab Abschriften über anthropometrische Untersuchungen an jüdischen Frauen und Kindern an denen Dr. Mengele Experimente durchführte (darunter Zwillinge und Mütter von einigen von ihnen). Es existierte insgesamt nur ein Bild von wahrscheinlich Zigeunerkindern. Dieses Foto wurde im Erkennungsdienst der Gestapo auf Anordnung von Dr. Mengele angefertigt (APMO, Neg. Nr. 485). Die berufliche Karriere des "Todesengel von Auschwitz“ stand im Zusammenhang mit seinem Interesse für die Genetik, der in der faschistischen Ideologie eine besondere Rolle zukam. Es fanden sich Vorschriften für die Zwillingsuntersuchungen aber es tauchten auch andere Namen von Ärzten auf, denn Dr. Mengele war kein Sonderfall. In dem Buch „Ich war Doktor Mengeles Assistent“ berichtet der jüdische Arzt Miklos Nyiszli wie er als ehemaliger Häftling von Auschwitz in Krematorien und Gaskammern arbeitete, lebte und schließlich überlebte. Das Buch erschien am 1. Januar 2004. Der Roman „Das Verschwinden des Josef Mengele“ des französischen Autors Olivier Guez beschäftigt sich ebenfalls, wenn auch nicht unumstritten, mit dieser Thematik.

Auf dem Gelände gefundene Dosen des zur Ermordung eingesetzten Giftgas "Zyklon B"
Auf dem Gelände gefundene Dosen des zur Ermordung eingesetzten Giftgas "Zyklon B"
© Lina Nikelowski

Ich spürte die Kürze der Zeit und war fest entschlossen das Erlebte und Gesehene zu Hause zu vertiefen. Auch wenn es schwer fiel hier abzubrechen und die Gedanken zu sortieren. Wir hatten uns vorgenommen als nächstes die neue Dauerausstellung „SHOAH“ Im Block 27 anzusteuern. Es fällt schwer die Emotionen zu beschreiben aber wir versuchten Elie Wiesel zu folgen und unser Herz zu öffnen aber auch unseren Geist und unsere Seele. Später habe ich mit Simon J. gesprochen, einem Teilnehmer unserer Gruppe. Umgeben von den Tönen der Vergangenheit hatten wir im ersten Raum der bewegten Bilder das gleiche Gefühl. Diese Filme zeigten uns das Leben von Juden und ihren Familien in verschiedenen Ländern vor dem Einsetzen der Verfolgung, die zur Massenvernichtung führte. Wir spürten, dass die Opfer deren Name und deren Identität später vernichtet wurde plötzlich wieder ein Gesicht bekamen. Das gleiche Gefühl bewegte uns auch am Vortag als wir im letzten Raum des späteren Aufnahmegebäudes in Birkenau vor einer Auswahl von gefundenen Portraits und Familienfotos standen. Die weitere Ausstellungstour war nicht weniger emotional. In „Spuren des Lebens“ zeigten uns Zeichnungen die Welt aus den Augen der Kinder während des Holocausts. Meine Nervosität stieg als wir gegen Ende zum Raum „THE BOOK OF NAMES“ kamen. Sollte hier meine persönliche Reise mit Eva Szepesi am Ziel angekommen sein? Im „Buch der Namen“ sind als ewige Erinnerung die Namen der Ermordeten niedergeschrieben. 4,2 Millionen Opfer finden sich hier namentlich. Nach jedem Namen stehen Jahr und Geburtsort sowie der Platz wo die Person während des Holocaust ermordet wurde. Ich hatte mir vorgenommen in diesem Buch unter dem Nachnamen Diamant die Eltern von Eva zu finden. Nach längerem Suchen war ich am Ziel. Meine ganz persönliche Geschichte hatte hier ihren inneren Frieden gefunden Ein kurzer Schwenk in einen Supermarkt ließ uns für kurze Zeit ins „normale Leben“ zurückkehren.

Das "Buch der Namen" in der Shoa Ausstellung der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau
Das "Buch der Namen" in der Shoa Ausstellung der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau
© Lina Nikelowski

Am 01.08.2019 beschäftigten sich meine Gedanken schon ein wenig mit der Rückreise. Aber es gab noch Dinge aufzuarbeiten und der Tag begann mit dem Workshop Auschwitz-III-Monowitz. Andreas erklärte uns zunächst das Konstrukt der IG Farbenindustrie AG. Am 02.12. 1925 kam es zur Fusion von BASF, Bayer, Hoechst, Agfa, Greisheim und Weiler ter Meer. Da das nationalistische System die Wiederaufrüstung und gleichzeitige Autarkie anstrebte kam es zur Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten mit dem gemeinsamen Ziel der Benzinsynthese und Bunaproduktion. Es entstand ein Vierjahresplan, der neben der Autarkie forderte, dass die deutsche Armee in 4 Jahren einsatzfähig sein musste. Entsprechend sollte die Wirtschaft in 4 Jahren kriegsfähig sein. Die Notwendigkeit eines weiteren Bunawerkes für die Deckung des kriegswirtschaftlichen Bedarfs war unumgänglich. Aus Schutz vor Bombardierungen wurde eine dezentrale Produktion angestrebt. Für Auschwitz sprachen die gute Eisenbahnanbindung und Verkehrsanbindung, der Zugang zu Rohstoffen und Wasser und die verhältnismäßige Unwahrscheinlichkeit von Luftangriffen. Gleichzeitig bestand die Verfügbarkeit von Arbeitskräften durch das sich in unmittelbarer Nähe befindliche KZ Auschwitz. Dies hatte Auswirkungen auf die Kapazitäten des Lagerkomplexes und die zunehmende Etablierung der Zusammenarbeit zwischen Lagerverwaltung und Industrie. Pauschwitz sollte eine Musterstadt werden. Im Jahre 1944 arbeiteten 37.000 von 105.000 Häftlinge für 30 externe Unternehme. Große Teile der gesamten deutschen Industrie waren hier vertreten. Am 07.04. 1941 fand die Gründungssitzung der IG Auschwitz statt. Die Aufnahme der Produktion war 1943 geplant aber durch Verzögerungen fasste man schließlich Februar/März 1945 ins Auge. Das Investitionsvolumen wurde auf 900 Millionen Reichsmark geschätzt. Aus logistischen Gründen forderte die IG Farben schließlich die Nationalsozialisten auf ein eigenes Lager zu errichten.

Es kam zum Arbeitseinsatz von Zwangsarbeitern („Zivil-bzw. Fremdarbeitern“), Kriegsgefangenen, KZ-Häftlingen sowie deutschen Zivilisten. Hier sei an Eva Scherzberg erinnert, die in einer Chemikersiedlung zwischen der Altstadt von Oświęcim und dem Lagerkomplex angesiedelt war. Nachdem zu Anfang darauf Wert gelegt wurde, dass die Auserwählten deutsch sprachen war am 01.12. 1944 die Belegschaft der IG Farben zu 82% nicht-deutscher Nationalität. Über den Arbeitseinsatz und die Bedingungen Im Lagerkomplex Auschwitz-Monowitz erfuhren wir dann mehr im anschließendem Film, der ein Interview mit Hans Frankenfeld zeigte welches am 06.12.1996, drei Jahre vor seinem Tod aufgezeichnet wurde.

In diesem Interview aber auch in seinem Buch „Verweigerte Rückkehr“ herausgegeben vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, schildert Hans Frankenthal sein jüdisches Elternhaus aber auch die Folgezeit mit Judenboykott, Sportfestverbot und ersten Verhaftungen. Er erlebte wie in der Progromnacht 1938 der reichsweit organisierte Terror gegen die jüdischen Gemeinden behördlich koordiniert wurde. Wir erfuhren von Hans, der am 15.06 1926 in Schmallenberg geboren wurde, etwas über die Deportation jüdischer Männer und Frauen aus der Region Dortmund „am helllichten Tag“ des 1. März 1943 im Viehwaggon nach Osten mit Endstation Auschwitz nach 3 Tagen und 3 Nächten. Dabei waren sein Vater Max und sein Bruder Ernst. Von der 1. Rampe in Auschwitz ging es dann ohne den Vater mit dem Lastwagen nach Monowitz in den Block 10. Sie wurden als Schlosser eingesetzt was sich später als eine „Art Lebensversicherung“ herausstellen sollte. Neben dem Aufbau des Buna Werkes erfuhren wir etwas über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen aber auch über erste Kontakte zum Widerstand. Wir waren fassungslos über die Beschreibungen des Krankenbaus und der Selektion. Die Aufgabe des Krankenbaus war nicht die Bekämpfung von Krankheiten sondern die Bekämpfung von Kranken. Hans erzählt uns weiter etwas über den Todesmarsch, die kalte Hölle von Mittelbau-Dora und schließlich die Flucht aus Nordhausen mit erneuter Ergreifung und Transport nach Theresienstadt. Dort erfolgte die Befreiung am 4. Mai 1945 durch die Rote Armee. Auf komplizierten Wegen ging es dann zurück nach Schmallenberg, später erfolgte der Umzug nach Dortmund.

Den Toten eine Geschichte geben
Den Toten eine Geschichte geben
© Lina Nikelowski

Nach diesen zum Teil sehr emotionalen Interview, das auch uns nicht unberührt lies, fuhren wir am Nachmittag mit dem Bus nach Monowitz um uns vor Ort mit Hilfe einer Karte ein reales Bild vom Lagerkomplex Auschwitz III-Monowitz zu machen. Zunächst stellten wir fest, dass wir die einzigen waren, die den heutigen Tag dazu nutzen. Ein merkwürdiges Gefühl war es schon hier alleine zu sein, war es doch genau so ein historischer Ort wie das „Stammlager“ wo sich noch vor einigen Tagen tausende von „Touristen“ aufhielten, egal wir waren froh über diese Situation. Auf dem Weg zum eigentlichen Ort Monowice sahen wir noch Gebäude des Bunawerkes vermischt mit spärlichen industriellen Ansiedlungen. Die Reste des IG Farben Komplexes beherbergen auch heute noch ein polnisches weitgehend unbekanntes Chemiewerk. Für einen nicht informierten zufällig Durchreisenden erinnerte nicht mehr viel an die schreckliche Vergangenheit. Die ehemaligen Bewohner von Monowice bzw. ihre Kinder und Familien waren an den Ort zurückgekehrt aus dem man sie vertrieben hatte und hatten sich zum Teil aus den Ziegelsteinen ihre zerstörten Häuser wieder aufgebaut. Einzelne Stehbunker für die Wachmannschaft erinnerten an den 2. Weltkrieg. Ein Ort an dem 11.000 Häftlinge darunter 90% Juden den Traum einer nationalistischen Alleinherrschaft mit verwirklichen sollten und viele von Ihnen dafür mit ihrem Leben bezahlen mussten. Ein Denkmal im Ort war Zeugnis bes dieses historischen Hintergrundes. Wir hielten inne und bemerkten, dass ein Hausbewohner in der Nachbarschaft seinen Rasenmäher ausstellte. So fühlten wir uns wenigstens wahrgenommen und fuhren zufrieden mit dem Bus nach Oświęcim zurück.

Abschied nehmen

Nach fast einer Woche galt es Abschied zu nehmen von unserer Internationalen Jugendbegegnungsstätte. Der Morgen des 02.08. 2019 diente zur gemeinsamen Fahrtauswertung und Abschlussrunde. Danach sprach ich noch mit Sandra F. einer Sprecherin des Heinrich Czerkus Fanclubs über ihr Abschlussfazit. Sandra hatte letztes Jahr im Rahmen der Gedenkstättenfahrt auch schon Lublin besucht. Positiv fand sie die wirklich außergewöhnliche Gruppensituation und wies als negativen Punkt auch noch einmal auf die Menschenmassen im Stammlager I hin. Für sie bestünde die Pflicht in der Zukunft das Erlebte an Freunde und Bekannte weiterzugeben und weiter gegen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung vorzugehen.

Gemeinsam erinnern - Gemeinsam gegen Antisemitismus
Gemeinsam erinnern - Gemeinsam gegen Antisemitismus

Als wir nach dem Transfer zum Flughafen Kattowitz am 15:30 Uhr Richtung Dortmund abflogen blieb für mich und meine Weggefährten eine ganz besondere Studienreise in Erinnerung. Der BVB, die Fanabteilung und das Fan Projekt Dortmund e.V. gab uns die Möglichkeit in unsere eigene Geschichte einzutauchen. Gemeinsam konnten wir unser Wissen erweitern und lernten unsere Emotionen mit anderen zu teilen. Dass wir dabei gelegentlich auch unsere schwarzgelben Farben vertreten konnten machte uns besonders stolz. Wir danken Amelie Gorden und Daniel Lörcher sowie dem gesamten Team für eine perfekte Betreuung. Wir bedanken uns bei den Mitarbeitern der IJBS für ihre Gastfreundschaft. Ein ganz besonderen Dank geht an Andreas (Andy) Kahrs dem es gelang uns für historische Hintergründe zu interessieren. Mein persönliches Dankeschön geht auch an meine Weggefährten, insbesondere die Gehörlosen, die dieser Reise eine ganz besondere Note verliehen haben.

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